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Willimox
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28.07.2010, 21:52 / 12 x geändert
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Könnte man nicht eine Kategorie für Ruinen einrichten, in denen all die Trümmerfelder gesammelt werden? Simon Lore Geister in Ruinen: Jochen18 und Lisaweta 1 Jochen18: Das Herz der Einsamkeit

Natalie Portman
Der Stil
Wie Koestler über Professor Pontieux spricht, passt hier herein, auch wenn es zunächst nicht so aussieht, als hätte es etwas zu tun mit Jochens Lisaweta-Text. Koestlers Erzählmuster, es streichelt versöhnlich die Adoleszenz.
Denn es erzeugt und beschreibt die zuträgliche Komik des einvernehmlichen Versagens.
Bis zu einem gewissen Grad bedeutet dies sogar die Heiligsprechung von Jugend und ihrer Komik.
Jochens Texte lächeln, sie laden zum Lesen.
| Zitat: |
Was Professor Pontieux betraf, so war er der Lieblingsphilosoph der jüngeren Generation geblieben; diese schätzte seine Schriften wegen der messerscharfen Klarheit seines Stils und der völligen Undurchsichtigkeit ihres Inhalts.
Arthur Koestler "Gottes Thron steht leer“
("The Age of Longing"; London , 1951)
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Kafka smiling
Der Plot
Mir schwirrte der Kopf. Mode, Politik, Analysen, Barrikaden gar! - da konnte ich nicht mithalten. Ich ging damals noch zur Schule, hörte in der Freizeit Popmusik, übte Griffe auf der Gitarre, schrieb vor dem Einschlafen zwei, drei hochexpressionistische Gedichte und arbeitete ansonsten am Entwurf einer allumfassenden Welterlösungstheorie. Außerdem beschäftigte mich die Frage, warum die Mädchen immer die Idioten unter meinen Geschlechtsgenossen bevorzugten. Und ich schlug mich eine Zeitlang mit einem sonderbaren Ehepaar herum, dessen vertrackt liberales Spießbürgertum mir viel Kummer und Kopfzerbrechen machte.
Kennengelernt hatte ich die beiden bei einem Fest, das meine Eltern in unserem Haus veranstaltet hatten, eine Geburtstagsparty oder so etwas ähnliches. Ich muss damals siebzehn Jahre alt gewesen sein - nein, halt, erst sechzehn. Zu jener Zeit war ich nämlich noch vollkommen größenwahnsinnig (mit sechzehn hat man geradezu die Pflicht, größenwahnsinnig zu sein!), und als ich siebzehn wurde, war es damit bereits vorbei. Rückblickend vermute ich, dass der Wahn sich genau in dem Moment in Nichts auflöste, als ich einem letzten Blick auf die schlafende Lisaweta warf und dann endgültig ihr Zimmer verließ.
Die Gurus
(Ich selbst reagierte allerdings überaus empfindlich, als ich bei der Wahl zum Schulsprecher nur Zehnter wurde - von zehn Kandidaten! Nächtelang biss ich ob dieser Schmach in mein Kissen. Dann fiel mir glücklicherweise ein Buch von Bloch in die Hände. Ich bin, las ich. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. - Grandios! Das half mir sofort aus dem Kellerloch meiner Niederlage heraus. Und Kafkas 'Kleine Fabel' schien mir im Vergleich zu diesen kryptischen Sätzen empörend konkret zu sein! Ich versenkte mich also in die Schriften meines neuen Gurus [der weitaus diffusere Adorno trat erst viele Jahre später in mein Leben], - und Kafka, der arme Kafka, flog in die Ecke.)

Kafka: Kleine Fabel
Die Nymphe
Die Frau hatte das Gesicht einer Nymphe, wie sie die Präraffaeliten malten. Ein liebliches, ein schmerzhaft schönes Gesichtchen mit hoch angesetzten Wangenknochen und kindlich gerundetem Kinn. Blaß und schmal war es, zart-knochig unter dem blonden, zu einem lockeren Knoten gebundenen Haar, und ihre Augen waren wie dunkle Teiche, moorbraun und unbewegt, mit Lichtreflexen auf der Iris, die an den mattschimmernden Glanz von Seerosenblüten erinnerten, umsäumt von sanftgeschwungenen Wimpern und den zarten Bögen der Brauen. Augen, die lockend waren und gefährlich, denn es war nicht zu ergründen, was sich unter ihrer Oberfläche verbarg. Flach mochte es dort sein oder morastig oder auch brunnentief - ich wußte es nicht.
Praeraffaeliten
Das Mädchen
Und inmitten des gräßlichen Taiwan-Plunders, zur einen Seite flankiert von einer bedauernswerten Kreatur mit vier Röhren am Bauch und einer Art Rüssel am Kopf, zur anderen von einem schmutzfarbenen Etwas, das aus kleinen Beuteln zusammengesetzt war, saß ein Juwel, saß die Puppe, die ich noch aus meiner Kindheit kannte, und in die ich zum Leidwesen meiner Schwester, aber noch mehr meines Vaters, als kleiner Junge regelrecht verliebt gewesen war, saß die berühmte Toxi: braunhäutig, kraushaarig, stupsnasig, rotlippig, mit ihren unglaublich langen schwarzen Wimpern, süßen Rehaugen, und dem schmachtenden Blick, der einem ins Herz schnitt! Dass sie stilwidrig gekleidet war und statt des Großgeblümten aus der Karibik ein bayrisches Dirndlkleid trug, konnte mich nicht irremachen. Sie war es, ich erkannte sie auf den ersten Blick.

Kulturelles Archiv der Früh-BRD
Die letzten Getreuen mit der Machete
…. damit bei der folgenden Kurzanalyse nicht auch noch die letzten Getreuen kurz vor Erreichen der rettenden Lichtung die Machete, mit der sie sich bis hierher einen Pfad durch das Gestrüpp meiner Prosa geschlagen haben, sinken lassen ...

Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
greeets
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Willimox²
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30.07.2010, 08:30 / 2 x geändert
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"Der Leser ist ein kalter Fisch.
Man muss ihn an den Kiemen kitzeln."
(A. Koestler)
Mal gucken,
wer diesen Marterlpfad lesend durchstreift.
Man könnte ihn auch als"via triumphalis" der besseren
Sorte ansehen?

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Willimox²
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12.08.2010, 20:45 / 1 x geändert
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That Old Feeling: Meet your youth
Wir notieren:
Heute wieder ins Herz der Finsternis und der Einsamkeit geblickt. Dem Adoleszenz-Af(f)icionado begegnet, Levitation erfahren.
If I Fell
by John Lennon / Paul McCartney
If I fell in love with you,
Would you promise to be true
And help me understand?
'Cause I've been in love before
And I found that love was more
Than just holdin' hands.
If I give my heart
To you,
I must be sure
From the very start
That you
Would love me more than her.

.
Beflügelt vom Charisma der Beatles, von Clelands fröhlichem Freudenmädchen Fanny Hill und der wortgewaltigen Leibfeindlichkeit in den "Confessiones" des Augustinus finden wir ihn und uns in einem großbürgerlichen Wohnzimmer. Die Figur, ein niedergeschmetterter Ästhet von sechzehn Jahren .
Die Fahrstuhltüren und ihr famoses Koitusgebaren haben uns auf eine erotische Begegnung im Intensivmodus eingestimmt. Und so fiebern wir denn mit bei der möglichen Entfaltung erotischen Potentials im Umkreis der Nymphe. Diese hat fern aller "Muttihaftigkeit" die Figur eines dreizehnjährigen Jungen, was den Akteur entflammt, aber sie hat auch die geistlose Rede einer bekennenden Smalltalkerin, also nichts, was den Akteur mit der Wohnungseinrichtung versöhnen könnte.
Und so ahnen wir, wie vertrackt diese Angelegenheit werden dürfte. Tatsächlich, Jochen, der Meister zeitdehnenden Erzählens, legt los, sein Ich-Erzähler erfasst den Raum mit allen Geschmacksnerven eines Sensiblen.
Gleichzeitig ist der junge Held und sein loderndes, hormonell befeuertes Innenleben präsent. Die mentale Verwirrung kombiniert mit präziser und ausführlicher Selbst-, Fremd- und Interieurbeobachtung erzeugt detailgesättigte Bilder zuhauf. Und die slapstickartigen Tisch-Aventiuren belegen die souveräne Meisterschaft des Akteurs beim Erzeugen und Ertragen von Peinlichkeiten.
Mögen andere Texte depressiv die toten Seelen spuken lassen, hier ist ein seltsam engagierter, mehrfach engagierter Erzähler am Werk: Selbstironie, Absolutismus in Geschmacksfragen, leidenschaftliche Besessenheit im Umgang mit Nymphen und Elfen, pikareske Drollerie und trotzdem und deshalb moralische Diskurse mit der als spärlich vorausgesetzten Leserschar, dass es ein Vergnügen und schön ist.
Der Leser sollte sich von Länge und der "Bleiwüstenaffinität" nicht schrecken lassen. Der Wahrscheinlichkeitsfanatiker mag an der erotischen Attraktivität eines sechzehnjährigen Jünglings für eine Dreiundzwanzigjährige zweifeln, er mag zweifeln, dass "Vati" und "Mutti" die strahlende sechsjährige Elfe vom unbekannten Besucher zu Bett bringen lassen -
Allein die Fahrstuhlepisode kann jeden liebenden Genießer überzeugen, dass sich in solchen Texten Türen öffnen, zu dem öffnen, was der Roman unseres Lebens bereithält .
greets
w

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