| |
|
Hirsch
|
25.07.2010, 12:47 / 1 x geändert
|
|
Ein hochprozentig mitgelittener Versuch in Prosalyrik, der Kopfweh unter kahlen Ästen provoziert. Bereits der Titel öffnet dem Leser assoziativ die Allerweltsweite in ihrer ganzen deprimierenden Mehrdeutigkeit. Will sagen: Der Text gefällt mir. Eine Sau von einem Text, eine Wildsau ...
Und dann fällt Blatt um Blatt, gnadenlos ...
Spannend an diesem Werk ist für mich allerdings auch, was wohl Stipendiat SimonLore dazu schreiben wird. Habe da so ein geschwätziges Nierengefühl ...
Schönen Sonntag wünscht
Cervus,
der Hirsch . . . . .

|  |
SimonLore
|
25.07.2010, 13:39 / 1 x geändert
|
|
Nee, ich halte mich dann doch an den ersten Teil der Lisaweta, der tatsächlich die beste Erzählung ist, die ich in diesem Forum gelesen habe - was natürlich meinem persönlichen Geschmack geschuldet ist.
Dieses Stück fehlsortierte Prosa ist sperrig und unschön, hat allerdings auch einige worttändelnde Lichtblicke darin. Andererseits korreliert die "Hässlichkeit" der Form und des Stils ziemlich gut mit dem Inhalt, wenn man so will.

|  |
Willimox
|
25.07.2010, 13:42 / 4 x geändert
|
|
| Zitat: |
Laub
Ein ziemlich sauberer Wein der 1,99er
SOAVE von PENNY in der Literflasche
aber ihr wisst ja wie das ist im Herbst
wenn es immer später hell wird
und auch noch unser alter Freund
KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol
ins Spiel kam verschläft man morgens
leicht mal einen Termin zum Beispiel
bei der AGENTUR FÜR ARBEIT
aber keine Angst
oh meine gegenwärtigen und zukünftigen Brüder und Schwestern
ich war pünktlich
und RATSCH die Nummer gezogen und ZACK
zwei Stunden später wird sie angezeigt
ich war dran
aber ihr wisst ja wie das ist
da hatte die blaue Blume in der Mitte meines
Hirns längst ihre Blütenblätter geöffnet
und ich war von dem Wunderklang der Silben
Wortakkorde Melodien schön gefügter Sätze
blind und taub und nahm
bitte Platz in Zimmer 205 vor einer toten Frau
die haarscharf an meinen Augen vorbeiblickte
während die grässlich lebendigen Lippen im
Leichengesicht plapperten und plapperten und
der lackrote Fingerschnabel der bleichen Hand
eine gepunktete Linie zerpickte und zerhackte
aber ihr wisst ja wie das ist
natürlich explodierte die volle Blütenpracht
der blauen Blume genau im falschen Moment
und das ANTLITZ der SACHBEARBEITERIN
wurde überirdisch schön und sie lachte fröhlich
und war so voller Leben wie ein glückliches Kind
auf einem Schnappschuss und JA habe ich da
mit meinem Namen auf die gepunktete Linie
geschrieben JA wenn es dir denn hilft JA
ich will JA!
Drei Stunden Laubharken für den 1,99er
SOAVE und einen 88 Cent Viererpack
KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol
geht ganz in Ordnung
wenn man bedenkt
für wen und für was die Anderen so arbeiten
und dass alle Bäume
ja irgendwann kahl sein werden.
|
hochklassiger Text im balladesken Lang-Monolog-Genre,
werter Ha-Joachim, so dieses Format hier:
| Zitat: |
..... und deshalb sind so viele
angebliche Genies in wirklichkeit
Arschkrücken; und so viele Fluffis
geben sich als Literaturkritiker aus.
C. Bukowski: Nicht zu glauben
Hier Jungchen trink
Sagte der Alte
Siehst nicht gut aus
H. Pelsker: Strange Heart
|
|  |
Gretchen
|
wenn ein Text es schafft, Kopfweh unter kahlen Ästen zu machen! Ganz viele Täkste können das nämlich nicht!
Heihei, Laub liegt also gemäß der bisher abgegebenen Statemenz zw. "hochklassiger Text im balladesken Lang-Monolog-Genre" und "dieses Stück fehlsortierte Prosa ist sperrig und unschön". (Hier wie dort nicht weiter am Text begründet, sondern mehr so aus'm Bauch raus gebrochen.)
Wenn wer mich zwänge, Position zu beziehen, würd' ich mich tatsächlich eher zum hochklassigen Text im balladesken Lang-Monolog-Genre legen wollen als zur fehlsortierten Prosa - vllt., weil ich selber 'n Hang zu derartigen Dingern happ, so ->formal und ->thematisch i-wie auch, und ->überhaupt eben, woll.
Doch, lässt sich lesen, dieses Laubblatt, sogar mehrmals, sogar laut, und die Stärke des Textes steckt im unverstockten Sprachsprechfluss ("ein Atemzug", durch und weg und ex und gut ...), aber auch in Details wie dem rotlackiert pickenden Fingerschnabel - von der wirklich sehr (ge)schick(t) mehrdeutigen blauen Blume im Hirn (polymorph, echt: "romantisches Leitmotiv meets alkblaue Zellstruktur" - und anderes mehr noch ...) will ich jetzt gar nicht reden, will auch nicht weiter in Einzelheiten und Machart einsteigen, denn - hei! - ich happ die Loveparade gestern überlebt, und ich will meine schöne Sonntagszeit nicht mit ausgefeilten Kommentaren zu Texten von Leuten vertrödeln, die ich "nicht kenne" und die womöglich sowieso nicht verstehen, was ich sage. ("Man muss ja nicht alles verstehen", Jochen18? Nicht? Wahr? Oder?)
Und das war's auch schon von einer, die sich nicht anmaßt, Litertrkrtk zu "können", die aber sagen will, was sie denkt, obwohl sie weder Genie ist noch Krücke, sondern nur
... ...eine
... ... ...bescheidene
... ... ... ... ... ... ...Kröte
---
Die neuesten PNs les ich später, geht jez nicht, sorry, bitte fazayn.

|  |
Willimox
|
So ungefähr in dem Bukowski-Stil, dessen bedient sich
unser Joachim.
Um ein wenig zu klugquaken:
"freie Verse" (Enzensberger Middle Class Blues), "reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen" (Brecht, Celan) und "proaische Lyrik" samt "Alltagslyrik"(Nikolaus Born)
the German hotel
the German hotel was very strange and expensive and had
double doors to the rooms, very thick doors, and it over-
looked the park and the vasser tern and in the mornings
it was usually too late for breakfast and the maids
would be everywhere changing sheets and bringing in
towels, but you never saw any hotel guests, only the
maids and the desk man and the day desk man was all
right because we were sober during the day but we had
trouble with the night man who was some sort of snob
and not very good with getting the corkscrews and ice
and wine glasses up to us and he was always phoning to
say the other guests objected to our noise.
what other guests?
I always told him that everything was very quiet,
nothing was going on, that somebody must be crazy, so
will you please stop ringing?
but he kept ringing, he became almost like a
companion to us through the night.
but the day man was very nice, he always had little
messages of importance that either meant money, or a
good friend coming to see us, or both.
we stayed at the hotel twice during our trip to
Europe and each time we checked out the day clerk
bowed ever so slightly, he was tall and well-dressed
and pleasant and he said each time: "it was nice to
have you with us. please come here again if you return."
"thank you," we said, "thank you."
it's our favorite hotel and if I ever get rich I am
going to buy it and fire the night clerk and there will
be enough ice cubes and corkscrews for everybody.

|  |
SimonLore
|
25.07.2010, 21:25 / 2 x geändert
|
|
Ich zitiere mal ohne die irritierenden Zeilenumbrüche.
| Zitat: |
Ein ziemlich sauberer Wein der 1,99er SOAVE von PENNY in der Literflasche, aber ihr wisst ja wie das ist im Herbst, wenn es immer später hell wird und auch noch unser alter Freund KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol ins Spiel kam [kommt?], verschläft man morgens leicht mal einen Termin, zum Beispiel bei der AGENTUR FÜR ARBEIT.
Aber keine Angst, oh meine gegenwärtigen und zukünftigen Brüder und Schwestern, ich war pünktlich - und RATSCH die Nummer gezogen und ZACK zwei Stunden später wird sie angezeigt; ich war dran.
aber ihr wisst ja wie das ist: da hatte die blaue Blume in der Mitte meines Hirns längst ihre Blütenblätter geöffnet und ich war von dem Wunderklang der Silben, Wortakkorde, Melodien schön gefügter Sätze blind und taub und nahm "bitte" Platz in Zimmer 205 vor einer toten Frau, die haarscharf an meinen Augen vorbeiblickte, während die grässlich lebendigen Lippen im Leichengesicht plapperten und plapperten und der lackrote Fingerschnabel der bleichen Hand eine gepunktete Linie zerpickte und zerhackte.
Aber ihr wisst ja wie das ist: natürlich explodierte die volle Blütenpracht der blauen Blume genau im falschen Moment und das ANTLITZ der SACHBEARBEITERIN wurde überirdisch schön und sie lachte fröhlich und war so voller Leben wie ein glückliches Kind auf einem Schnappschuss und JA habe ich da mit meinem Namen auf die gepunktete Linie geschrieben. JA wenn es dir denn hilft. JA ich will JA!
Drei Stunden Laubharken [täglich?] für den 1,99er SOAVE und einen 88 Cent Viererpack KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol geht ganz in Ordnung, wenn man bedenkt für wen und für was die Anderen so arbeiten - und dass alle Bäume ja irgendwann kahl sein werden.
|
Also sorry, den vers libre und prosaische Lyrik in allen Ehren. Aber das ist dennoch eine Prosaerzählung, Zeilenumbrüche und unterschlagene Satzzeichen hin oder her. Ich mache das auch an der verwendeten Vergangenheitsform fest. In Präsens gesetzt fände ich es interessanter, es käme ein bisschen wie ein Joycescher "Bewusstseinsstrom".
Alltagslyrik, habbich nix gegen, aber mit fehlt hier einfach das lyrische Element.
Der Einfall mit Novalis' blauer Blume ist auf ikonoklastische Weise tatsächlich ganz nett. Ist nicht viel mit Romantik auf dem Amt. Auch die Sachbearbeiterin ist "liebevoll" gezeichnet. Als Kurzerzählung hätte auch ich überhaupt nichts gegen diesen Text einzuwenden, ich fände ihn als solche sogar recht gut. Aber wenn's als Gedicht daherkommt, sträubt sich da was in mir.
Ich finde, abgesehen von Suff und Arbeitslosigkeit hinkt der Bukowski-Vergleich ziemlich.
| Zitat: |
und ich war von dem Wunderklang der Silben
Wortakkorde Melodien schön gefügter Sätze
blind und taub... |
Sowas hätte der alte Charles nicht gebracht. Er hat ja - um mit Luther zu sprechen - dem Volk meist recht auf's Maul geschaut.
|  |
Gretchen
|
| Zitat: |
und ich war von dem Wunderklang der Silben
Wortakkorde Melodien schön gefügter Sätze
blind und taub und nahm |
Ja, keine Ahnung, ob Bukowski so was gebracht hat oder hätte oder nicht - spielt das denn eine Rolle?
Was ich gerade an dieser von Dir, SL, herausgegriffenen Stelle viel spannender und bemerkenswerter finde: Dass hier die Form dem Inhalt reinrassig jambisch sehr gut zuarbeitet. Das Stückchen Text ist ganz durchrhythmisiert und bildet die Wortakkorde, Melodien undsoweiter, welche mit ihrem Sang und Wunder-wie-Klang den Sprecher ganz blind und taub machen, metrisch ab; Rilke nutzt, wenn ich das richtig im Schädel happ, bei seinem Karussell durchgängig den fünfhebigen Jambus, wegen dem DrehDréhenDréhenDréhenDréhenDréhen.
Und man könnte die Enjambements bei der Jochen18-Stelle bissschen verschieben, nämlich so:
> und ich war von dem Wunderklang der Silben
> Wortakkorde Melodien schön
> gefügter Sätze blind und taub und nahm
dann hätte man am Stück drei Portionen Blankvers, also fünfhebigen Jambus.
Fiel mir nur so auf eben.
Gretengrüße
|  |
Willimox
|
26.07.2010, 09:10 / 3 x geändert
|
|
(0) Praepositio
| Zitat: |
| Ich finde, abgesehen von Suff und Arbeitslosigkeit hinkt der Bukowski-Vergleich ziemlich. SimonLori |
the German hotel was very strange and expensive and had double doors to the rooms, very thick doors, and it over-
looked the park and the vasser tern and in the mornings it
was usually too late for breakfast and the maids
would be everywhere changing sheets and bringing in
towels, but you never saw any hotel guests, only the
maids and the desk man and the day desk man was all
right because we were sober during the day but we had
trouble with the night man who was some sort of snob
and not very good with getting the corkscrews and ice
and wine glasses up to us and he was always phoning to
say the other guests objected to our noise.
what other guests?
Charles Bukowski, Gesamttext siehe oben
(1) Expositio
Der Topos "Poetizität des Jochengedichtes" hat es schwer mit Argumenten:
Selbstverständlich liegt der Verdacht nahe, es handle sich um lyrikfremde Kurzprosa.
Bloß der Zeilenumbruch bei Verzicht auf Reim und Rhythmus, das langt nicht.
Und dann noch das Präteritum als Erzählsignal.
(2) Argumentatio
Wie lässt sich überhaupt argumentieren?
a) Eine Grauzone wabernd über der Poetiziät der Alltagssprache (Wiederholungsstrukturen, Freisetzen von Konnotationen, Abkehr vom Primat der Informationssprache), das ist Lyrik in freien Rhythmen
b) Kanon-Argument: Fette Dichter haben das Textsortending genutzt und sind damit gegen Widerstände durchgekommen und haben so das Genre instaliert, gefestigt und geheiligt.
c) Literaturwissenschaftler, als Autoritäten in der Zunft anerkannt, haben den Poetiziäts- und Lyrikbegriff offener gesetzt (z.B. recht neu Zymner, Mellmann)
d) Das oben zitierte Bukowskigedicht lässt sich ganz schnell in Prosa-Quark verwandeln. Es verliert seinen lyrischen Status? Es hat ihn nie besessen? Außerdem operiert es auch noch mit dem Präterium?
Aber dann ist das eben kein Gedicht. Der Bukowski hat hier nix geschrieben, das im Normalverständnis als Gedicht durchgeht.
"Wirklich"?
e) Natürlich lassen sich in Jochens Billigsuff-Prosa-Lyrik Metaphorisch-Niederes und Rhythmus-Patterns (Gretchen) angezauselt zwar finden, aber finden.
Das heißt: Jetzt also doch ein Metrum-Kriterium? Und damit eine widersprüchliche Bestimmung des Genres?
Vielleicht. Aber eher nicht.
(3) Vorläufige Conclusio:
3.1 Freie Rhythmen
o sind reimlos, ohne feste Versstruktur (unterschiedliche Zeilenlänge, unregelmäßige Akzentfolge).
o Verbleibendes Lyriksignal: Zeilenbrechung nicht erst am Ende der Zeile ….
3.2 Vorkommen
o Goethe in Sturm-und-Drang-Hymnen.
o Seit dem 20. Jahrhundert verstärkt genutzt: Brecht etwa bevorzugt "reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen in prosaischem Tonfall“ Die traditionelle Struktur sei ölig, glatt, harmonisierend und einschläfernd. Freie Rhythmen entsprechen/entsprächen der direkten, momentanen Rede ; sie schläfern - so der schnippische Brecht - nicht ein.
3.3 Beispiele
Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
Unter alten Eichen
Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.
(Trakl: Moderne, Expressionismus)
Hans Magnus Enzensberger: ins lesebuch für die oberstufe (v 1957)
lies keine oden 1, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken 2. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den paß, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung.
nützlich sind die enzykliken 3 zum feueranzünden,
die manifeste 4: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.
Legenda ad usum Delphini,
superfluentia illi S.L.
experto sapientique sat.:
1 Ode: feierliches, pathetisches Gedicht
2 Zinken: Zeichen, Markierung (der Gaunersprache à gezinkt)
3 Enzyklika: Rundschreiben des Papstes
4 Manifest: Grundsatzerklärung einer Partei (bes. kommunistische)
3.4 Status der Soave-Faktur
umstritten, siehe diesen Thread, aber eben umstritten.
P.S.
Und dann: im Soave-text gibt es eine blaue Blume,
der Bukowski würde das nie machen, so S.L.
Hat er nie poetisches Vokabular in Rotzcode implantiert?
Und wenn ers nie gemacht hat: Wieso spricht das gegen freie Verse in Soave-Textur?
greets
willimox
|  |
SimonLore
|
26.07.2010, 21:21 / 6 x geändert
|
|
Ich glaube ja, dass Jochen kaum metrische Gedanken beim Verfassen dieses Textes hatte.
Tatsächlich weist die Wiederholung des Satzes "Aber ihr wisst ja, wie das ist" auf eine ins Lyrische zielende Absicht des Autors hin.
Selbstverständlich hat Bukowski auch Poetisches in seinen Rotzcode Implementiert, dabei allerdings nie wirklich die ihn charakterisierende Sprachebene verlassen. Sowas wie die blaue Blume hätte ihm durchaus einfallen können; glaube mich daran zu erinnern, dass er hier und da gerne ein bisschen "klassische Bildung" aufblitzen ließ.
Wahrscheinlich ist "The German Hotel" ein Gedicht. Dann, könnte man geltend machen, ist es auch "Laub" - vollkommen einleuchtend. Als halbgebildeter Laie - mit großen Wissenslücken in zeitgenössischer Poetik - werde ich allerdings dadurch in der einst so klaren Differenzierung zwischen Prosa und Poesie schwer verunsichert.
Wo ist denn dann überhaupt noch eine Grenze zu ziehen zwischen diesen Literaturgattungen? Ist's dann wirklich nur noch Fließtext versus Zeilenumbruch? Wie definiert sich denn nun die Poetizität eines beliebigen Textes? Gelangt man dann nicht dahin zu sagen: Ansichtssache? Und funktioniert das auch vice versa? Kann ich einen Fließtext auch als Gedicht bezeichnen?
Fragen über Fragen...
Mit Hoffnung auf Klärung verbleibe ich
SimonLorx
Post Scrotum:
Zwar schmeichelt es durchaus, als Königskind bezeichnet zu werden; diese "Legenda" jedoch war tatsächlich recht überflüssig. Ist das korrektes Latrinisch, fragt sich der Pig-Latriner...
EDIT:
Danke für die Übersetzung. Hab nur "superfluentia" nicht im Wörterbuch gefunden. Klang mir nach wörtlicher Übertragung...

|  |
Willimox
|
26.07.2010, 23:05 / 3 x geändert
|
|
Salve, Simon,
die Poetizitätssache ist tatsächlich in der neuesten und mittleren diskussion sehr virulent und sehr spannend.
Austausch gerne, aber vielleicht besser per pn oder so.
Das Thema ist einfach zu speziell germanistisch-litwissenschaftlich.
P.P.S. Legenda ad usum Delphini, superfluentia illi S.L. experto sapientique sat. Für unbedarfte Königskinder eine Leseanweisung, aber überflüssig/unnötig für jenen S.L., den genug erfahrenen & weisen.
greets ww
|  |
zuppanova
|
Was virulent und spannend ist,
sollte doch dem (lern)bedürftigen Publikum nicht vorenthalten werden.
Mein Vorschlag: Hier (Link) weiter mit der Diskussion.
Fragen; sammeln; auf dem Grat balancieren, der eines
vom anderen scheidet; "das Gedicht" hungrig umtänzeln ...
Meine Emmi und meine Beate-Camilla würden sich freuen, mitlesen zu dürfen.
Und meine zuppa sagt vielleicht auch etwas. (Wenn sie kann.)
lg, zuppa

|  |
Jochen18²
|
LAUB
Ein ziemlich sauberer Wein der 1,99er
SOAVE von PENNY in der Literflasche
aber ihr wisst ja wie das ist im Herbst
wenn es immer später hell wird
und auch noch unser alter Freund
KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol
ins Spiel kommt verschläft man morgens
leicht mal einen Termin zum Beispiel
bei der AGENTUR FÜR ARBEIT
aber keine Angst
oh meine gegenwärtigen und zukünftigen Brüder und Schwestern
ich war pünktlich
und RATSCH die Nummer gezogen und ZACK
zwei Stunden später wird sie angezeigt
ich war dran –
aber ihr wisst ja wie das ist:
Da hatte die blaue Blume in der Mitte meines
Hirns längst ihre Blütenblätter geöffnet
und ich war vom Wunderklang der Silben
Wortakkorde Melodien schön gefügter Sätze
blind und taub geworden und nahm
bitte Platz in Zimmer 205 vor einer toten Frau
die haarscharf an meinen Augen vorbei blickte
während ihre grässlich beweglichen Lippen im
Leichengesicht plapperten und plapperten und
der grellrote Fingerschnabel der bleichen Hand
eine gepunktete Linie zerpickte und zerhackte –
aber ihr wisst ja wie das ist:
Natürlich explodierte die volle Blütenpracht
der blauen Blume genau in diesem falschen Moment
und das Gesicht der SACHBEARBEITERIN
verwandelte sich zum ANTLITZ und wurde
überirdisch schön und sah so fröhlich aus
wie der Schnappschuss des glücklichsten Mädchens
auf dem glücklichsten aller Kindergeburtstage
und JA habe ich da mit meinem Namen
auf die gepunktete Linie geschrieben
JA wenn es dir denn hilft JA
ich will JA!
Drei Stunden Laubharken für den 1,99er
SOAVE und einen 88 Cent Viererpack
KRONFÜRST BOONEKAMP 44% Vol
geht ganz in Ordnung
wenn man bedenkt
für wen und was die Anderen so arbeiten
und dass alle Bäume
irgendwann kahl sein werden.

|  |
Willimox
|
klassiger Text - i repeat - auf seine besonders
vertrackte Art so lyrisch wie poetisch.

|  |
SimonLore
|
18.10.2011, 05:25 / 7 x geändert
|
|
Die Formfrage ist geklärt: es darf durchaus ein Gedicht sein. Das Stück gefällt, die "Erzählstimme" ist angenehm, sie ist bukowkesk. Da stört der Griff zu stereotypischen Bildern wie dem versoffenen Arbeitslosen und der seelenlosen Amtsfrau nicht.
Welche Geschichte wird uns hier erzählt? Es die wortgewaltige Rechtfertigung des lyrischen Ichs dafür, diesen dämlichen Wisch unterschrieben zu haben, der ihn zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet. Er war nämlich besoffen, "ihr wisst ja wie das ist".
Was als authentisches Millieuportait im Geiste Bukowskis antritt, entpuppt sich als aufgesetzt, als klischeebeladen.
Aber - oh Wunder - all diese Mängel verschwinden auf magische Weise vor meinem inneren Auge, wenn ich Jochens "LAUB" als Kurzprosa lese, wie ich es ja oben schon tat. Dann habe ich einen gut geschriebenen Text, der durchaus mein Wohlgefallen findet. Jetzt passt der Plot, die Stimme, der Fluss.
Ein Klischee wird ja auch deutlich widerlegt - die stereotype Allerweltsweisheit, das Problem der neuentdeckten sozialen Kaste der Unterschicht, die in der öffentlichen Wahrnehmung mit Hartz-IV-Empfängern deckungsgleich ist, sei die mangelnde Bildung. Daran mangelt es unserem Protagonisten nämlich eindeutig nicht.
Allerdings ist die Wirkung der alkoholischen Getränke fragwürdig, was womöglich an der spezifischen Kombination der Spirituosen mit Billig-Wein liegen mag. Denn zwei Stunden nach deren Verköstigung "explodiert die volle Blütenpracht der blauen Blume" in einem Glückseligkeitsflash, in dem man einfach alles unterschreibt.
Schließlich möchte ich die Aufmerksamkeit das Ende von Jochens Text lenken. Als Prosa besteht es tadellos, als Poesie wirkt es bemüht poetisch mit dem Bild der kahlen Bäume. Zu dünn, dieses müde-trunkene "ach was soll‘s" - ein Eindruck den ich selbstverständlich nicht in Willimox elaborierter Art zu begründen im Stande bin. Es ist das Ende eines Gedichts das, was nachhallt. Vielleicht nur eine Marotte von mir, das der Nachhall von Prosa anders klingt.
---
EDIT:
@augustine
Dieser Text liegt im ja im Vollzitat vor. Jochens Löschung bewirkte ja nichts anderes, als dass forthin nur noch die Prosa-Version davon zu lesen war. Mich hat vor allem ein merkwürdiges orwellsches Gefühl dazu bewegt, meine damalige Kritik zu "LAUB" weiter zu unterfüttern. Außerdem scheint es mir, dass ich mich durch die Formfrage zu sehr vom Inhaltlichen ablenken ließ.

|  |
augustine
|
>>Schließlichging er in ihr Zimmer.
Sie lag auf dem Bett, bäuchlings ausgestreckt, den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buch. Ohne aufzuschauen rückte sie ein wenig zur Seite. Ein letztes Mal zögerte er. Dann setzte er sich am Fußende auf die Bettkante. Es war zu warm für Nachthemd oder Zudecke. Sie trug nichts als ihren Lieblingsslip, der mit Bildern von der Maus und dem kleinen blauen Elefanten bestickt war. Der Slip saß sehr knapp. In letzter Zeit hatte sie ein wenig Fleisch angesetzt.
Ihr Rücken war noch immer sehr mager. Wie zwei Flügelstummel ragten die Schulterblätter empor. Er sah das Knochenband ihrer Wirbelsäule, die beiden Grübchen über dem Po, die starre Wölbung ihrer Hinterbacken und darunter die kleinen Falten, die sich im Slip abzeichneten.
"Was liest du?" Der lange, stumme Kampf hatte seine Stimme brüchig werden lassen. Er räusperte sich.
"Wieder mal Lukas der Lokomotivführer", sagte sie.
Zart berührte er mit den Fingerspitzen ihre schmale Hüfte, strich dann über ihre Taille und über die einzeln hervortretenden Rippen an der Seite ihres Brustkorbs hinweg.
"Das kitzelt!" Sie zappelte mit den Beinen und blätterte dabei achtlos ein paar Seiten um. "Komisch", sagte sie. "Lukas war immer mein Lieblingsbuch, aber jetzt finde ich das irgendwie langweilig."
"Und ich finde es langweilig, dass du immer noch kitzelig bist", sagte er. "Sehr langweilig. Dafür bist schon viel zu groß. Und für das Buch auch. Wenn mich ein Buch langweilt, nehme ich mir einfach ein neues. Es gibt genügend andere." Er ließ ihr Zeit zum Nachdenken. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger über ihre Wade, die Kniekehle, den Oberschenkel. "Kitzelt das?"
"Ein bisschen", sagte sie. "Fast gar nicht."
Er beugte sich vor und legte die flache Hand in das Tal zwischen den Schulterblättern.
"Ein bisschen?", fragte er. "Wie schade. Deine Freundin Nadja hat gesagt, dass sie das gerne hat. Nadja ist überhaupt nicht kitzelig. Und Lukas der Lokomotivführer liest sie schon lange nicht mehr."
"Nadja Mertens ist nicht meine Freundin!" protestierte sie, wollte sich umdrehen, aber seine Schließlich ging er in ihr Zimmer.
Sie lag auf dem Bett, bäuchlings ausgestreckt, den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buch. Ohne aufzuschauen rückte sie ein wenig zur Seite. Ein letztes Mal zögerte er. Dann setzte er sich am Fußende auf die Bettkante. Es war zu warm für Nachthemd oder Zudecke. Sie trug nichts als ihren Lieblingsslip, der mit Bildern von der Maus und dem kleinen blauen Elefanten bestickt war. Der Slip saß sehr knapp. In letzter Zeit hatte sie ein wenig Fleisch angesetzt.
Ihr Rücken war noch immer sehr mager. Wie zwei Flügelstummel ragten die Schulterblätter empor. Er sah das Knochenband ihrer Wirbelsäule, die beiden Grübchen über dem Po, die starre Wölbung ihrer Hinterbacken und darunter die kleinen Falten, die sich im Slip abzeichneten.
"Was liest du?" Der lange, stumme Kampf hatte seine Stimme brüchig werden lassen. Er räusperte sich.
"Wieder mal Lukas der Lokomotivführer", sagte sie.
Zart berührte er mit den Fingerspitzen ihre schmale Hüfte, strich dann über ihre Taille und über die einzeln hervortretenden Rippen an der Seite ihres Brustkorbs hinweg.
"Das kitzelt!" Sie zappelte mit den Beinen und blätterte dabei achtlos ein paar Seiten um. "Komisch", sagte sie. "Lukas war immer mein Lieblingsbuch, aber jetzt finde ich das irgendwie langweilig."
"Und ich finde es langweilig, dass du immer noch kitzelig bist", sagte er. "Sehr langweilig. Dafür bist schon viel zu groß. Und für das Buch auch. Wenn mich ein Buch langweilt, nehme ich mir einfach ein neues. Es gibt genügend andere." Er ließ ihr Zeit zum Nachdenken. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger über ihre Wade, die Kniekehle, den Oberschenkel. "Kitzelt das?"
"Ein bisschen", sagte sie. "Fast gar nicht."
Er beugte sich vor und legte die flache Hand in das Tal zwischen den Schulterblättern.
"Ein bisschen?", fragte er. "Wie schade. Deine Freundin Nadja hat gesagt, dass sie das gerne hat. Nadja ist überhaupt nicht kitzelig. Und Lukas der Lokomotivführer liest sie schon lange nicht mehr."
"Nadja Mertens ist nicht meine Freundin!" protestierte sie, wollte sich umdrehen, aber seine Hand hielt sie fest. "Nadja Mertens ist doof, Papa, wirklich! Die weiß nicht mal, wie ein Thermometer funktioniert. Die weiß gar nichts!"
Ihr Körper zappelte unter seiner Hand. Er drückte fester zu. "Bleib so liegen", sagte er. "Bleib einfach so liegen, mein Schatz." Er wartete, bis sie aufhörte, sich zu wehren. "Ich finde Nadja nett", sagte er. "Ich finde, Nadja ist schon fast erwachsen."
Sie drehte den Kopf zur Wand und legte die Wange auf das Buch.
"Ist sie nicht!", widersprach sie trotzig.
"Doch. Ich mag sie."
Sie schwieg.
Er betrachtete ihren Hals, die spitzigen Schultern, die sanft geschwungene Linie ihres Nackens. Die Haut war seidig und mattschimmernd wie die polierte Schale einer rosigen Frucht.
Sie holte tief Luft, zögerte einen Moment und sagte dann: "Nadja Mertens hat – " Sie stockte. "Es ist ein Geheimnis, Papa, du darfst es nicht verraten, okay?"
"Niemals! Ich würde niemals ein Geheimnis verraten! Lieber würde ich sterben. Du doch auch, oder? Wenn wir beiden ein Geheimnis hätten, würdest du doch auch lieber sterben, als es zu verraten, oder?"
Sie dachte nach.
"Ja", sagte sie.
Er umfasste die zerbrechlichen Fußknöchel und schob behutsam ihre Beine auseinander. "Nadja mag das. Sie hat es mir gesagt."
Ein Zucken lief über ihren Körper. Rasch legte er wieder die Hand auf ihren Rücken.
"Nadja Mertens ist eine Lügnerin, Papa!" rief sie. "Sie schwänzt die Schule! Sie ist doof, doof, doof! Sie schwänzt die Schule, und sie lügt!"
Sie versuchte jetzt ernsthaft sich umzudrehen und zwang ihn, ihren Körper sehr fest niederzudrücken. "Bleib liegen!"
"Ich kriege keine Luft, Papa!"
"Okay", sagte er und lockerte den Griff ein wenig. "Aber du bleibst so liegen! Okay?"
Sie nickte mühsam mit seitwärts gedrehtem Kopf.
Er nahm die Hände von ihr fort, zerrte ein Taschentuch hervor, beobachtete sie argwöhnisch. Aber sie war gehorsam, bewegte sich nicht, lag auf dem Bauch, die Beine leicht gespreizt, atmete flach und stoßartig. Er trocknete seine Stirn, die Oberlippe, den Hals. "Hör mir zu", sagte er, wollte das Taschentuch wieder weg stecken, legte es dann aber auf das Bettlaken. "Ich weiß das mit Nadja und dem Schwänzen. Sie ist hier, wenn sie nicht zur Schule geht, hier bei mir."
"Wer?"
"Nadja! Und dann erzählt sie mir alle ihre Geheimnisse. Alle.<<
Aus des Jochen18 -Geschichte >>Ungehungsstraße<<. Warum nur, SimonLore, machst du dir die nächtliche Mühe, dem Menschen Kommentare zu schreiben? Wenn sie ihm nicht passen, nimmt er die Grundtexte wieder raus, und mindestens einer wird ihm ja nicht passen.
augustine

|  |
Städter
|
Was diesen Text auszeichnet, für mich Lyrikpappnase² auszeichnet, ist die Bebilderung der enthaltenen Geschichte. Ich finde, wenn Lyrik es vermag, mich sofort - und ich meine wirklich SOFORT, also beim ERSTEN Lesen, ein Teil des Geschehens werden zu lassen, wenn im Kopf nichts holpert, beim Lesen, wenn er FLIESST, der Text, und sich selbst ausbremst, weil er AUSBREMSEN will, wenn er innerhalb der Gesamtstruktur beschleunigt und dann wieder zögert, wenn er eben DYNAMIK hat und als geschlossenes Etwas, als eine: "Momentaufnahme reduziert auf das Maximum", daher kommt, dann ist es ein guter Text für mich (² s.o.), der mir als solcher – ganz gleich ob es Lyrik oder Prosa ist, im Gedächtnis bleiben wird.
² Städter

|  |
homecooking
|
22.10.2011, 20:19 / 2 x geändert
|
|
Jau! Wie bei mir die Hendrix-Soli. Die Songs selber fand ich immer grottenschlecht.

|  |
|
|