Begegnungen in Kuba · yupag · ·


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      yupag



Begegnungen in Kuba

   19.07.2010, 23:31



Rosa Begegnung am frühen Morgen

Es war sehr früh am Morgen. Im Osten ging der Himmel von rosa auf gelb über. Blaugraue Wolken türmten sich zu bizarren Bergen. Auf dem verlassenen Pier warteten vor der Ruine eines ehemaligen Lagerhauses einige alte, gelb-schwarze Schulbusse auf ihren Einsatz. Vereinzelt lag Schrott herum. Das dunkle Wasser des Hafens schwappte regelmäßig gegen die Kaimauer. Es bildeten sich kleine Wellen, auf denen sich das Licht der Straßenlampen spiegelte. Vom äußersten Ende des Piers näherte sich ein Paar. Er, ein Mann mittleren Alters, hatte die Uniform eines Wachmanns an. Sie, eine junge Frau, nicht allzu groß und etwas üppig, trug eine auffallende rosafarbene Bluse, die sich beim Näherkommen als kurzes Kleid herausstellte, das über einen ebenfalls kurzen schwarzen Rock fiel. Ihre Sandalen hatten sehr hohen Plateausohlen, deren Riemen um die Knöchel gebunden waren. Das rosa Kleid war tief ausgeschnitten und auf der einen Seite mit einem Stern bestickt. Ein schwarzer Büstenhalter, der im Ansatz zu sehen war, modellierte aufreizend den üppigen Busen und drückte ihn nach oben. Eine lange Halskette aus grünen und roten Steinen reichte bis zum unteren Ende des Dekolletés. Sie hatte ein hübsches Gesicht, schulterlange, schwarze Haare und an den Ohren goldfarbene Ringe. Über der Schulter hing eine einfache schwarze Handtasche. Als die beiden an mir vorbeigingen, schaute sie mir direkt in die Augen und lächelte. Ich sah sie ebenfalls an und deutete auf meine Kamera. Sie blieb stehen, der Mann ging weiter, drehte sich kurz um und verabschiedete sich von ihr mit einer kurzen Handbewegung. Sie setzte sich auf eines der Fundamente und begann unaufgefordert zu posieren. Sie lächelte verführerisch, schlug die Beine übereinander, setzte sie dann parallel, lehnte sich erst mit dem Oberkörper zurück, um ihren Busen zu betonen, beugte sich dann vor, um den Ausschnitt zur Geltung zu bringen. Wir sprachen kein Wort. Sie posierte, ohne dass ich auch nur eine Andeutung machen musste. Ich machte einige Bilder und wollte ihr dann ein paar Pesos geben, Kubaner brauchen immer Pesos. Da kam, wie aus dem Nichts, ein Polizeiwagen und hielt an. Ein Polizist stieg aus, sagte ein paar knappe Worte zu ihr, die ich nicht verstand. Sie stand auf, lächelte mich immer noch an und stieg in den Wagen. Der Wagen fuhr los und verschwand hinter der nächsten Kurve.


Transportation – information

Churchill antwortete einmal lakonisch auf die Frage, was sein Amt gegenüber anderen Berufen auszeichne : transportation – information. Diese Grundelemente einer freien, mobilen Gesellschaft sind in Kuba nur unzureichend verfügbar. Die „information“ beschränkt sich auf einige wenige inländische Zeitungen und Zeitschriften, wie das offizielle Parteiblatt „Granma“ und die staatlich kontrollierten Radio- und Fernsehprogramme. Der Empfang ausländischer Sender ist verboten, Zugang zum Internet haben nur einige wenige Privilegierte. Informationen über das, was innerhalb und außerhalb des Landes passiert, gelangen nur in kontrollierten, homöopathischen Dosen an die Bevölkerung. Bei der „transportation“ sieht es ebenfalls trist aus. Das Straßenbild in den Städten wird durch alte amerikanische Straßenkreuzer dominiert, die samt und sonders vor der Revolution, also vor 1959, in das Land gelangt sind. Ihr Zustand reicht von absolutem Schrott bis zu hochglanzpolierten Eyecatchern. Sie werden gehegt und gepflegt, repariert und restauriert und dies nicht aus Liebe zu den Oldtimern, sondern aus schierer Not, weil es keine Alternativen gibt. Neuere Autos gibt es zwar auch, aber das sind vor allem Mietwagen für Touristen und Wagen für Privilegierte und offizielle Institutionen. Privatpersonen dürfen keine Autos kaufen. Der öffentliche Personennahverkehr erfolgt zumeist mit Bussen, auf kubanisch „guaguas“, deren Spektrum von neuzeitlicher chinesischer Eleganz bis zu umgebauten Lastwagen unterschiedlichster Machart reicht. Berühmt waren die „camellos“ in Havanna, Zugmaschinen mit einem Anhänger, der in der Mitte abgesenkt ist und so an ein zweihöckeriges Kamel erinnert. In Havanna gibt es recht viele Taxis, die offiziellen haben ein Taxischild auf dem Dach, die inoffiziellen sind meist alte Straßenkreuzer. Alternativen zu Taxis sind gelbe dreirädrige Motorradtaxis, die „cocos“ und für kurze Strecken Fahrradrikschas mit zwei Sitzplätzen. Diese Bici-taxis sind offiziell für Touristen tabu, nehmen aber trotzdem jeden mit. In anderen Städten stützt sich der ÖPNV auf Pferdekutschen. In Bayamo sind es zum Beispiel elegante Landauer mit schönem Klappverdeck, in Cienfuegos einfache Kastenwagen, in denen ein Dutzend Passagiere Platz nehmen kann. Die Kutschen werden von nur einem Pferd gezogen, das zum Auffangen der Pferdeäpfel einen Sack am Hintern trägt. Nachts dient eine Laterne mit Kerze oder ein brennender Kienspan als Rücklicht. Für den Überlandverkehr stehen den Touristen moderne, elegante Busse zur Verfügung und für das Volk Lastwagen. Vor allem morgens und abends, auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause, sieht man die Menschen auf den Ladeflächen stehen. Auf den Straßen, ja selbst auf der Autobahn, der „autopista“, trifft man auf Pferdewagen und Ochsenkarren. Auch das Pferd allein kommt viel zum Einsatz. Ein Reiter hat den großen Vorteil, dass ihm die zahlreichen, gemeinen Schlaglöcher ziemlich egal sein können. Autofahren im Mietwagen ist in Kuba nicht ganz problemlos. Man ist zwar auf den Straßen oft allein, aber ihr schlechter Zustand erfordert erhöhte Aufmerksamkeit und man muß immer mit einem Plattfuss rechnen. Das weitgehende Fehlen von Wegweisern macht die Orientierung schwer und auch nachts lauern Gefahren, sogar wenn man gar nicht fährt. An einem Morgen fehlte an meinem Subaru die Antenne, an einem anderen war eine Seitenscheibe eingeschlagen. Es empfielt sich das Auto immer ausdrücklich bewachen zu lassen. Einmal habe ich regelrecht Blut und Wasser geschwitzt, als ich auf der Autobahn mit halb gefülltem Tank im Vertrauen auf genügend Tankstellen in Richtung Havanna fuhr. Buchstäblich mit den letzten Tropfen Sprit erreichte ich eine dieser seltenen Einrichtungen. Für den Inlandverkehr bietet die nationale Fluggesellschaft „Cubana de Aviacion“ ihre Dienste an. Der Taxifahrer brachte mich in aller Herrgottsfrühe erst zum falschen Terminal und dann hatte ich einen längeren Disput, ob mein kleiner Knirps im Handgepäck bleiben darf oder als gefährliche Waffe gilt und doch abgegeben werden muß. Und schließlich gibt es auch die Eisenbahn. Ihre Existenz wird durch holprigen Bahnübergänge belegt, vor denen man grundsätzlich stehen bleiben muss, um nach einem Zug Ausschau zu halten, der nur selten kommt. Der Bahnhof von Havanna ist voller Menschen, die sich in den Warteräumen häuslich eingerichtet haben und dort Stunden um Stunden verbringen. Nach den Fahrplänen darf man sich nicht richten, es gilt aber die Devise, wenn ein Zug in eine Richtung gefahren ist, kommt er auch wieder zurück. Nur wann? Auch eine Schmalspurbahn mit offenen Wagen, die Hershey-Bahn Casablanca, wie sie bei uns in Märchenparks betrieben wird, diente zum Transport von Menschen und Waren. Angesichts dieser Trostlosigkeit bei „transportation“ ist für die Kubaner Trampen das Mittel der Wahl, um einen Ortswechsel vorzunehmen. Überall stehen Menschen an der Straße und wollen mitgenommen werden und jeder, der kann, nimmt auch mit, ja er ist sogar verpflichtet mitzunehmen. An den Stadteingängen und auf der Autobahn, bevorzugt unter Brücken, stehen oft ganze Menschenmassen und werden von gelbgekleideten Ordnern, den „amarillos“, auf die Autos verteilt. Ich habe immer gerne Leute mitgenommen, obwohl ich nicht weiß, ob Touristen dies dürfen, es waren oft Krankenschwestern in schmucker weißer Tracht mit kessen Häubchen, auf dem Weg von der Nachtschicht nach Hause oder umgekehrt.




Tiendas und comida

Einkaufen ist in Kuba nicht einfach. In den normalen Geschäften, den tiendas, gibt es nicht viel. Man findet einige Gegenstände des täglichen Bedarfs, Reis, Bohnen, Mehl, Zucker und ein paar Konserven, vieles ist nur auf Lebensmittelkarten erhältlich. Auf den Märkten sieht es etwas besser aus. Dort kann man Obst und Gemüse und Schweinefleisch kaufen, das in halben Schweinehälften angeliefert und auf offenen Theken zerteilt wird. Für uns, die wir Überfluss gewohnt sind, ist das Angebot sehr dürftig und die Präsentation sehr einfach. Lebensmittelläden sind oft dunkle Räume mit einer Theke, auf der eine uralte Waage steht und einer Wandtafel, auf der in Kreide die Angebote notiert werden, die man jedoch im Laden vergeblich sucht. Es gibt auch Ausnahmen, in einem Laden in Cienfuegos verteilte ein junges Mädchen große Mengen an Eiern in Eierkartons. An den Wänden der Läden findet man dafür revolutionäre Parolen und man kann wetten, dass irgendwo Che Guevara auf die compañeros herab schaut. Apotheken sieht man recht häufig, wegen des akuten Mangels an Medikamenten sind sie auf Naturmedizin spezialisiert. In den größeren Städten gibt es Kaufhäuser, besser gesagt größere Läden, in denen alles Mögliche angeboten wird. Matratzen lagern neben Autoreifen, Teppiche neben Möbeln, hier werden Lebensmittel verkauft, dort Kleider. Direkt an der Eingangstür lassen sich Kundinnen maniküren, kubanische Frauen legen großen Wert auf gutes Aussehen und in der hintersten, dunkelsten Ecke ist Kultur im Angebot, es gibt gebrauchte, abgegriffene Taschenbücher. Das wahre Paradies für Kubaner sind aber die Dollarläden, in denen man mit konvertiblen Pesos (CUCs) bezahlen muss, die man immer noch Dollar nennt und die den vielfachen Wert des nationalen Pesos haben. In diesen Läden gibt es die Dinge, die für uns normal sind, von denen aber viele Kubaner nur träumen können. Sowohl importierte Lebensmittel als auch Seife, Kosmetika, Kleider und Schuhe werden angeboten, die sonst nirgends zu haben sind und in den Schaufenstern stehen bevorzugt aktuelle Geräte der Unterhaltungselektronik, bis hin zum großen LCD-Fernseher. Die Preise sind meist höher als bei uns, dennoch bilden sich vor den Geschäften lange Schlangen. Die Leute warten geduldig bis sich die Tür öffnet, dann dürfen soviele hinein, wie herausgekommen sind. Schlangestehen gehört zum Alltag, es ist Teil und Symbol der permanenten Mangelsituation. Kubaner können konvertible Pesos nur von Touristen oder von Verwandten im Ausland erhalten. Dies zwingt sie zum permanenten Anbieten aller möglichen Dienstleistungen. Aber es ist nicht nur der Wunsch, sich ein paar Träume im Alltag zu erfüllen, nein die pure Existenznot erfordert die gleichzeitige Ausübung mehrerer Beschäftigungen. Eine Möglichkeiten an Geld zu kommen, ist der Straßenverkauf. Neben einer Eingangstür sitzt eine Frau mit selbst gebackenen Kuchen, hinter einem Fenster ein Mädchen mit fünf Dauerlutschern im Angebot. Ein kubanisches Straßencafe besteht aus einem kleinen Fenster, durch das man winzige Tassen schwarzen Kaffees erhält und als Snack werden in einer privaten Küche Pizzas gebacken. Handgeschriebene Zettel weisen auf Dienstleistungen und Kaufangebote hin. Mangel herrscht auch an Restaurants sobald man die oft hermetisch abgeriegelten Touristengebiete verlassen hat. Verhungern muss zwar niemand, im Gegenteil man sieht viele füllige Personen, aber Auswahl und Qualität des Essens sind für den Normalkubaner sehr bescheiden. Es gibt als comida entweder Bohnen mit Reis oder Reis mit Bohne, cristianos y moros genannt, Christen und Mohren. In einem Provinzkaff wollte ich in einer Cafeteria Essen bestellen, man hat nur gelacht. Im Angebot waren Zigaretten und Rum, sonst nichts. Man findet aber auch stilvolle Restaurants und Cafes, mit herrlichem Ambiente und Livemusik. In einem bediente mich ein alter Ober im schwarzen Frack mit großen roten Revers und Fliege. Als Tourist mit genügend Geld ist man in einem paladar gut aufgehoben, das ist ein Privathaus, in dem die Hausfrau für eine begrenzte Zahl von Gästen kocht. Neben den offiziellen gibt es auch illegale. An einem Abend in einem solchen paladar wurde der Wirt plötzlich sehr unruhig. Er löschte das Licht und ich musste im Schein einer Kerze schnell das Essen beenden und das Haus über einen Hintereingang verlassen. Er hatte vor dem Haus verdächtige Personen bemerkt, möglicherweise eine Zivilstreife. Verstöße gegen die Gesetze werden in Kuba streng geahndet, oft mit Gefängnis und die Möglichkeiten gegen etwas zu verstoßen, sind äußerst zahlreich. Gutes Essen bekommt man im Allgemeinen auch in den privaten Unterkünften, den casas particulares. In Vinales, bei Dona Cachita, fand ich nicht nur ein gutes Quartier, auch das Frühstück und das Abendessen waren ausgezeichnet. Als sie mich nach meinen Wünschen fragte und ich ihr sagte, dass ich gerne Fisch hätte, schaute sie mich verstohlen an und meinte, sie werde sehen, was sich machen lässt, ich solle aber nie das Wort Fisch benutzen, sondern immer nur von Hühnchen sprechen. Man lernt daraus, dass auf der Insel Kuba Fische und Meeresfrüchte für die Touristenhotels reserviert sind, der private Verzehr ist illegal und wird bestraft. Und man lernt daraus, dass selbst im privaten Bereich die Wände Ohren haben und man längst nicht alles sagen darf, was man gerne möchte.



In den Straßen von Havanna

Havanna ist eine Stadt der Widersprüche. Die Bausubstanz im Zentrum ist oft miserabel, lässt jedoch die vergangene Pracht der Häuser und Paläste nicht vergessen. In der Altstadt wurden aber auch sehr erfolgreiche Restaurierungen durchgeführt. Es gibt schöne Altbauten, in denen sich Museen, Hotels oder Restaurants angesiedelt haben. Aber nicht nur die Architektur ist sehenswert. Beim Gang durch die engen Gassen und die weiten Avenidas, über die schattigen Plätze und entlang der berühmten Uferpromenade, dem Malecon, nimmt man am öffentlichen Alltagsleben der Kubaner teil. Dieses Leben spielt sich weitgehend auf der Straße ab. Man sieht durch die offenen Haustüren und Fenster direkt in die Wohnungen. Auf den Balkons werden Pflanzen gezüchtet, Wäsche getrocknet, Waren per Seil in die oberen Stockwerke gezogen und es kann vorkommen, dass ein Eimer Wasser oder eine Schaufel voll Kehricht auf die Straße geschüttet wird. Allenthalben wird gegrüßt, Küsschen werden verteilt, es wird viel gescherzt und gelacht und jeder kennt offensichtlich jeden. Am Malecon trieb eine kräftige Dünung die Wellen gegen die Kaimauer und Wasser spritzte regelmäßig wie ein Geysir meterweit in die Höhe. Eine Frau und zwei Jungen warfen sich voll Vergnügen immer aufs neue in diese Gischt. Nicht weit entfernt, saß ein Mann mit einer uralten Posaune auf einem trockenen Abschnitt der Kaimauer und spielte Solos für Posaune und Meeresrauschen. Beim Flanieren auf dem Malecon bemerkte ich auf einmal, dass ein Riemen meiner alten Sandalen gerissen war. Sandalen sind sehr wichtig in diesem warmen Land. Das Problem war, neue Schuhe in Kuba kaufen zu wollen, ist ein müßiges Unterfangen. Ich brauchte also unbedingt einen zapatero, einen Schumacher. Neben dem Hotel Lido betreibt ein alter Mann seinen winzigen Schusterladen. Er schlief bei offener Tür, die Füße auf dem Bürgersteig, umgeben von Stapeln alter Schuhe. Ich weckte ihn und er machte sich gleich an die Arbeit. Es dauerte eine ganze Weile, bis er fertig war, aber die handgenähten Sandalen halten jetzt wohl eine Ewigkeit. Die Nachbarn beäugten mich, als ich in dieser Zeit auf einem Schemel saß und dem zapatero zuschaute. Eine ganz kesse, vollbusige Schönheit kam näher und erkundigte sich, nach dem wie und dem warum und so weiter. Das Capitol mitten im Zentrum der Stadt ist dem in Washington nachgebaut und zeugt von der einst innigen Freundschaft zu den Estados Unidos. Heute ist es Museum und auch die Freundschaft ist seit langem zu Ende. Eine breite, hohe Treppe führt zum Eingang. Ich war noch keine zehn Stufen hochgestiegen, als mich ein Wärter wieder hinabscheuchte. Betreten verboten. Unten hatten Fotografen ihre alten Holzapparate aufgebaut, die Kamera und Entwicklungslabor in einem sind. Wir tauschten fotografische Erfahrungen aus und ein alter fotografo machte ein winziges, trübes Schwarz-weiß-Bild von mir und versah es mit einer Widmung. Vor einem Cafe blieb ich einen Moment stehen und überlegte, ob es Zeit für ein Bier sei und schon kamen zwei Hübsche auf mich zugeschossen. „Va bien? Donde eres? De Alemania, bueno – isch habe einen Freund in Dusseldorf“. Sie setzten sich unaufgefordert an meinen Tisch und bestellten Mojitos. Das Gespräch verlief holprig. Ich rief den Ober und bezahlte mein Bier. Lange Gesichter, heftige Dispute. Der Barmann schaute mich böse und voll Verachtung an und die Damen waren „not amused“. Ich ging zurück zum Hotel und verfolgte vom Balkon im ersten Stock aus den zentralen Austausch von Kühlschränken. Zwei große, lange Lastwagen fuhren von links und rechts in die enge Straße ein. Auf den einen wurden alte Kühlschränke geladen, auf dem anderen standen große Pappkartons mit der Aufschrift „refrigerador“ und „Made in China“. Das Auf- und Abladen und der Transport in die Häuser wurde von vielen Männern ohne irgendwelche Hilfsmittel durchgeführt und von noch mehr Zuschauern verfolgt und kommentiert. Die LKWs standen dicht nebeneinander, ein Vorbeikommen war unmöglich, die Straße war zu eng. Es begann ein langwieriges, kompliziertes Rangieren, rückwärts, vorwärts, rückwärts verbunden mit Rufe und ausufernden Gesten. Nach vielen Anläufen schaffte es einer der Trucks um eine Straßenecke zu biegen und nach einiger Zeit waren Laster und Menschen verschwunden. Abends sitzen viele Anwohner auf der Straße vor ihren Eingangstüren. Hier wird Domino gespielt, dort singt ein betagtes Trio Rumbas, aus den offenen Fenstern und Türen plärren die Fernseher. Irgendwann sind die Straßen aber leer und verlassen, dann kommt noch ein Tankwagen und versprüht in gewaltigen Nebeln Desinfektionsmittel gegen gefährliche Mücken. Dann endlich schläft Havanna.



Der gefährliche botanische Garten

Der jardin botanico ist ein schöner großer Park, einige Kilometer außerhalb von Cienfuegos. Er besitzt eine berühmte Sammlung unterschiedlicher Palmen und eine Fülle anderer Pflanzen, darunter dichtes Bambusgebüsch und stämmige, untersetzte Bäume mit ausladenden Kronen, deren niedrige Äste höhlenartige Unterstände bilden. Auf den Bäumen sitzen Papageien und kreischen. Quer durch den Park schlängelt sich ein kleiner Fluss, über den Brücken führen, darunter einige sehr einfache aus Bambusstangen. Auf den Wiesen sieht man ab und zu Kaninchen und es gibt auch Teiche, in denen Fische schwimmen, darunter fette Karpfen. Die Teiche sind von schilfreichen Sumpfgebieten umgeben, in denen unzählige Frösche quaken. In der Mitte des Parks steht ein Gewächshaus mit exotischen Kakteen, daneben ein Souveniershop und eine Freiluftbar. Man trinkt ein Bier oder einen Mojito und hört einem Trovador zu, der zur Gitarre romantische Lieder singt, in denen vor allem die Worte amor, alma und corazon vorkommen. Er erhofft und erhält einige Pesos. Abgerundet wird das zentrale Ensemble von einem Parkplatz, auf dem ein Wächter unaufgefordert und ebenfalls auf Pesos hoffend, die Scheiben der Autos putzt. Dieser Parkplatz ist jedoch oft leer. Ein Grund ist, dass die Touristen lieber an den Stränden und in den all-inclusive-Langeweile-Strandhotels bleiben, anstatt einen abgelegenen botanischen Garten aufzusuchen, der nur Fauna und Flora bietet. Ein weiterer Grund ist, dass die Kubaner andere Probleme haben, als in einen abgelegenen Park zu fahren, zu dem keine öffentlichen Verkehrsmittel führen und für den sie außerdem ein hohes Eintrittsgeld bezahlt müssen. Wer will schon eine Stunde hin- und eine Stunde zurücktrampen und das auch nur, wenn man Glück hat und schnell ein Auto findet. Dieser Aufwand erfordert eine Liebe zu Pflanzen und Tieren, die nur bei wenigen vorhanden ist. Der wahre Grund der Leere ist aber ein anderer. Im jardin botanico treibt ein gefährlicher Mensch sein Unwesen. Es ist ein großer, dunkler, fast schwarzer Mann in einem abgetragenen Arbeitsanzug, mit ausgetretenen Sandalen und einem ramponierten Strohhut. Er ist von großer, schlanker Gestalt, hat mächtige Arme und Hände. Sein Gesicht ist unauffällig, weder hübsch noch hässlich und nur wenn er seine mächtigen Zähne entblößt, nimmt es einen furchterweckenden Ausdruck an. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wege frei von wucherndem Unkraut zu halten. Hierfür braucht er eine große, scharfe Machete, die er perfekt zu handhaben weiß. Er lebt allein, hat keine Freunde und Angehörige und weil er kein Geld verdient, ist er zu arm, um sich eine Wohnung zu leisten. Daher lebt er im Park. Er schläft in den Baumhöhlen, wäscht sich im Teich, trinkt Flusswasser und isst täglich Bananen, Papayas und Kartoffeln, die hier reichlich wachsen. Von Zeit zu Zeit fängt er einen Karpfen mit dem Stellnetz, einen Vogel in einer einfachen Falle oder ein Kaninchen in einer Schlinge, die er dann brät und als willkommene Fleischmalzeit verzehrt. Dieser Mann ist gewitzt und klug, gewandt und behände und völlig autark. Er fühlt sich keinem verpflichtet und lässt sich von niemandem in die Pflicht nehmen. Er geht seiner Aufgabe nach, die aber nicht nur darin besteht, die Wege frei von Unkraut, sondern auch den Park frei von Menschen zu halten. Der Park soll Urwald sein, bosque virgen, rein und jungfräulich. Daher lauert er den Besuchern auf, die durch den Garten streifen und erschreckt sie, indem er von einem Bein aufs andere hüpft, wild mit seiner Machete fuchtelt, Grimassen schneidet, seine starken weißen Zähne zeigt und Schreie ausstößt. Unter den Bewohnern der Stadt hat sich herumgesprochen, dass er es nicht beim Erschrecken belässt. Man munkelt von Opfern, vornehmlich jungen Frauen, die den Park betreten, aber nicht mehr verlassen haben. Man weiß nichts genaues, aber kein Einheimischer wagt sich mehr in diesen gefährlichen Park. Und die Touristen? Sie kennen weder den Wächter der Jungfräulichkeit noch die Gerüchte um sein Tun. Die wenigen, die den Freuden des Strandlebens für einige Stunden entsagen und den Park aufsuchen, wissen nichts von der tödlichen Gefahr, in die sie sich begeben. Sie bezahlen den teuren Eintritt, streifen durch die herrliche Natur, bewundern die Palmen und Kakteen, lauschen den schmalzigen Liedern, genießen ihren Mojito und freuen sich über die blanken Scheiben ihres Autos, wenn sie es schaffen, zum Parkplatz zurückzukehren. Und wenn sie den jardin botanico wieder verlassen, ahnen sie nicht, welcher Gefahr sie knapp entronnen sind. Zufrieden und beglückt kehren sie in ihre all-inclusive-Langeweile-Strandhotels zurück.
(Damit man mir nicht Unwahrheiten unterstellt, der erste Teil ist die reine Wahrheit, dann geht sie in Ironie über.)


Der traurige Zoo

Der zoologische Garten in Santiago de Cuba, der parque zoologico, liegt direkt neben dem Hotel San Juan. Ich hatte am frühen Morgen Gebrüll gehört und man sagte mir, dass dies Löwen seien. Ich war neugierig geworden und wollte den Zoo besuchen, aber es war Montag und er war an diesem Tag geschlossen. Dies ist aber in Kuba kein großes Problem. Dem Pförtner erzählte ich, dass ich Biologe und extra aus Deutschland gekommen sei, um den berühmten parque zoologico zu sehen. Er sprach einen jungen Mann an, der gerade am Eingangstor vorbeikam. Miguel war einer der Veterinärmediziner des Zoos und er erklärte sich spontan zu einer Privatführung bereit. In Oriente, dem Osten von Kuba, hatte es seit Tagen, ja seit Wochen geregnet. Der Boden war aufgeweicht, die Wege verschlammt und von den Blättern der Bäume fielen dicke Tropfen. Der Regen hatte zwar nachgelassen, aber die schweren Regenwolken verdunkelten den Himmel und die düstere Stimmung wurde noch durch die zahlreichen hohen Bäume verstärkt, deren Laub das Tageslicht abhielt. Der erste Gang führte uns zu den Affen. Schimpansen saßen in kleinen Käfigen mit grün gestrichenen Stangen, die das belebendste Element im ganzen Zoo darstellten. Sie saßen, des Regens überdrüssig, in einer Ecke und langweilten sich. Es hätte mich nicht gewundert, Tränen in ihren Augen zu sehen. Einen fröhlichen Eindruck machten dagegen die Alligatoren, sofern man dies bei solchen Tieren sagen kann, jedenfalls sah man keine Krokodilstränen. Sie suhlten sich im Schlamm, schlugen mit ihren Schwänzen ins Wasser, rissen das riesige Maul auf und zeigten ihre spitzen Zähne. Sie genossen die tropische Feuchte und Hitze und machten den Flamingos im Nachbargehege Angst. Ein Stück weiter war ein Bärengraben, genauso so einer, wie in den mittelalterlichen europäischen Städten. Zwei Braunbären, die wie große Teddybären aussahen, saßen mit aufgerichtetem Oberkörper auf ihren Hintertatzen, hielten die Vordertatzen vor den Bauch und blickten mit schwarzen Knopfaugen die Besucher flehend an. Auch hier hätte ich mich nicht gewundert, wenn einige dicke Tränen aus ihren Augen gekullert wären. Ihnen war, ganz im Gegensatz zu den Alligatoren, das tropische Klima augenscheinlich äußerst zuwider. Der Stolz des Zoos ist das Löwengehege. Einige Löwen langweilten sich in Käfigen mit dicken Eisenstangen, die meisten waren aber im Freiluftbereich. Obwohl es Löwen waren, tigerten manche wild umher, andere dösten im Schatten einer großen Mauer. Das Gehege war voller Wasserpfützen und ließ keine Erinnerung an die trockenen Steppen Afrikas aufkommen. Ob die Löwen traurig waren, kann ich nicht sagen, beim Nashorn vermutete ich es jedoch. Es drehte unentwegt und unbeirrt seine Kreise und ich hatte das Gefühl, dass es unter der Einsamkeit und der Enge seines Geheges litt und Heimweh nach der Löwensteppe hatte. Zum Abschluss zeigte mir Miguel noch das Aquarium. Es war schwierig in den Becken voll mit trübem Wasser die Fische zu erkennen. Wenn Fische weinen könnten, hätten sie es hier bestimmt getan. Viele Aquarien waren zudem leer und verstärkten den Eindruck von Zerfall und Improvisation. Dennoch war Miguel stolz auf seinen Zoo. Er erklärte mir nicht nur Herkunft und Lebensweise der Tiere, sondern erläuterte auch seine Arbeit als Veterinär und die Pläne, diesen traurigen Zoo attraktiver zu machen. Aber für dieses Zukunftsprojekt fehlten noch die notwendigen Pesos. A propos Pesos. Miguel war einer der wenigen Kubaner, dem ich ein bisschen Geld für diese ausführliche Führung förmlich aufnötigen musste. Er war eine äußerst exotische Spezies in diesem Zoo und in diesem Land.



Santeras

In Havanna fiel mir eine ganz in Weiß gekleidete Frau auf, die gemessenen Schrittes durch die Gassen der Altstadt ging. Ein Engländer, der in Kuba lebte und mit dem ich ins Gespräch kam, erklärte mir, dass sich diese Frau darauf vorbereitet, eine Santera zu werden, eine Priesterin der Santeria. Dieser religiöse Kult war von den Negersklaven aus Afrika mitgebracht worden und ist für viele Kubaner eine Ergänzung der offiziellen, katholischen Religion. Die Ausbildung zur Santera ist aufwändig und langwierig. Dazu gehört, dass sie sich ein ganzes Jahr lang weiß kleiden und einen züchtigen Lebenswandel führen muss, was immer das in Kuba heißen mag. Sie muss viele Tabus beachten und darf sich zum Beispiel nicht fotografieren lassen, daher nahm ich sie nur von hinten auf. Eine andere, fertige Santera traf ich in Santiago de Cuba. Dort gibt es das Casa de las Religiones Populares, ein Museum der Santeria. Es ist ein schöner Kolonialbau mit Säulen und naiven Zeichnungen an den Außenwänden, der zwar wegen Baufälligkeit geschlossen ist, den man aber dennoch betreten kann Dies versicherten mir die beiden Frauen, die an der mit einem Querbalken verriegelten Eingangstür saßen. Die so gesicherte Tür öffnete sich und ein junger schwarzer Mann mit Rastalocken kam aus dem Haus. Er fragte mich, ob ich die Santera besuchen wollte. Ich wusste zwar nicht weshalb, stimmte aber zu und betrat das Haus. Die Santera hatte gerade Kundschaft und ich wurde gebeten noch etwas zu warten und mir solange das Museum anzusehen. Die Decken waren zum Teil durch Balken abgestützt, aber ansonsten machte es einen ordentlichen Eindruck. In einem Raum lag ein Zebrafell und an der Wand waren seltsame, magische Zeichnungen. In einem anderen Raum war eine afrikanische Strohhütte nachgebaut, in deren Mitte ein Steinaltar stand. Im Flur blickte eine etwas kitschige Muttergottes mit Goldkrone gen Himmel. Dann wurde ich zur Santera gebeten. Ihr Büro war ein weiß gestrichener Raum, der von einem Stufenaltar mit zahlreichen Heiligenbildern und –skulpturen dominiert wurde. Sie saß an ihrem Arbeitstisch gleich neben der Tür, eine kleine, etwas füllige Frau mit dunkelbrauner Hautfarbe, eine Mulattin, so zwischen 40 und 50 Jahre alt. Sie trug eine Brille und hatte eine ärmellose rote Bluse und weiße Shorts an. Ihr Haar war zu einem langen Zopf geflochten, der aus einem schwarzen Kopftuch heraushing. Um den Hals trug sie eine lange Kette aus Knochen mit einem Amulett. Sie sah durchaus chic und freundlich aus und hätte ganz gut an einem Bankschalter stehen können. Sie mischte ihre abgegriffenen Karten und ich musste abheben und nacheinander einige ziehen. In einer Mischung aus Spanisch und Französisch erklärte sie mir, was die Karten über mich und meine Zukunft sagten. Ich verstand nicht allzu viel, aber genug, um eine rundweg positive Botschaft herauszuhören. Auch die Santera freute sich über das Resultat, aber noch mehr über die zehn CUCs, die mich die Seance gekostet hatte.


La Bayamesa

Es gibt ein bekanntes Lied über eine Frau aus Bayamo, die Bayamesa. Es ist nicht ganz so bekannt wie das über die Frau aus Guantanamo, die Guantanamera, aber in Kuba ist es eine Art Hymne. In ihrer Seele trägt die Bayamesa die traurige Erinnerung an die Vergangenheit als sie im Freiheitskampf gegen die Spanier lieber ihr Haus anzündete als es zu übergeben. Sie erinnert sich an grüne Wiesen und Tränen steigen in ihre Augen. Sie ist wahrhaftig und gut und schenkt den Menschen Tugenden und Liebe. Meine Bayamesa lag auf einer Steinbank in einem kleinen Park mit hohen Bäume, die in der Hitze des Nachmittags angenehmen Schatten spendeten. Sie war Straßenkehrerin und hielt Mittagsschlaf. Als ich mich neben sie setzte, drehte sie sich um und sah mich mit leicht verschlafenen Augen freundlich an. Sie war ärmlich gekleidet. Das T-Shirt war am Ausschnitt zerrissen, bei uns würde man dies als Markenklamotte teuer bezahlen. Die grau gescheckte Hose und die ehemals weißen Gummistiefel waren auch nicht gerade ein Schmuckstück. Sie sah aber gut aus, hatte Ausstrahlung und trotz aller Schäbigkeit Eleganz durch das zum Knoten gebundene Haar, die leuchtend rot lackierten Fingernägel, die drei Perlen im Ohrläppchen und das schöne blaue Tuch in ihrem Hosenbund. Als sie nach einer Weile aufstand, ihre Gerätschaft nahm, nach ihrem Kollegen Ausschau hielt und begann, den Platz zu fegen, zeigte sie, wie viele Frauen in Kuba, Stolz und Würde, selbst bei dieser eher gering eingeschätzten Tätigkeit. Und Bayamo profitierte von dieser Arbeit. Es ist eine hübsche, saubere Stadt, so sauber wie kaum eine andere, mit einer Fußgängerzone, in der Skulpturen stehen. Eine weitere Bayamesa lernte ich am frühen Abend auf dem zentralen Parque Cespedes kennen. Ich saß auf einer Steinbank neben zwei Paaren mit einem kleinen Mädchen von vielleicht drei Jahren. Das Mädchen spielte, rannte umher und bald war ich im Mittelpunkt ihres Interesses. Sie fummelte an meiner Fototasche herum und erst sehr viel später, am nächsten Tag, bemerkte ich, dass sie den Reserveakku meiner Kamera als attraktives Spielzeug mitgenommen hatte. Derweil schlugen mir die beiden Paare vor, eine vuelta zu machen, eine Rundfahrt mit einer Kutsche und anschließend ein Konzert mit Livemusik zu besuchen. Ich versprach nach dem Abendessen zurück zu kommen und ging in ein Restaurant, das mir bei meinem Spaziergang am Nachmittag aufgefallen war. Es war in einem alten Gebäude, das malerisch am Ufer des Rio Bayamo lag. Es hätte so schön sein können, an diesem milden Abend auf der Terrasse am Fluss zu sitzen, die dunkler werdenden rosa Wolken zu beobachten und ein gutes Essen zu genießen. Wenn, ja wenn es etwas zu essen gegeben hätte, aber die Küche war gähnend leer. Der Ober begleitete mich höchstpersönlich zu einem nahgelegenen paladar, einem privaten Esslokal. Das Ambiente war weniger schön, aber das Essen ganz passabel. Auf dem Parque Cespedes wurde ich schon erwartet. Alle vier hatten sich fein gemacht und die Kleine in die Obhut der Großmutter gegeben. Mit einer Kutsche, die hier als normales Transportmittel dient, fuhren wir durch das nächtliche Bayamo zum Hotel Sierra Maestra. Ein Live-Konzert gab es nicht, dafür aber Musik und Tanz in einer Bar und anschließend für meine neuen Freunde Pizzas im Fastfood einer Tankstelle. Der Tag in Bayamo war durchaus gelungen.



Stadtgang mit Osmel

Ich lernte Osmel über seine Mutter kennen, die ich beim Friseur getroffen hatte. Vor einem Frisiersalon in Santiago war ich stehen geblieben und schon kam eines der Mädchen auf die Straße und forderte mich auf, einzutreten. Ein Haarschnitt für weniger als zwei Euro, dazu noch gut gemacht, wie sich am Ende herausstellte, warum nicht. Während meine kurzen Haare noch kürzer wurden, unterhielt ich mich mit Osmels Mutter. Sie stammte aus Jamaica, sprach gut Englisch und war froh, einmal wieder ihre Muttersprache benutzen zu können. Sie bekommt zwar nur ein paar Pesos Rente, die eigentlich kaum zum Leben reichen, sie geht trotzdem zwei mal in der Woche zum Friseur. Man darf sich nicht gehen lassen, als Frau muss man chic sein in Kuba. Als ich fertig war und die Arbeit der Friseuse gelobt hatte, erkundigte ich mich nach einem guten paladar für das Abendessen. Osmels Mutter sagte, ich solle mit ihr nach Hause kommen und ihr Sohn würde mich dann zu einem bringen. Sie wohnte ganz in der Nähe. Um in die Wohnung zu kommen, musste man eine äußerst steile Treppe regelrecht erklimmen. Eine tägliche Herausforderung für eine Frau über 70. Osmel war da und wir sprachen über das Leben in Kuba und in Deutschland. Er führte mich später zu einem paladar, der sich auf dem Dachgeschoss eines Hauses befand. Ich konnte im Freien sitzen und hatte einen schönen Blick auf die nächtliche Stadt. Leider war der Plastikstuhl nicht für mein Gewicht ausgelegt. Als ich mich zurücklehnte, krachten die dünnen Beine zusammen. Am Nebentisch saß die Wirtin, eine gut proportionierte Rothaarige, und spielte mit einem Gast Domino. Sie ließ sich durch das Missgeschick nicht im Geringsten beeindrucken, lachte nur kurz auf und ließ mir einen neuen Stuhl bringen. Am nächsten Tag wollte ich ein Viertel außerhalb des Stadtzentrums erkunden, als mir ein Mann entgegen kam und mich ansprach. Ob ich ihn nicht mehr kenne, er sei doch Osmel, der mich gestern zum pladar gebracht habe. Er sagte das Viertel hier sei nicht sicher, nichts für Touristen, er wolle mir lieber das Zentrum zeigen. Wir gingen zurück, als plötzlich ein sehr heftiger, tropischer Regen einsetzte. Rasch suchten wir in einem Hauseingang Schutz. Ein junger Mann öffnete die Haustür und sagte, wir sollen doch eintreten. Es war früher sicher einmal eine herrschaftliche Wohnung gewesen, mit Stuck an der hohen Decke und einem Altan mit einem großen, blinden Spiegel. In einem Lehnstuhl saß ein apathisch wirkender alter Mann mit Sonnenbrille, der kein Wort sagte. Der junge Mann zeigte mir die hinteren Räume seiner Wohnung, die alle zu einem kleinen Hof hin offen waren. Der Regen strömte nach wie vor und verwandelte den Hof in eine riesige Pfütze und die Straße vor der Haustür in einen reißenden Wildbach. Als er irgendwann dann doch aufhörte, fragte ich Osmel, ob er mich nicht doch in das verrufene Viertel begleiten könne. Er willigte ein und wir gingen zu einem seiner Onkel, der mit seiner Familie in einem recht armseligen Haus wohnte. Osmel zeigte mir voller Stolz in einem Verhau zwischen Küche und Wohnzimmer ein rosiges Schwein. Er umarmte es zärtlich und legte seinen Kopf auf den des Schweins und auch das Objekt seiner Zärtlichkeit schien ihn zu kennen, es grunzte freudig. Dann führte mich Osmel zu einem illegalen Rumverkauf. Es kommt oft vor, dass von staatlichen Betrieben Produkte für den privaten Gebrauch abgezweigt werden. In der Küche stand ein Fass. Wenn ein Käufer kam, wurde mit einer Schöpfkelle Rum in eine Flasche abgefüllt. Vor dem Haus spielte eine Horde Kinder. Sie drängten mich, ein Foto zu machen. Dann kam Osmel auf die Idee, mir seine ehemalige Schule zu zeigen. Weil es Sonntag war und keine Schüler da waren, ließ uns der Hausmeister, der Osmel natürlich kannte, eintreten. Für mich war es sehr interessant, einen Blick in die Klassenräume, den Speisesaal und die Ruheräume zu werfen, weil man als Ausländer normalerweise Schulen nicht betreten darf. Von der Schule gingen wir in einen Buchladen, in dem sich gebrauchte Bücher bis an die Decke stapelten. Auf einer Treppe saß ein Mann und reparierte Schuhe. Der Besitzer sagte mir, dass er im Reiseführer genannt werde und zeigte mir stolz ein Plakat, auf dem er in seinem Laden abgebildet war. Er bat mich um ein Bild, das er auf eine Pinwand neben viele andere heftete. In derselben Straße befindet sich das Karnevalmuseum. Karneval ist das wichtigste Ereignis in Santiago und in dem Museum werden Photos und Kostüme ausgestellt. Es fand gerade eine Musik- und Tanzshow für begeisterte, rhythmisch klatschende Touristen statt. Ich ging hinter die Bühne und beobachtete die Artisten, die sich für den Auftritt vorbereiteten. Ein junger Mann machte Dehn- und Sprungübungen, eine junge Frau in rotem Kostüm schminkte sehr penibel ihre Augen und die Chefin der Truppe gab mir ihre Adresse und bat um die Zusendung von Fotos. Der Abend endete im Casa de la Musica. Eine banda spielte kubanische Folklore und drei junge Damen wackelten mit ihren Hüften und verteilten feurige Blicke. An meinem Tisch saß Fidel Castro, mit Bart und grüner Militärmütze. Ich sprach ihn an, um ihm zu sagen, dass er in der Tat eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem maximo lider besäße. Er antwortete in einer Sprache, die ich irgend wann als Englisch identifizierte, dass er aus Schottland komme und hier bei seiner novia Urlaub mache.



Education und revolución

Das größte Kapital, das Kuba besitzt, sind seine gut ausgebildeten Menschen. Der Alphabetisierungsgrad ist sehr hoch und die Bildungseinrichtungen sind vorbildlich. Geht man durch eine Stadt, kommt man immer wieder an Schulen vorbei. Durch die offenen Fenster sieht man die Schüler in ihren Bänken sitzen und konzentriert der Lehrerin, es sind meistens professoras, die unterrichten, zuhören. Das Straßenbild wird früh morgens und am späten Nachmittag durch Schuluniformen geprägt, die im ganzen Land gleich sind und den Schultyp anzeigen. Wie alle Jugendliche tollen auch kubanische Schüler in der Pause oder vor Unterrichtsbeginn gerne herum, erstaunlicherweise sind aber ihre Uniformen immer sehr proper und die Hemden blütenweiß. Sportstunden werden nicht nur auf den Schulhöfen, sondern auch in öffentlichen Parks abgehalten. Es macht Spaß zu beobachten, mit welchem Eifer die Jungen und Mädchen Wettrennen oder Ballspiele machen. An einem Strand sah ich einer Gruppe älterer Schüler beim Konditionstraining und Wettschwimmen zu. Eine junge Frau, kaum älter als die Schüler, gab die Anweisungen. Sie schien die Lehrerin zu sein, es ist aber auch möglich, dass die Schüler ihre nachmittägliche Sportstunde allein abhielten, in Kuba würde mich das nicht wundern. An der Bucht von Cienfuegos ist eine Ruderschule mit Internat. Jeden Morgen, außer an den Wochenenden, werden die Boote zu Wasser gelassen und es wird zwei Stunden trainiert, bevor der normale Unterricht beginnt. Die auffallende Disziplin zeigte sich sogar in der Mittagspause. In einer kleinen Provinzstadt gingen die Schüler in langen Reihen, geordnet nach Geschlecht und Größe, zu einem Kiosk und nahmen ein Sandwich in Empfang. In einem casa particular sprach ich beim Frühstück mit der etwa 12 jährigen Tochter des Hauses über die Schule. Sie zeigte mir ihr Biologiebuch und ich war erstaunt über die hohe inhaltliche Qualität, trotz bescheidener äußerer Form. Auch die kubanischen Universitäten haben einen guten Ruf. In Havanna studieren viele Ausländer und das nicht nur, um Spanisch zu lernen. In Camaguey befindet sich der Sportplatz der Universität in einem schönen Park. Ich beobachtete eine ganze Weile die zahlreichen Gruppen, die sehr konzentriert Leichtathletik betrieben und Volleyball spielten. Im Stadtzentrum, neben der Stadtbibliothek, die ich als Ausländer leider nicht betreten durfte, war eine Art Volkshochschule. Das Thema, mit dem sich die Gruppe junger Erwachsener beschäftigte, stand an der Wandtafel: recreación de la naturaleza. Voll Interesse schaute Che Guevara auf die Bildungswilligen. Als der junge Lehrer mich vor dem Fenster stehen sah, unterbrach er den Unterricht und bat mich herein, bei uns undenkbar. Die Schüler freuten sich wie alle Schüler über die Unterbrechung. Am Abend ging ich in das Casa de la Musica und nahm, ohne dass ich es beabsichtigt hätte an einer Musikweiterbildung teil. Einige Schüler trugen nacheinander Lieder vor, die anschließend von dem profesor ausführlich kommentiert wurden. Das hohe Bildungsniveau hat auch ein hohes kulturelles Niveau zur Folge. In vielen Orten gibt es Kulturhäuser, Bibliotheken, Museen, Theater und Galerien. Kubanische Musik mit Salsa, Son, Trova ist weltberühmt, ein bekanntes Beispiel ist der Buena Vista Social Club. Auch das hohe Niveau des Ballets, der Literatur und nicht zuletzt im Sport beweisen nachdrücklich, dass Kuba eine bedeutende Kulturnation ist. Eine Ballettaufführung der Carmina burana im berühmten Teatro Tomas Terry war von bemerkenswerter Qualität. Auch das kubanische Gesundheitswesen ist trotz aller Mängel berühmt. Die Ausbildung und Qualität der Ärzte ist gut und es gibt viele kleine Polikliniken. In Havanna hat sich mir ein Bild eingeprägt. Vor dem Eingang einer Klinik standen viele Menschen und warten. Ein Arzt mit Pferdeschwanz hielt tröstend die Hand einer Frau und sprach beruhigend auf sie ein. Die kulturellen Leistungen sind Folgen der Revolution von 1959. An vielen Orten wird die „revolución“ mit Parolen an den Wänden gepriesen: „Somos cubanos dignos y revolutionario. Viva la revolución.” Bilder und „Altäre“ erinnern an getötete Heroen und an Märtyrer, die in den USA einsitzen, vor allem aber an Che Guevara, dessen riesiges Monument und Grabmal ich in Santa Clara besichtigte. Von Fidel gibt es dagegen überraschend wenig Bilder, dafür aber Glückwünsche zu seinem Geburtstag und Genesungs- und Durchhalteparolen. Ein Mann wird allerdings noch häufiger öffentlich verehrt als die 59er Revolutionäre. José Marti, der Kuba im neunzehnten Jahrhundert mit Hilfe der Vereinigten Staaten von den Spaniern befreite. Es fiel mir auf, dass die vielen Denkmale fast immer dieselbe Büste zeigen. Die Kubaner müssen auch noch nach 50 Jahre einen hohen Preis für ihre Revolution bezahlen. Ein dringend benötigter wirtschaftlicher Aufschwung ist wegen der weltumspannenden Blockade des übergroßen Nachbarn im Norden nicht möglich. Ökonomisch geht es dem Volk schlecht, aber die Kubaner sind politisch unabhängig und stolz auf die Errungenschaften ihrer Revolution. Trotz aller Mängel, Zwänge, Vorschriften, Strafen und Kontrollen, mit denen sie leben müssen, sind sie ein liebenswertes, lebensfrohes und höchst sympathisches Volk.

Bilder zu diesen Texten und weitere Bilder aus Kuba unter www.yupag-fotoart.de

 

      Gretchen



Begegnungen in Kuba

   20.07.2010, 08:53



Das ist anschaulich, detailreich und farbig geschrieben, zugleich ruhig und aus der Beobachtung, nicht aus der Berwertung heraus. Über die Begegnungen, über die Menschen erschließt sich ein Stück weit "das Phänomen Kuba". Gut, dass Du die Begegnungen festgehalten hast.

Beim Lesen sind mir paar so Verse von Rose Ausländer eingefallen:

. . . . . .Die Menschen

. . . . . .Immer sind es die Menschen.
. . . . . .Du weißt es.
. . . . . .Ihr Herz ist ein kleiner Stern,
. . . . . .der die Erde beleuchtet.


. . . . . . . . . . . . . . . Grete grüßt



PS
Vielleicht noch die Jahreszahl dazu stellen, wegen der Orientierung für LeserIn?




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