Zwiegespräch 1 · augustine · ·


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      augustine



Zwiegespräch 1

   08.12.2005, 19:49 / 3 x geändert



ZWIEGESPRÄCH 1


Hier meine wundgesehenen Augen:
Weggesunken, Ansturm der Bilder.
Konnte sie nicht vertreiben.

Hier mein leergeschrieener Mund.
Erstarrt in Stummheit.
Meine Ohren ausgesetzt heiseren Stimmen,
Ihrem Geifern, ihrer Schmeichelei.
Kann sie nicht dagegen verschließen.
Weißt du.

Lass mich deine Hand berühren. 
Erträgst du's? 
Lass mich dir vorsingen drei einfache Töne. 
Hörst du sie? 
 

Berühre deine Hand. Trägt sie? Ja?
Figuren gleiten. Wiegen im Tanz sich. Fort.
Stimmen nehmen Töne auf, nehmen mit.
 
Sie werden noch wiederkommen, 
Deine Stimmen, deine Gesichte. 
Oder: Sie sind immer da. 
Sie sind in dir. 
 
Aber du bist. 
Ich halt deine Hand.  

 

      augustine²



RE: Zwiegespräch 1

   31.08.2006, 15:57



Ich antworte mir selber, diesmal, damit der Beitrag, noch aus den Anfängen des Forums, vielleicht nochmal wahrgenommen wird - mit diesem Editor konnte ich, fiel mir ein, die Stimmen so in dem Raum setzen, wie ich sie mir ungefähr vorgestellt habe. - Und mit anderer Schriftfarbe arbeiten - wirkt das deutend oder maniriert? Lg allen, die sich damit beschäftigen mögen. augustine

 
        arisia
        (Gast)

RE: Zwiegespräch 1

   02.09.2006, 10:36 / 1 x geändert



hi, augustine,

es ist gar nicht so einfach in dieses Gedicht hineinzukommen. Rein vom Gefühl er nimmt es mich mit, habe ich eine Ahnung und auch ein Verstehen.
Die beiden ersten Abschnitte erzählen vom inneren Aufruhr des LI, aufrüttelnde sehr bildhafte Worte werden gewählt, "wundgesehene Augen, ein leergeschrieener Mund, heisere Stimmen, Geifern", während in den folgenden Abschnitten die Sprache ganz einfach und leicht wird, sich ganz den "drei einfachen Tönen" angleicht, der innere Aufruhr verdünnt sich, wirkt weniger schwer, verliert sich im Hintergrund.
Ich sehe ein LI, daß unter dem Ansturm der Vergangenheit leidet. Augen, die die alten Bilder nicht mehr sehen wollen, einen Mund, der eigentlich auch nicht mehr darüber reden will, Ohren, die sich nicht gegen den immer wieder aufwallenden inneren Monolog verschließen können.
Dann geschieht aber etwas, eine Art Meditation. Die dritte Strophe vermittelt den Eindruck, daß eine andere Person da ist, die die Hand des LI nimmt und ihm "drei einfache Töne" vorsingt, etwas, an dem sich die Gedanken des LI ausrichten können. Die Monotonie der immer wiederkehrenden drei Töne können für eine Weile den inneren Monolog vertreiben.
Es könnte aber auch das LI selbst sein, das sich auf diese Technik besinnt und mit sich selbst im Gespräch sich aus dem Monolog lockt, da mir im vierten Textabschnitt nicht ganz klar ist, wer wessen Hand berührt. Die Zeile
Zitat:
Berühre deine Hand. Trägt sie? Ja?

klingt wie eine Aufforderung, die eigene Hand zu berühren, könnte es sein, daß die Aufnahme des Kontakts zum eigenen Selbst ermutigt werden soll?
Die Figuren der Vergangenheit, so lese ich diese Zeile,
Zitat:
Figuren gleiten. Wiegen im Tanz sich. Fort.

wiegen sich im Klang der Töne und gleiten auf ihnen fort.
Die folgende Zeile bereitet mir allerdings Schwierigkeiten.
Zitat:
Stimmen nehmen Töne auf, nehmen mit.

Wenn die Töne die Stimmen aufnehmen würden, und sie dann mit fort nähmen, wäre mir das Geschehen einsichtiger, zumal im fünften Abschnitt davon die Rede ist, daß die von den Tönen mitgenommenen "Gesichte und Stimmen" wiederkommen, bzw. da sie im Grunde immer da sind, wieder in den Vordergrund treten werden.
Der letzte Abschnitt vermittelt dann eher, daß da noch eine andere Person ist,
Zitat:
Aber du bist.
Ich halt deine Hand.

die dem LI beisteht, seine Hand hält und ihm die Töne vorsingt, und solange die Töne wirken, schweigen die Stimmen, verlieren sich die Gestalten und Bilder der Vergangenheit.
Im ganzen vermittelt das Gedicht einen bewegenden Prozess des LI mit der Vergangenheit umzugehen, sie loszulassen, ein Ringen darum, nicht immer wieder in den Strudel alter Verletzungen hineingezogen zu werden.

Ja, ein Gedicht, daß man/frau beschäftigen kann, und die sanfte "Macht" der "drei einfachen Töne" werden noch eine ganze Weile nachklingen.

liebe Grüße
arisia

 

      ear



RE: Zwiegespräch 1

   02.09.2006, 17:40 / 3 x geändert



So gut, wie arisia kann ich es nicht deuten, aber dein Gedicht hat eine so starke Aussage, dass ich einen Versuch wagen moechte.
Die ersten zwei Strophen sind eine Anklage gegen eine Hoehere Macht, Gott? oder den Schutzengel und ein Uebermass an Unglueck ,welches das LI verstummen liess, das weder " Schmeichelei"noch Geifern" ertragen konnte.
Eine Gegenstimme, der Schutzengel bietet daraufhin Naehe, Verstaendnis und Hilfe durch Musik, die universale Sprache.Drei (Heilige Zahl ) Toene, Harmonie, der Dreiklang, das Urphaenomen.
Dann kommt von einer weiteren Engelstimme die Aufforderung,das LI solle seine Hand beruehren; ob sie trage;ob sie menschliche Kraft zurueckgewonnen habe; ob das LI so weit gestaerkt, sich dem Tanz anschliessen koenne, von schuetzenden Figuren umgeben: in ihnen toent Musik fort und fort.
Die erste Schutzengelsstimme bietet Trost, dass diese Helfer wiederkommen werden und, dass verlorengegangene Stimmen nicht wirklich verloren, sondern nur verschuettet seien im LI.
Die farbliche Differenzierung macht es leichter, aber , wenn es, wie ich vermutete drei verschiedene Stimmen waren, waere eine dritte Farbe noetig.
Koennte man nicht einfach, wie bei einem Drama, mit Namen arbeiten?

 

      augustine²



RE: Zwiegespräch 1

   04.09.2006, 21:25



Es gibt schon ein Ich, das sich aber im ganzen Gedicht nicht nennt bzw. nur mittelbar: "meine ... Augen"/"mein ... Mund"/"Meine Ohren"; ein 'Ich' also, das seiner selbst nur noch (oder schon) ansatzweise kenntlich ist. Es ist sich aber undeutlich eines anderen bewusst: "Hier", das ist quasi eine Anrede; am Schluss dieses Teils dann eine wirkliche Anrede: "du". Versuch, in Sprache zu setzen, was wahrscheinlich nicht möglich ist, wenn man's nicht erlebt hat: psychotisches Wahrnehmen dessen, was so allgemein 'die Wirklichkeit' genannt wird. Kein einziger ganzer Satz.
Die Gegenstimme ist anders: noch weit weg (jetzt eben auch graphisch dargestellt), aber vernehmbar, sie spricht in ganzen Sätzen, und sie gibt Hoffnung. NATÜRLICH IST DAS KEIN SCHUTZENGEL! Solches Reden von "Schutzengeln" und all denen drumrum halte ich schwer aus; nehme mich gerade sehr zusammen, um nicht heftiger zu reagieren; frage nur einfach mal: Wer hat denn den psychotisch Gewordenen geschützt vor seiner Krankheit????? Natürlich ist die andere Stimme im Dialog eine menschlich verstehende. Sie versucht die Kommunikation mit Berührung und dem einfachen Dreiklang gegen das Geifern von Stimmen.
Die Gegenstimme erhält Antwort, noch als ungläubiges Fragen. Die Figuren stürmen nicht mehr, sondern wiegen sich zum Dreiklang, gleiten dann fort. Auch die gehörten Stimmen, gegen die der Mund vergeblich angeschrieen hat, gleiten fort. Dass sie die Töne der Gegenstimme mitnehmen: Versöhnung von Geifern und Wohllaut.
Die Gegenstimme ist klug: nichts kann sofort gut werden. Es braucht Zeit. Braucht auch die Erkenntnis, dass Stimmen und Gesichte wirklich in uns sind. Die Wirklichkeit von Träumen zeigt es ja auch.
"Aber du bist." und: "Ich halt deine Hand." Das eine muss jedem von uns manchmal gesagt werden; das andere, die sanfte, nichts fordernde Berührung brauchen wir immer wieder einmal.
Dank an arisia und ear

 

      zuppanova



RE: Zwiegespräch 1

   05.09.2006, 10:23



servus augustine und alle!

hab lang überlegt, ob ich zu dem text was schreiben soll, nun tu ichs doch, spät dran wie immer. hatte den text so gelesen, augustine, wie du erläuterst: ein psychotisch werdendes/gewordenes Ich, ein einfühlsam sich bemühendes gegenüber: diesen kontakt versuchst du herauszuarbeiten, an der form, der sprache gibts nichts auszusetzen, das ist gefeilt, und das absetzen der unterschiedlichen stimmen bzw. der aussageebenen durch den edit gelungen.

mein punkt ist grundsätzlicher, mal schaun, ob ich auf die schnelle formulieren kann, was mich da bewegt.
hab nicht nur einmal menschen in einen schub geraten sehen. die anzeichen für psychotisches erleben sind dem kundigen oft über wochen schon sichtbar, ohne dass die psychose akut wird, der alltag kann noch bewältigt werden (na, oft mehr schlecht als recht) - manchmal geht es aber auch sehr schnell, sehr plötzlich. jedenfall gibt es so eine art point of no return: wenn diese grenze überschritten ist, wenn der schub akut wird - dann ist der mensch nicht mehr erreichbar, durch keinen noch so sanften dreiklang, durch keine noch so ehrlich gemeinte zuwendung. in der phase des hinein- oder herausgleitens aus der psychose mag punktuell kontakt möglich sein und stützend wirken, es ist allerdings extrem schwierig und ein fulltimejob, solche menschen unmedikamentiert begleiten zu wollen, nein, es ist eigentlich unmöglich, jedenfalls innerhalb unserer gesellschaftssysteme. medikamente, das ist meine erfahrung, mögen wie eine zwangsjacke erscheinen, sie sind aber auch gnädig.
die innenwelt eines dissoziierten menschen: eine art black zone. WIE sich das anfühlt: von aussen kaum erfassbar.
also, langer rede kurzer sinn: ich hadere ein wenig damit, dass du aus der perspektive des dissoziierten menschen schreibst. ja, da ist kein einziger vollständiger satz, aber um dissoziiertes erleben darzustellen, müsste die sprache auf links gedreht werden, da quillt und wurlt es, da ist alles ineinander/übereinander geschichtet, da ist kein halt und kein strich und kein punkt oder es ist noch anders - jedenfalls: das ist mir zu zahm hier, zu idealistisch, zu glatt. ich glaube, ich könnte mich eher mit einem text anfreunden, der dabei bleibt, psychose von aussen zu beschreiben (es sei denn, jemand gibt eigene erfahrungen während des schubs oder davor oder danach wieder), beobachtend, wahrnehmend, ja protokollierend. das wäre schon viel, eine text-aufgabe sozusagen, wenn es gut gemacht sein soll.
allerdings verstehe ich bestens, dass es reizt, ein psychot. l.Ich zu gestalten, sprechen zu lassen ...

so, schluss jetza, ich hoffe, dass ich verständlich machen konnte, was mich an diesem gedicht beschäftigt.

ganz lg an alle, die zuppa wars.

 

      augustine²



RE: Zwiegespräch 1

   07.09.2006, 02:15



Ganz sicher hast Du recht, Zuppa, Du Kluge. Es ist ein Gründeln in einem Teich, in dem man selbst nicht gesteckt hat (wem immer sei Dank), aber andere versunken sind. - Magst Du nochmal Zwiegespräch 2 lesen? Das war eine frühere Weiterführung von 1. Mögest Du schlafen! augustine - sehr froh darüber, wie hier insgesamt Ernst und Spiel uns beschäftigen und erfreuen. Na, ick werde rührselich. Also: is janz jut hier.

 
        arisia
        (Gast)

Zwiegespräch 1und 2

   07.09.2006, 10:31 / 2 x geändert



hi, augustine,

ich wollte meinen Beitrag zu Zwiegespräch 1 auch erst auf die Psychatrie Schiene schicken, bin aber davon abgekommen. Das Beschriebene gleicht doch viel eher einer Depression, und da kommen die Töne und die Berührungen auch an, da ist noch jemand, der es Wahrnehmen kann. Ich habe selbst schon mit Depressiven in dieser Richtung gearbeitet, und Musiktherapeuten bei der Arbeit beobachtet.
Im Falle einer Psychose laufen die Dinge aber nicht so.
Ich habe mir "Zwiegespräch 2" noch einmal vorgenommen, und finde es sehr bedenklich, hier ein LI sprechen zu lassen.
Das ist reine Projektion. Ich habe in dem Bereich nicht nur viel gearbeitet, sondern auch private Erfahrung mit Leuten, die in einen Schub gehen.
Stimmiger wäre, wenn der Autor/die Autorin das LI darstellt, und dann von ihrer Beobachtung her einen Text verfasst. Die Wirkung, die so ein Mensch, ein Geschehen auf das LI hat. Oder eine erlebte Situation, erlebte Worte aufschreibt.
Mir gehen jetzt die beiden Texte durcheinander hier, aber sie gehören ja auch zusammen.
Dieses "ozeanische Gefühl" in ZwG. 2, das können nur Menschen so erleben, die noch fähig sind in Meditation einzutauchen, aber niemals ein Dissoziierter. Der fürchtet sich entweder sehr, vor Unbestimmten (eine Spritze wird gar nicht als Spritze wahrgenommen), oder nimmt es gar nicht wahr, ist auf einer ganz anderen, für uns niemals nachzuvollziehenden Ebene. Und so klare Aussagen wie "es ist schön, soll in Ecke, stecken Spritze in mich", das ist eher das Gestammel eines geistig Zurückgebliebenen, als das einer dissoziierten Persönlichkeit. Das erinnert mich zu sehr an das "Bedlam" im 19. Jahrhundert, aber nicht an eine heutige Psychatrie.
Das eigene Empfinden ausdrücken mit solchen Erlebnissen, ja, oder eine Geschichte schreiben, in der eigen Erlebtes als "Zitat" vorkommt, uninterpretiert, auch ja, aber ein dissoziiertes LI sprechen zu lassen, dreimal nein, nein, nein. Kein Außenstehender kann auch nur annähernd eintauchen; diese geistes Lage ist kein Gemütszustand, der in irgendeiner Weise von einer gesunden Person nachvollzogen werden kann, sondern eine auf Grund von veränderter Hirnchemie enstandene Krankheit. Es gibt zwar bestimmte beobachtbare allg. Verhaltensmuster, das innere Geschehen ist aber immer individuell verschieden, und hat auch meistens keinen Bezug mit der vorherigen Wirklichkeit eines Dissoziierten, so wie du ihn beschreibst.
"die beine fest verknotet"
diese Zeile macht eine Aussage, von außen, ist Beobachtung, von da aus hätte das erzählende LI dann weitermachen sollen, und bei bleiben sollen.
Nochmal zu "Zwiegespräch 1"
Der Text ist für mich stimmig unter zwei Voraussetungen:
1. Das LI selbst ist depressiv, verletzt durch vergangene Ereignisse, und versucht über den Weg der Meditation herauszukommen aus der Depression, oder
2. es steht einer anderen Person in einer inneren Krise, die aber nicht krankhaft ist, bei.

liebe Grüße
arisia




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