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Gerd
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04.07.2006, 00:47 / 1 x geändert
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entwachsen
Deiner monochromen Welt
versuche ich Dich
manchmal
noch
mit Kontrast
die Regalkonserven
mit
bloßen Zähnen
aufzunagen
doch
ungerührt
schöpfst Du
wie
immer schon
Laudanum
aus den leeren Schalen
was
bist Du
mir geblieben
Mutter

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arisia (Gast)
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hi, Gerd
finde ich gut, daß du dich zu diesem heißen Thema geäußert hast, ich kann dein Gedicht emotional sehr gut nachempfinden, habe auch, nach mehrmaligem Lesen, die innere Struktur verstanden. Gefällt mir sehr, der Text.
z.B.
entwachsen
Deiner monochromen Welt
versuche ich,
dich manchmal noch mit Kontrast, (mit der Betonung auf dich
und Kontrast)
(kann auch so stehen, wenn du es mehrdeutiger machen willst:
versuche ich dich
manchmal noch mit Kontrast)
die Regalkonserven
mit bloßen Zähnen aufzunagen.
doch
ungerührt schöpfst Du
wie immer schon
Laudanum aus den leeren Schalen
was
bist Du
mir geblieben
Mutter
die Interpunktion am Anfang habe ich nur aus Interpretations-Gründen gesetzt, um mir den logischen Satzverlauf aufzuzeigen.
Wenn die Zeilen so stehen, erschließt sich der Sinn besser, und mit den durchgehenden zwei Zeilen, ergibt sich eine formale Harmonie; die andere Aufteilung sieht so verstrubbelt aus.
Der Schluß, mit 3 und einer Zeile ergäbe so mehrere verschiedene Interpretationsmöglichkeiten:
Verzeih, wenn ich das jetzt so apodiktische sage: laß das "nur" weg. "Nurs" machen noch fast jedes Gedicht kaputt, zum einen, zum anderen, in diesem speziellen Zusammenhang mit Mutter.
was
bist Du
mir geblieben
nur Mutter
"nur Mutter" impliziert, das Mutter-Sein einen geringen Stellenwert hat, es ist doch schon viel, überhaupt Mutter zu sein. Ist es denn nicht eher so gewesen, daß sie nicht die Mutter war, die du dir gewünscht hättest? Daß sie für dich nicht "genug" Mutter war? (Wenn manche Frauen wenigsten "nur Mutter" wären, dann wär das schon viel und gut).
Ohne das "nur", könnten diese 4 Zeilen dann auch als Anrede verstanden werden: Die Anführungzeichen nur zum verdeutlichen, was ich meine.
"was
bist du
mir geblieben?
Mutter"
oder so ähnlich, alles nur Anregung
lg
arisia

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Gerd²
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06.07.2006, 00:14 / 1 x geändert
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Hallo arisia,
ich danke Dir für Deine Antwort. Das "nur" habe ich bereits direkt nach dem Einstellen um 1.22 Uhr entfernt - aus den gleichen Gründen, die Du anführst, darin sind wir uns sehr einig. Ich neige zum "strubbeln" - formal gegen den Strich zu bürsten, ist sicher nicht in jedem Fall ein probates Mittel.
Strubbligliebe Grüße
Gerd

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augustine
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Hallo Gerd, es ist ja schon einiges zum Gedicht gesagt worden, was über "gefällt mir sehr" hinaus geht.
Ich möchte noch darauf hinweisen, wie sehr die hochproblematische Mutter-Beziehung von Gegensätzen lebt:
monochrom | Kontrast
entwachsen der monochromen Welt | manchmal doch noch die Versuchung, durch einen Kontrast die monochrome Welt als solche erkennbar zu machen (nur: wem? wer mütterlichen Schlafmohn ausgeteilt hat, steckt in dem und bleibt darin befangen; DIES psychologische Problem liegt dann wohl beim Sohn
sag' mal: steckt in "Regalkonserven" mehr als die Erwähnung von Dingen, die man im Supermarkt kaufen kann? 'Regal-" heißt auch: königlich; stehen die "konserven" für nicht aufzubrechende konservative mütterliche Überzeugungen, die für das Kind mit einem Anspruch von monarchischer Allgewalt auftraten?
großartig: das Schöpfen aus leeren Schalen
Mit einer Ausnahme (ear) sind alle Mutter-Gedichte, die bisher hier erschienen sind, kritisch bis vernichtend/verachtend. Ist das nicht eigentlich schrecklich?
augustine - mit verbunden-traurigen Grüßen

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zuppanova
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ja mei, die augustine, die ist immer ein paar minuten schneller als ich!
also von mir nur noch das, dass ich nämlich auch an den regalkonserven rumnag und sie nicht aufkrieg - auch grammatikalisch: für mich noch nicht zufriedenstellend bzw. durchschaubar, diese 3. versgruppe.
als idee: regalkonserven - da gehts um ernährung (sag ich mal: eine ur-mütterliche eigenschaft, das "nähren". kenn mich da aus ...). kind wird nicht gut genährt, wenn mutter ihm konserven hinstellt, und auch noch ohne dosenöffner. das ist sehr missachtend von der mutter (die ganz in ihrer enthobenen laudanum-welt bleibt, ohne die not/den hunger des kindes zu sehen).
dann noch: Gerd, wenn du deine mutter so "verdichten" kannst, ist sicherlich das schlimmste überstanden.
lg, zwinkerndes zupperl.

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Gerd²
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Hallo Ihr Lieben,
@ augustine - früher habe ich meine Mutter ständig "versucht", heute passiert dies nur noch selten, wenn es mich eben packt und ich mich nicht abfinden will. Damit ist es mein Problem. Die "Regalkonserven" haben nichts mit dem Supermarkt zu tun und stehen, in meiner Absicht getroffen, für die hermetisch konservativen Überzeugungen...
Verachtung/Vernichtung liegt mir fern - ja, in Trauer verbunden.
@ zuppa - physisch war ich immer gut genährt, der erlittene Hunger ist mehr geistiger Natur. Meine Entwicklung endete nicht an dem von ihr (Mutter) gedachten Punkt. Ihre engen Grenzen zu durchbrechen gelang mir selbst, sie dabei mitzunehmen leider nicht, was mich eben manchmal noch schmerzt.
Liebe Grüße
Gerd

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zuppanova
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ja, Gerd,
die "ur-mütterliche qualität des nährens": war ganz umfassend gemeint, nicht aufs „leibliche“ beschränkt, sondern eher so: der "nährende blick" der mutter bzw. 1. intimen bezugsperson des (sehr kleinen) kindes.
das "nährende auge" = der 1.spiegel, in den ein mensch blickt, lange bevor er in den bereich der sprache eintritt. ist dieser spiegel klar, sauber, ruhig? je zu-ge-wandter, frei-lassender, wacher, wohl-wollender dieses auge ist, in welchem der säugling sich spiegelt, desto grösser seine chance, in ein eigenes gleichgewicht zu kommen, zu "wachsen", stark und kräftig zu werden (auch / v.a. im übertragenen sinn). physisches nähren ist eine ableitung, ein bild für das umfassende nähren, manchmal auch der bereich, wo umfassender mangel und "hungers"-not/defizit/unvermögen der mutter kompensiert, vertuscht werden soll (Jolante´s Lebertran?).
okay, das nur wirklich grob angerissen zum thema ur-mütterliche nähr-qualität. übrigens sind ja die mütter bekanntlich auch nur menschen, mit menschlicherweise getrübtem blick manchmal durch angst, sorgen, eigene mangelernährte stellen.
ich seh schon, ich könnt hier ellenlang schreiben. jetzt lass ichs gut sein.
lg, die zuppa.

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Gerd²
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Danke zuppa,
soeben funzelt mein dünner Glühdraht. Defizite in frühkindlicher Zeit kann ich wenig bescheinigen, zumal mir wohl genügend Kraft gegeben war, mich auch jenseits ihrer Welt zu entwickeln. "Hunger" in diesem Sinne empfand ich erst zu einem späteren Zeitpunkt.
Nochmals Dank für Deine erhellenden Zeilen.
Liebe Grüße
Gerd

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