Drei Parteien wirken zu Anfangs zusammen, um den waghalsigen Plott von Tarentinos Ganovenkomödie bishin zu einem spektakulären Finale zu treiben. Vorab: Freunde des Realismus sollten lieber draußen bleiben. Ich korrigiere: Freunde des Realismus sollten ihren Realismus zuhause lassen. Vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Films: die Mischung von Absurdität, wahnwitzigen Ideen und Dialogen und deren Balanceakt auf der Trennlinie zwischen psychologisch Nachvollziehbarem und Nonsensekino.
Der Hauptplot in einem Satz: Eine Jüdin möchte sich an den Nazis rächen, indem sie bei der Premiere eines Deutschen Films im besetzten Frankreich ihr Kino anzünden will. Tarentino würde nicht Tarentino heißen, wenn der Film so leicht bleiben würde. Andere Charaktere spinnen ihre eigenen Fäden, und was einfach geplant war, wird zum heiklen Unterfangen mit mehreren Mitspielern als gedacht: Aldo, der Apache (Brad Pitt) und sein Team von Guerillias, die im Auftrag der Alliierten, aber dennoch unkontrollierbar, auf symbolisierte Nazijagd gehen und Hans Landa, der „Judenjäger“ (Christoph Waltz). Schließlich spielen in dem Film der fesche Nazinachwuchsstar Frederick Zoller (Daniel Brühl), Göbbels und Hitler noch tragende Rollen.
Das großartige an dem Film ist das Charakterkabinett, dass miteinander Ringelreihe tanzt. Es ist ein Traum Landa bei seinen Verhörmethoden zuzuschauen und zu Bezeugen, was möglich ist, wenn ein Mensch all seine Würde ablegt und trotzdem noch als „Detektiv“ handelt. Selten hat man so einen Wolf im Schafspelz, so eine gebildete, gefährliche, glattgelekte iund doch irgendwo sympathisch wirkende Schlitzohrfigur wie Landa in einem Film spielen gesehen. Noch nie hat jemand so ekelhaft ein Stück Blätterteig mit Sahne verspeist.
Ähnliches gilt für die Figur des Aldo: Aldo spricht die Sprache der Gewalt und entspricht mehr dem Klischee des Bauern und Indianern, dem lynchjustizenden Hinterwälder mit der Shotgun, als dem fähigen Armeeführer. Die Figur wurde als Komikhaft mythologisch aufgepimpt und mit einem Indianermesser und der dreckigen Kriegersprache ausstaffiert. Alda ist ein Irrer.
Hitler provoziert aus heutiger Sicht, und auch aus damaliger Sicht für diejenigen, die nicht Deutsch waren, man erinnere an Chaplins groß(artig)en Diktator, schon immer eine Spur tragischer, wahnsinniger Komik, insbesondere in seiner Diktion und seinen Abnormen Vorlieben. Die Art und Weise, wie Tarentino sein verzücktes Gesicht in Großaufnahme zeigt, als er „das Werk Göbbels“ auf der Leinwand betrachtet, in dem nichts anderes zu sehen ist, als Frederick Zoller auf dem Glockenturm, und an die 200 fallenden alliierten Soldaten, ist nicht anders als komisch zu beschreiben.
In die selbe Sparte fällt die Art und Weise, wie Göbbels Hitlers Lob zu dem gelungenen Film aufnimmt – der Übervater lobt einen seiner „Söhne“ - homosexuelle Anerkennungswünsche, wie sie wohl in den Nazireihen geherrscht haben - par exellance.
Das Finale des Films kann man nicht anders, als infernal bezeichnen. Groß prangt das Gesicht der jüdischen Rache auf der Leinwand auf, um zum Diabolokopf zu werden, der Teufel, der direkt am Eingang zur Hölle spricht – ganz große Szenographie! Das Setting in die Zeit der französischen Besetzung ist gut gewählt, da seit Louis de Funes „Großer Sause“ sich kein Film mehr mit dieser Epoche beschäftigt hat.
Alles in allem total überzeugt. Inglourious Basterds – ein Käfig voller Narren.
"And those all-important movie allusions are entirely without zing, being to stately stuff such as the wartime German UFA studio, GW Pabst etc, for which Tarantino has no feeling, displaying just a solemn Euro-cinephilia that his heart isn't in. [...] There are some nice-ish performances, particularly from Fassbender and Waltz, but everything is just so boring. I was hoping for Shosanna at least to get a satisfying revenge on the unspeakable Col Landa. But no. The two Hitler-assassination plots cancel each other out dramatically and the director's moderate reserves of narrative interest are exhausted way before the end. He should perhaps go back to making cheerfully inventive outrageous films like Kill Bill. Because Kill Adolf hasn't worked out."
Gerade bei IB kann man den voraus- und noch nacheilenden Gehorsam gegenüber King-of-Pop-Cinema von und zu Tarantino überall nachlesen und man ist froh, wenn man so eine Rezension wie im Guardian findet. Auch Roger Ebert, der Urteilssichere, gab in seiner Filmbesprechung 4 Sterne.
Und auch er kann nicht erklären, warum Shosanna (eig. das Pendant zu "The Bride" in Kill Bill) bis auf Ausnahmen ungefähr so wenig Leinwandzeit/-präsenz oder "zing" hat wie die Basterds (neben Apoplex-Blick-Pitt wer noch?). Stattdessen viele, viele funktionslose Wasserträger, an die man sich nicht erinnert (man vergisst weder Butch Coolidge, Esmeralda, Winston Wolf, alles Nebenrollen), selbst wenn man sie stirnetikettiert 'ne Runde Who-is-who spielen lässt, yawn, leider darf man nicht mitraten, die Halbtotale o. ä. lässt es nicht zu...
Soviel belangloser Müll ist zu hören und sehen, der es nie schafft so "komisch" (s. o.) zu wirken wie eine Pulp-Fiction-Fußmassage, dass selbst die stimmigen Passagen gut 150 Minuten öder Indoor-Shots (aka Laberrhabarber) nicht aufwiegen können: Ein Highlight noch David Bowie & Cat People (putting out fire) + rocky-like preparation vor dem Bosskampf (mal kein dummes Gelaber & alles brandstifterisch auf Rot, Szenenbild, Requisite etc., jmd. muss einen schlauen Zettel gehabt haben, Form&Inhalt&so). Angenehm auch, dass IB auf 35mm spielen & nicht digital durchgewichst wie z. B. Crank, wir sind im Kino, das Auge isst mit. Auch die Verkehrung der Träger von sagen wir Dominance & Submission (wie schon in Death Proof) kann ja sehr unterhaltsam sein:
"And now I've met you, and you're going in the book! Except, I'm afraid I must file you... under... chicken shit."
Und das aus einem mittelmäßigen Tarantino. Aber wer kann sich auch nur an einen einzigen Satz aus IB erinnern? Und die Bilder bis auf Jacky Ido hinter der Leinwand + die oben verlinkte Szene: 0.
@Gretchen, ja, rein mit dem Trailer, da sieht man nochmal Til "Manta" Schweiger, der in Sekunde 17 selbst zum Nicken und Augenbrauenhochziehen zu doof ist & dabei völlig zurecht die Frage serviert bekommt, ob er Profi werden will. Man könnte Tarantino, dem Cineasten, der den Royal TS in The Replacement Killers ebf. wortkarg & finstergrimmig blickend gesehen haben wird, diesen Witz zutrauen.
kurz gefasst: mir ist jetzt beinahe als kennte ich den film.
(hab ihn nicht gesehen. hab ja in meinem ganzen leben nur ungefähr drei oder vier filme überhaupt gesehen.)
soll heißen, ich bin froh und dankbar, dass Homer diesen faden auf- und sich die mühe gemacht hat, ausführlich seine sicht auf IB darzulegen; und bin dann gleich noch froher, dass MF nachfassend abrundete durch weitblickende über-sicht-en und großräumige einordnungen (ins tarantinoische gesamtwerk und überhaupt) nebst fein herausziselierten hinweisen beispielsweise auf das sekunde-17-keinohrhasengesicht (das womöglich ein witz ist), auf das showdownvorspiel in rot (wo wirklich alles sitzt wie es soll; schade, dass der youtube-ausschnitt so verzerrt kommt), auf die gehorsam vor- und nacheilenden rezept- und rezensionen (inklusive ausnahme: guardian) ect. ...
das ist summasummarum so energiereich, dass außer zuppa auch Emmi und Beate-Camilla genussvoll mitknabbern können.
und um selbst etwas beizutragen (wenig genug): ein zitat.
"Meine Filme funktionieren auf zwei Ebenen. Auf der einen gibt es jene Experten, die das Ganze als eine Art intellektuelles Spiel ansehen. Aber auch auf der anderen sind Sie bei mir gut aufgehoben. Ich glaube sogar, je weniger Sie die Sprache der diversen Genres kennen, je weniger Sie über die Filmgeschichte wissen, desto mehr Spaß werden Sie haben. Weil der ganze Mist dann neu für Sie ist. Bumm. Bumm. Bumm. Sie haben keine Referenz als Schutz - und müssen sehen, wie Sie klarkommen."
typischer fall von mehrfachkodierung also, dieser tarantinofilmestuff. oder?
Fragen wie "können Sie einfach ignorieren, was in der Welt außerhalb des Kinos geschehen ist, seit Sie Anfang der neunziger Jahre Ihre postmoderne Ästhetik entwickelten, in der Blut bloß eine weitere Farbe im Malkasten des Regisseurs zu sein schien? Also die Amokläufe in Schulen, die Schrecken des internationalen Terrorismus, die Anschläge vom 11. September?" geben auch Aufschluss über "das deutsche Filmgut": Nach Jahren des stillen Kämmerleins erscheinen jetzt so herzensgut anständige Filme wie Keinohrhasen oder Wickie und die starken Männer: Den Amokläufern nebst Nachahmern kann man damit zeigen, dass es noch "die Liebe" gibt und "dass durchaus auch ein Held sein kann, wer statt Muskelkraft und Mut einfach eine gehörige Portion Grips hat" --- den Terroristen, hmm, ja denen auch.
Ja, MF.
Wie Tarantino mit pauschalisierenden, implizit kurzschlüssigen und latent anklagenden Büchse-der-Pandora-Fragen á la "können Sie einfach ignorieren, was in der Welt außerhalb des Kinos geschehen ist, seit Sie Anfang der neunziger Jahre Ihre postmoderne Ästhetik entwickelten, in der Blut bloß eine weitere Farbe im Malkasten des Regisseurs zu sein schien? Also die Amokläufe in Schulen, die Schrecken des internationalen Terrorismus, die Anschläge vom 11. September?" (ha, komplexe Thematik!) umgeht, macht dieses Interview pikantererer und bewog mich, es zur Verlinkung auszuwählen.
Vielleicht war das ein wenig hinterfotzig, wer weiß.
Und noch einmal: Ja.
Die sauberen, gut menschlichen Keinohrhasen-, Schmalspurküken- und Wickie-Starckbub-Filme sind Opium: parfümierte Wölkchen aus dem Instantzerstäuber, dazu angetan, den letzten Rest von richtigem Riecher, den der eine oder die andere womöglich noch haben könnte, umzunebeln (sic!). Wer anderes (machen) möchte als konventionell beduftete Surrogate, die dann je nach Tagesform und aktueller Befindlichkeit, Persönlichkeitsstruktur und Sozialisationsbedingungen "bezaubernd", "anrührend" bis "aufrührend" oder sogar "verstörend" ins Endverbrauchernaschinasi steigen, muss das hübsch gebildete, schwarz-weiß ausschraffierte Straßengitternetz der gut befestigten Bürgerstädte verlassen und sich fort in unsicherere Zonen begeben:
nach dort hin halt, wo es (noch) thrillt.
(Behauptet sie dreist ohne Ahnung von Filmen zu haben ins Blaue hinein. --- Aber genug gesülzt wieder: viel zu viele Wörter verloren.)
Ja, zuppanova, vielen dank für das Zitat, und nein, der Trailer nervt natürlich nicht liebes Gretchen :)
Ah, Mehrfachkodierung, nennt man das :) okay. Ja, doch ich würde definitiv sagen, dass Tarentino mehrfachkodiert. Hmmm. zu der Meinung von Marcel Frank, also dem Teil, dass die schauspielerischen Leistungen untergehen, und kaum ein fesselndes Spiel entsteht. Dazu möchte ich sagen, dass ich das gar nicht so schlimm empfunden habe. Also im Gegenteil, eigentlich empfand ich es sehr angenehm, dass ich keinen "Hauptdarsteller" für mich finden konnte, weil so das Miteinander in der Filmsequenz viel mehr zur Geltung kommt. - Vielleicht müsst ihr wissen, dass ich ein paarmal Theater gespielt habe, und als alter Egomane die Gruppe für mich kennengelernt habe. Und die Konzentration der Gruppe - als Schauspieler - merkt man, wenn sich die Nazioffiziere und niederen Dienstränge im Keller eines besetzten Gasthauses treffen, und "Wer-bin-ich?" raten. Also mir hat das sehr gut gefallen.
Inwiefern neue Apskete oder neue Motive in dem Film auftreten, oder wie sie im Vergleich zu den Tarentino Klassikern abschneiden, ist mir gerade nicht präsent, da Pulp Fiction schon einige Jahre zurückliegt, ebenso wie Kill Bill, den ich damals insbesondere als gewalttätig und "trashig" empfunden habe - genau wie Tarentino es ja auch wollte, wie ich mich entsinne aufgeschnappt zu haben.
Die Gurdian Kritik kann ich nicht ganz nachvollziehen. Mir scheint, als hätte der Autor sich ein anderes Ende erwartet - eben in Erwartung eines Kill-Bill-Aufgusses und der großen Racheszene, und wurde darum enttäuscht. Da kann ich nur Beileid aussprechen, dass sich da jemand Erwartungen gemacht hat. Ganz persönlich: ich versuche mir auch keine Trailer und vorabkritiken mehr durchzulesen, wenn ich in einen Film gehe. Trübt nur das Auge, oder was meint ihr?