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      lost



Aphorismus - was ist das?

   08.03.2010, 10:25 / 1 x geändert



Ein kurzer Prosatext, welcher rhetorisch überspitzt, pointiert, ohne Redundanzen und, was die formale Gestaltung betrifft, in sich abgeschlossen sowie sprachlich höchst geformt einen gewissen originellen Gedanken, eine Beobachtung, ein subjektives Werturteil, eine persönliche Erkenntnis zum Ausdruck bringt.

Rhetorische Stilmittel wie z. B. Satz-, Wort- und Klangfiguren (Klimax, Hyperbaton, Chiasmus, Parallelismus, Anapher, Alliteration, Assonanz ...) oder Gedankenfiguren (Antiphrase, Antitheton, Antithese, Alogie, Ironie, Paradoxon, Hyperbel ...) sollten effizient eingesetzt werden, ebenso die Bildsprache, die Metaphorik, um dem Leser zur überraschenden Erkenntnis von bisher so nicht gedachten Zusammenhängen zu verhelfen, ihn dabei aber nicht nur durch Verblüffung zu unterhalten, sondern zum Weiterdenken oder auch zum Widerspruch herauszufordern, in einem:

Der Aphorismus möge auf's Denkorgan so anregend wirken wie der Aperitif auf die Verdauung.


Edit:
Der verlinkte aphoristische Aperitif wurde von Margret serviert,
siehe -> http://www.literature-online.de/thema1426.htm#9655




***



Wer immer Weiteres beitragen möchte zum Thema - ergänzen, differenzieren, veranschaulichen: WILLKOMMEN!

 

      rupert



rupert sagt:

   26.05.2010, 01:32 / 1 x geändert



achtung, hier zitiert rupert den user lost:

Zitat:
Rhetorische Stilmittel [...] sollten effizient eingesetzt werden, ebenso die Bildsprache, die Metaphorik, um dem Leser zur überraschenden Erkenntnis von bisher so nicht gedachten Zusammenhängen zu verhelfen,


eine definition ist die bestimmung eines wesens einer sache oder wie in diesem fall eines begriffs. folglich ist die definition in ihrem chrackter absolut. das heißt: der begriff "sollte" ist an dieser stelle unzulänglich und steht womöglich für die meinung des autors, über den zu besprechenden begriff.

zudem ist der abschnitt missverständlich, weil:

zum einen: weil der zusammenhang schon mindestens einmal so gedacht wurde und deshalb nicht "bisher so nicht gedacht" sein kann.

oder zum anderen: ein aphorismus so seine gültigkeit verlieren würde, sobald er schonmal gelesen wurde. denn: so vermag er nicht mehr zu überraschen.

rupert gibt zu bedenken: das die meisten menschen aphorismen bevorzugen, die zu formulieren scheinen, was sie selbst bereits gedacht haben.

es grüßt
rupert

 

      Willimox



rupert sagt:

   26.05.2010, 10:29 / 5 x geändert



Nuja,

1. Definitionsfelder und spezifische Differenz

die Originalität eines kurzen Ausspruches ist sicherlich bei ständiger Wiederholung dahin, bleibt aber doch ein wichtiges Kriterium "des" heutigen Begriffes A. Entscheidend ist ja sicher die Primärezeption und nicht eine Spätphase des Abgenudeltseins.

Dann auch eher plausibel:die starke Nähe zu Feldern wie

Kurztextpoesie, Kurzrhetorik, Logik und "Belehrung unter Schnarchverzicht".

2. An ihren Beispielen sollt ihre erkennen: die nominale Definition

PASCAL, LA ROCHEFOUCAULD, VAUVENARGUES, CHAMFORT, RIVAROL, JOUFFROY, JOUBERT, VALÉRY, SHENSTONE, WILLIAM BLAKE, LICHTENBERG, GOETHE, FRIEDRICH SCHLEGEL, NOVALIS, NIETZSCHE, KARL KRAUS

- eherne Namen in einer Fame-Hall "APHORISMUS".


3. Krausens Krauses - Aphorismus to go

Im Aperitiv-Vergleich (Metapher) unseres Starttextes findet sich eine Definition "des" Aphorismus ad oculos. Eigentlich gut. Oder?

Man vergleiche auch die immanente Poetologie hier:

"Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein,
aber er soll die Wahrheit überflügeln.
Er muß gleichsam mit einem Satz über sie hinauskommen."

Karl K. KRAUS: Sprüche und Widersprüche (1914), S. 167.

Schön? Bedenkenswert? Scho(e)n bedenkenswert?

 

      rupert



rupert sagt:

   26.05.2010, 12:25



achtung, hier zitiert rupert den user willimox:

Zitat:
1.
die Originalität eines kurzen Ausspruches ist sicherlich bei ständiger Wiederholung dahin, bleibt aber doch ein wichtiges Kriterium "des" heutigen Begriffes A. Entscheidend ist ja sicher die Primärezeption und nicht eine Spätphase des Abgenudeltseins.


was "entscheident ist will rupert nicht entscheiden - aber wenn: die überraschung in der primärrezeption des lesers liegt. dann: beschreibt das wieder den leser und nicht den aphorismus. denn: die vorraussetzungen die ein leser mitbringt entscheiden über einen möglichen effekt. folglich: kann das nicht teil des begriffs a. sein. demnach: wäre a. davon abhängig, wovon sich die aktuellen kulturkonsumenten überraschen lassen. hieße aber auch: das ein text nur vorrübergehenden a. sein kann.


achtung, hier zitiert rupert den user willimox:

Zitat:
2.
PASCAL, LA ROCHEFOUCAULD, VAUVENARGUES, CHAMFORT, RIVAROL, JOUFFROY, JOUBERT, VALÉRY, SHENSTONE, WILLIAM BLAKE, LICHTENBERG, GOETHE, FRIEDRICH SCHLEGEL, NOVALIS, NIETZSCHE, KARL KRAUS

- eherne Namen in einer Fame-Hall "APHORISMUS".


rupert selbst ist eine identität ohne ego. deshalb: kann rupert "fame" nicht empfinden. außerdem werden kurze prosa texte nicht zu aphorismen, nur weil sie genannten autoren zugeordnet werden können.


achtung, hier zitiert rupert den user willimox:

Zitat:
3.
Im Aperitiv-Vergleich (Metapher) unseres Starttextes findet sich eine Definition "des" Aphorismus ad oculos. Eigentlich gut. Oder?

Man vergleiche auch die immanente Poetologie hier:

"Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein,
aber er soll die Wahrheit überflügeln.
Er muß gleichsam mit einem Satz über sie hinauskommen."
(Karl K. KRAUS: Sprüche und Widersprüche (1914), S. 167.

Schön? Bedenkenswert? Scho(e)n bedenkenswert?


rupert trinkt nicht. folglich hat rupert vom aperitif keine ahnung. bezweifelt aber auch die verdauungsfördernde wirkung, die im zugeschrieben wird, er hat viel mehr: keine wirkung oder nur eine geringe. rupert ist nicht sonderlich überrascht oder durch erkentnisse bereichert. nach dem starttext wäre der aperitif-vergleich (metapher) folglich kein aphorismus.


rupert hat dem starttext mal entnommen, was einen a. bisher ausmacht.

ein kurzer prosatext der lit. verarbeitet wurde.

demnach: ist folgender text ein aphorismus auch wenn er üblicherweise nicht unter diesem begriff geführt wird:

"actimel activiert abwehrkräfte."


es grüßt
rupert

 

      Willimox



Rupert-Aphorismen

   26.05.2010, 12:46 / 4 x geändert



is lustig und rupert:

a)
Schabernack - ein richtig neues Wort oder altes, je nach Sprachbenutzer, sei es dass er es hört, sei es, dass er es liest.

b)
klar, " rupert ist lustig" ist auch ein aphorismus, weil:
Kürzesttext, wenn auch nur mit einem schwierig zu erkennbaren lit. Mittel (Eironeia)

c)
Rupert ist Kurt, weil:
Achtung, hier kommt kurt, Achtung, hier kommt rupert


Frank-Zander-(Fisch, aber nicht Barsch)-Video illustriert allet komplett:

http://video.google.com/videoplay?docid=-307421104996351440#

 

      lost²



Nachtrag und Danksagung

   28.05.2010, 01:04 / 1 x geändert



Zur im first post verwendeten Aphorismus-Definition "ad oculos" (willimox) ist unbedingt noch anzumerken, dass diese von unseren lieben Margareten stammt, siehe hier:

Aperitif - http://www.literature-online.de/thema1426.htm#9655

Verabsäumte leider, im Starttext die Quelle korrekt zu erwähnen; wurde nachträglich ergänzt; erbitte milden Soldatinnenblick auf den wohl der Vergesslichkeit meines Alters oder womöglich auch einer wie immer entstandenen Empfindung herzlichster Vertrautheit zu unseren lieben Margareten geschuldeten Lapsus.

Ansonsten

Dank zumal willimoxen für erläuternd Beigetragenes, "Belehrung unter Schnarchverzicht", A-Fame-Hall ... !

Dank auch an rupert für die womöglich etwas sophisticated gespurten, dennoch goutablen, ja, stoffwechselanregenden Einwürfe aus der rezeptionsästhetischen Sofaecke! Was ist ein Autor, was ist ein Werk! Aphorismus - was ist das! Die black box des Rezipienten gilt alles - ist es nicht so?

Übrigens, rupert, betonte schon Prodikos von Keos, es müsse der wahrhaft geschmeidige Rabulist[*] und Haarspalter dem Publikum auch die aphoristische Flöte prinzlich zu blasen wissen!


tinwhistling regards ...
___________________________________________________

[*]Um ihm, rupert, das leidige Nachschlagen zu ersparen:

Rabulist, was ist das? -> Einer, der alles daran setzt, in der Diskussion unabhängig von der Richtigkeit seiner Position Recht zu behalten, und dies zu erreichen sucht durch unterschiedliche rhetorische Volten, e.g. Einbringen diskussionsferner Aspekte, semantische Verschiebungen, Wortverdrehungen a.s.o. ...




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