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gregor libkowsky
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als du zwei finger verlorst
während der arbeit
[das folienschweißgerät klemmte]
durfte ich dich noch trösten
trotz des beißenden plastikgeruches
deiner wunden
als dein linkes auge
[oder war es das rechte]
beim kopieren eines bedeutsamen
schriftstückes erblindete
nanntest du mich wütend
zweiauge
als du dich
wie schon lange von dir prophezeit
im dokumentenvernichter verfingst
[die konferenz vorher war sehr ermüdend]
konntest du rechtzeitig
zum aktuellen termin
deine eigene akte löschen

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augustine
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04.03.2010, 00:00 / 1 x geändert
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rechtzeitig
zum aktuellen termin
deine eigene akte löschen
Hallo, Gregor,
vom Schluss her scheint mir ein Stasi-Bezug gemeint: Akten werden vernichtet von den Mitarbeitern, solange das noch geht; der "aktuelle Termin" wäre dann der, zu dem das Volk die Normannenstraße stürmte; sich im Dokumentenvernichter verfangen, das lese ich dann als Ausdruck für das Chaos der Stunden und Tage dort
die Verwundungen in den Strophen 1 und 2 sind real - verursacht von schlampig gewarteten Maschinen im real existierenden DDR-'Sozialismus'
eine Beziehung ging darüber in die Brüche: erst noch trösten dürfen, dann Wut auf den/die Unversehrte(n), dann nur noch möglichst die eigene Existenz retten
(ich denke mir das angeredete Du weiblich, merke ich, wahrscheinlich von deiner männlichen Identität herkommend; zwingend ist das aber wohl nicht)
eine schöne Parallele zu ruelfigs Sozialismus-Gedicht
Grüße von augustine

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ruelfig
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Commandante,
ein beklemmendes Gedicht. Beim ersten Lesen sah ich eine Firma. die im Geheimen arbeitet, in der absoluter Gehorsam herrscht und Verluste hingenommen werden. Keiner kennt die Ziele, doch rechtfertigen diese die Methoden. Ich dachte an Geheimdienste hinter den Geheimdiensten, Weltkontrollorganisationen und die Auswirkungen der Arbeit für solche Manipulationsmaschinen auf das Individuum. Alles geplant, selbst die Verluste.
Den konkreten Bezug, den Augustine hellsichtig herleitet, finde ich nachvollziehbar und doch denke ich, dass dein Text auf alle Systeme passt, die, Doktrinen folgend, die Freiheit zerstören und dem einzelnen die Grundlagen für ein selbst bestimmtes Leben entziehen.
Ich lese dies als Ermutigung, sich nicht den Mechanismen zu unterwerfen, die zu Verstümmelung, Verlust, Hass und Wut führen.
Der Kampf wird heiter!
R

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gregor libkowsky²
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danke euch beiden für's einlassen.
hauptmotiv dieses textes war der versuch, das auseinanderleben, das sich entfremden von zwei menschen darzustellen. das büro-setting sollte als nährboden dienen, aus welchem in überspitzter form ein auseinanderleben form und gestalt annimmt. die entfernung voneinander manifestiert sich also körperlich: verlust von fingern, eines auges, bis hin zum tod.
schön, dass der text einen größeren assoziationsspielraum bietet. und der bezug zu ruelfigs gedicht ist naheliegend.
nachdem ich kürzlich die stasizentrale in leipzig besichtigen konnte und ein wenig die vermoderte deutsch-bürokratische amtstubenluft schnuppern konnte, erschloss sich trotz der diktatorischen willkür und der unmenschlichkeit dieses systems eine ahnung von der lächerlichkeit dieses schreckeninstrumentariums (ein hierarchisch wohlgeordneter, kleinkarierter, bizarrer, wichtigtuerischer büroalltag).
(in diesem zusammenhang sei mir noch gestattet auf herta müller zu verweisen. "herztier" und "der fuchs war damals schon der jäger". )
Libkowsky

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augustine
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Zu deinem Selbst-Kommentar, Gregor, möchte ich noch was sagen:
wenn eigentlich eine schlimm auseinandergegangene Liebesbeziehung gemeint war und nicht nur so nebenbei auch vorkommen sollte - dann finde ich die Stasi-Bezüge zu gewichtig, als dass sie nur so hintergrundartig 'mitspielen' (sollten).
Grüße von augustine

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zuppanova
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muss gestehen, dass ich ohne augustines beitrag keinen zusammenhang zur stasi oder anderen überwachungssystemen hergestellt hätte.
die wendung "durfte ich dich noch trösten" ist eine, die meine inneren bilder ganz in den bereich der zweierbeziehung lenkt. dass ein mensch den anderen "trösten darf", spricht von nähe und vertrautheit und impliziert eine hohe intimität zwischen personen, weist also für mich zunächst gar nicht auf eine bürger-spitzel-beziehung, obwohl ich augustines und ruelfigs ansatz nachvollziehen kann.
gregors selbsterklärung trifft, was ich mir denke zu dem gedicht.
einer der beiden partner ist, so stelle ich's mir vor, mit seiner karriere beschäftigt, lebt mehr im büro als zu hause, ist nicht mehr in der beziehung präsent, aber eigentlich auch gar nicht mehr "bei sich selbst" - so ein "nicht-ganz-da-sein" interpretiere ich aus den verletzungen, die er (ich visualisiere eine sprecherin; könnte aber natürlich genausogut ein sprecher sein) sich zufügt. nicht zu wissen, ob das rechte oder linke auge verloren ging, spricht natürlich ebenfalls "bände der entfremdung".
was mir vor allem gefällt: der strukturierte aufbau, die steigerung der etappenverluste bis zur auflösung.
soviel nur jetzt eben, in aller sonntagmittagseile: die zuppa

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