Sozialismus des 21. Jahrhunderts · ruelfig · ·


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      ruelfig



Sozialismus des 21. Jahrhunderts

   03.03.2010, 00:23



Der Zustand dieser Welt ist Katastrophe!
Nun hilft kein Zögern, schadet Klagen,
es heißt, dem Feind den Pflock ins Herz zu jagen -
jetzt kommt bloß nicht mit schwachem Magen -
es pfeift der Klassenfeind schon seine letzte Strophe.

Die Zeit ist da, es klingen die Parolen:
Hinfort mit allem, was den Fortschritt hemmt!
Der große Satan webt sich selbst sein Totenhemd.
Wohlan, ihr Unterdrückten, hebelt, stemmt
das Tor weit auf und richtet aus die Läufe der Pistolen:

den Zweifel soll der Teufel holen,
im ersten Anlauf gab es nicht genügend Tod?
Was hilft uns Freiheit ohne Honig auf dem Brot!
Gerecht verteilter Mangel heißt nicht Not -
die alte Zeit zerfällt. Im Gleichschritt vieler Sohlen

schlägt unser Herz wie eins auf dem Kasernenhofe:
es folgt das Volk schon aus gerichtet oder hin.
Was fragt ein Esel, wohlgeleitet, nach dem Sinn:
die Möhre zählt, vielleicht ein Gläschen Gin?
An ausgedachtes Paradies auf Erden glauben Doofe.

 

      augustine



Sozialismus des 21. Jahrhunderts

   03.03.2010, 15:31 / 1 x geändert



Einiges mehr als "flott gereimt" ist hierzu wahrhaftig zu sagen. Auch: Flott gereimt, abbba usw., das muss man erstmal können. Nun gibt's solche Reimbegabungen auch isoliert, nur als solche, aber hier transportieren die scharf gereimten Verse eine scharfe politische Aussage: keine zweite Chance für ein Denkmodell, das als solches faszinierend ist, als historischer Materialismus, aber in der Praxis multipel gescheitert (Sozialismus -->Kommunismus). Dabei hat der HistoMat nie erklären können, wieso die angeblich ursprüngliche Gleichheit aller ("Urkommunismus") aufhörte (weil einzelne sich bereichert haben, wiederum angeblich), wieso das aber nicht mehr passieren soll, nachdem man auf dem Weg durch die Geschichte nach einer "Diktatur des Proletariats" (die eine Diktatur war! UdSSR, DDR etc.) nach dem Durchgang durch den Sozialismus im Kommunismus wieder in einer Gesellschaft der Gleichen leben würde, nun aber unumkehrbar (weil inzwischen Einsicht in die, angeblich, historisch zwangsläufigen Abläufe bestehen würde).

Der Vorschlag zur Änderung des letzten Verses erscheint mir gut. - Bei "einst" spendier' noch den letzten Buchstaben, ruelfig.

Wer evtl. solch ein Gedicht zum Anlass nehmen möchte, etwas zu lernen, könnte leicht
hier anfangen

augustine

 

      gregor libkowsky



Sozialismus des 21. Jahrhunderts

   03.03.2010, 16:54 / 4 x geändert



hallo r.,

ja, dies ist wieder ein typischer ruelfig*, dem ich gerne beifall spenden möchte.
durchsetzt von doppelbödigkeit und ironie und aus der tiefe spürt man den brodelnden atem einer unsäglichen wut - und trotzdem bleibt kein gefühl von resignation oder vollkommener aufgabe am ende haften.
ich lese dieses gedicht (wie viele andere deiner mit dem zeitgeschehen korrespondierenden gedichte) so, als nähme ich ein bad im sammelbecken meiner eigenen ohnmächtigen wut.

der titel kann nur mehrdeutig daherkommen. einerseits höre ich dabei die westerwellschen sozialismus-hartz vier-tiraden in meinem ohr klingen, andererseits das lied von gleichheit, gerechtigkeit, brüderlichheit und den immer wieder stattfindenden verrat an gerade den idealen, die man als großmäulige losung vor sich her tragen mag.

dein gedicht selbst zeichnet sich für mich durch eine breit angelegte deutungs-und bedeutungsstreuung aus. man mag und kann den text lesen als eine abrechnung mit all den unsäglichkeiten die uns die bekannten sozialismusdiktaturen beschert haben.
dies ist aber eher die grundfolie, von welcher dein vergleich sich abhebt. und auch dies wieder in bedeutungsstreuung.
steht unsere neue neoliberale, globalisierte welt überhaupt noch auf demokratischen füßen. wer verkauft uns unsere wohlfühligkeit zu welchen konditionen und inwieweit sind wir alle schon längst in einer ideologischen schmiere gefangen, ausgebremst, verblödet?
wie lächerlich sind unsere gleichheitsbestrebungen, unser ruf nach gerechter verteilung, wobei wir erstmal uns selbst im auge haben. oder sind es die schönredner, die uns paradiese verkaufen wollen zum selbstkostenpreis?
hier könnte ich anhand deines gedichtes weiter fabulieren. das schöne an diesem gedicht ist, dass man beim ersten flüchtigen lesen es fast beiseite schiebt und sagt, ja, gut gereimt, jedoch beim wiederholten lesen sich erst eine größere nachhaltigkeit einstellt. und dies macht auch ein gutes gedicht aus.
auch ein fingerzeig auf das vermeintliche ende der großen das letzte jahrhundert geprägten -ismen, und trotzdem kleben wir schon wieder oder immer noch in einem -ismus, dessen name uns die späteren generationen verraten werden.
und vom reim her: das macht spaß zu lesen.

schlägt unser herz wie eins ...
das "eins" gibt hier schon einen sinn.


gregor libkowsky
( z.Zt. im Manöver, nur mal die kurze Gefechtspause genutzt)


*typischer ruelfig
es gibt wenig gedichte, die aktuelle politische, gesellschaftliche bezüge herstellen, zudem noch im reimschema und wenn man eines entdeckt, dann ist es mit hoher wahrscheinlichkeit ein ruelfig.

 

      ruelfig²



Sozialismus des 21. Jahrhunderts

   03.03.2010, 22:03



Hallo Städter,
klar und gerne genommen Verbesserungsvorschläge, wo sind wir denn hier? Und auch "flott gereimt" liest man doch gerne als Reimer, da freut man sich, dass nicht alles geixxt sich irgendeinem Schema unterwerfen muss. Ich hab das nicht als blöd verstanden.
Hallo augustine,
ich glaube, der Urkommunismus endete, als die Gemeinschaften zu groß wurden, als es über das Elend und den Mangel hinaus unverteilbare Vorteile gab. Ich habe selber in den frühen siebzigern zwei Jahre in einer Kommune gelebt, wir haben alle Einnahmen und Ausgaben geteilt, solange wir alle wenig hatten. Schwierig wurde es, als einige mehr verdienten und andere mehr ausgeben wollten. Es war eine schöne Zeit.
Bei "eins" und "einst" verstehe ich deine Anregung, "schlägt unser Herz wie eins" ist grammatikalisch natürlich falsch und dein Vorschlag ist verlockend, aber soll ich, darf ich?
Aber (und jetzt auch zurück zu Städter), die letzte Zeile werde ich ändern.
Lieber Gregor,
dass dir dieses Spass gemacht hat zu lesen, freut mich wirklich, dafür war es gedacht und Danke für deine nachgedanken. Der Text ist spontan entstanden, nachdem ich einen Auszug gelesen habe aus dem Buch: "Verratene Freiheit", nachzulesen bei Perlentaucher (der Auszug). Ich werde mir das Buch besorgen (wenn ich mir den Kauf leisten kann).
Liebe Grüße,
R




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