| |
|
hansgerup
|
Beobachtet man als außenstehender Besucher, in meinem Fall als Kanadier, die literarische Szene in Deutschland so gewinnt man den Eindruck, daß LITERATUR –– das Literarische im weitesten Sinne des Wortes — nach wie vor im öffentlichen Diskurs thematisiert, aktualisiert und als kulturtragender 'Gegendiskurs' (M. Foucault) rezipiert wird, und das nicht nur im Schlaglicht der Medien, wie immer (und aus welchen kommerziellen Gründen überhaupt) sie sich heutzutage in die 'literarische Szene' einblenden.
Deshalb meine Frage: Gibt es aus geistesgeschichtlichen, ideologisch-politischen oder ganz anderen Gründen eine spezifisch deutsche literarische Öffentlichkeit? Wie wäre sie zu konzeptualisieren? Mit Hilfe welcher Theorieansätze wäre eine Aussage über die "literarische Öffentlichkeit in Deutschland" für wahr oder für falsch zu halten?
Hans G. Ruprecht,
Carleton U, Ottawa

|  |
augustine
|
04.02.2010, 15:45 / 1 x geändert
|
|
Lieber Herr Ruprecht (die Sie-Anrede ist Höflichkeit),
ich habe Ihnen nachgegoogelt, das war ja nicht schwer. Sie sind Komparatist wie Peter Szondi, Professor. So ernst wie Sie hat noch niemand die Titelzeile dieses Forums genommen. Ich hoffe, es kann Ihnen jemand antworten. Ich kann es nicht.
Sehr gespannt, ob sich aus Ihrer Frage ein Gespräch ergibt:
Ursula Brauer ("augustine")

|  |
Marcel Frank
|
Lieber Herr Ruprecht,
im Programmschema Ihrer Sendung lautet die Frage verkürzt: "Was ist ‘literarische Öffentlichkeit’ im deutschsprachigen Raum?" Das tat, nachdem sie (auch ich bin höflich, es ist tatsächlich eine Katapher und dieser Einschub dient nur der retournierenden Herausforderung) sich im Benn'schen Sinne mehrfach & vergeblich durchgebissen hatte, vor allem der linken Gehirnhälfte ganz gut.
Mindestens einem spezifisch deutschen Versuch, literarische Öffentlichkeit zu produzieren, ging (ganz im Gegensatz zu Ihrem ambitionierten Projekt) ja die Luft aus und es hätte auch eine solche Frage vermutlich nie gestellt. Mir ist noch nicht ganz klar, ob Sie genügend freie Ressourcen haben, ein "Netzgespräch" zu führen oder bspw. ich, ein zufällig Antwortender, der weder innen (literarische Szene) noch außen (Frageinteresse) steht. Jedenfalls hielt ich mich nun eine Zeitlang mit diesen Links auf und bedanke mich für diese "Anregung":
- "Literarische Öffentlichkeit" (Habermas, Wiki)
- Rezension zu: "Peter Uwe Hohendahl (Hg.): Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs. Stuttgart 2000.
- Bibliographie: "Literarische Öffentlichkeit"
Last but not least:
- http://www.carleton.ca/litecho/archiv.html
aka "Unser Mann in Ottawa" ;) Das können Sie mir nach "in meinem Fall als Kanadier" nun nicht mehr wegnehmen... Habe hier gern reingehört & hinterfrage noch meinen dradio-Büchermarkt-Konsum.

|  |
hansgerup²
|
Liebe Ursula,
Reden wir uns mit Vornamen an, ja?
Da Sie die Erste sind, die auf meinen Themenvorschlag reagiert hat, möchte ich Ihnen zunächst vielmals danken. Auch dafür, daß Sie uns 'gegoogelt' haben. Wenn ich mir ausmale
was Sie dazu bewogen hat, erkenne ich auch einen Bezugspunkt – Peter Szondi, an den Sie mich netterweise erinnert haben, spricht unter Anlehnung an Johann Martin Chladenius (1710-1759) von standortbezogenen "Sehe-Punckten" – auf unser Thema.
Ich meine das Problem der 'literarischen Öffentlichkeit' stellt sich heutzutage, etwa seit den frühen '90ziger Jahren als die ersten Webbrowser (e.g. Mosaic) das Herunterladen von graphisch gestalteten Websites ermöglichten – an der Schnittlinie des "Öffentlichen" und des
"Privaten". Wenn ich als 'hansgerup' mit Ihnen als 'augustine' im Forum für Germanistik
und Literatur über unser Thema rede, dann ist das 'Geredete' (Heidegger) sowohl für Sie, namens 'Ursula', gemeint und gleichzeitig öffentlich als ein Beitrag zu diesem Forum zum Ausdruck gekommen. So etwas erzeugt "Neugierde", wie es Heidegger schon erkannt hat. (Ganz typisch (wenn ich das erwähnen darf) schreibt 'augustine', daß sie mich 'gegoogelt' hat, um zu wissen wer da redet.) 'Dazwischen', 'darüber', 'darunter', 'daneben', 'dahinter' – wie auch immer — breiten sich institutionalisierte Strukturen aus zu denen gewiß all zu rechnen ist, was man im Radio, in TV Literatursendungen, Zeitungen online, im
'Literatur Café', in Literaturportalen, in Litblogs.net und auf vielen andren Websites erfährt. Natürlich gibt es da Unterschiede. Insofern die Instanzen des "Institutionellen" im virtuellen Raum in Erscheinung treten – welcher Stadtschreiber kann das heutzutage nicht genauso gut wie der Webmaster der 'Leselupe" ? – wirkt "literarische Öffentlichkeit" sowohl 'selbsterzeugend' im Hinblick auf die Inhalte des 'Geredes' als auch in vieler Hinsicht 'verfremdend' in bezug auf die Eigenwelt des Beredeten. Auf diese Weise wird das Literarische nicht selten 'zerredet' und zwar mit Vorliebe in aller Öffentlichkeit auf kleinstem Raum (an einem Tisch im Fernsehstudio, auf dem 'blauen Sofa', etc.) vor einem Publikum, das da zugegen ist und im virtuellen Raum online davon Notiz nimmt. Was Ernst Bloch in seiner bedeutenden Studie 'Über Kunst und Gesellschaft' (1972) dem kulturellen 'Ökonomismus' vorwarf, schlägt sich im Rahmen der kulturellen 'e-Economy' noch verstärkt im Diskurs der literarischen Öffentlichkeit nieder; nämlich "die Entrealisierung des kulturellen Überbaus." (E. Bloch, Ästhetik des Vor-Scheins 1, hrsg. Von Gert Ueding, Suhrkamp 1974, S. 187.)
Spezifisch deutsche Themen des öffentlich vernehmbaren Geredes über Literatur lassen sich auch literatursoziologisch erklären im Hinblick auf die sich wandelnde Geschmacksbildung und Lesererwartung, die im Einklang mit, oder im Gegensatz zum literarischen Kanon ins Gespräch kommen. A propos 'Kanon', natürlich haben auch wir in
Ottawa, auf CKCU-FM 93.1, eine Sendung "Friedrich von Schiller SPEZIAL" gemacht, doch
absichtlich nicht im Jubiläumsjahr, sondern erst im Januar dieses Jahres. Und das natürlich
unter Bezugnahme auf unsren nordamerikanischen Standort ('Sehe-Punckt'). Was halten Sie davon > http://www.litecho-radiockcu.info/ ?
Kurz, wer sich heutzutage mit "der literarischen Öffentlichkeit" auseinandersetzen will, sollte sich auch mit den vielgestaltigen Erscheinungsformen der "Literatur im virtuellen Raum" beschäftigen.
Dazu gibt es jetzt eine 'Google group', die ich so wie einen Versuchsballon heute Vormittag aufsteigen ließ.
Go to > http://groups.google.ca/group/literatur-virtuell/about?hl=en
Ist deutschsprachiges 'Gerede' von Literatur, ins besondere das öffentlich interpretierende Reden / Schreiben über literarische Werke in virtuellen Räumen noch immer 'standortbezogen'? Gibt es bestimmte "Sehe-Punckte", um es noch einmal mit Chledenius (1710-1759) und Peter Szondi, Einführung in die literarische Hermeneutik (Suhrkamp 1975, S. 85), zu sagen? Setzt sich der Diskurs der 'literarischen Öffentlichkeit' in einem Bezugsrahmen in Szene, wo es wie auf einer Schauspielbühne Helden und Gegenspieler, Widerstreit und Übereinstimmung, Sieger und Besiegte gibt? Das öffentliche Gerede über die Literatur der 'Wendezeit' bietet dafür Anschaungsmaterial genug.
Bleiben Sie am Ball, okay.
Hans

|  |
hansgerup²
|
Lieber Marcel,
is first name okay?
Auch Ihnen möchte ich freundlichst danken, ganz besonders natürlich für die bibliographischen
Hinweise. Wie Sie auch meiner Antwort an 'augustine' entnehmen können, kommt so allerlei in
Betracht... auch Juri Lotmans Begriff des zeichentragenden 'symbolic space', der sich gut als Ausgangspunkt für eine Diskussion über Zeichen in virtuellen Räumen zu eignen scheint, insofern die 'literarische Öffentlichkeit' da zum Ausdruck kommt. Ich meine ja.-
Nebenbei, mir geht es bei unsrer Diskussion nicht um ein lit-wissenschaftliches Megaprojekt, sonder in der Tat um den Versuch - 'as your man in Ottawa' - mit Leuten wie Sie ins Gespräch zu kommen. Denn natürlich frage ich mich nun im zweiten Jahr unsrer Sendung auf CKCU-FM
93.1 > http://www.litecho-radiockcu.info/ was wir da eigentlich machen.
Allen Teilnehmern, aktiven wie passiven, möchte ich deshalb sagen, daß Sie bei uns mitmachen können, entweder mit Beiträgen zum Blog ("googeln" Sie 'LitEcho.ca Notizblock')
oder mit einer Audiodatei im MP3 Format (Spieldauer 10 Min), und zwar zu diesem Thema:
'Gibt es eine spezifisch deutsche literarische Öffentlichkeit?'
Auch Ihnen sage ich, bleiben Sie dabei!
Beste Grüße,
Hans

|  |
hansgerup²
|
Lieber Marcel,
Es sieht so aus – und das erfreut mich in meiner nordischen Klause sehr, ist's doch manchmal bissel einsam hier – als hätten wir uns was zu sagen... Schau doch bitte mal nach, ob Dir unter dem neuen, von mir heute vorgeschlagenen Thema – "Literatur im virtuellen Raum" – ein paar Verbindungslinien ins Auge fallen, die auch den Problemkreis "literarische Öffentlichkeit" in etwa mit dem verknüpfen, was sich in diesen Tagen im deutschen Literaturbetrieb abspielt. Natürlich beziehe ich mich auf den Fall 'HH' bei dem man ja schon bei der Namensnennung vorsichtig sein muß, könnte es doch sein, daß der Verleger des Buches auch den Namen der 17. jährigen Autorin urheberrechtlich geschützt hat. Ich übertreibe ;-), natürlich! Ich las alles schön elliptisch verknappt in Twitter, was im Literatur-Café darüber zu lesen ist. Der neueste Beitrag spricht Bände. Und es tut sich auch sonst was: guck mal rein bei www.passiondownload.com unter 'axolotl roadkill ebook' was da los ist...da schlackern einem die Ohren: "hotfile and torrent download", usw. Beide Phänomene – die Debatten in der Blogossphäre, in der Presse und in den Medien einerseits und der kommerzielle Profit am Skandal andrerseits – legen nahe, was mir so interessant erscheint: Der Literaturbetrieb, das 'literarische Leben' ob bei Euch oder sonst wo entfalten sich heutzutage hauptsächlich im virtuellen Raum. Egal ob ich bei Starbucks Berlin oder bei Starbucks Ottawa meinen Laté genüßlich schlürfe, dank meines iPhone 3G bin ich hüben wie drüben an der literarischen Öffentlichkeit mittelbar beteiligt. Ist das "die Zeit der schweren Not" für die LITERATUR an sich? (Mensch, jetzt wird mir aber Bange, denn womöglich werden mich in Kürze die Erben des Herrn von Chamisso, né Louis Charles Adélaïde de Chamissot, 'abmahnen' wegen des Zitats.)
Mach Dir ein schönes Wochenende,
Hans

|  |
|
|