Elise
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Hallo Ben,
Retardierendes Moment - bezeichnet die Unterbrechung eines Handlungsverlaufs durch Ereignisse, die dazu führen, dass zeitweilig das vorgezeichnete, vom Rezipienten geahnte oder erwartete Handlungsziel, das Ende - scheinbar - abgeändert oder sogar umgekehrt wird (=> "das Moment der letzten Spannung").
Das retardierende Moment markiert also eine letzte (trügerische) Chance, dem mit dem Wendepunkt (Peripetie) eigentlich schon entschiedenen Ausgang doch noch zu entkommen. Damit ist gemeint, dass z. B. in der Tragödie ein Ausweg aus dem Konflikt aufscheint (der sich letztlich aber als nicht gangbar erweist); in der Komödie kann das retardierende Moment darin bestehen, dass eine weitere Verwicklung den glücklichen Ausgang verzögert. So wirkt das retardierende Moment dem Spannungsabfall nach dem Höhepunkt entgegen und bereitet gleichzeitig das Ende vor, indem es nochmals andere Lösungen ent-wirft und ver-wirft.
Der Begriff, an sich ein Grundbegriff aus der Dramentheorie und Dramaturgie, wird auch in anderen literarischen Gattungen (Novelle, Ballade, Kriminalroman ...) verwendet, wenn es darum geht, erzählerische Mittel zu benennen oder zu beschreiben (sowie auch ganz allgemein in verschiedenen Alltagszusammenhängen).
Analog könnte man sicher, wie Du es vorschlägst (Kater bei Alice), auch von einem repetitierenden Moment als erzählerischem oder dramaturgischem Mittel sprechen, und man könnte beschreiben, welche Funktion solches innerhalb einer Erzählung oder eines anderen Textes zu erfüllen hat (z. B. Spannung halten oder etwas besonders hervorheben). Das wäre vom Denkansatz her nicht falsch. Allerdings ist mir persönlich der Begriff "repetitierendes Moment" als allgemein gebräuchlicher lit.wissenschaftl. Ausdruck nicht bekannt.
Den Begriff "repetitives Moment" kenne ich in Zusammenhang mit minimal music, aber auch in Zusammenhang mit Literatur (um das Spiel mit Wiederholungen in einem Text, einem Gedicht zu beschreiben). Ebenso kann bei der Beschreibung von Merkmalen eines Textes von einem "reduktiven Moment" (einfacher Wortschatz, schlichte Grammatik) die Rede sein, oder auch von einem "experimentellen Moment", oder von einem "romantischen Moment", "Überraschungsmoment" usw., um seine besondere Eigenart bzw. seine Machart zu charakterisieren.
Dies gilt ebenso für den Bereich der Musik, aber auch für andere Bereiche. Z. B. könnte man über eine Tänzerin sagen, ihr Bewegungsstil zeichne sich besonders aus durch das innewohnende experimentelle, innovative, spirituelle, romantische ... usw. ... Moment - oder über einen Boxer könnte man sagen, in seinen Kämpfen trete über kurz oder lang immer ein unverkennbares, streng strategisches, impulsives, klassisches ... usw. ... Moment hervor.
Damit dürfte nun auch klar sein, wie "der Moment" und "das Moment" sich unterscheiden. "Der Moment" (der Wahrheit, der Entscheidung, der Erlösung, des Todes, der Erkenntnis, des Abschieds, der Enttäuschung) ist zeitbezogen und meint einen ganz bestimmten konkreten Augenblick ("jetzt geschieht es", in diesem Moment!). "Das Moment" ist zu verstehen als ein Merkmal oder Stil oder als eine bestimmte Eigenschaft eines Textes, einer Musik, eines Films, eines Vorgangs, einer Handlung, einer Interaktion zwischen Menschen, eines Gesprächsverlaufs, einer Reise ...
... und ich hoffe nun, es möge meinen Ausführungen ein erhellendes Moment so hinreichend eignen, dass Du beim Lesen den Moment der Erleuchtung erleben kannst. ;)
Mit Gruß, Elise

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