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ruelfig
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04.07.2026
Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, dass sie eines Tages gefunden und gelesen werden, damit sich unser Schicksal nicht im Dunkel verliert und wir nicht gänzlich in Vergessenheit geraten.
Gestern Nacht gab es wieder einen Angriff, diesmal auf das Westtor und die schwache östliche Pforte, welche gerade erst notdürftig repariert worden war. Die gegnerischen Truppen waren äußerst gut organisiert und sehr motiviert, so dass wir große Mühe hatten, die Stellung zu halten. Welche Verluste der Feind erleiden musste, lässt sich nicht abschätzen, auf unserer Seite sind zwei Tote und drei schwer Verwundete zu beklagen, womit die Anzahl der wehrfähigen auf achtundsechzig sinkt. Die meisten davon sind allerdings nur bedingt einsatzfähig, übermüdet und ausgelaugt. Das Lazarett ist überfüllt, Ärzte und Krankenschwestern arbeiten im Akkord, die Vorräte an Medikamenten und Verbandszeug gehen zur Neige. Lebensmittel und Trinkwasser reichen, bei strenger Rationierung, noch für eine Woche. Wenn in dieser Zeit kein Transport durchkommt, sind wir verloren.
Um die Moral zu heben, erzählen die Leute sich Geschichten über einen baldigen Entsatz, in der Kapelle wird pausenlos gebetet, jedes gelegentliche, entfernte Motorengeräusch wird gedeutet als das eines heranschwebenden Hubschraubers, der uns aus dieser auswegslosen Situation herausholt. Oder wenigstens Verstärkung hereinbringt. Wir stehen in ständigem Kontakt zu den umliegenden Forts, überall die gleiche Notlage. Es scheint, als wären wir dem Gegner unterlegen, zahlen- wie kräftemäßig. Am Sonntag ging St Remigius verloren, es war wohl Verrat im Spiel. Ansonsten kann ich mir nicht vorstellen, wie eine derart starke Festung untergehen kann. Das Schicksal der Bewohner mag ich mir kaum vorstellen, aber man weiß darum: die weniger betuchten werden auf der Stelle massakriert, Beamte und Bessergestellte werden in die Rentensklaverei verschleppt. Sie müssen ihre Bezüge den Siegern zur Verfügung stellen und ihre Testamente zu deren Gunsten ändern und werden dann in Lagern knapp am Leben gehalten, unter den unwürdigsten Bedingungen.
08.07.2026
Gerade komme ich von einer Lagebesprechung, jetzt wird die Munition knapp. Wir werden das Gartenhaus abreißen und die Steine in die oberen Stockwerke schaffen, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden. Schade, ich habe ruhige Stunden verbracht in dem wunderschön angelegten Garten mit seinen Hochbeeten voll duftender Kräuter und Blumen. Jetzt aber verleiden die vielen frischen Gräber den Aufenthalt.
Herr Merkurt und Frau Bodewitz aus der Abteilung für unheilbare Krebsfälle haben sich freiwillig bereit erklärt, beim nächsten Angriff einen Ausfall zu unternehmen. Wir werden ihre Elektromobile zu rollenden Bomben umbauen und sie wollen versuchen, bis in die Nähe der gegnerischen Führer zu gelangen, um dort sich und möglichst viele Feinde in die Luft zu sprengen. Bedauerlich, dass wir uns gezwungen sehen, zu solch unritterlichen Mitteln zu greifen. Wir werden ihnen einen Großteil unserer Morphiumvorräte verabreichen, damit sie nicht zu sehr leiden.
12.07.2026
Es ist ein wunderschöner Sommertag, gerade richtig zum Sterben. Die Außenwände sind zerstört, wir haben uns in der Kapelle verschanzt und erwarten das Ende. Die Kampfmoral ist dahin, viele haben ihre besten Kleidungsstücke angezogen und ihre Rentenbescheide gefälscht, um vielleicht doch noch einem sofortigen Tod zu entkommen. Nur einige wenige außer mir sind entschlossen, Widerstand bis zum letzten zu leisten. Wir haben unsere Krücken angespitzt und bilden eine geschlossene Reihe vor der Tür, die Rollstuhlfahrer vorne, dahinter die Rollatorabteilung. Selbst ein Bettlägriger hat sich gemeldet und bildet die Nachhut.
Ich muss jetzt aufhören zu schreiben, von draußen erklingt der Kampfschrei "Her mit der Pension" aus Hunderten jugendlicher Kehlen. Gnade haben wir nicht zu erwarten.

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lost
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very smooth, mr. satiruelfig. so kann man es also auch machen, und es funktioniert.
ich finde den text sehr schön, allein schon, weil er fingerspitzengefühl zeigt für die phantasievolle umsetzung eines prekären themas (zur erzähltechnik: fingierte authentizität durch an die nachwelt gerichtete tagebucheinträge eines "letzten", oder auch: die robinson-crusoe-masche). lässt raum zum nachdenken und interpretieren und ist vielschichtig böszüngig (detail: die e-mobil rollbombigen selbstmordattentäter), oh ja, statt dem leser sofort mit abgenutzten press-button-words gefühligkeitstränen aus den augen klatschen zu wollen.
diese bekundung IST ein kompliment. ;o)
best regards, old losthand

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Jolante
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10.01.2010, 12:18 / 1 x geändert
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Diese Satire hat es in sich: Sie ist kühl bis ans Herz hinan und stocknüchtern im Ton. Ich lese die ersten Zeilen zunächst mit gebremstem Interesse, werde aber bereits im zweiten Absatz in einen kühnen Bogen geschleudert, der mich bis zum gnadenlosen Absturz in atemloser Spannung hält. Ich lese die Erzählung noch einmal -, der gleiche Effekt. Obwohl, oder gerade weil mir dieser Text ohne jede Gefühlstümelei unter die Haut kriecht, schaudert mir vor dem Wahrheitsgehalt seiner rabenschwarzen Botschaft. Hoffentlich bin ich im Jahr 2026 schon im jugendfreien Rentnerinnen-Himmel.
Im übrigen: Ein komplimentierender Kommentar von lost ist einfach nicht zu toppen!
Es grüßt Jolante

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ruelfig²
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Dear Old Losthand,
gut, dass du das mit dem Kompliment druntergesetzt hast, meine Augen sind schon trübe und sonst hätte ich es nicht erkannt ;-). Robinson Crusoe-Masche, da ist was dran. Ich hatte mich eher an Karl May orientiert, neben Heinz Erhardt einer meiner Haupteinflüsse. Habe alle Bände von ihm gelesen und kann heute noch alle Namen von Hadschi Halef Omar aufsagen. Freut mich sehr, wenn es zur Unterhaltung dienlich war.
Hallo Jolante,
dich schaudern zu machen ist mir ein Herzensanliegen. 2026 werde ich 70 sein (wenn denn dann...). Ich denke über eine Fortsetzung der Geschichte nach, bin mir aber nicht sicher.
Grüße,
Old Rulfhand

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Tintolino
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12.01.2010, 21:09 / 2 x geändert
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ich musste lachen als ich die wunderbar erzählte Geschichte las, mit einem würgenden Gefühl im Hals.
Nur glaube ich nicht, dass im Jahr 1026 die Jungen uns die Unterkünfte streitig machen werden ( denn es wird nicht so viele von denen geben) sondern dass wir vielleicht uns mit Rollatoren, e-mobilen und angespitzten Krücken selber unsere Essensration aus den Suppenküchen werden erkämpfen müssen
im mutigem Kampfgeist
Tinto

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ruelfig²
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Hallo Tintolino,
danke für die Antwort. Wer sind wir, wer sind die und wie viele davon gibt es und wird es geben? Wer weiß das schon?
Junge gibt es immer wieder im Import und dort sind sie wertvoll unsere Schätze, schätze ich. Also keine Sorge, ich nehm dir nicht die Suppe vom Mund. Übrigens 2026, was tausend Jahre vorher los war hab ich keine Ahnung von. Schön, dass es dich lachen machen konnte.
LG,
R

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Tintolino
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huch, unwillentlich noch ein Lacher..(bei mir). 1026... ja was war denn da eigendlich...ehrwürdige Alte im Huckepack?
Lg
die Zeitreisende...Suppe auch gerne teilend
Tinto

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zuppanova
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So, Meister ruelfig, die Beate-Camilla, meine Freundin, Sie wissen schon, Biebering-Bäumele, hat gemeint, ich soll doch fragen, ob's da schon eine Selbsthilfegruppe gibt oder ein Projekt oder einen Verein, wo man sich einschreiben könnt, vorab, jetzt, für dann, später, wenn's soweit ist.
Sie hat auch gesagt, die Beate-Camilla, man sollte auf jeden Fall beizeiten eine Fußballmannschaft organisieren in jedem Fort, denn das Kicken sei ein Sport, der den ganzen Menschen stählt, mens sana in corpore sano, und der community spirit und die corporate identity würden gefördert und überhaupt.
Sie plädiert für gemischtgeschlechtliche Mannschaften, wegen der yin-yang-Kräftebalance, und tät sich als CoachIn anbieten.
Ich selber hab auch ein paar Ideen.
Ich denk, die Ernährung wär schon recht wichtig, und dass ein ordentlicher spiritueller Hintergrund da ist ... mei, ich stell mir so bissl was mit Atem und Urschrei vor. Und dann kam mir noch der Gedanke, es wär vielleicht gut, auch den Herrn Kommandanten Libkowsky ins Boot zu holen (wenn er nicht sowieso von selber kommt), der hat doch mehr als genug soldatische Erfahrung mit Ausfällen und Überfällen und Einfällen. Und als Arbeitstitel für das Projekt oder als Vereinsnamen schlag ich vor:
>>> Senioren-Sandsturm <<<
Was meinen jetzt Sie dazu, Herr ruelfig?
Recht schöne Grüße
von Ihrer stets hochachtungsvoll verbleibenden
Emmi Donnerkogl-Schlagindweit

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ruelfig²
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Ich meine, dass es nie zu spät ist, sich in Kampfsportarten ausbilden zu lassen, vorzugsweise in Krav Maga. Auch der Besitz einer M16 und ausreichend Munition sowie ein Training im Umgang mit dieser Waffe mag vorteilhaft erscheinen. Ansonsten: hit first.

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