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Jolante
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27.12.2009, 19:09 / 2 x geändert
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Ein Kinderheim, in dem verwaiste oder vernachlässigte Kinder betreut werden, ist in diesem anrührenden, aber keineswegs rührseligen Text der Nukleus, aus dem heraus sich die Erzählung entwickelt. Von moderner Pädagogik, wie wir sie heute verstehen, kann zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, noch keine Rede sein. Die Leiterin Marianne, von den Kindern Tamiane genannt, und die weiteren "Tanten" bemühen sich zwar fürsorglich um die siebzehn Kinder im Alter von drei bis sechzehn Jahren, gehen ganz in ihren Pflichten auf, aber im Vordergrund steht das leibliche Wohl der Kinder, nicht das geistig-emotionale. - Anders die verlobte Studentin Suse, die eine Zeit lang als Aushilfskraft dort arbeitet. Sie versucht zwar, sich dem pädagogischen Programm, bzw. Nichtprogramm anzupassen, droht aber angesichts des stoischen Tagesablaufs zu resignieren, gäbe es nicht den Neuankömmling Ruben, dessen jüngere Brüder bereits im Heim sind. Er, der als besonders schwierig gilt, wählt sie als seine Betreuerin aus und schenkt ihr seine raue, scheue Zuneigung.
Wie diese kleine Liebesgeschichte erzählt wird, gefällt mir außerordentlich gut. Es fehlt nicht an feiner Ironie, aber auch nicht an zärtlicher Behutsamkeit. Die Freundschaft, die sich zwischen dem kleinen Jungen, der hart im Nehmen ist, aber auch gut austeilen kann, und der Studentin Suse, die einmal eine gute Pädagogin werden möchte, bringt beiden Protagonisten einen unerwarteten Zuwachs an Einsicht und Lebensfreude. Ruben entpuppt sich als kleiner Philosoph, der lebenskluge Fragen stellt, und die Studentin erkennt verblüfft, dass sie einiges von ihm lernen kann. Auch mir als Leserin wächst das pfiffige Kerlchen ans Herz. In dieser Erzählung, in der auch einige Nebenpersonen trefflich charakterisiert werden, erscheint mir nichts konstruiert, sondern alles erlebt zu sein. - Suse, deren Zeit als Aushilfe sich dem Ende zuneigt, stellt Überlegungen an, ob und wie sie den Jungen weiter an sich binden könnte. Aber der ist realistischer als sie. "Jetzt muss ick dir janz genau ansehn, Tante Suse, damit ick dir nie vajesse". Allein für diesen Satz liebe ich die Erzählung und auch für den folgenden: "Er war es, der die Notwendigkeit der Trennung immer empfunden hatte, die Gegenwart schon in Erinnerung verwandelte und ihr den Abschied leicht machte. Dass etwas gut sein und dauern könnte, solche Erwartungen hatte er nicht ans Leben." - Darüber lohnt es sich nachzudenken, meine ich, nachfühlen kann ich es sowieso.
Danke, augustine !
Jolante grüßt

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augustine²
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Und ich danke dir, liebe Jolante!
Dir allein war's die Mühe wert, zu lesen und zu bewerten und sogar noch eine Art Inhaltsangabe voranzustellen. Ich weiß, dass das Zeit gekostet haben muss.
Könnte es aber sein, dass genau die abgeschreckt hat? Ich meine, die Inhaltsangabe und dann auch die relative Länge der Erzählung.
Ist nicht von heute, ja. Leben denn andere Leute ohne Erinnerungen, auch (durchaus etwas verwandelt) aufschreibbare?
fragt augustine

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Vladimir
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Nicht mit den "Hintergründen", den "Vergangenheiten" solcher Kinder in Kontakt gebracht zu werden, die nun von diesen weg leben können oder müssen - ich glaube das ist für Hinzukommende und nur vorübergehend teil und anteilnehmende gar nicht so verkehrt (jedenfalls hab ich das in einer - denke ich - vergleichbaren Situation so empfunden), denn: Zeit genug, an die "Wurzel des Problems" über diesen langen Weg der Diagnose sich heranzuwühlen, haben die doch sowieso nicht; dafür aber eine Direktheit und vor allem Empfänglichkeit und Offenheit (sie müssen es ja nicht Tag für Tag ertragen), die Erklärungen eher verstellen würden.
Die allerdings Tag für Tag und vielleicht ihr ganzes weiteres Berufsleben ertragen müssen, tun sicher gut daran, nicht nur zu fühlen (oder dann irgendwann nur noch sehr gefiltert zu fühlen), sondern auch zu wissen und langfristig "an den Kindern zu arbeiten".
Zum fruchtbar werden der anderen Haltung jedenfalls kommt es in dieser Erzählung (und was muss das für eine Frucht gewesen sein, die die vielen Jahre so überdauert hat!). Dabei birgt sie ja auch Gefahren: dass sie den hinzugekommenen zu weit hineinzieht - davon ist da durchaus schon etwas zu spüren und die vernünftigen Reden der "Tamiane" werden ja auch von der Erzählerin irgendwann anders bewertet.
Ehrlich gesagt hat mich trotzdem am meisten berührt, dass sie weint: dass sie die Bewegung nicht schützt hinter ihrer Rolle, ihrem Amt.
(Kommt nicht auch da die Annäherung seitens Rubens zu einem Halt? Die vielleicht gerade die Rollendistanz brauchte?)
Und der geohrfeigte Junge: da wird das "keine Gewalt!" eben zu dem, was es dann in Wirklichkeit ist: unendlich schwierig.
An der Ausführung schätze ich wie schon oft bei dir die gar nicht abgekühlte, nein ganz feinfühlige Distanz.
Vladimir

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zuppanova
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Zuerst einmal will ich erwähnen, wie gelungen ich Jolantes Inhaltsangabe finde.
Sehr sorgfältig und achtsam geschrieben, ganz am Text. Danke, Jolante.
Sodann: Mir selbst fiel es schwer, zu Deiner Erzählung, augustine, etwas beizutragen. Warum das so war/ist, wird vielleicht in Ansätzen verständlich, wenn ich hier zu Ende "gesprochen" habe. - Wie auch immer, es ist nun so, dass Vladimirs Beitrag mir eine Brücke baute. Die Punkte, die er aus dem Text herausarbeitet, die Charakterisierung und Gegenüberstellung der Personengruppen, welche mit den Kindern zu tun haben, finde ich treffend und nehme, in vergleichbar getönten beruflichen Zusammenhängen stehend, ebenso wahr.
Mich selbst kann ich in die Gruppe derer einordnen, die - nun ja - langfristig "professionell" an "besonderen" Kindern arbeiten (heißt auch: Tag für Tag mit Biografien und Lebensbedingungen konfrontiert sind, die "einfach" ausgehalten werden müssen), deren Aufgabe es mithin ist, nicht nur zu fühlen (bzw. nur noch sehr gefiltert zu fühlen), sondern zu "wissen". Hier weiter ins Detail zu gehen, ist mir nicht möglich.
Für mich ist die Figur der "Tamiane" interessant, denn ich kenne eine leibhaftige Verkörperung (ha! sic!) des "Tamianischen" (bilde ich mir jedenfalls ein): Dies ist eine Dame, gut über 80, sehr filigran und vogelfein, ohne Familie, ganz "für sich stehend". Viele, viele lange Jahre war sie Leiterin einer bestimmten Einrichtung für Kinder, wohnte (und wohnt immer noch und wird bleiben, so lange es nur geht) dort in einer separaten kleinen Wohnung. Als sie ihren Ruhestand antrat, ging aber etwas von ihr (das "Herz"?) nicht mit in den Ruhestand; zu bestimmten Gelegenheiten besucht sie noch heute "ihre Kinder" - seit kurzem mit Rollator, was natürlich ihrer gelassenen, begingungslos gütigen und zugewandten Ausstrahlung keinerlei Abbruch tut. Ich selbst, um es etwas gewagt zu formulieren, gehöre zu denen, die sich ihr Erbe teilen - müssen? dürfen?, und stelle fest, dass es eine Art von "Input" gibt, der einen dahin bringt, "nach der Arbeit" keine weiteren Bedürfnisse zu haben als "sitzen und schweigen".
LG, zuppa

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Gerd
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17.02.2010, 02:37 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
der Unterschied zu den heutigen Kindererzieherinnen, die meine eigenen Kinder betreut haben ist deutlich. Doch erinnere ich mich noch an meine Kinderzeit, so wurde ich selbst als kleiner Stöpsel von ebensolchen Tanten im Kindergarten versorgt. Unser Seelenheil stand nicht ganz oben auf der Maßnahmenliste. Disziplin nahm noch einen anderen Rang ein und Essens- sowie Schlafenszeiten waren Gesetz.
Schwierig war es im Zusammenspiel mit Kindern, die zu der Zeit zuhause eine antiautoritäre Erziehung genossen hatten. Kleine Egomanen, die kaum in den Griff zu bekommen waren. Höhepunkt meiner Kindergartenzeit war in diesem Zusammenhang der Wutausbruch eines zuvor beschriebenen Kindes. Der Kleine schlug einem Kameraden eine Stockpuppe mit solcher Wucht auf den Schädel, dass es diesem ein Loch im Kopf bescherte und er blutüberströmt von der Tante, ich nenne sie jetzt mal Heide, über den Gang geschleift werden musste. Der Schläger ward ab dem Folgetag nicht mehr im Kindergarten gesehen. Ein Aufarbeiten des Vorfalls ist nie erfolgt, weder mit uns Zaungästen, noch mit den aktiv beteiligten.
Entsprechend ist mir diese „Retro“-Geschichte eigentlich gar nicht so Retro, da viele von uns noch in diesem Ansatz gehegt.
Beim Lesen wurde ich unwillkürlich an die „Schweigeminute“ von Siegfried Lenz erinnert. Der unaufgeregte und dennoch nicht kalt lassende Erzählstil, der einen förmlich in die Zeilen zieht sowie eine unmögliche Beziehung (dort Schuler und Lehrer), die von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Suse und Ruben haben einen Bogen über das Unmögliche gespannt und jeweils im anderen etwas berührt – einen Abdruck auf der Seele hinterlassen. In der Erkenntnis der Unmöglichkeit sind beide über sich hinausgewachsen. Das ist es, was für mich diese Geschichte so zu Herzen gehen lässt, ohne dabei pathetisch zu sein.
Ich wüsste gerne, was aus Ruben geworden ist und natürlich auch aus Suse. Dies zeigt mir ebenfalls, wie gelungen die Geschichte für mich ist.
Gerd

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augustine²
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Ich habe mich noch nicht bei euch bedankt für eure Stellungnahmen, Vladimir, zuppa und Gerd; jetzt nur eben das.
Liebe Grüße augustine

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