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      lost



Herta Müller-Literaturnobelpreis

   11.12.2009, 01:53



Literaturnobelpreis 2009 - Herta Müller (Link)


Gibt es eine Zuflucht in der Literatur? Kann Literatur die Angst bewältigen helfen? wird H.M. gefragt.

"Ich kann nur für mich sprechen. Ich hatte immer meine Gedichte, die ich mir aufsagen konnte. Sogar beim Verhör. Es ist wie das Singen im Lager. Das wird nicht schal. Man kann sich auf gegebene Formen verlassen, sich anlehnen. Es ist eine Art, ich habe das öfter gedacht, es ist eine Art zu beten, für Leute, die nicht an Gott glauben. Und es ist eine schönere Art als das Beten. Es verlangt mehr Individualität als das Beten. Es ist nicht so mechanisch. Bis heute schreibe ich mir Sätze aus Büchern heraus, die mir Halt geben. Die Angst ist eine gute Ästhetikkennerin. Die Angst kann man nur mit literarisch starken Texten bändigen. Flache oder klischeehafte Texte können das nicht leisten."


Warum ich dies einbringe?
Nun, weil ich finde, dass ganz aktuell die von ögyr hier im Forum gezeigten politischen Texte dazu anregen, sich eben mit dieser Frage (s. oben) zu beschäftigen.

best ...

 

      augustine



Herta Müller-Literaturnobelpreis

   13.12.2009, 01:02 / 1 x geändert



Ja, lost, hier noch eine Anmerkung. Es ist gut, dass du schriebst, was du geschrieben hast.

"Ein Taschentuch spielt auch eine wichtige Rolle im Leben von Herta Müllers Freund Oskar Pastior, auf dessen Berichten ihr letzter Roman "Atemschaukel" fußt und den sie in ihre Ehrung eingeschlossen wissen wollte: als Deportiertem in Stalins Sowjetunion hatte eine alte Bäuerin ihm einen Teller Suppe und eben dieses Tuch geschenkt. "Mit einem Ajour-Rand, akkurat genähten Stäbchen und Rosetten aus Seidenzwirn war das Taschentuch eine Schönheit, die den Bettler umarmte und verletzte."
(Burkhard Müller über H.M.s Nobel-Vorlesung, SZ 9.12.09)
Mich hat dabei am meisten bewegt die paradoxe Formel "umarmte und verletzte", die Aussage über ein Taschentuch, das 'man' in Stalins Lagern so wenig hatte/haben durfte wie in denen Hitlers und das eben deshalb ein Symbol der Menschenwürde werden konnte. (In Stalins GULAG ist nur nicht industriemäßig getötet worden; sonst möge jemand den Unterschied der Totalitarismen, wenn es ihn im Vollzug gegeben haben sollte - von der Ideologie ist hier gerade nicht die Rede - daran erklären.)

Dies Oxymoron vom Umarmen und Verletzen steht in Herta Müllers Roman ATEMSCHAUKEL noch nicht, jedenfalls nicht in dem Kapitel über das Taschentuch (Taschentuch und Mäuse, S. 76-81).

augustine

PS Hab' nachgesehen, was das ist: Ajour-Stickerei; man kann das hier sehen in seiner ganzen spießbürgerlichen Harmlosigkeit.

 

      Jolante



Herta Müller-Literaturnobelpreis

   16.12.2009, 18:35 / 1 x geändert



auch ich habe häufig erfahren, dass Literatur helfen kann, (existenzielle) Angst zu bewältigen. Den Ausführungen von Herta Müller kann ich mich vorbehaltlos anschließen, wobei für mich das folgende "Zwiegespräch" des expressionistischen Dichters Ernst Stadler manches Mal hilfreich war, als literarisches Gebet sozusagen.

"Zwiegespräch

Mein Gott, ich suche dich. Sieh mich vor deiner Schwelle knien
und Einlass betteln. Sieh, ich bin verirrt, mich reißen tausend
Wege fort ins Blinde,
und keiner trägt mich heim. Lass mich in deiner Gärten
Obdach fliehn,
dass sich in ihrer Mittagsstille mein versprengtes Leben
wiederfinde.
Ich bin nur stets den bunten Lichtern nachgerannt,
nach Wundern gierend, bis mir Leben, Wunsch und Ziel in
Nacht verschwunden.
Nun graut der Tag. Nun fragt mein Herz in seiner Taten
Kerker eingespannt
voll Angst den Sinn der wirren und verbrausten Stunden.
Und keine Antwort kommt. Ich fühle, was mein Bord an
letzten Frachten trägt
in Wetterstürmen ziellos durch die Meere schwanken.
Und das im Morgen kühn und fahrtenfroh sich wiegte, meines
Lebens Schiff zerschlägt
an dem Magnetberg eines irren Schicksals seine Planken.

Still, Seele: Kennst du deine eigne Heimat nicht ?
Sieh doch: du bist in dir. Das ungewisse Licht,
das dich verwirrte, war die ewige Lampe, die vor deines
Lebens Altar brennt.
Was zitterst du im Dunkel ? Bist du selber nicht das Instru-
ment,
darin der Aufruhr aller Töne sich zu hochzeitlichem Reigen
schlingt?
Hörst du die Kinderstimme nicht, die aus der Tiefe leise dir
entgegensingt ?
Fühlst nicht das reine Auge, das sich über deiner Nächte
wildste beugt -
O Brunnen, der aus gleichen Eutern trüb und klare Quellen
säugt,
Windrose deines Schicksals, Sturm, Gewitternacht und sanftes
Meer,
Dir selber alles: Fegefeuer, Himmelfahrt und ewige Wieder-
kehr - "

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich bin gespannt, ob die von lost angeregte Diskussion weitergeführt wird.
In die Runde grüßt Jolante

 

      Gretchen



weiß nicht ...

   23.12.2009, 18:44 / 1 x geändert



es wechseln die worte, die ich mit mir trag.
heut find ich dies, morgen jenes ansprechend,
so vieles gefällt mir so gut und gibt mir zu denken.

in welcher wortmagie ich zuflucht suchen sollte, um angst zu bändigen, weiß ich nicht. ich glaube, ich hab noch nie richtig angst gehabt, bin vom schicksal begünstigt - oder, wenn ich so was fühle, was vllt. angst werden könnte, dann hau ich direkt selber so ver-wortungen raus, rein in mein schmierheft - das mildert verläßlich mir die herzwehbilanz.

Grüße vom Gretchen

___________________________________
und der pfad geht heute mal -> dalang -> ...




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