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Gretchen
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23.11.2009, 20:28 / 4 x geändert
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"Daß ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles. Jemand ruft. Leute laufen, überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich plötzlich ein."
Nein, das ist nicht wirklich ein Rätsel, den Text erkennt doch jede/r sofort, oder?
Aber man muss ja die Lösung nicht direkt nennen, man kann auch so bisschen drum
rum reden, Andeutungen durch die Blume machen, den Text kommentieren undso ... oder?

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Jolante
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"Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht."
Ich vermute, dass DU, Gretchen, genau das herausfinden willst. Nur deshalb verkriechst du dich mit R.... ins Bett. Und mir hast du Lust gemacht, die Aufzeichnungen des ? mal wieder zu lesen.
Poetische Grüße
von Jolante

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kirmesbollo
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So ein grüner Text. Bunt wie die kleinen knusprigen Mikrokosmen, die der Briefeschreibende Liebeskaspar und Vollzeitsoftie scheinbar nur für mich Schmacht(zwillings)bruder vor so langer Zeit geschrieben hat, dass ich mich mit einem schönen Budvar melancholisch schmelzend wie folgt dem kommenden Herbst ergeben will:
Wer jetzt kein Bier hat, kauft sich keines mehr.
Wer jetzt noch nüchtern ist, der wird es lange bleiben…
Prost & danke: bollo

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zuppanova
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mein Beitrag:
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Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen. Daß es mir zum Beispiel niemals zum Bewußtsein gekommen ist, wieviel Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.
Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
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gregor libkowsky
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24.11.2009, 16:35 / 1 x geändert
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Ich muss etwas sagen.
Es wird wieder Literatur geben.
Weil ich etwas lerne.
Ich lerne kriechen und ducken.
Ja, ich studiere wieder
das erste Kapitel dessen Ich hier bin.
Das passiert einfach so.
Und weil ich wahnsinnig werde
und keine Schuld habe,
werde ich überleben. Vielleicht.
Am Freitag, den 4. werde ich verhört.
Deshalb behaupte ich, dass ich die Wahrheit
sage. Und das heißt:
Ich bin geisteskrank.
Es wird Gerechtigkeit geben. Das Warme
fliegt am Boden. Ich sage die Wahrheit ungeschminkt.
Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde, es war getan.
Fast schon gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde und an den Bergen hing die Nacht.
Doch wir sind gestorben. Längst
quietscht die Trauer wie Straßenbahnen nachts.

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Gretchen²
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20.12.2009, 03:09 / 1 x geändert
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Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
also, das rätseln war mir hier nur mittel zum zweck, um den oben zitierten rilketext mal reinzubringen.
bekam den Malte Laurids geschenkt, schlug auf und las diese stelle, die ich perfekt finde. steht (fast) ganz am anfang des romans und enthält keimhaft - behaupte ich - vieles oder alles, was dessen duktus insgesamt ausmacht und an inhaltlichen schwerpunkten auftaucht:
die hinwendung zu und sprachlich-ästhetische reflektion von sinneswahrnehmungen, auch synästhesien; die beschäftigung mit dem ängstigenden, bedrohlichen, erdrückenden, vereinnahmenden und zugleich faszinierend lebendigen wesen der modernen stadt; die verknüpfung von innenwahrnehmung und körperlichem erleben mit den reizen, die von außen kommen (Automobile gehen über mich hin.); die sonderbar-mystische, fast unheimliche belebtheit der dinge (Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern.). wichtiger als eine äußere handlung ist die innenwelt des ich-erzählers, das ausbreiten seiner besonderen wahrnehmungen und seiner art, assoziationen zu bilden.
mich beeindruckt, wie scheinbar mühelos poetisch in dem zitierten textstückchen der schwebezustand des nicht-ganz-in-den-schlaf-kommen-könnens dargestellt ist. wie die stadt ins nachthelle zimmer dringt. wie endlich das bellen des hundes (ein natürliches, nicht maschinen-induziertes geräusch) und das krähen des hahns (vllt. auch eine referenz an das krähen des hahnes im neuen testament) endlich doch den schlaf wohltätig ermöglichen.
diese sprache gilt zeitlos.
Jolante und zuppa haben weitere satte zitate dazu getan. kirmesbollo hat ein bisschen alchemie betrieben und den rilke sich anverwandelt, ohja - der kommandant dürfte sich mal erklären, weil, mein kleines gretchenhirn weiß seinen beitrag nicht so richtig zu deuten.
wie auch immer: danke, dass ihr da drauf eingegangen seid. und:
vivat rilke.
die nachtwache grüßt!
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das da ist auch gut! mal wieder lesen!

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Vladimir
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Ja, Rilke...
Da stolper ich neulich über "Fragst du mich: was war in deinen Träumen" in einer Anthologie und bin hingerissen wie lang nicht mehr von einem Gedicht. Das Gleichgewicht, das dort mit Unendlichkeiten geschaffen wird - auf welcher Waage!
Und dann weitergelesen, von den Christus-Visionen überrascht, der "Verkündigung" -
Auch wieder auf diese merkwürdige Süßigkeit gestoßen. Die "Neuen Gedichte" - natürlich! Da gibt es dann eine härte im Kern, einen Widerstand und ich habe die schon mehrmals langsam, Gedicht für Gedicht mir durchgenommen.
Selbst in den Duineser Elegien oder den Sonetten an Orpheus find ich den weniger.
Dies Drücken um eine echte, Gegendruck übende Anrede! Immer im vagen, unbestimmten, bekenntnislosen... Dabei welch unerreichter Reichtum in der Wahrnehmung! Aber mit welchem Rückgrat?...
Und der Malte: findet der zu einem Zentrum, schließt der sich mit seinem Ende zum Ganzen? Es ist auf seine Art ein ganz typisches Beispiel eines Romanversuches eines Lyrikers. Und welche Schätze bergend!
Kann das jemand nachvollziehen, bei aller (geteilten!) Begeisterung?

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Gretchen²
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Unerreichter Reichtum in der Wahrnehmung, ja, ein Erlauschen oder Abtasten und schließlich be-sprach-bilderndes Verdichten differenziertester Innenbewegungen: Sprache als Instrument der Binnenseismographie --- Morsezeichen, die R. aus seinem Marianengraben sendet --- und weil die Signale so präzis sind, ereignet sich resonantisches Mitschwingen in seelenverwandten Nachbarabgründen ...
Das mit dem Rückgrat, die Frage nach dem Rückgrat irritiert mich ... oder - ich verstehe sie nicht, nicht richtig. Das "Rückgrat" verstehe ich nicht, Vladimir. Denn im Hinblick worauf sollte er Rückgrat zeigen? Sich festlegen? Bekenntnisse? Aber wie und wo-zu sich bekennen? Wär das nicht auch ein Seichtwerden, ein an die Oberfläche, in die Oberflächlichkeit gehen dann?
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Lesepfad: das war vor 1 Jahr ...

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Vladimir
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Schwierig diese Antwort, Gretchen...
Mir ist so etwas ähnliches bei Proust begegnet: wie Marcel in der Recherche die Liebe zu Albertine beschreibt, selbst da nicht von seiner ausschließlich subjektiven, von Wünschen, Ängsten, Vorstellungen beherrschten Sicht abweicht, kein Moment über dem anderen thront und selbst wenn er, nachdem sie ihn wegen seinen großartigen Eifersüchteleien verlassen hat (die zugleich gegengezeichnet wurden von einem Überdruss, wenn er sie denn nun bei sich hatte), nun feststellt, "qu'elle était toute sa vie" sich ihr um keinen Zentimeter in der Wahrheit näher glaubt, als zuvor. Für die Eindrücke der Kindheit geht das ja noch an - aber in der Liebe: begegnet einem nicht da ein Widerstand?, eine Wahrheit außerhalb unsrer selbst? - nämlich die der/des Geliebten? Eine imperativische Gewalt? Und doch ist die bei der Recherche ja immer anwesend, sie ist die eine Konstante, nämlich die Aufforderung: "beschreibe alles aus dem subjektiven heraus!", die ist keine Laune, keine Impression, kein Wunsch und keine Angst (höchstens davon begleitet), sondern etwas, das den Autoren umgeschaffen hat und auf dieser Wirbelsäule wird nun der ganze Reichtum des Konjunktivums erst getragen.
Bei Rilke find ich so eine Wirbelsäule schwieriger. Und die Frage des Bekenntnisses dränge sich ja nicht auf, wenn er nicht ständig ins religiöse ginge: er beleiht sie ja ständig und - wie mir scheint - beliebig. Er horcht den Bildern, Geschichten die Eindrücke ab, die sie in ihm hervorrufen, wie ein Kind, das aus zwei Wörtern, die im Weihnachtslied hervorstehen, eine ganze Geschichte macht. Und bei den Dinggedichten, bei den Portraits - überhaupt bei den "Neuen Gedichten" - was wird da wunderbares draus! Weil diese Dinge eben so noch nicht gesehen und gefühlt wurden. Aber wie bei der Liebe ist es doch eigentlich beim Glauben auch so, dass es einen Widerstand gibt, an dem man sich aufrichten kann; dass er über das rein subjektive hinausgeht, das subjektive sich an ihm bricht, hinterfragt: ein Kampf mit dem Glauben, ein Ringen mit Gott. Ein Gedicht von der Standkraft Lasker-Schülers "Abendlied" hat Rilke meiner Meinung nach nicht geschrieben - eben weil er diesen Widerstand nicht trifft; bei ihm ist überall das religiöse - aber Religion? Freilich ist er damit sehr modern; und wenn man das auch meint: dass Religion nur aus Wunsch, Angst und Eindruck besteht, wird man da wohl keinen Widerspruch finden.
Gerade diese Gedanken versöhnen mich aber auch wieder mit ihm: denn wie bei Proust kommt es vielleicht nur auf die Einsicht an, dass er bloß einen Teil (eben den subjektiven) der Wirklichkeit dargestellt hat; dass man den Anspruch auf Vollständigkeit bei der Schwere, die diese Aufgabe erstmal hatte, nicht stellen sollte.
Ich denke da regt sich Widerspruch!?
Liebe Grüße,
Vladimir

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