Plastikblumen · Gerd · ·


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      Gerd



Plastikblumen

   22.11.2009, 14:39



Plastikblumen
willst Du mir schenken
die halten so schön

endlich
unvergängliches Gefühl
so lebendig

auf meinem Grab

soll lieber
eine Distel blühn
die
aus meiner stillen Brust gebrochen

 

      augustine



Plastikblumen

   24.11.2009, 01:38



Lieber Gerd,
immer wenn ich (endlich wieder) deine zarten Textgespinste lese, hab' ich so eine Anwandlung, sie gewissermaßen behüten zu wollen...

Dabei fängt dies hier ja recht robust an - "Plastikblumen" - da ist man ja schon auf Übles, Trauriges, Schlimmes eingestellt mit nur einem Wort. Irgendwas ist da ganz kaputt in einem Verhältnis bei dieser Begründung "die halten so schön" und dem spöttischen Kommentar des zu Beschenkenden über das zu erzeugende Gefühl, wo doch Gefühl in solchem Ansinnen gerade verloren ist: das Plastikblumengefühl - unvergänglich, vorgeblich, aber nur grabtauglich und nur da lebendig, also nicht.
Auf dem Grab, da es nun einmal in's Gespräch gekommen ist, soll lieber eine Distel blühn, stachlig herauswachsen aus einem toten Leib, der vielleicht auch deshalb tot ist, weil er lebendige Blumen nicht bekommen hat.

War's was im Haus der Motten?
fragt sich und dich
augustine

(Der Dauerstreit zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter über Blumen als Strauß - Großmutter - und Blumen im Topf mit Erde - Mutter - kommt mir ja, hiermit verglichen, geradezu harmlos vor.)

 

      Jolante



Plastikblumen

   24.11.2009, 13:09 / 1 x geändert



Lieber Gerd,

Plastikblumen, die nicht welken, sind hier eine Metapher für den schönen Schein, hinter dem sich tote Gefühle verbergen, und das nicht nur im Angesicht des Todes, sondern Tag für Tag in allen Lebensbereichen. Das lyrische Ich lehnt das Künstliche ab. Ihm kommt es auf "Echtheit" an, auch wenn sie so schlicht ist und stachelig wie eine blühende Distel auf seinem Grab, "die aus meiner stillen Brust gebrochen". (Das Adjektiv "still" stört mich hier. Ich weiß allerdings nicht, warum.)

Es war schön, wieder ein Gedicht von dir zu lesen. Das lange Warten hat sich gelohnt.

Liebe Grüße
Jolante

 

      augustine



Plastikblumen

   24.11.2009, 15:26



Nur schnell als fast-schon-unterwegs-Bemerkung: "still" ist die Brust, weil sie tot ist und alles nicht mehr kann, auch nicht: sich wehren.
augustine

 

      Gerd²



Plastikblumen

   26.11.2009, 14:23



Lieben Dank Dir augustine, für Deinen Hinweis, der treffend ist. Irgenwie fällt es mir jedoch schwer zu glauben, dass sich dies Jolante nicht erschloss und wähne hier eine andere Ursache.

Liebe Jolante,

das "störende" Adjektiv war das letzte Wort, welches ich in das eigentlich gedachte fertige Gedicht eingefügt habe. Vielleicht kannst Du Dein Unbehagen doch konkretisieren, worüber ich mich freuen würde.

Liebe Grüße unter einem grauen Himmel eilig ziehender Wolken, die gerade an einem kleinen Stückchen aufgrissen einen unerwarteten bauen Tupfen zeigen

Gerd

 

      Jolante



Plastikblumen

   30.11.2009, 22:54



Lieber Gerd,

mein leichtes Unbehagen wegen der "stillen Brust" kann ich leider immer noch nicht konkretisieren. Es sind wohl eher formale Gründe, die es verursachen. Ich habe die Bedeutung der Metapher im Sinne von augustines Hinweis zwar verstanden, meine aber, dass es ihrer nicht bedarf, um das Wesentliche zu verdichten. Persönlich fände ich es pointierter, wenn das Gedicht mit der Zeile schlösse "Auf meinem Grab soll lieber eine Distel blühen !" - Doch lass dich von meinen -diffusen- Gefühlen nicht verunsichern.

Liebe Grüße
Jolante

 

      Christiane



Plastikblumen

   10.12.2009, 20:50



Ahoi Gerd,

es ist schon eine Menge zu Deinem Gedicht gesagt worden, aber eines noch nicht- und ich weiß nicht, ob es zu offensichtlich ist (und ich mich hiermit als närrisch erweise) oder ob's noch niemand so gesehen hat oder ob es einfach zu weit hergeholt ist, aber:

mich erinnert die letzte Strophe ganz ernorm an eine Mischung aus Benns "Kleine Aster" und "Schöne Jugend" -

Dieses Herausbrechen als gewaltsamer Akt in Verbindung mit einer zarten Pflanze und dieses "Leben-aus-Tod"-Motiv, besser "Leben-inmitten-von-Tod" oder Leben-nährt-sich-vom-Tod - für mich irgendwie ganz klar Benn.

Nur: anstatt eine schöne Blume (wie eben die Aster) zu verwenden, um DIESEN Kontrast stark zu zeichnen, hast Du eine Distel verwendet - die doch vor allem wegen ihrer eher unangenehmen Art, zu kletten, und nicht wegen ihrer Schönheit, bekannt ist? - vielleicht, um gar nicht zu sehr auf den Gegensatz des von mir eben Beschriebenen einzugehen, sondern auf den Gegensatz zu der Plastikblume?
Sozusagen ein "alles-ist-besser-als-eine-Plastikblume-auch-eine-Distel"-Motiv?


Oh Gott, ein ziemliches Wirrwarr, wenn ich's mir noch mal eben durchlese...,
aber auf Deine Antwort freut sich dennoch:

Christiane




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