Pause in der Oper. Es gab La Traviata. Premiere. Die Inszenierung, ein wenig provokativ, doch nicht zu sehr, weder Fisch noch Fleisch. Violetta zeigte jedoch genug Fleisch, um das übliche Opernpublikum anzuziehen: ältere Männer in dunklen Anzügen mit eleganten Krawatten, im Schlepptau ihrer schmuckbehängten Frauen in Abendgarderobe. Die Provokation reichte jedoch nicht, um ein jüngeres, weniger etabliertes Publikum anzulocken. Das Fleisch liebende Publikum saß im Operncafé, trank überteuerten Sekt oder erlesenes Mineralwasser in Designerfläschchen, dazu gab es Lachshäppchen oder Käsestangen mit Radieschen, die in grüne Chilisauce gedippt wurden.
Er hatte sich ein Bier bestellt und fand, dass Verdis Musik auch bei einer mittelmäßigen Inszenierung immer noch gut sei. Seine Gedanken schweiften jedoch bald von Musik und Inszenierung ab und endeten dort, wo sie in letzter Zeit immer endeten: warum war er alleine hier, warum war sie nicht mitgekommen, war ihre Absage nur eine Ausrede gewesen, war das nun das Ende ihrer Beziehung? Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er die Erscheinung aus dem Reich der Fische erst bemerkte, als sich der Gesprächspegel merklich senkte und viele Blicke in dieselbe Richtung sahen. Dann fiel sie ihm auch auf, die junge Frau, die mitten im Saal allein auf der freien Fläche stand, die manchmal zum Tanzen genutzt wurde. Sie sah so völlig anders aus als das Fleischpublikum, das sein, und vermutlich nicht nur sein erster Gedanke war, was will denn die hier.
Schon ihr Outfit war bemerkenswert: eine kurze, schwarze Jacke, darunter ein knallrotes T-Shirt. Taille und Hüfte waren genauso nackt wie bei Violetta. Der schwarze Minirock gerade mal zwei Hand breit. An den langen Beinen schwarz-weiß geringelte Strümpfe und violette Lackstiefel mit hohen Absätzen. Ihre Arme, mit einigen Tatoos verziert, hielt sie wie ein verlegenes Schulmädchens vor den Körper, in den verkrampften Händen ein winziges rotes Handtäschchen mit schwarzen Punkten, ein etwas groß geratener Marienkäfer. Sie klammerte sich an diesen Käfer als ob er ihren angreifbaren Körper schützen könnte.
Das Gesicht war nicht besonders hübsch, aber attraktiv und ausdrucksstark. Die bleiche, fast weiße Farbe stand in herbem Kontrast zu dem kurzen, schwarzen Haar, zu dem mit dunklem Lippenstift herausgehoben Mund und zu den düsteren Augenhöhlen, die sich aus schwarz gemalten Brauen, überlangen Wimpern und dunklem Lidschatten ergaben. Überraschenderweise war aber die Farbe ihrer Iris ein helles, strahlendes Blau.
Der Blick aus diesen Augen war gehetzt und unstet. Es schien, als suche sie jemanden. Aber es war niemand da, den sie erkannt hätte und es kam auch niemand auf sie zu. Sie stand eine Weile fast reglos da und bewegte nur leicht ihren Oberkörper hin und her. Dann machte sie ein paar staksige Schritte auf die Tische zu, verfolgt von den Augen des stumm und neugierig glotzenden Publikums. Sie trat an Tische mit einem älteren Paar und sprach leise auf die beiden ein. Ablehnendes Kopfschütteln. Dann derselbe Vorgang mit demselben Resultat am nächsten Tisch. Schließlich sah sie ihn, der allein an einem Tisch saß, sich an einem Bierglas festhielt und sie anstarrte. Sie ging zu ihm und setzte sich unaufgefordert. Ob er ihr ein Glas Sekt bestellen könne? Sie holte eine Schachtel Zigaretten aus dem Marienkäfer, entnahm eine und wartete, dass er ihr Feuer gäbe.
So sehr ihn diese Erscheinung faszinierte, so unangenehm war ihm ihre Anwesenheit, weil er nun auch zwangsläufig im Mittelpunkt des Interesses stand. Er brauchte eine Weile, ehe er mit dem Kopf schüttelte. Ob er ihr dann wenigstens ein paar Euro geben könne, für die Straßenbahn. Verlegen zog er sein Portemonnaie und gab ihr 2 Euro. Sie nahm sie, ohne sich zu bedanken. Als sie schließlich erneut in ihrer Handtasche kramte, ein billiges Wegwerffeuerzeug entnahm und ihre Zigarette selbst anzündete, räusperte er sich und sagte, man dürfe hier nicht rauchen. Mit einem spöttischen Lächeln warf sie die kaum angerauchte Zigarette auf den Fußboden und trat sie mit dem Absatz aus. Dann stand sie auf und fragte laut und provokativ in die Runde, wo denn hier der Ausgang sei. Man zeigte ihr die Richtung und sie ging, die Hüfte leicht schwingend, den Oberkörper wiegend, zu der Tür und summte dabei „sempre libera“. Bevor sie in die kalte Dunkelheit trat, drehte sie sich noch einmal um, sah ihn mit immer noch spöttischem Blick an und zuckte die Achseln. Die Fanfaren kündigten das Ende der Pause an. Er ging zurück zur Traviata. Seine Gedanken waren nicht bei der sterbenden Kokotte und auch nicht bei seinen Beziehungsproblemen. Er malte sich aus, was gewesen wäre, wenn er ihr doch einen Sekt spendiert hätte. Er ärgerte sich über seine Verklemmtheit und war zugleich froh, dass er es nicht getan hatte.
Kleinbürgerseelen verklemmt in der Oper, um sich an "Fleisch" zu ergötzen.
Der Leserin schwant gleich nichts Gutes.
Tatsächlich:
In der Pause tritt Amy Winehouse auf, und zwar in bewährt "bemerkenswertem Outfit", nämlich angetan mit "einer kurzen, schwarzen Jacke, darunter ein knallrotes T-Shirt. Taille und Hüfte sind genauso nackt wie bei Violetta. Der schwarze Minirock gerade mal zwei Hand breit. An den langen Beinen schwarz-weiß geringelte Strümpfe und violette Lackstiefel mit hohen Absätzen. Ihre Arme, mit einigen Tatoos verziert, hält sie wie ein verlegenes Schulmädchens vor den Körper, in den verkrampften Händen ein winziges rotes Handtäschchen mit schwarzen Punkten, ein etwas groß geratener Marienkäfer." Die Leserin lächelt mitleidig, während die intelligente Pausenkommunikation verebbt. Niemand erkennt Amy (iss klar, ne), und deshalb weiß auch keiner, was zu tun ist; am allerwenigsten der Prota, welcher - von schwerwiegenden und heutzutage in gewissen Kreisen nicht unüblichen "Beziehungsproblemen" geplagt - "so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt" ist, "dass er die Erscheinung aus dem Reich der Fische erst bemerkt, als sich der Gesprächspegel merklich senkt und viele Blicke in dieselbe Richtung sehen". Spätestens hier ist die Leserin betroffen von der sprachlichen Eleganz des Textes. Amy aber ist verärgert, weil sie nicht erkannt wird. Sie macht das Beste draus und kassiert mittels billiger Anmache zusätzlich zu ihrer sechs-stelligen Gage zwei Euro vom Prota. Sie entfernt sich ohne nennenswerte Skandale, holt aber doch immerhin dem Prota mit einer kleinen Zigarettenszene provokativ noch schnell einen runter. Dann geht sie "die Hüfte leicht schwingend, den Oberkörper wiegend" zur Tür und summt dabei sempre libera. Die Leserin feixt. "Bevor sie in die kalte Dunkelheit tritt, dreht sie sich noch einmal um", sieht den Prota "mit immer noch spöttischem Blick an und zuckt die Achseln." Fuck, welch ein Abgang! Die Leserin feixt lauter. Zurück bleibt mit seiner Kleinbürgerseele und den vielen unangenehm gedankenverursachenden Beziehungsproblemen der Möchtegernprota. "Er malt sich aus, was gewesen wäre, wenn er ihr doch einen Sekt spendiert hätte. Er ärgert sich über seine Verklemmtheit und ist zugleich froh, dass er es nicht getan hat." Die Leserin weint, denn nun muss sie an jene tiefe Wahrheit denken, die da heißt:
Für mein Maß ein schwacher Text, der mit Klischees von vorgestern spielt und diese so stockbieder hintereinander montiert, dass sich keinerlei Spannung oder Suggestionskraft entfaltet. Die Personen sind ohne Tiefe, und was passiert, ist ohne "innere Wahrheit". Behauptungen werden aufgestellt, Aussagen getroffen (über Befindlichkeiten z.B. des Protagonisten), bleiben aber leer und zurechtkonstruiert (z.B. die Stelle am Schluss, wo es heißt: "er malte sich aus ..." - das ist eine abstrakte, dürre Floskel, die dem Leser nichts vom Innenleben des Protagonisten vermittelt).
Die Sprache ist flach, ich fand keine Stelle, die ich als "vital" bezeichnen könnte. Zwar ist der Text sprachlich von der Stümperhaftigkeit eines Retep oder autor***** (dies nur Beispiele zur Illustration; nichts Persönliches, kein Affront) weit entfernt, findet aber (hierin dem Stile des derSibirier nicht unähnlich, um ein weiteres Beispiel zur konkreten Veranschaulichung meiner Hinweise anzuführen) doch über klischeehafte Wendungen häufig nicht hinaus und verfehlt so ein stilistisch originelles, eigenständiges Schreiben. Dazu einige Spots:
Allzu oft gehört und trivial (also nichtssagend) sind Kombinationen wie kalte Dunkelheit, schwingende Hüften, herber Kontrast, stumm und neugierig glotzen u.a.m.
Zur Beschreibung der Protagonistin: Wie erkennt "er", dass ihre Arme "mit einigen Tattoos verziert" sind, da sie doch diese wohl langärmelige schwarze Jacke über dem roten T-Shirt trägt, das Fleisch ihrer Arme also bedeckt sein dürfte vom Stoff ihrer Jacke? Röntgenbrille?
In der Beschreibung der Protagonistin (dies mit Schmunzeln noch hinzugefügt) mag sich wohl enthüllen, was der Autor für bemerkenswert und auffällig hält, wodurch wiederum er (der Autor) sich unvermerkt als seelenverwandt in Biederkeit seinem eng-verklemmten Protagonisten outet. Das ist hübsch.
Die Wendung "viele Blicke sehen in dieselbe Richtung" ist schlechtes, da falsches Deutsch. "Viele Augen schauen/blicken in dieselbe Richtung" - das ginge.
Für den Fall, dass eine/r nicht weiß, wer die weiter oben von mir erwähnte Amy ist, stell ich noch ein Vid ein (s.u.), auf dem frisch und live-haftig genau das Muster abläuft, das auch der Yupag-Text hier "benutzt":
Brave Bürger ziehen sich hoch an einer "Bemerkenswerten", die allem Anschein nach weniger "kontrolliert" ist als sie selbst.
Offensichtlich ist dieses Sichanwemhochziehn ein mit Lustgewinn verbundener Prozess, der hilft, über die emotionalen Wüsten und Ödnisse, über die vertrockneten und stillgelegten Bereiche des eigenen Lebens hinwegzusehen und mindestens momentweise dem inneren Abgestorbensein zu entkommen. Man gafft "das Andere" an und fühlt sich dadurch belebt, angeregt; man fühlt was - ah, endlich mal wieder! - sei es Geilheit, Empörung, Rührung, Mitleid, was auch immer. Yupag langt mit seinem Text also eine nicht uninteressante Thematik an (~ eine Geschichte aus jener Welt, wo man sich "am fremden Blute labt"); die "literarische Umsetzung" find ich aber - wie lost wohl auch - ziemlich hölzern. Das kann man saftiger haben. Aber sei's drum, wer bin ich, hier Steine werfen zu wollen ...
Diese Stelle - "Er malte sich aus, was gewesen wäre, wenn er ihr doch einen Sekt spendiert hätte ..." - da, genau da steckt er doch, der POI, da könnte es interessant werden; da steht potentiell das schier Unaussprechliche, das aber der eigentliche Motor, Motivation des Prota ist, das, was ihn eben "treibt"; da ist die Tür, die, wenn ein Autor sich traute, sie zu öffnen, hinter die ewiggleichen, langweiligen (Sprech- und Schreib-) Kulissen führen könnte, hinein in den männlichen Innenweltenraum, in den dark room der verklemmten Spießerseele, ins Kellerverließ, ins Zentrum der Eigenmacht, wo mann den Schwanz dann endlich mal nicht mehr einzieht, sondern ihn sich ausleben lässt; da könnte es spannend werden und authentisch, ausnahmsweise mal ... aber über das, was "da unten" passiert, schreibt natürlich keiner. Zu schwierig. Zu gefährlich. Da müsste man den Fokus ja von der "coolen", "auf nuttig machenden", nicht ganz "normalen" und also auch nicht ernst zu nehmenden "Erscheinung" (des Weiblichen) weg lenken, hinein, hinab ins eigene uncoole Innere, man müsste also mal zur Abwechslung nicht aufs fremde Fleisch glotzen, sondern sich mit der Selbstverwesung befassen.
Aber das ist gezz schon ziemlich kompliziert und bestimmt eher weniger verständlich, und eigentlich wollt ich das sowieso alles gar nicht gesagt haben und bitte also um Verzeihung, dass ich so viele verlorene Worte machte --- direkt vergessen am besten und lieber hier an dem netten Amy-Filmchen sich hochziehn.
Ganz kurz zum Text: Mir geht es ähnlich wie es wohl lost und grete ging. Ich finde der Text spielt wirklich mit einer (stereo)typischen Phantasie und schwächelt grad daran, dass sie nicht hinreichend offenbar wird. Diese Andeutung, was wäre geschehen, wenn das Getränk ins Spiel gekommen wäre, das könnte neugierig machen. Allerdings nur, wenn der restliche Inhalt davor dazu Anlass gegeben hätte. So, wie es jetzt da steht, weiß der Rezipient, dass wohl gepfeffert worden wäre – das Einverständnis des weiblichen Parts wird einfach vorausgesetzt. Der Text bietet bisher eigentlich (zumindest für mein Empfinden) nur zwei Gedankenspielzeuge an: Sie freut sich über den Gratisdrink und geht dann alleine, oder mit einem anderen nach Hause, oder sie macht selbstverständlich mit, denn erstens will es der Prot so und zweitens ist sie sowieso nuttig unterwegs und selbstverständlich dem Erstbesten zu Willen. Ja, grad die Schilderung ihrer provokativen Paarungsbereitschaft ist der Phantasie des Erzählers entsprungen, der sie dann aber nicht auflöst, sondern mich mit einer Steilvorlage einer schwülstigen Phantasie zurückläßt, die nicht meine ist. Liegt mir fern, den Text aufgrund der Intention abzulehnen, oder weil ich den Erzähler für notgeil halten würde (wer kann sich von solchen Gedanken freisprechen). Was mich eher stört, sind die fehlende Überraschung und die (buchstäblich) unbefriedigende Auflösung. Mensch, eigentlich will der Kerl doch - warum tut er es nicht, wo er sich doch schon eine willige Bettgenossin nach seinen Vorstellungen zusammengereimt hat? Ich hoffe, ich konnte irgendwie ausdrücken, wo der Mangel für mich liegt. Ein schönes Spiel mit männlich-weiblicher Interaktion, bitter enttäuschten Erwartungen und grausamer Überraschung ist auch dieser Film von Takashi Miike, der männliche Phantasien mit Schmackes auf den Kopf stellt (mir hat es weh getan): Kille Kille
Beste Grüße vom bollo
ich kann nun wirklich nicht behaupten, dass mich der Text begeistert. Der Kommentar von lost drückt präzise aus, was auch ich empfinde. Dagegen leuchtet mir die Sichtweise von Bollo in einem Punkt nicht ein. Es ist allein die Sache des Autors, meine ich, die Geschichte so enden zu lassen, wie es seiner Intention entspricht, ob das dem Leser gefällt oder nicht. Mit ist -gerade in diesem Falle- ein offenes Ende lieber als die Ausmalung einer Szene bis zur süßen oder bitteren Neige. Der Protagonist ist, so stellt es sich mir dar, kreuzbieder und verklemmt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er den Auftritt einer "Amy II" in der Pause ("allein stehend") eher halluziniert als wirklich erlebt hat. Er steht noch ganz unter dem Eindruck der aufregenden (oder eben nicht aufregenden) Violetta und knipst seine Fantasie an, schafft sich seine eigene, zeitgemäße Violetta, eben Amy II.. Sein gestrenges Über-Ich erlaubt es ihm aber nicht, die Szene zu einem befriedigenden oder unbefriedigenden Ende zu fantasieren. Das bleibt, warum auch nicht, den LeserInnen überlassen, wenn sie der dröge Stil dieses Textes nicht längst zum Gähnen gebracht hat.
Eure Kommentare sind schon interessant. Man schreibt einen Text und macht ihn öffentlich und peng, schon ist man in einer tiefenpsychologischen Analyse. Es ist ja völlig klar, das der Autor, genauso wie sein Protagonist verklemmt ist, dass er nur den lüsternen Blick auf eine potentielle Nutte hat. Dass er Sachen denkt und auch macht, die in keiner Weise im Text angedeutet, aber in der Phantasie der Kommentatoren reichlich vorhanden sind. Jeder, der einen Krimi schreibt ist ja auch ein potentieller Mörder. Dennoch danke für das Interesse und die durchaus brauchbaren Hinweise auf die Mängel. Amy - nicht schlecht die Verbindung.
Gruß yupag
heia, yupag, also wenn ich mir gezz die kommentare so durchles und dann deine antwort hier, krieg ich direkt den eindruck, du habest einiges von dem, was dir gesagt wurde, gar nicht verstanden.
aber macht nix. so isses eben im leben: wer kurze arme hat, kommt an die oberen fächer im schrank ganz schlecht dran.