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augustine
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16.11.2009, 01:57 / 9 x geändert
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Mit tiefem Blau umhüllte der Äther die ägäischen Inseln.
Sie schienen zu treiben auf spiegelndem Wasser wie Delos.
Ein Schiff, unhörbar, zog eine Spur hindurch.
Die blieb nicht.
Geschrei der Zikaden stieg auf und brach ab wie befohlen, sekundengenau.
Nichts bleibt.
Inseln nicht, Götter nicht, Menschen nicht.
Nicht Aghaia, nicht ich.
Auf dem der Göttin aber immer noch heiligen Boden
stürzte ich ihr ans Herz.
Schwer lernt’ ich die neue Lektion zur unausweichlichen
Vergänglichkeit, meiner.
Doch wie brüderlich:
es geschah dort, wo Äther und Erde sich zärtlich berühren.
augustine

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Jolante
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Liebe augustine,
zuerst war ich ein wenig verunsichert, ob es sich hier um ein Gedicht oder um Prosa handelt. Der Text steht in der Rubrik "Prosatexte - Reiseberichte", hat aber mit einem Reisebericht wenig gemein. Für mich ist es ein "Reisegedicht", in dem das lyrische Ich in der ersten Strophe fotografisch genau eine wahrhaft "himmlische" Aussicht beschreibt und in der zweiten Strophe das Geschaute reflektiert. - Das Bild brennt sich mir ein. Ich sehe das Schiff, das "unhörbar" eine Spur durch das Wasser zieht, die nicht bleibt, und ich höre das Geschrei der Zikaden, das abbricht "wie befohlen, sekundengenau". Diese Impression eines blauen ägäischen Spätsommertages in einer Landschaft von bestürzender Schönheit macht dem lyrischen Ich fast schlagartig das Problem der Vergänglichkeit bewusst. In dieser mythischen Umgebung, "auf dem der Göttin immer noch heiligen Boden, stürzte ich ihr ans Herz", heißt es in dem Gedicht. Die Lektion von der eigenen unausweichlichen Vergänglichkeit ist für das Ich kein leichter Lernprozess, doch es findet einen Trost darin, dass es dort geschah "wo Äther und Erde sich zärtlich berühren".
Dieses Bild gefällt mir gut, und ich habe mich gefreut an dem exquisiten augustinischen Blickwinkel.
Es grüßt Jolante

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zuppanova
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Jolante, dem, was du schreibst, schließe ich mich gern an.
Ein Reisegedicht, im Kern wohl sehr persönlich, und vielleicht als Essenz vieler Einzeleindrücke zu verstehen; herausdestilliert das, was das Wesen der beschriebenen Landschaft ausmacht für das Ich, welches da spricht: die Schönheit, die Vergänglichkeit; das Meer, allgegenwärtiges Blau; das Unhörbare, das Ferne; die Zikaden, deren "Geschrei" auch für mich mit Hitze und Sommer verbunden ist. Die Zikaden hier im Text auch verknüpft mit der Zeit, Überleitung vom ersten zum zweiten Teil.
Ein Wort ragt heraus: der Äther. Mir fällt Hölderlins "Äther" ein.
Der Göttin ans Herz stürzen - das ist doppeldeutig, denn "stürzen" ist ein Verb, welches eine aktive Vorwärtsbewegung anzeigen kann, aber auch ein passives Fallen.
Das "brüderlich" erschließt sich mir nicht ganz. Es scheint mir ein Trost darin zu stecken - aber warum gerade "brüder"lich? Das verstehe ich (noch) nicht.
LG - zuppa

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Gerd
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23.11.2009, 08:08 / 1 x geändert
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Liebe augustine,
so stimme ich ein in den Reigen mit Jolante und zuppa, nur zu ergänzen, was nicht schon gesagt. Ein Reisebericht einer wohl äußeren als auch inneren Reise, die sich in Ursache und Wirkung gegenseitig zu bedingen scheinen. Die Zäsur zwischen Innen und Außen ist formdeutlich ersichtlich. Das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit ist schmerzhaft und kann das Selbst in tiefe Abgründe stürzen, doch hier findet das lyrische Ich Halt. Versöhnlich ist die Erfahrung durch Umgebung, die so viel schon gesehen hat und diese förmlich atmet und gar schon einen Hauch von Ewigkeit trägt. Ja, den Hölderlin lese ich auch und finde zu ihm eine sehr persönliche Beziehung des lyrischen Ichs, die brüderlich anmuten mag, ebenso ist Gevatter Hein expressis verbis mit männlichen Attributen ausgestattet. Den Frieden mit letzterem zu machen und jenen anderen Bruder zur Seite zu haben, darf für mich „brüder“lich sein, dass „schwester“lich mir unpassend erschiene.
Gerne bin ich Dir auf dieser äußeren und inneren Reise gefolgt, die bis zum Rand führte und Dich sowie mich als Leser nicht zurückgelassen, sonder mit nach Hause genommen hat.
Herzliche Grüße in den stürmischen Novembermorgen
Gerd

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augustine²
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17.12.2009, 17:42 / 4 x geändert
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Ich danke euch dreien, Jolante, zuppa und Gerd, die ihr zu diesem Gedicht etwas und Kluges, Eingefühltes, gesagt habt (doch, es ist eins, auch wenn es die Prosa-Kategorie 'Reiseberichte' eigenwillig in Anspruch nimmt). Das habe ich vor mehr als einem Jahr mit dem Gedicht Mitte schon einmal so gemacht.
Ja, es steckt Hölderlin drin.
Die Deutbarkeit von 'brüderlich' auch auf den Gevatter Hein, Gerd, habe ich, zugegeben, gar nicht intendiert. Sie gibt dem Text aber mehr Tiefe. Die allein gemeint gewesene ist in der Tat sehr privat, und ich werde sie nicht öffentlich erklären.
Dann aber noch etwas:
ich kam von dieser Reise wieder mit den doppelten Eindrücken von für mich unübertreffbarer Schönheit und IN dieser Schönheit auch dem von Sterblichkeit, Vergänglichkeit auch meiner selbst. Und wusste lange nicht, wie sie zusammenbringen.
Es gab eine längere (!) Fassung, die mir nicht recht gefiel.
Dann fiel mir das folgende Gedicht von Dagmar Nick (wieder) zu, das ich eigentlich kannte und das zu für mich richtiger Zeit wiederkam - mit gleicher Thematik.
Ich wollte es auf jeden Fall mit hereinstellen. Jetzt muss ich es geradezu, weil ich das Fehlen solcher Texte, die in einem eigenen mit drin stecken, an anderer Stelle bemängelt habe. Ich habe aber nicht dies Gedicht nachmachen wollen, sondern es hat mir den Knoten beim Schreiben gelöst. Für besser als meins halte ich es freilich auch:
Dagmar Nick: Agäischer Sommer
Mittag im Diskant der Zikaden,
und die Sonnenbarke fliegt uns davon
im vierfachgeflügelten Wind.
Unsere Füße und die Erde darunter:
da hängen schon alle Gewichte
zum Sterben daran,
und die Tore stehn offen
nach abwärts,
während wir Aug um Auge
Abschiede üben
von den Küsten des Archipels,
wo sie über dem Wasser schweben,
leicht wie der vierfachgeflügelte Wind,
wie die Sonne, der Mittag
im Diskant der Zikaden.
Grüße von augustine

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