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derSibirier
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Manchmal sprachen die Leute von ihm. Von dem Mann, der wie ein Geist im Hafen gelebt haben soll. Sie nannten ihn den Nebelmann.
Er sei nicht daran zerbrochen, weil ihm etwas genommen worden wäre, sagten sie, denn er habe nie etwas besessen, nur sein Leben und eine dreckige Hose und ein paar Träume, die ihm die Menschen und die Ratten nicht hätten wegfressen können. Er habe im Park unter der Brücke geschlafen, und wenn es regnete hinter den Containern in einer leeren Blechhalle der Konservenfabrik.
Zu seinem Boot solle er durch einen glücklichen Zufall gekommen sein. Bernadette, die anlehnungsbedürftige Händchen gehalten haben solle, habe stundenweise als Buchhalterin beim Hafenmeister im Erdgeschoss gearbeitet. Er solle sie das erste Mal an einem Augusttag, an dem die Segelboote guten Wind hatten, gesehen haben. Er habe gerade unter dem Löwen von Lindau auf vergammelten Zeitungen geschlafen, als ihre Lippen ihn wachgeküsst hätten.
Wispernd fragte sie: „Möchtest du ein Zuhause, wo du dich wohlfühlst?“
Bernadette nahm ihn bei der Hand und sie gingen auf dem Steg zu einem Segelboot. Das mittelgroße Schiff war irgendwann mal über den See gefahren, es musste lange her sein. Der Anstrich war abgebröckelt und der Mast ragte wie eine krumme Fahnenstange empor. Am Rumpf war verwittert „Nebelkrähe“ und die Jahreszahl „1952“ zu lesen.
Sie betraten das Boot und die alten Bretter stöhnten, als wären sie Fischgräten mit erbärmlichen Schmerzen, oder als hätten sie die Schwindsucht mit bösem Fieber. Bernadette fragte ihn nach Geld und Angehörigen. Er schüttelte den Kopf und sagte, dass er so etwas nie besessen habe, oder sich nicht erinnern könne, und dass sie einen süßen Mund habe und er sie gerne küssen würde. Bernadette fragte ihn nicht weiter und hielt ihm ihre schwulstigen Lippen entgegen, und dann küsste er sie, und sie fragte ihn nie mehr danach. Ihre Lippen waren weich und er saugte daran, als wäre er ein Fisch, der zu atmen versuchte, aber keine Lungen hatte und dessen Kiemen voller Sand steckten.
Sie führte ihn kichernd unter Deck. Die Kajüte war klein und dreckig, die Luft reizte seine Schleimhäute. Es stank nach Öl und das Bullauge war ein ödes Loch mit blinder Scheibe. Die Pritsche mit einem sauberen Laken überzogen und Bernadette fett und nackt. Sie war das Obdach seiner Begierde.
Bernadette kam fast jeden Abend auf das Boot. Ihre kalten Hände und der Zigarettenatem waren die Einzigen in diesem schwülen Sommer, die nicht schwitzten. Bevor die Sonne aufging, war sie wieder verschwunden, so wie der Dunst über dem trüben Wasser des Hafens. Tagsüber döste er vor sich hin. Die Boote in der Nachbarschaft fuhren morgens raus und die Freizeitkapitäne legten ihm gegenüber eine schmierige Freundlichkeit an Tag, die seinen Magen rebellieren ließ.
Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören. Am liebsten mochte er den Fischer, der vor Tagesanbruch ablegte und nie vergaß, vorher noch über die Reling in den See zu pinkeln. Wochenlang ging er nicht von Bord, versteckte sich vor Lindau und seinen Gesichtern. Abweisend und fremd war ihm alles geworden. Die Möwen ruhten souverän auf dem Mast und zeichneten das Boot. Der Fischer blieb manchmal stehen und gab ihm etwas von seinem Fang ab. Sie sprachen nie ein Wort, es war überflüssig. Die Kinder luden in abends zum Spielen ein und er fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben willkommen. Zu späterer Stunde brachte ihm Bernadette ihren dicken Körper und ließ sich nehmen, als wäre sie ein Trüffel, der zum letzten Mal seine Sporen verteilte. Er liebte sie bis in die frühen Morgenstunden und seine Samenstränge spuckten aus, was er vom Leben bisher bekommen hatte - etwas Eiweiß und ein bisschen warmen Wind. Dann träumte er von toten Hunden, von schwarzen Pferden auf der Schlachtbank und er war glücklich dabei. Selbst Auswürfe des Lebens erschienen ihm in den alkoholgeschwängerten Fantastereien seiner Träume wunderschön.
Dieser Lindauer Sommer war sein Sommer.
Dann war der Sommer vorbei und der Hafenmeister sagte, dass er verschwinden solle. Er sah ihn erst dämlich an und überlegte, ob er ihn in die See werfen solle, meinte dann aber, dass es ihm nichts ausmache, wegzugehen.
Am nächsten Morgen hing er am Mast und ein paar Leute blickten wohlwollend zu ihm hoch. Eine Silbermöwe ruhte auf seiner Schulter und spielte mit seinem Haar und einem seiner Augen. Bernadette saß wie ein trauriges Walross darunter und weinte. Der Fischer streichelte ihr Haar und schwieg wie damals, als der Nebelmann noch lebte und etwas später dann, da küsste er sie.

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Gretchen
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10.11.2009, 19:09 / 1 x geändert
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"Zu seinem Boot solle er durch einen glücklichen Zufall gekommen sein. Bernadette, die anlehnungsbedürftige Händchen gehalten haben solle, habe stundenweise als Buchhalterin beim Hafenmeister im Erdgeschoss gearbeitet. Er solle sie das erste Mal an einem Augusttag, an dem die Segelboote guten Wind hatten, gesehen haben. Er habe gerade unter dem Löwen von Lindau auf vergammelten Zeitungen geschlafen, als ihre Lippen ihn wachgeküsst hätten."
und überhaupt im ganzen stück vielleicht auch bisschen sehrvielviel indirekte rede y konjunktivs auf einem haufen. verbessern?
ansonsten: jaja, shit happens, die luft ist heiß und der sommer dann irgendwann auch überstanden ... puh - gottseidank. und damit wär auch schon alles gesagt. find ich jedenfalls.
ps: grüß den Retep von mir.

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lost
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Guten Morgen!
Margret, so klug wie herb, legt flugs den spitzen Finger in die Wunde. Das von ihr ausgewählte Zitat dürfte tatsächlich die problematischste, misslungenste Stelle des Textes sein, exemplarisch für die sprachlichen Ungeschicklichkeiten, an denen die Geschichte gesamt krankt. Hier besteht sicherlich Verbesserungsbedarf, damit der Leser nicht begraben werde unter vielfach sich wiederholenden "soll"-Konstruktionen und "habe(n)"-Einheiten. Hinzugefügt sei aber, dass es prinzipiell günstig ist, in einem solchen Text die direkte Rede tunlichst zu vermeiden. Feinarbeit tut Not. Feinarbeit frisst Zeit.
Ohne nun ins Detail gehen zu wollen, möchte ich aber doch festhalten, dass der Text nach meinem Dafürhalten grundsätzlich Potential zeigt. Soll heißen:
Ein Thema, sagen wir "Sehnsucht nach Liebe" oder "Sehnsucht nach Zugehörigkeit" oder "Die Sehnsucht, ein Zuhause zu haben", wird konsequent bebildert, nicht ohne diskret nach Bukowski schielenden Schmuddelcharme; ein Ort, eine Kulisse aufgebaut; darin agieren zwei gleichsam antagonistische Handlungsträger, Mann und Frau, die in je unterschiedlicher Weise mit ihrer Einsamkeit und Verlorenheit umgehen. Beide stehen am Rand der Gesellschaft, beide sind auf eine Art heimatlos. Zwar ist die Schwarz-Weiß-Zeichnung der im Stück auftretenden Personen womöglich stellenweise zu sehr am Klischee, doch wird Weinerlichkeit, Gefühlsduselei weitgehend vermieden, die Geschichte fließt durchaus, das Ende setzt die verschiedenen Lebens- bzw. Sterbens-Entwürfe der beiden Protagonisten, das "Ausweglose" ihrer Existenz auf den Punkt.
Die Idee, der Entwurf, das Bilderpanorama gefällt mir so schlecht nicht. Jener andere hier eingestellte Text - "Die große Stadt" - erscheint mir deutlich schwächer, unausgereifter in der Sprache und in der Führung (langatmig und umständlich erzählt, unspektakulär, zu gefühlig, moralin-isch; dies wurde vom klugen Gretchen bereits am anderen Ort moniert).
Btw.: "Er sei nicht daran zerbrochen, dass ..." sagt man. Oder: "Er sei nicht zerbrochen, weil ..." - "Er sei daran zerbrochen, weil ..." ist nicht korrekt.
Soweit mein Beitrag.
"Man wird sehen" - um einmal Frau von dem Güldenmund zu zitieren.
best, lost
Liebste Margret, darf ich Sie einmal mehr an Ihr Versprechen erinnern?

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Jolante
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Guten Tag!
Da lost schon alles gesagt hat, was ich so gut nicht hätte ausdrücken können, bleibt mir nur noch die Feststellung, dass dieser Text mich mehr anspricht als viele Beiträge, die ich in letzter Zeit hier gelesen habe (jmeine eigenen eingeschlossen). Eine sprachliche Glättung vorzunehmen, dürfte kein Problem sein,findet
in die Runde grüßend,
Jolante

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derSibirier²
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hallo euch
danke für die paar Blumen, und dir besonders lost, für das Beschreiben der Schwächen.
hm, ich schreib noch nicht lange, ein Jahr, ich versuche zu lernen, Sprache und Aussage, wenn's nichts wird, kann ich immer noch versuchen, etwas zu malen, oder ich erschieße mich, oder weiß ich was ...
schöne grüße der Sibirier

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ruelfig
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Hallo derSibirier,
also ich finde, du solltest straffen, die Sätze vereinfachen, korrigieren. Dein Text hat was, vielleicht gewänne er noch, wenn der Ort der Handlung ins Nebulöse verzöge. Das wird, mit etwas Arbeit.
Lass das mit dem Erschießen, das macht zu viel Sauerei. Auf hoher See über Bord oder ohne Wasser in die Wüste...
LG,
R

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lost
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11.11.2009, 19:25 / 1 x geändert
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>> danke für die paar Blumen, und dir besonders lost, für das Beschreiben der Schwächen <<
Dass Du einen "besonderen" Dank an mich richtest, lieber derSibirier, überrascht mich, beschämt mich sogar, denn:
Nicht mir gebührt Dank "für das Beschreiben der Schwächen", sondern dem klugen Gretchen.
Warum?
Nun, sie war es doch, nicht wahr, die zuerst die Schwächen Deiner beiden Texte enthüllte und aufzählte. Ich tat nicht mehr und nichts anderes als das, was sie herausgefunden hatte, für Dich zu übersetzen, da Du ja ihre Sprache nicht zu verstehen scheinst.
regards ...

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derSibirier²
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an gretels aussprache muss ich mich erst gewöhnen. aber auch ihr sei gedankt.
der Sibirier

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augustine
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13.11.2009, 16:27 / 1 x geändert
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Die Geschichte hat einen gar nicht schlechten plot. Nur just im schönen Lindau wirkt sie unglaubwürdig: Da würde wohl kaum ein verkommenes Boot in der Nähe von Freizeitbooten liegen dürfen, auch nicht, wenn das Mädchen drauf beim Hafenmeister arbeitet (oder du müsstest es noch besonders begründen); da fragt man sich, warum' s den Sommer über geht und dann nicht mehr; fragt sich auch, warum der Landstreicher sich deswegen aufhängt - mit dem Mädchen verbindet ihn nicht mehr als Ficken. - Glaubhafter wäre sie irgendwo im Nebel-Norden angesiedelt, fernab von Tourismus auf jeden Fall.
Und diese 4 'als wenn'odersoähnlich - Sätze passen nicht in eine Kurzgeschichte, über deren Machart du den ruelfig gerade meintest belehren zu müssen.
augustine

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derSibirier²
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13.11.2009, 16:50 / 1 x geändert
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hallo @augustine
lindau-insel- kleiner werfthafen um die ecke, aber auch bonzen haben ihre kisten da stehen, vielleicht zweitrangige bonzen, ich weiß es nicht.
der typ hängt sich nicht wegen dem maid, liebe augustine, sonder weil er kein zu hause hat, ein sentimentaler einfaltspinsel, mehr ist er nicht. die hängen in jedem hafen an den masten, man braucht nur genau hinzusehen.
und meine liebe, ich belehre niemanden, meine subjektive meinung zu einem text, mehr ist das nicht. komischer haufen hier. alles ein bisschen voreingenommen, zusammenhaltend, wie ein stück rudel, wo einige ein wenig kläffen und giftig blicken, seltsame welt.
mir gehts um's texten und nicht um krims-krams rangordnungen, wenn mal einer daher kommt und an einen baum pisst, seid ihr geschockt, lustig.
sibirier

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ruelfig
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Also hier im Duisburger Binnenhafen hängen keine sentimentalen Einfaltspinsel an den Masten, nur Flaggen. Natürlich Bonzenflaggen und so, vielleicht sogar drittrangige.
"Ein Stück Rudel", darf ich mir das bei Gelegenheit ausleihen?
Ach komm, piss doch noch ein wenig an den Baum, ich nehme auch gerne die Lupe raus, mir beim Lesen zu helfen. Sei doch mal lustig.
LG,
R

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