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Vladimir
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03.09.2009, 11:11 / 2 x geändert
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Die Augen gestochen (vor der Pietà) von
den Blitzen - ihrer Spiegelung am Glas. Denn sie,
die Auferstandenen, ruhen dahinter. Der Dom:
im Ablassschaum ertrunken: rückgratlos.
Denn (immer wieder): wir selbst sind das Gedicht
und Gotteswort; eines Touristen Haltung und dass
du dies zeichnest frommer als... Und stakt ein Wort
rein: "Anche tu sei l'amore" - und: "Leiche", ja,
darf selbst doch nicht sagen: "Lass uns sie kämmen, lass
uns ihr Auge himmelwärts richten" und stammels doch
nach. Nichts in Marias linker Hand - nichts als Luft, nichts
als Glaube, als Frei-, als Offenheit, Osterlicht – nichts.

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Gretchen
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Hei Vladimir,
hab Dein Gedicht nicht nur einmal gelesen, aber es ist schwierig für mich, und was ich jetzt gleich schreibe, kann nur ganz bruchstückhaft sein, paar subjektive Wahrnehmungssplitter, mehr oder weniger hilflose Annäherungsversuche.
Der Titel distanziert ("Bericht aus Rom"), erinnert an "Bericht aus Berlin", "Bericht aus Brüssel", so tagesthemenlike, nachrichtentextmäßig, emotionslos gegebene, sachliche Information. Dieser Eindruck wird verstärkt in den ersten drei Zeilen: das vom Text umkreiste und betrachtete Objekt, die von glotzenden Touristen bepilgerte und tausendmal fotografierte Pietà, ist hinter Glas, was eine Unzugänglichkeit impliziert, eine Unerreichbarkeit, sowohl für den, der da spricht, als auch - unterschwellig - für den Leser. Andererseits ist da die Formulierung "Die Augen gestochen", das ist für mich wie ein Gegenentwurf zur vom Glas postulierten "Distanz", denn etwas, das "ins Auge sticht", berührt intensiv. Es wird also, so stellt es sich mir dar, von Anfang an eine hohe Spannung aufgebaut zwischen "entrückter Ferne" und "schmerzhafter Nähe".
Die folgenden Zeilen, so kommt mir vor, handeln nun von den inneren Prozessen des Sprechers, von seinem Bemühen, diesen Zwiespalt von "getroffen sein" und "nicht näher kommen können" zu überwinden, von seinem Leiden daran. Dann, für mich nicht wirklich einzuordnen, wird Cesare Pavese zitiert --- das "Wort", das "reinstakt". Die Botschaft dieses Zitates bzw. seine Rolle innerhalb des Textes verstehe ich nicht, vermute aber, dass das, was über die "Leiche" gesagt wird, eine Erläuterung dazu ist - die ich ebenfalls nicht deuten kann. Vielleicht ist dieses "stammels doch / nach" ein Schlüssel. Schließlich wie eine Zusammenfassung des zuvor Beschriebenen oder wie eine Klimax oder schärfster Brennpunkt das Schlussbild: ein Detail in den Fokus gerückt, die Geste der Maria, ihre linke Hand, die "Nichts" hält - und das Nichts ist Luft, Glaube, Freiheit, Offenheit, Osterlicht. Das ist frappierend (für mich) und sehr eigen.
Ein Abgesang an jeden Sinn und eine Bekräftigung und Bestärkung aller Sinnhaftigkeit zugleich?
Naja, Vladimir, da hast Du ein Gedicht vorgestellt, das mich ratlos macht, ich finde keinen Blickwinkel, aus dem ich es mir erschließen könnte, dennoch merke ich, dass es mich beschäftigt.
Du wirst vermutlich nicht viel anfangen können mit dem, was ich da jetzt so aufgeschrieben hab. Sieh mir also diesen Un-Kommentar nach, nimm ihn einfach mal als Zeichen meiner - hab das oben schon gesagt - Bemühung um Annäherung an einen Text, der mich sonderbar berührt, sich aber nicht begreifen lassen will von mir.
Gretchengrüße
Ach so, das noch: Zeile drei: die Auferstandenen?

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augustine
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Er gefällt mir, Vladimir, dieser "Bericht aus Rom"; was heißt schon: 'gefällt'? Ich werde es noch sagen können, da setzt sich schon manches zusammen. Aber wieder noch nicht jetzt.
Aber hinweisen wollte ich auf
dies Gedicht von Gerd und das Gespräch, das sich daran anschloss. Es ist schön, dass so etwas immer noch möglich ist hier.
Grüße von augustine

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augustine
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10.09.2009, 23:29 / 2 x geändert
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Hallo, Vladimir,
dann also zu deinem römischen Reisebericht:
Zwei nachdenkliche Touristen in St. Peter und vor (des erst 23-jährigen) Michelangelos Pietà, die hinter Glas stehen muss, weil sie fast zerstört worden wäre; daraus ergeben sich Verhaltensweisen und Beobachtungen:
die Touristen halten drauf, was die Linse hergibt, auch mit Blitz (was ja mutmaßlich verboten und angesichts von Glas auch sinnlos ist) - und die Blitze brechen sich am Glas und verhindern so gerade die Wahrnehmung dessen, was dahinter ist und stechen zurück in die ahnungslosen Touri-Augen, die aber das irgendwie Berühmte gesehen haben möchten;
das ist eine Pietà, ein Frömmigkeitsbild oder eine solche Plastik: Maria mit ihrem toten Sohn im Schoß;
sind sie beide die "Auferstandenen"?; ich habe in der RGG die Dogmengeschichte (oberflächlich) nachgesehen; leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel wurde Dogma erst 1950; natürlich befestigen Dogmen schon bestehende Volksfrömmigkeit zu Lehrmeinungen, in diesem Fall hat das fast 1 1/2 Jahrtausende gedauert; [ich zitiere ein Stück, weil das doch (mir) sehr einleuchtend ist: "Der Ansatz der M. ist in dem biblischen Zeugnis von Marias Mutterschaft zu sehen, durch das jedoch über die Jungfrauengeburt (, 2. 3) hinausgehende Aussagen nicht veranlaßt werden. Jeder weitere mariologische Satz ist das Ergebnis postulierender Exegese wie kombinierender Methoden theologischer Satzbildung. Die dogmenbildende Funktion übernimmt die Glaubenshinterlage (depositum fidei) zu Händen des unfehlbaren Lehramtes, das die formulierten und noch zu findenden Sätze der M. unter Berufung auf den Glaubenssinn und die Tradition der Kirche proklamiert. Die Dogmenentwicklung folgt der Marienverehrung (: I), in der, geschichtlich gesehen, die M. aufs stärkste verwurzelt ist [...]"
Mariologie. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 21177
(vgl. RGG Bd. 4, S. 767) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)]; RGG ist protestantisch]
der Dom, "im Ablassschaum ertrunken" - als Formulierung großartig -, das sagt ein Protestant; für mich klingt 'Abschaum' und 'Schaumschlägerei' mit; man könnte auch ans Barocke überhaupt denken: dessen sich in unübersehbarer Vielfalt überschlagende - Formlosigkeit (finde ich; grundsätzlich; also nicht an jedem Ort)
"rückgratlos" ist aber diese Hauptkirche des katholischen Christentums gerade nicht: mit allen ihren Dogmen hat sie sich doch gerade ein Rückgrat eingezogen, das nun nicht mehr verlassen werden kann;
gegen Dogmen setzt du das protestantische "wir selbst"; dann aber: sollte es eigentlich 'Gericht' heißen? (im Sinn von 1. Kor 11, 29); die Verbindung mit "Gotteswort" erschiene mir dann einfach
die grammatische und gedankliche Verbindung zum Folgenden ist mir nicht ganz klar oder eigentlich nur: was denn "eines Touristen Haltung" sei (ist mir nicht klar); dass Zeichnen "frommer" sei als Fotografieren: ja, denn es zu zeichnen erweist dem Andachtsbild die Ehre, sich auf es einzulassen; dem stimme ich ohne Weiteres zu: wenn 'fromm' soviel heißt wie: einer Sache hingegeben, aufmerksam sein (trotzdem für eine Erklärung dankbar, was DU gemeint hast und meinst; U.);
in dieser hingegebenen Aufmerksamkeit stören aufgeschnappte Touristenbemerkungen: bei der ital. stelle ich mir ein Liebespaar vor (Eros, wo Agape gar nicht verstanden wird) und bei "Leiche" ahnungslose Verachtung
warum durftest 'du' nicht selbst sagen, aber 'nachstammeln' die, was in Zitatzeichen steht, was also das Du im Gedicht sagt? damit habe ich mich erst schwer getan, aber denke jetzt: etwa: lass uns ihr den Schleier der Trauernden abnehmen, ihr ermöglichen, zuversichtlich zum Himmel zu schauen
und dann ihre, Marias, linke Hand, die ja nichts hält, aber auch nicht hängt wie die Hand des Toten: was du da schreibst, hat mich wirklich ergriffen: Offenheit. Wenn sie die in der Handbewegung hat, dann ist aber ja beides da: IN der Trauer eine Zuversicht, die du als "Osterlicht" deutest; und dann braucht man sie nicht zu "kämmen" und ihre Augen nicht himmelwärts zu richten.
[eingefallen ist mir noch der Gebetsgestus der Muslime, die Hände nach oben offen ...]
augustine mit nächtlichen Grüßen

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Vladimir²
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Hallo ihr alle,
dann sofort nachgucken: "Nächtlich geschürzt" von Paul Celan! Dachte das wär offensichtlicher, weils doch auch neben dem Pavese steht - den Gretchen schon richtig erkannt hat.
Ich werd dann auch noch ausführlicher antworten!
Mit "reinstaken" ist wirklich gemeint (das würde aus dem Gedichtumfeld klar, deswegen sag ichs hier): von außen herein; muss also nicht aus dem davor erwachsen sein; ist einfach mit anwesend - von daher also auch die Leiche erstmal (!) wirklich die Leiche bei Celan (das Wort) und nicht Jesus.
Viele liebe Grüße, ich freue mich wirklich sehr über eure Anteilnahme!,
Vladimir

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Jolante
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25.09.2009, 21:22 / 3 x geändert
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Lieber Vladimir,
ich tue mich schwer mit deinem Gedicht, das für mich, die ich die Anspielungen auf Pavese und Celan nicht verstehe, sehr hermetisch ist. Daran ändern auch die Ausführungen von Gretchen und augustine nichts, und auch dein Kommentar hat mich nicht weitergebracht.
Da mir deine Verse aber immer wieder durch den Kopf gehen und mich das Gedicht auf eigenartige Weise an-spricht, versuche ich jetzt einfach mal das hineinzulesen, was ich nicht herauslesen kann. Das lyr.Ich ist abgestoßen vom Touristenrummel um Michelangelos großartige Skulptur hinter spiegelndem Glas, kann sich aber der Faszination, die von der Pietà ausgeht, nicht entziehen. Es ist die Ästhetik des Kunstwerks, die es "fromm" (oder andächtig) werden lässt, nicht dessen religiöse Bedeutung. Der Betrachter wird angerührt von dem Leid der Dargestellten, er kann Marias Augen nicht himmelwärts richten, er darf die Leiche (das Wort) nicht frisieren und somit schöner machen, er kann nur ein Zitat, das sich ihm eingeprägt hat, nachstammeln. Aber er sieht, worauf es ankommt, er sieht Marias nach oben offene Hand, die nichts als Luft enthält, Symbol für Freiheit und Hoffnung. "Wir selbst sind das Gedicht und Gotteswort", wenn wir die Kunst als etwas Göttliches ansehen.
Vermutlich wirst du wenig anfangen können mit diesem Kommentar, der eigentlich eine Luftnummer ist. Vielleicht aber motiviert er dich dazu, eine Interpretation deines Gedichtes hier zu versuchen.
Liebe Grüße
Jolante

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Vladimir²
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Endlich hab ich wieder Internet - kann eine Antwort versuchen.
Das ist nicht gerade leicht. Jolante, du fragst nach einer Interpretation meinerseits. Na ich wills versuchen.
Dafür erst einmal (oder vielleicht auch nur) die einzelnen Bestandteile - denn es ist ja ein Bericht, gewissermaßen eine Aufzählung: ihr habt das alles schon gut erkannt.
Die Pietà hinter Glas, die Touristen, die mit ihren Blitzen davor abprallen. Das selige Ruhen der beiden dahinter - Augustine fragt: auferstandenen? Damit meinte ich nicht Marias Auferstehung selber - sondern die beiden scheinen den Tod so zu teilen, so beide in ihm begriffen zu sein mit dem toten, dinglichen und dem klagenden, sterbenden Teil, dass doch auch sie wiederauferstehen muss, wenn er es tut?. Trotzdem heißt es: die Auferstandenen - also sie sind es schon; da das ganze 2000 Jahre zurückliegt, da in Marias Hand die Auferstehung schon vorweggenommen scheint, da sie in der Kunst wiederauferstanden sind.
Dann der Dom: den ich wirklich so empfunden habe: ohne echte Mitte, echtes Rückgrat, etwas zusammenhaltendes, ausrichtendes also; schwammig.
Und dabei eben vergessen: ""Wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid?" (1.Kor. 6,19)" - und kein Steinhaus - vor allem nicht, wenn es den Besucher nicht mehr richtet und in eine Ordnung stellt, sondern mit Pomp und Überfülle überschwemmt.
Da ist es frommer, die Haltung, also ganz konkret wie jemand steht, sitzt, wartet, spricht - zu zeichnen, eben den eigentlichen Tempel, als noch so lange im Petersdom rumzustreunen - seis auch ein Tourist.
Das "Gedicht" ist ein Wort an die Kunst, die ja nun auch im Petersdom überbordet - bei allen Gedichten, aller Kunst die man machen kann zu wissen, dass wir selber Geschöpfe sind und aus dem Wort gemacht - ein Gotteswort eben, ein einziges.
Das Pavese-Zitat sagt das ein bisschen anders - es hing mir im Ohr.
Das Celan-Zitat hab ich beim durchblättern einer deutschen Anthologie entdeckt - es ist vielleicht wichtig, dass es da um das Wort geht, das eine Leiche ist und gekämmt werden soll. "Ein Wort - du weißt: eine Leiche." Dies aufrichten, ausrichten des Worts, der Sprache - das kann ich Celan nicht einfach nachreden, weil ich dies "eine Leiche", die Zerstörung, das Verstummen nicht erlebt habe. Aber stammels doch nach.
Und dann die Geste Marias, die mir noch immer aufgefallen ist, auch weil es fast so aussieht, als müsse Jesus ihr vom Schoß rutschen. Gerade um dies beisammensein von Nichts und Glaube, Gretchen, gings mir auch.
Und dann mag man diese Teile verbinden wie man mag.

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Jolante
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07.10.2009, 18:40 / 1 x geändert
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Lieber Vladimir,
ich danke dir für deine Interpretationshilfe. Natürlich bin ich froh, dass ich trotz der Hermetik doch einiges erkannt habe in deinem Gedicht, das du als "Wort an die Kunst" bezeichnest. So habe ich das ja auch aufgefasst. Es ist ein sehr befrachteter Text, aber ich finde es lohnend, seine Tiefen auszuloten. Danke für deine Antwort.
Gruß von Jolante

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