Die Jagd · Echelon · ·


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      Echelon



Die Jagd

   14.08.2009, 14:35 / 2 x geändert



Nur das Knacken brechender Äste, sowie das Rascheln zu Boden gefallenen Laubes, verriet den Fuchs, der in der Abenddämmerung durch das Gestrüpp eines Waldrandes schlich, seiner Umgebung dabei wenig Beachtung schenkend, weshalb er also nicht bemerkte, dass zwei menschliche Augen ihn bereits seit einiger Zeit fixiert hatten und all seine Bewegungen in aufmerksamer Spannung verfolgten.
Das Augenpaar gehörte einem Jäger, der sich hinter einem Baumstumpf versteckt hielt und darauf wartete, bis der Fuchs sich auf eine günstige Schussentfernung genähert hätte, denn schon mehrmals hatte der Jäger den roten, sich geduckt und eilig bewegenden Körper, den buschigen Schwanz, dessen Spitze ein weißer Fleck zierte, im Visier seines Gewehres gesehen, war stets unentschlossen gewesen, ob er schießen sollte oder nicht, hatte sich aber bisher dafür entschieden, dass der Winkel zu ungünstig, die Distanz zu groß sei, um einen Schuss zu wagen. Aus diesem Grunde hatte sich sein schon halb gekrümmter Zeigefinger immer wieder strecken müssen, schließlich hätte ein Fehlschuss dazu geführt, dass der Fuchs – aufgeschreckt durch den Knall – mit einigen schnellen Sätzen tief in den Wald geflüchtet wäre.
Als der Fuchs nun aus der hohen Wiese hinaus trat, welche mit ihren Gewächsen und Halmen sanft seine Unterseite gestreichelt hatte, über einen Feldweg huschte und eine Mauer aus allerlei Sträuchern und Bäumen durchbrach, erhöhte sich der Puls des Jägers, der jetzt – in Erwartung des Fuchses, welcher sogleich auf der anderen Seite des Gestrüpps zum Vorschein kommen müsste – noch aufmerksamer als zuvor durch seine Zieloptik blickte.
Anhand der Zweige des Gesträuchs, die – vermutlich weil der Fuchs sie gestreift hatte – in unruhige Schwingungen versetzt wurden, konnte der Jäger, obgleich er den Blickkontakt verloren hatte, die ungefähre Position des Fuchses ausmachen; nachdem allerdings auch dieses Lebenszeichen allmählich verschwunden war und der Fuchs ebenso wenig am anderen Ende des Gesträuchs erschien, war dem Jäger die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben – der Fuchs musste innerhalb des Gebüschs eine scharfe Kurve eingeschlagen haben und auf derjenigen Seite aus dem Dickicht getreten sein, die weder im Sicht-, noch im Schussfeld des Jägers lag.
Er übte diesen Beruf eigentlich lange genug aus, um zu wissen, dass sich eine solche Gelegenheit, wie er sie soeben verpasst hatte, an einem einzigen Tag kein zweites Mal ergäbe und trotzdem blieb er, in der Hoffnung, die unwahrscheinliche Möglichkeit würde sich in der Unmittelbarkeit einer Tatsache doch noch verwirklichen, lauernd in seinem Versteck sitzen – vergebens, er wartete fünf, er wartete zehn, er wartete fünfzehn Minuten, ohne dass sich etwas Erwähnenswertes ereignete und er hätte wohl noch eine oder zwei ganze Stunden gewartet, wenn ihm nicht sein Verstand und seine Berufserfahrung gesagt hätten, dass die Jagd für heute zu ende sei; zudem machte sich die abendliche Frische, allmählich als eine unangenehme Kälte in des Jägers Gliedern bemerkbar.
Unzufrieden mit den Ergebnissen des heutigen Tages und sichtlich erschöpft, gab der Jäger seine Tarnung auf, hing das Gewehr über seine Schulter, stapfte über den weichen Waldboden auf den Waldrand zu, trat mit den dicken Stiefeln schließlich auf den steinig-sandigen Untergrund des Feldweges und ging gemächlich in Richtung seines Heimatdorfes.
Der Jäger war kaum hundert Meter gelaufen, da sprang plötzlich, aus dem Dunkel des Waldes, das bekannte, diebische, rot-braune Raubtier hervor, das seinen Fehler schon kurz vor dem Absprung bemerkte, die schwungvolle Bewegung aber nicht mehr rückgängig machen konnte und wie angewurzelt, erst mitten auf dem Feldweg zum stehen kam, indessen hatte der Jäger geistesgegenwärtig das Gewehr von seiner Schulter gerissen und den Fuchs der sich ihm als lohnendes und leicht zu treffendes Ziel präsentierte, anvisiert.
Zwei ängstlich-entschlossene Blicke trafen sich in der feuchten Herbstluft, wobei im Auge des Jägers die Entschlossenheit überwog, im Auge des Gejagten die Ängstlichkeit, die sich allerdings – als dem Fuchs zu Bewusstsein gelangte, dass eine Flucht unmöglich wäre und er in Anbetracht dieser aussichtslosen Situation, nicht mehr lange zu leben hätte – in eine derart feste Entschlossenheit wandelte, dass sie die des Jägers fast zögerlich erscheinen ließ.
Langsam, eben so, dass es vom Jäger nicht als ein Angriff, als eine verzweifelte Flucht nach vorne gedeutet werden konnte, ging der Fuchs auf den Jäger zu.
Mehr zu sich selbst, aber – da er sich allein glaubte – doch lauter als man gewöhnlich zu sich selbst zu sprechen pflegt, sagte der Jäger: „Jetzt erwische ich dich, du elender Mörder.“
„Du nennst mich einen Mörder?“, erwiderte der Fuchs.
„Nun, und? Bis du es nicht? Bist du kein Mörder? Hast du nicht die Hühner aus den Bauernhöfen geraubt und sie kaltblütig umgebracht?“
„Wahrlich, rotes, angsterhitztes Blut habe ich aus durchbissenen Kehlen und zerrissenen Adern getrunken; jeden Schluck vom Wein des Lebens genoss ich, doch habe ich jemals Wasser gepredigt? Rohes, noch warmes Fleisch habe ich von Knochen genagt und stets tat ich es ohne schlechtes Gewissen. Wen nennst du einen Mörder? Die Biene die über Wiesen und Heiden schwebend, aus übervollen Blüten trinkt; nennst du dies nicht – idyllisch?
Die Rinder, die an Sommertagen im Schatten eines Baumes liegen, die das saftige Gras mit ihren Mäulern aus dem Erdboden reißen und in kreisenden Bewegungen zermahlen; nennst du dies nicht ¬– friedlich?
Und saßest du selbst nicht gerade erst mit all deinen Verwandten am Tisch versammelt? Aßest du nicht selbst mit Wonne ein großes Stück vom gerösteten Schwein? Und priesest du es nicht als – Festschmaus.
Meine Raubzüge aber nennst du Mord – wenn ich mich an den Hof der Bauersleute heran pirsche, wenn ich mich im Unterholz verborgen halte, geduldig warte, bis der Bauer die Ställe ausgemistet hat und sich zur Mahlzeit ins Haus begibt, wenn ich sodann mit flinken Beinen über ein Stück offenes Gelände eile, mich durch ein Loch zwänge, von denen in dem morschen Holzzaun nicht wenige klaffen, wenn ich mich mit leisen Pfoten dem Hühnerpulk das, obwohl meine Anwesenheit unbemerkt geblieben ist, laut gackernd auf der anderen Seite des Geräteschuppens wild durcheinander läuft, wenn ich schon im nächsten Moment aus einem Winkel oder einer Wandnische hervorpresche, sich das Gackern der Hühner ins unermessliche steigert, sie wilder und orientierungsloser als zuvor durcheinander rennen, der Hahn, welcher soeben noch alleiniger Herrscher war, mich erschrocken – schon ahnend, dass ich im Stande bin, mir von dem ihm Anvertrauten, zu nehmen was mir beliebt – anstarrt und angesichts seiner völligen Ohnmacht beschämt, den Kopf zu Boden senkt, ich unterdessen in den panisch-tobenden Hühnerhaufen laufe, um mit meinem Maul, eines der fetten, weißen Hühner zu packen, das sich zufällig in meiner Reichweite befunden hatte. Schneller noch als der Bauer – der durch das Geschrei aufmerksam geworden ist ¬– aus dem Haus stürzen konnte, bin ich mit dem zappelnden Federtier zwischen den Kiefern, durch eine Öffnung im Zaun geschlüpft und in den schützenden Wald geflüchtet.
So wie die Biene süßen Nektar schlürft, so wie die Kuh das fruchtig-feuchte Gras verzehrt, so wie du das erlegte Schwein verspeist, so darf ich mich nicht von Geflügel nähren? Ist es nicht Hunger der uns treibt, Hunger der gebietet, das zu tun was nötig ist, der gestillt werden will und unbarmherzig immer neue Sättigung verlangt? Verbindet uns nicht – Hunger?
Mit deinem Gewehr im Anschlag stehst du vor mir und willst das Opfer rächen?
Bauernmoral und Opferregentschaft – man erleidet die Tat und leidet scheinbar am Getanen; dass das Opfer aber klagend auf die Tat des Fremden schimpft, und sich stattdessen nicht selbst ob seiner Untätigkeit züchtigt – das ist Selbstmitleid.
O sündiger Sud der Schuldzuweisung, es wälzt das Opfer sich gern darin, es lässt sich gehen, es zergeht wie ein Stück Butter in einer Flamme der Tätigkeit.
Aus dem Opfer der Tat geht das Opfer des Opfers hervor, aus dem toten Huhn, der verletzte Bauer.
Die Unfähigkeit anständig zu Grunde zu gehen, ist der Mangel des Opfers an echtem Sportsgeist, dass der Hahn oder der Bauer mir den Raub seiner Hühner übel nimmt, dass es ihn nach Rache und Vergeltung gelüstet, ist eine Charakterschwäche: Das Opfer nimmt die fremde Tat zu persönlich und die eigene Tatenlosigkeit nicht persönlich genug; der Bauer glaubt ich wollte ihm schaden? Ich wollte fressen; die Beliebigkeit des Opfers ist allzu offensichtlich, denn es erleidet nur durch die Untätigkeit, bzw. die Unfähigkeit das Nötige zu tun, seine Leiden abzuwenden, somit braucht es kein bestimmtes Individuum, sondern irgend etwas, das untätig sein kann – und untätig kann nur etwas sein, dass zumindest der Möglichkeit nach zur Tat schreiten kann.
Opfermoral ist schmachvoll: Wie kann das Opfer ehrlich leiden, wenn es in seinem schwachen Moment, in dem es dem Stärkeren unterlegen ist nach dem Stärksten schreit, das das Stärkere unterwerfen soll, zum Opfer machen soll; Opfermoral ist Doppelmoral: Wie kann das Opfer sein Opfersein- und werden beklagen, und zugleich das Stärkere durch das Stärkste vernichten wollen? Zu lange wurde um Opfer getrauert, wir müssen endlich Taten feiern.“
„Die Jagd ist nicht bloß mein Beruf, nicht nur meine Berufung, sie ist größtenteils meine Leidenschaft – Jagdleidenschaft. Vielleicht bist du derjenige, der alles etwas zu persönlich nimmt; der durch dich erzürnte Bauer ist wohl mein Auftraggeber, doch der Auftrag ist lediglich der Anlass und nicht meine Motivation. Dass ich dich erschießen muss, ist gewissermaßen ein Teilaspekt des Ganzen, mir jedenfalls geht es um die Jagd. Freilich, das Jagen, die Verfolgung, ist mir wichtiger als das Erlegen, als die Trophäe, ganz ohne Beute fehlte dem Jagen allerdings ein Ziel, ein Punkt auf den alles hinausläuft. Betrachte dich also eher als ein Mittel – du bist mir Mittel zur Jagd. Was spricht außerdem gegen einen Auftrag? Der Bauer will dich tot sehen und bezahlt dafür, ich hingegen will meiner Jagdleidenschaft nachgehen, so ist es für mich keine Schwierigkeit das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden und für die Ausübung einer Leidenschaft Lohn zu empfangen.“
„Der Bauer hat dich gerufen um mich zu erlegen? Erschießen kannst du mich ohnehin nur, weil deine Jagdkunst zum Jagdgeschäft verkommen ist, du sagst selbst, dass du einen Anlass zur Jagd bräuchtest, der Auftrag sei der Anlass, sobald du einen Anlass nötig hast, ist jedoch die Kunst verdorben, wie solltest du um des Jagens willen jagen, wenn du erst einen Grund dazu benötigst? Leidenschaft – Jagdleidenschaft, sagst du? Was ist Leidenschaft denn anderes, als etwas ohne Ziel und Grund, um seiner selbst willen zu tun?
Sprich nicht von Leidenschaft, wie willst du leidenschaftlich Jagen wenn du nicht von Herzen hasst? Unwürdiger, wie könntest du ohne herzlich zu hassen leidenschaftlich jagen? Du brauchst einen Feind, ein Feindbild, mit dem dich eine innige Abneigung verbindet, einen Gegner der die Jagd von der Beliebigkeit des in ihr gejagten befreit, einen Gegenspieler, der die Jagd zum Kampf der Persönlichkeiten erhebt, ein Kräftemessen, dessen Ergebnis nicht ein Sieg ist, sondern dein Sieg, dein Triumph oder – dein Untergang.
Wie könnten wir Feinde sein? Wie könnten wir einander hassen? Wie willst du meiner als Feindbild würdig sein wenn du Opfern dienst?
Du wirst entlohnt? Du hältst ein Gewehr in deinen Händen und nimmst artig das an, was Bauern dir zukommen lassen? Du bringst den Schwächlichen ihre Trophäen und lässt dich mit Trinkgeldern abspeisen?
So wie du deine Frau ob ihrer blauen Augen und ihres weichen Haares liebst, so hasse deine Feinde wegen ihres schlechten Atems, wegen ihrer Stimme, ihrer Hautfarbe, O – nie könntest du mich so hassen, doch Obacht, hasse nicht deiner Feinde Atem, ihre Stimme, ihre Hautfarbe selbst, hasse sie nur an ihnen.
Wie du deinen Nächsten einen Bruder nennst, so nenne deinen Fernsten einen Teufel. Hasse deinen Fernsten mehr als dich selbst!
Wie?
Du hasst dich nicht?
Wie willst du dich lieben, wenn du fremden Zielen dienst, wie könntest du dich achten, wenn du nicht verachtest, was nicht das Deinige ist, wenn du dir nicht aneignest, was die anderen ihre Besitztümer heißen.
Und leuchtete Verwegenheit aus deinen Augen, und schäumte dir das Maul vor Kampfeslust, so wäre es mir ein Hochgenuss durch deine Hand mein Ende zu finden. Wer seine Ziele schätzt, der schätzt den Kampf darum, ein wahrhafter Jagdkünstler stünde nicht wie du, vor Kälte zitternd mit einem Schießgewehr vor einem kleinen, roten Raubtier, er risse sich die Kleidung vom Leib – allzu weichlich; er würfe sein Gewehr hinfort – allzu weiblich; er ließe einen alten Fuchs seines Weges ziehen – allzu weltlich; und er ginge in die Schmiede der Gedanken und formte mit dem Hammer des Wortes einen Speer des Geistes auf dem Amboss dieser Welt. Idee ist Macht; was solltest du Bauern dienen, dich in Wäldern für sie herumtreiben, um ihre Feinde zu erlegen, wenn du im Stande bist, tausend, zehntausend, hunderttausend Leute allein durch die Kraft deiner Worte in die Wälder zu treiben um Wild zu erjagen. Am Schilde deines Wortes wird selbst die kräftigste Faust stumpf und was ist bloße Muskelkraft, gegen die Kraft die ein visionärer Gedanke kanalisiert und lenkt?
Und willst du dennoch selbst jagen, ei, so jage keine Füchse, so jage die Wahrheit. Will sie dir nicht recht ins Auge springen, kannst du sie nicht finden, wiewohl du überall recht gewissenhaft danach gesucht hast? Nun denn, es fehlt Wille, es fehlt Überzeugung; auch wenn die im Moor der Vergangenheit, im Sumpf des Gestrigen auf ewig Verlorenen, die Versinkenden und noch umher Stakenden, dir durch den Nebel zu rufen: ‚Gib acht, O Mutiger, dieser Nebel, der über alles sich zu legen scheint, ist nicht schwarz noch weiß, ist hingegen ein sich wallender, aufschäumender, in Grautönen fließender Vorhang, der uns Menschen nicht erkennen lässt, drum suche nicht das Licht, das wir und deine Väter und Großväter und Urahnen einst suchten.’
Die, die sich mahnend als deine Lehrer und Ahnen ausgeben, waren in jenem Augenblick Schwächlinge, als Härte geboten war – wer Wahrheit will muss überzeugt sein.
Ach, so viele nennen sich überzeugt, überzeugt von diesem oder jenem und bleiben dabei stets an Gegebenem orientiert, ohne selbst zu setzen, einzusetzen – O, sie spielen ein Spiel ohne Einsatz, dass sie nur verlieren können.
Wille zur Überzeugung, das heißt sich selbst zu überzeugen, dass man von etwas überzeugt sei; Wille zur Wahrheit, Überwindung des Nebels: das heißt – schwärzen, anschwärzen und weismachen. Und wer für Wahrheit nicht zu lügen bereit ist, der ist nicht überzeugt; und wer nicht schreiten, fortschreiten und überschreiten will, der verweilt im Nebel, der verklebt in zeitlichen Sümpfen; Mut zur Unnachgiebigkeit, Suchender, rücksichtslos für die Idee auch über die Leichen deiner Feinde zu gehen, baue dir Brücken über die Ströme ihres Dünkels, ihre Schädel und Knochen mögen der erste Pfeiler sein, nimm ihre Sprache und mache ihr Wort ungeschehen.
Siegen lernen, Heiliges entweihen, zeige ihnen die Natur ihrer unantastbaren Würden, indem du sie berührst, indem du sie dir nimmst, indem du sie herab pflückst und abschüttelst, so wie du reife Pflaumen vom Baum hinunter schüttelst, forme die Wirklichkeit nach deinem Bilde – Fanatismus, der höchste Grad an Überzeugung.
Es gibt keine Wahrheit weil es mehrere Blinkwinkel gibt? Dann kratze Augen aus, mache blind, verblende, auf dass allein dein Blinkwinkel übrig bleibe, auf dass niemand mehr anderes sehen möge als du selbst siehst.
Du Unterliegst? Deine Feinde sind von deinem Schlage? Deine Ideen wollen nicht überzeugen, nicht fesseln, nicht bewegen? Dann sei dir selbst genug, dann lebe und sterbe im Krieg den jeder gegen jeden kämpft, im Geiste wie mit der Faust.
Schau dich an, du Wurm, du schießt auf Feinde die nicht die deinigen sind und bekommst dafür, was dir nicht zusteht.
Wer Ziele hat, hat Feinde. Dein ist – nicht was sie dir geben, sondern was du dir nimmst; du willst dich selbst lieben? Du willst aus Leidenschaft jagen? Gehe fort, mitsamt deinem Gewehr, erschieße die Bauern, nimm dir Hof und Hühner – und solltest du mich jemals dabei erwischen wie ich deine Hühner aus den Ställen stehle, so hast du wahrlich einen Grund mich zu hassen. Ursprung aller Feindschaft: Etwas ist Besitz eines Fremden, dass ebenso gut dein eigener Besitz sein könnte.
Wohlan, ich sage dir, stünde der Bauer mit einer langen Mistgabel persönlich vor mir, ich ersparte ihm das Gerede, ich lieferte ihm einen würdigen Kampf, auch wenn die scharfen Zinken seiner Waffe sich schmerzhaft in mich bohrten.
Schieße nun, bringe mir eine Niederlage bei, lass die Kugel mich zerschmettern, niemals jedoch genügte mein Untergang für deinen Sieg, nicht auf diese Weise. Schieß also, wenn du noch willst – wenn du noch kannst.“
Der Jäger ließ das Gewehr ein wenig sinken, verdrehte seine Augen zur Stirn hin, als versuchte er in das Innere seines Kopfes zu blicken, schwieg – offensichtlich nachsinnend – eine Weile und erwiderte schließlich mit fester Stimme: „Es ist bequem Leidenschaftsloses mit Leidenschaft zu tun.“
Der Knall eines Schusses, ließ den Eintritt der Gewehrkugel in die Brust des Fuchses lautlos erscheinen, das Projektil grub sich seinen Weg durch das sehnige Fleisch des Raubtieres. Das Geschoss blieb im Körper stecken als es auf einen Knochen stieß, das Blut, welches aus dem Wundkanal floss, sickerte in den Erdboden.

 

      ruelfig



Die Jagd

   18.08.2009, 21:28



Hallo echelon,
zunächst willkommen hier, Geheimnisvoller, Spion zwischen den Fronten. Viel wirst du hier nicht finden an Berichtenswertem nach Haus, aber egal, viel zu berichten gibt es auch nicht über deine Fabel. Wenn auch, eine echte Fabel ist es nicht, da auch eine Art von Mensch aufscheint, der üble Jäger. Der, der den letzten Trumpf in Händen hält und die Kreatur über ihren Haufen schießt. OK, das hätte ich auch getan, als Leser, und zwar deutlich früher. Einfach nur, um dieses geschwätzige Gewäsch zu beenden. In jedem Bus des ÖPNV heißt es: Laberst du? Und genau das tust du hier, in epischer Breite und Länge.
Irgendwie erinnert mich das an Karl May, den Lieblingsautroren meiner Jugend. Ich dachte immer: das les ich gerne, aber so schreiben möchte ich nie. Geschwollen und jenseits jeder erzählerischen Verantwortung
Um nur einmal konkret auf deine Ebene einzusteigen: "
Als der Fuchs nun aus der hohen Wiese hinaus trat, welche mit ihren Gewächsen und Halmen sanft seine Unterseite gestreichelt hatte", da sterb ich dran und wünsche dem Fuchs alles gute und Nacht. Seit wann streicheln Wiesen?
Du hast als Erzähler auch eine gewisse Verantwortung und die heißt: Langweile nicht. In deiner Geschichte hänge ich aber schon eine zu lange Weile und der Schuss zum Schluss ist mir herzlich willkommen. Ich hatte schon die Befürchtung, die beiden laberten sich ins Totengedenken auf Ewigkeiten.
Die Streuung besonders vieler Kommata versüßt die Bitterkeit des Lesens auch nicht sehr.
LG,
R

 

      Echelon²



Die Jagd

   19.08.2009, 02:01



Hallo rueflig,
zunächst freue ich mich, dass du dir die Erzählung durchgelesen und si kommentiert hast. Dass sie dir letzlich nicht gefallen hat ist schade, wobei ich deine Kritikpunkte nur teilweise nachvollziehen kann.
Natürlich stimme ich dir zu, dass die Sprache etwas geschwollen ist und diese Geschwollenheit womöglich nicht immer glaubwürdig bzw. gelungen ist. Trotzdem würde ich sagen, dass der Stil mit dem Inhalt harmoniert: Jäger und Fuchs treffen sich im Wald und reden (labern)... da wäre Alltagssprache oder ähnliches doch irgendwie unpassend. Was die Kommata betrifft gebe ich dir recht, die habe ich oftmals nach dem Zufallsprinzip gesetzt...
Warum dich das Lesen so sehr gelangweilt hat müsstest du erläutern...Gibt es da besondere Passagen die dir unnötig lang erschienen sind?
Den Einwand, dass Wiesen nicht streicheln können, halte ich in einem Physikforum durchaus für angemessen (eine Sonne kann schließlich auch nicht lachen). Aber das meinetst du nicht ernst, oder?
Nun, es wäre schön wenn du mir einige konkrete Anhaltspunkte geben könntest, wie ich die Erzählung spannender gestalten könnte. Ansonsten stelle ich demnächst eine andere Erzählung ins Forum, die dir hoffentlich besser gefallen wird (ist jedenfalls weniger pathetisch).

Viele Grüße

Echelon

 

      Jolante



Die Jagd

   19.08.2009, 13:27



Hallo Echelon,

deine Erzählung gefällt mir inhaltlich garnicht mal schlecht, aber die umständlich bemühte, altertümelnde Sprache verdirbt mir den Lesegenuss. Auch scheint mir der Einstieg in den Text viel zu langatmig, um nicht zu sagen langweilig. Ich habe mich tapfer durchgekämpft bis zum Schluss, aber ein Aha-Erlebnis hatte ich beim Lesen nicht. Vielleicht solltest du doch einen zeitgemäßeren Stil pfllegen. Wir leben nun mal im 21. Jahrhundert und ich finde, nur wenige, echte Sprachkünstler können sich geschmeidig und glaubwürdig durch alle Epochen bewegen. Ironisch gewürzt hätte mir der Text vielleicht besser gefallen, aber auf mich wirkte er allzu bieder-betulich. Vielleicht spricht mich ja die nächste Erzählung mehr an.

Ermutigende Grüße
von Jolante

 

      lost



Die Jagd

   19.08.2009, 15:17 / 2 x geändert



ein Pastiche? nun, wie auch immer - der Text, Echelon, lässt (mich) vor allem an einen sogenannten alten Ölschinken denken, welcher, angestaubt und sperrig, müde scheinprunkend mit falschem Goldrahmen, den Raum, in dem er hängt, schwer verdunkelt und schwulstig aufs Gemuethe des Betrachters drücket. doch gibt es einige wenige bemerkenswerte Stellen in dem traurig-schaurigen Gemälde, die leichteren Striches sind, wo hoffnungsvoll feine Eigen-art aufschimmert.
(e.g.: "rotes, angsterhitztes Blut habe ich aus durchbissenen Kehlen und zerrissenen Adern getrunken; jeden Schluck vom Wein des Lebens genoss ich" sowie auch der letzte, ruhig-lakonische, im Vergleich zum vorangehenden Rest angenehm schnörkellose Satz. )

regards, lost

 

      zuppanova



Die Jagd

   20.08.2009, 00:04



Echelon, ganz kurz ein paar Sätze.

Hinter der Szene, die Du erzählst, steckt, soweit ich das erkennen kann (ich bin keine Philosophin), ein ethischer Diskurs. Ich denke da an den Strang der bonitas-dignitas-Diskussion: die "Würde der Kreatur" gegen die "Menschenwürde" gestellt. Der biblische Ausgangspunkt ist Genesis 1, 26-28:

"Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Lande."

Ganz passend stehen sich nun in Deiner Erzählung Mensch und Tier im Wortsinne "auf Augenhöhe" gegenüber und argumentieren darüber, ob das Lebensrecht des einen Jägers mehr zu gelten habe als das des anderen. Am Ende siegt der Mensch, so wie sich auch in der europäischen Geistesgeschichte die Dignitas-Tradition gegenüber der Bonitas-Tradition durchgesetzt hat, was eine Bioethik, die heute die Würde der Kreatur und die Menschenwürde zu integrieren versucht, immer wieder in bittere Aporien führt.

Das ist es, was ich hinter dem Text sehe (vllt. steckt auch noch ein Stück Sartre in dem Text, "Der Andere als Bedrohung des Ich ..."), und das ist als gedanklicher Entwurf und Schreibansatz nicht schlecht.

In Bezug auf die Ausführung und sprachliche Umsetzung teile ich aber die Bedenken, die bereits geäußert wurden. Mir ist der Ton, den Du wählst, prinzipiell nicht unangenehm, aber ich finde, der Text hat zu viele Redundanzen und ist - nimm mir das Bild nicht übel - mit unsicherer, zitternder Feder geschrieben, soll heißen, der Sprachstil ist nicht sauber durchgehalten, die Sätze wuchern, und teilweise gleitet die Sprache in triviale Bilder ab -> vgl. das von ruelfig hervorgehobene Beispiel mit den streichelnden Grashalmen: Das Problem sehe ich gerade darin, dass in jedem Groschenroman Grashalme irgendeinen Arm oder einen Bauch streicheln, und die Sonne lacht ganz unverschämt stereotyp dazu.

Um diesen Text "auf Vordermann" zu bringen, müsste nach meinem Dafürhalten gründlich gestrichen und "gereinigt" werden.

Noch ein Detail dazu: Sehr unpassend empfinde ich die Beispiele, mit denen der Fuchs argumentiert: die Kuh im Gras, die Biene an der Blüte. Das ist schon fast unfreiwillig komisch; ich nähme die ganze Passage ersatzlos heraus, zumal diese Beispiele auch den Bereich des "Blutes" oder des "Jagens" verlassen. Gras und Blume haben kein Blut, Kuh und Biene sind keine blutdürstigen Jäger mit Reiß- und Fangzähnen - wohl aber Fuchs (Hühner) und Mensch (Schweinebraten). Für mich wäre es klarer, stringenter, wenn diese beiden unter sich blieben, ein Ich und ein Anderer, die sich ähnlich sind und deren Konflikt genau aus dieser Ähnlichkeit erwächst. Pflanzen und Pflanzenfresser spielen in einer anderen Liga und haben in diesem Disput nichts zu suchen, textoptimierungstechnisch betrachtet jedenfalls.

So viel erst mal.
LG, zuppa




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