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Jolante
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03.08.2009, 14:21 / 2 x geändert
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Beim diesjährigen Stadtteilfest verkaufte ich für einen interkulturellen Verein Kaffee, Kuchen und diverse Getränke. Es war nichts los, so dass ich Muße hatte, von meinem geschützten Stand aus die wenigen Flaneure und Flaneusen kritisch zu beäugen . Einige Leute kannte ich vom Sehen und einige, die auch mich kannten, plauschten mit mir bei einem Glas Sekt. Ein älteres Paar schlenderte vorüber und blieb vor der gegenüberliegenden Bühne stehen, um einem Zauberer hinter die Schliche zu kommen. Der Mann, spärlich behaart, aber enorm bebäucht, lachte mehrmals kräftig und drückte mit Besitzergeste den Arm seiner wohlgestalteten Gefährtin. Ich erkannte ihn am Lachen. Kein Zweifel, ER war es, Roland, mein ziemlich erster Schwarm. Ich war damals Vierzehn und so kicherig-albern in ihn vernarrt, wie es nur Mädchen in diesem Alter (man nannte sie damals Teenager) sein konnten. Einige Zeit durfte ich mich darauf verlassen, ihm morgens auf meinem Schulweg zu begegnen. Mit seinem Moped stand er an einer bestimmten Straßenecke und grüßte mich ernst. Seine Augen waren unglaublich blau, sein Blick fragend und zugleich bohrend. Ich nickte, um meine Freude zu verschleiern, hochnäsig in seine Richtung und ging weiter. Sonst geschah nichts, niemals, obwohl es viele, wohl kaum zufällige Begegnungen gab: in der Kirche, in der Straßenbahn, in unserer städtischen Flirtzone, der Bahnhofstraße. Ich war zu schüchtern, um ihn anzusprechen, und er, er haftete sich weiterhin an meine Fersen, stumm und mich mit Kornblumenaugen anhimmelnd.
Als ich mal mit einer Freundin auf der sogenannten "Seufzerbrücke" die Saar überquerte, sahen wir zwei Schiffe nebeneinander liegen. Sie hießen Roland und Maria. Nun war ich sicher, dass wir schicksalhaft füreinander bestimmt seien, doch meine Freundin hatte Zweifel. "Was willst du mit einem Anstreicher?", fragte sie lieblos. Doch solche Klassenunterscheidungen waren mir fremd und ich hoffte zuversichtlich, dass Roland bald vor Liebe rasen würde.
Bei einer Kirmes wurde es dann tatsächlich ernst. Der Angebetete lud mich ein zu einer Autoscooter-Fahrt. Er legte den Arm um mich und wir drehten stumm ein paar Runden. Wie überselig war ich, als er sich mit mir für den kommenden Sonntag zu einem Kinobesuch verabredete. Ich wartete verfrüht an der Straßenbahnhaltestelle und war ein wenig enttäuscht, dass er seinen Freund Dieter im Schlepptau hatte. Wie auch immer, im Kino saß ich zwischen den Freunden und hoffte sehnlichst, dass Roland mir die Hand halten würde. Das geschah leider nicht. Dafür rückte mir sein Freund auf die Pelle und, obwohl ich es mit ihm eigentlich gar nicht wollte, fingen wir an zu schmusen, nicht gerade heftig, aber dafür so lange, wie der Film dauerte.
In der Straßenbahn mied Roland meinen Blick. Es war aus und vorbei, noch ehe es angefangen hatte, und ich fühlte mich als Verräterin, elend und schuldig. Dieter bedeutete mir überhaupt nichts, obwohl er unglaublich dick gepolsterte, weiche Lippen hatte und kein Anstreicher, sondern Polizeianwärter war. Sehr viel später hörte ich, dass Roland sich verlobt hatte. Wir verloren uns völlig aus den Augen. In meiner Erinnerung aber blieb er immer präsent, wie auch der Schlager, der die Autoscooter-Fahrt begleitete: Teen-, Teen-, Teenager-Melodie.
Tja, und nun diese desillusionierende Wiederbegegnung. Ein dicker, graugesichtiger Mann mit Wülsten unter wässrigblauen Augen. Zum Glück hat er mich nicht erkannt, sonst wäre er wohl auch ins Grübeln gekommen über den Zahn der Zeit, oder so was Ähnliches..., für das mir nun ganz und gar die Worte fehlen.

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ruelfig
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Hallo Jolante,
eine Geschichte, wie ich sie nur zu gerne lese. Kurzweilig, amüsant, ein bißchen philosophierend über Zeiten und was wäre wenn gewesen und der Leser darf sich als Voyer in Sicherheit wähnen. Schade nur, dass du deinen Roland nicht zum rasen bringen konntest, wo er doch anscheinend bald unter diesem liegt (kleiner Scherz).
Liest sich prima und die humorigen Einsprengsel (Flaneusen, unglaublich dick gepolsterte, weiche Lippen, mit Wülsten unter wässrigblauen Augen (das ist auch noch ungeheuer poetisch)) lassen diesen Rückblick nicht resignierend, sondern optimistisch erscheinen, da dir die Worte fehlen für den Zahn der Zeit.
Dieser Melodie habe ich gerne gelauscht,
Ruelfig

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Gretchen
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Heiala, JolantchenTantchen,
wer weiß, vielleicht würde dieser Roland ja weniger alt aussehen, wenn er sein Leben mit Maria verbracht hätte ... eine lebendig erzählte Geschichte vom Schicksal.
Und gugg, für dich hab ich bisschen rumgesucht und eine Spezialrüsche gebastelt. Ist es das?
Gretchengrüße

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augustine
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Liebe Jolante,
mit deiner so feinen Fähigkeit zu sanfter und kräftigerer Ironie (--> Sarkasmus) und Selbstironie hast du aus den Gedanken bei und nach einer zufälligen (Nicht-) Begegnung viel später den erzählbaren Kern der frühen (Nicht-) Begegnung von Roland und Maria destilliert, einer aus beiderseitiger Scheu in wechselseitiger Schwärmerei stecken gebliebenen Liebelei. Wenigstens der dritte liebelt ein wenig, wie es die Situation hergibt. (Musste der denn nun ausgerechnet Dieter heißen?) Das war's dann. War wohl gut so, oder?
Fröhliche Grüße von augustine

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zuppanova
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liebe Jolante,
der ironisch-amüsante stil (ja: diese unglaublich dick gepolsterten, weichen lippen!), in dem diese geschichte gehalten ist, verbirgt doch nicht eine große wehmut oder melancholie und viele fragen - jedenfalls lese ich so. mir fällt, als assoziation zur stimmung des textes, ein gedicht von Joachim Ringelnatz ein. ich schreib es auf:
Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.
Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.
viele grüße, zuppa

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Jolante²
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08.08.2009, 13:16 / 3 x geändert
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Ich grüße euch, ihr Lieben,
und bedanke mich artig für die freundlichen Kommentare zu meiner Teenager-Melody.
@ruelfig: Dein Kommentar hat mich sehr erfreut. In Erwiderung deines kleinen Scherzes kann ich aus heutiger Sicht nur sagen; Wie gut, dass Maria den Begehrten nicht zum Rasen bringen konnte, wer weiß, vielleicht hätte sie ihn vor Raserei längst schon unter diesen gepflügt.
@Gretchen: Deine Spezialrüsche hat sofort meine Stimmung verbessert. Ich lief den ganzen Tag mit einem Ohrwurm durchs Haus und summte vor mich hin. Maria stand damals eigentlich mehr auf Elvis und Little Richard, aber in einem so besonderen Fall durften es auch mal Conny und Peter sein.
@augustine: Ja, es war gut, dass aus der Schwärmerei keine Love-Story wurde. Roland, der spätere Malermeister, hätte wohl keine Knallfarbe in Marias Leben gebracht. Und Dieter (er kann ja nichts für seinen Namen) hätte es ihr als späterer Verfassungsschützer vielleicht zu bunt getrieben, man weiß es ja nicht.
@zuppa. Ich freu mich, dass dir auch die Melancholie nicht verborgen geblieben ist, gerade weil der "Zahn der Zeit" so locker sitzt. Der Ringelnatz passt wunderbar.
Jolante (wermutsvoll)

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