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augustine
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02.08.2009, 21:46 / 3 x geändert
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SELTSAME KOPFVERDREHUNG
In meinem ersten Studiensemester versuchte ich es noch einmal mit dem Christentum. Für mich bedeutete das, auch an manchen Sonntagen von Mariendorf nach Dahlem zu fahren, weil es unbedingt Helmut Gollwitzer sein musste, den ich nicht nur als Professor, sondern auch als Prediger hören wollte. Zu irgendeinem Gottesdienst hätte ich zu Fuß gehen können.
Auf der Rückfahrt eines Sonntags war im Bus Platz einem etwa gleichaltrigen Paar gegenüber. Die beiden hielten sich an den Händen, schwiegen und sahen zum Fenster hinaus. Bald spürte ich an meinem linken Bein eine Berührung, die nicht zufällig zu sein schien. Als ich sie erwiderte, antwortete das andere Bein, das Männerbein, während der zugehörige Kopf weiterhin stumm zum Fenster hinaussah und die Hand des Mannes die der Frau hielt, ohne sie zu streicheln.
An meiner Haltestelle stieg ich aus, meinem Wohnhaus gegenüber. Warum ich vor dem Bus die nur scheinbar sonntagsleere rechte Fahrbahn der Tauernallee überqueren wollte, weiß ich nicht mehr. Das rote Auto, das mäßig schnell von hinten kam, sah ich noch, glaubte aber, vor ihm den Mittelstreifen erreichen zu können. Tatsächlich rannte ich voll in die rechte Tür, wurde zurück auf die Straße geschleudert und wachte erst im Krankenhaus nach zweistündiger Bewusstlosigkeit wieder auf. Irmi, eine Bekannte, die am Fenster gestanden und auf einen Gast gewartet hatte, sah, dass ein Unfall passierte, kam herunter mit einer Decke, erkannte dann mich. Sie oder der Busfahrer riefen Polizei und Krankenwagen. Sie begleitete mich ins Krankenhaus und sagte meinen überängstlichen Eltern, bei denen ich noch wohnen musste, erst Bescheid, als ich wieder bei Sinnen war. Aus dem Bus sei nach mir niemand mehr ausgestiegen, versicherte sie mir auf meine Frage.
Während meiner drei Krankenhauswochen ist die Angelegenheit als Verkehrsunfall wohl geregelt worden. Ich war damals 19, noch nicht volljährig.
Große Aufregung meiner autounkundigen Familie, als der Fahrer des roten Wagens seinen Besuch ankündigte. Was kostete denn wohl eine total beschädigte Autotür? Was war das überhaupt für ein Autotyp? Der Mann, ein Müllmann, kam in Schlips und Anzug und mit einer riesenhaften Schachtel Pralinen. Es ging ihm nicht um Geld. Die Autotür habe ein Freund fast wie neu ausgebeult, aus dem Fenster könne ich das sehen. Das genüge so. Hauptsache, ich sei am Leben.
Helmut Gollwitzer hat natürlich nichts erfahren. Von dem Mann aus dem Bus habe ich nichts gehört.
AugenblickeBlickwinkel 16
augustine

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yupag
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Hallo augustine!
Mir fällt es schwer, das Geschehen im Bus mit dem Unfall zu verbinden. Ich vermute, dass die Protagonistin durch die nicht zufällige Berührung des Männerbeins so verwirrt war, dass sie, mit ihren Gedanken völlig abwesend, in das rote Auto gelaufen ist. Das könnte möglicherweise so gewesen sein, vor vielen Jahren (du sagst ja, dass das Geschehen, schon eine Weile zurück liegt). Warum wundert sich aber die Protagonisting, dass das Ereignis als Verkehrsunfall geregelt wurde? Das war doch einer. Und warum wundert sie sich, dass sie von dem Mann aus dem Bus nichts mehr gehört hat? Was hätte sie denn überhaupt erwartet? Dass dieser Mann sich um sie kümmert, nachdem er Schuld an ihrem Unglück war?
Gruß yupag

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Gretchen
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04.08.2009, 01:58 / 1 x geändert
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Heia, augustine, eine Fortsetzung deiner AugenblickeBlickwinkel-Reihe.
Für mich ist das Verhalten des jungen Fußartisten im Bus zentrales Element des Textes, und mir scheint, alle anderen Informationen, die eingebracht werden, dienen vor allem dazu, seinen seltsamen Annäherungsversuch (Titel!) kontrastierend zu beleuchten. Oder anders gesagt, durch die fürsorgliche Hilfsbereitschaft Irmis und durch die ehrlich-naive Betroffenheit des Autofahrers (der ein "ganz einfacher", aber eben "menschlicher" Mensch ist) wird die hedonistische Fühllosigkeit des jungen Mannes betont - ihm scheint es an "Moral" oder "Charakter" zu mangeln.
Also, das ist (für mich) das Interessante an der Geschichte, dass die detailreich geschilderte Begebenheit, der Unfall nämlich, nicht das eigentliche Thema ist, dass das Vordergründige, Offensichtliche dazu führt, allgemeinere Fragen zu stellen und benutzt wird, etwas zu umkreisen, was sich nicht ohne Weiteres erklären läßt.
Schöne Grüße vom Gretchen

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Jolante
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05.08.2009, 12:09 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
ich sehe das so: Zwei Begegnungen bewegen die Protagonistin und verdrehen ihr mutmaßlich so den Kopf, dass sie nach dem Aussteigen aus dem Bus in ein Auto läuft und bewusstlos ins Krankenhaus gebracht werden muss. Zum einen steht sie unter dem Eindruck der Predigt des von ihr verehrten Professors, zum andern verwirrt sie ein junger Mann, der, obwohl er mit seiner Begleiterin Händchen hält, heimlich Beinkontakt zu ihr aufnimmt. Verwirrend für sie selbst ist sicher auch, dass sie spontan die Berührung erwidert und damit in eine erotisch gefärbte, konspirative Beziehung zu dem Unbekannten tritt, mit dem sie im übrigen keine Blicke wechselt. Da läuft in Sekunden etwas ab zwischen Beiden, etwas, das knistert und oszilliert, aber keinen weiteren Ausdruck oder gar eine Fortsetzung findet.
Der Unfall löst dagegen Anteilnahme und Fürsorge zweier weiterer Personen aus, der Bekannten Irmi, die sich kümmert, und des uneigennützigen Fahrers des Unfallautos, der sie besuchen kommt und ihr Pralinen schenkt. Der Fremde aus dem Bus steigt nicht aus, nachdem der Unfall passiert ist. Er nimmt keinerlei Anteil an ihrem Schicksal, und auch der bewunderte Gollwitzer, dessen Predigt unbewusst vielleicht ebenfalls Auslöser war für die "seltsame Kopfverdrehung" und erwiderte Beinverirrung erfährt nichts von dem Unfall. Von diesem abgesehen passiert nichts Spektakuläres in dieser Geschichte, so dass der Unfall mit seinen Folgen scheinbar im Vordergrund steht. Aber die Erzählerin romantisiert das Geschehen, indem sie "dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen" (Novalis) gibt. Als Leserin habe ich einige Nüsse zu knacken. Für mich ein weiterer Beweis, dass nur das von Bedeutung ist, was man selbst für bedeutungsvoll hält. So scheint mir das eigentliche Thema der Geschichte nicht die Wirkung, sondern die Ursache zu sein. Das ist in diesem Falle ebenso geschickt wie verzwickt dargestellt..
Es grüßt Jolante

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zuppanova
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liebe augustine,
schön, dass du einen weiteren "augenblick" eingestellt hast, einen relativ kurzen text, der aber doch - wie die kommentare meiner vorrednerInnen zeigen - fragen aufwirft und wie ein kleines kaleidoskop wirkt: je nach blickwinkel zeigt sich ein anderes, neues bild, der fokus wechselt.
mir gefällt, was Jolante schrieb, das von ihr dargelegte geschickt-verzwickt hineingewobene trifft auch meine lesart.
liebe grüße von der nachtflugzuppa

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augustine²
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19.08.2009, 01:31 / 1 x geändert
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Dank den KommentatorInnen!
Dieses Sonntag-Mittag-Erlebnis hatte ich nie vergessen. Auf die Idee, dass es sich kurzgeschichtlich erzählen ließe, kam ich aber erst, als ich's jemand spielerisch erzählte. Und erst, als ich das dann zu Schreibende so im Innern sortierte, wurde mir klar, was aus dem wirklichen Vorkommnis zusammenzusammeln war und was wegbleiben musste.
Dank besonders dir, Jolante: du hast die dreifache Kopfverdrehung (Gollwitzer, der bis auf diese eine Bewegung starre Jüngling, die reale Kopfverdrehung=Gehirnerschütterung) genau erkannt!
Der "Fußartist" hat natürlich keine Schuld an dem Unfall; er ist nur die Ursache; aber eben auch Gollwitzer war eine bzw. wie ich beides (nicht) verarbeitet habe. Mehr und mehr will es mir scheinen, als sei wirklich das eigentlich Erzählenswerte dieser Geschichte dieses starre Sitzen und Raussehen des Paares, Hand in Hand, aber ohne weitere Berührung, ohne Blickkontakt auch untereinander, als wären es zwei Wachspuppen.
Aber man könnte die Geschichte sicher auch aus der Perspektive von Irmi erzählen oder der des Autofahrers.
Erfreute Grüße von augustine

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Vladimir
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Ja ein merkwürdiges Beieinander von Haltungen hingewendet zur Erzählerin, die bis auf dieses dass sie die Annäherung erwidert hat ganz passiv wirkt.
Im Moment (recht früh am Morgen) will mir glatt das Wort Vergiftung einfallen - von dieser blicklosen Berührung im Bus her.
Dann der seltsame Zweiklang des Autofahrers (da ein crasser Wechsel von "Müllmann" - sofort sieht man die orangene Kluft - zum dann beschriebenen Anzug, unter dem es gewissermaßen noch leuchtet) und der Eltern, die, von vornherein auf Distanz gehalten, den Kern der Sache in einer Art nervöser Aufregung (so scheint es mir) glatt verfehlen.
Und Gollwitzer: ein durch den Unfall erstarrter Punkt in der Ferne, von dem nur noch seine durchbrochene Anziehungskraft bleibt, von der man aber auch nicht weiß, worauf sie eigentlich beruht, nur dass sie da ist/war.
Und alles geschrieben aus einer Art Entrückung. Zwei Stunden Bewusstlosigkeit - das ist gewiss keine Bagatelle. Dieses Erfrieren der Dinge im Schockzustand scheint wie über alle die Erzählerin angehenden Beziehungshälse gelegt.
Liebe Grüße,
Vladimir

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augustine²
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26.08.2009, 16:46 / 1 x geändert
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Lieber Vladimir,
du hast etwas zu den "Eltern" geschrieben, die ich in meiner ersten Antwort hier nicht erwähnt habe. Ja, ihre nervöse Aufregung, aus Ahnungslosigkeit herrührend, als der Autofahrer kommt; aber als der Unfall passiert - ganz in ihrer Nähe, aus dem Fenster wäre er zu sehen gewesen wie später das reparierte rote Auto -, da bemerken sie nichts. (Krankenwagen und Polizei kamen doch wohl nicht geräuschlos.) Das ist eben noch einer der Widersprüche in der Geschichte: wie der Müllmann, der sich nicht verhält, wie 'man' es erwarten würde, wie der Mann vom wachspuppenstarren Paar im Bus.
Gollwitzer: das waren danach und trotz dieses Unfalls, in den sie ja nur reinlief, weil sie doppelt von Sinnen war, noch einige Jahre, mit Freund oder ohne, der Verehrung (nicht der Schwärmerei), die sie sich immer als intellektuelle Eitelkeit abgewöhnen wollte, aber nicht konnte, bis ... (das wär dann eine neue Geschichte).
Und was sind "Beziehungshälse"?????
Liebe Grüße augustine

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