Uwe Berger
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- Edit 04.04.2011 -
Der Faden wird von Romane nach Entwürfe verlegt.
Elise
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Laurentia
Eine Mannschaft, bestehend aus drei Mädels und fünf
Jungs, saß plaudernd, rauchend und sich langweilend am
großen Tisch im Wachraum der DLRG-Station am Mahndorfer
See zusammen und wartete auf eine Eingebung, die den
ereignisarmen Tag doch noch retten könnte.
„Lasst uns ‘ne Runde Schwimmen spielen“, trug Wilbert
seinen Einfall vor.
„Och, nicht schon wieder Karten“, verwarf Tanja die Idee.
„Wie wär’s mit Flaschendrehen?“, schlug Dodo vor.
„Jetzt schon mit dem Saufen anfangen?“, hatte Sabine Bedenken.
„Das gibt Stress mit Kutte, wenn der von der Arbeit
kommt.“
„Ohne Saufen“, versprach Dodo.
„Sondern?“, wollte ich wissen.
„Aufgaben erledigen.“
„Was denn für Aufgaben?“
„Die denken sich vorher alle gemeinsam aus. Kopfstand
aufem Tisch machen oder ,alle meine Entchen‘ singen. Alles,
was euch einfällt.“
„Nochmal im Klartext“, versuchte ich es auf den Punkt zu
bringen. „Wir denken uns zusammen etwas aus, das derjenige
machen muss, auf den die Flasche zeigt.“
„Bingo.“
„Was ist, wenn die Idee von mir stammt, und das Los dann
auch noch auf mich selber fällt?“
„Dann haste eben Pech gehabt. Das ist das Risiko, das alle
eingehen. Man kann sich schon fiese Sachen ausdenken,
damit es richtig lustig wird, aber man sollte immer im Hinterkopf
behalten, dass daraus ein Bumerang werden kann. Alles
klar auf der Andrea Doria?“
Dodo legte eine leere Colaflasche auf den Tisch. Durch die
bauchige Mitte ließ sich die Flasche wie eine Kompassnadel
um die eigene Achse drehen.
„Vorschläge?“
„Auf einem Bein runter zur Toilette und auf dem anderen
wieder hochhüpfen“, war Norbis Beitrag.
„In Ordnung?“, fragte Dodo in die Runde. „Keine Einwände?
Los geht’s!“
Die Flasche wirbelte im Kreis, alle blickten gespannt auf
den rotierenden Glaskörper. Am Ende zeigte die Flaschenöffnung
in eine Richtung, die zwischen Heiko und mir lag.
„Unentschieden“, rief Heiko erleichtert.
„Nix da. Ihr seid beide dran.“
Heiko und ich fügten uns in unser Schicksal und hüpften
was das Zeug hielt. Auf einem Bein die Wendeltreppe runter
war kein Problem, aber wieder hoch schlauchte ganz schön.
Dafür hatten wir eine vergleichsweise harmlose Aufgabe erwischt.
„Okay. Nächster Vorschlag?“
„Meine Käsemauken ablecken“, rief Wilbert mit einem
irren Grinsen im Gesicht und hievte seine nackten Füße auf
den Tisch.
„Iiiiieh“, kreischten die Mädchen im Chor, die männlichen
Teilnehmer sahen angewidert auf Wilberts Quadratlatschen.
„Was ist? Hat euch der Mut schon bei der zweiten Runde
verlassen?“, fragte Dodo. „Ist doch ‘ne machbare Aufgabe. Da
können noch ganz andere kommen.“
Erste zögerliche Zusagen trudelten ein.
„Und wenn’s dich selbst erwischt?“, fragte ich den Käsemaukenbesitzer.
„Dann lutsch’ ich an deinem Zeh.“
Alle Jungs stimmten zu, Tanja grunzte: „Von mir aus“, Sabine
und Mara sahen ein wenig blass um ihre Nasen aus.
Damit war es beschlossene Sache. Ich sah das Unglück schon
über mich hereinbrechen, als die langsamer werdende Flasche
auf mich herumschwenkte, dann aber schaffte sie es mit
letzter Kraft bis zu Norbi.
„Wann haste deine Treter denn letztes Mal gewaschen?“,
fragte der Unglückliche.
„Kann mich nicht mehr erinnern. Ist schon so lange her.“
Norbi verzog das Gesicht.
„Los, mach schon!“, feuerte Dodo ihn an. „Der macht nur
Quatsch.“
Norbi brachte es unter dem Gejohle seiner Zuschauer hinter
sich. Danach spülte er mit einem ordentlichen Schluck
Cola nach.
„Gibt’s schon neue Ideen?“, fragte Spielleiter Dodendorf.
„Küssen“, rief Heiko aufgeregt. Viel hätte nicht gefehlt, und
er hätte vor lauter Vorfreude in die Hände geklatscht.
„Wie? Küssen?“, fragte Wilbert.
„Na, wer dran ist, muss jemand anders küssen. Ist doch
ganz einfach.“
„Aber das ist doch keine Strafe.“
„Für den Ausgelosten nicht, aber vielleicht für den Kusspartner.“
In unseren Schädeln ratterte es, wer mit wem rumknutschen
durfte oder musste.
„Aber ohne Zungenschlag“, rief Mara.
Dodo setzte die Flasche in Gang und – abrakadabra – er
kurbelte sich selber aus. Begleitet von einem lüsternen Grinsen
wanderte sein Blick zwischen den zur Auswahl stehenden
Damen hin und her.
„Eine Freiwillige?“, fragte er und leckte sich anzüglich die
Lippen.
Tanja war gleich um einige Zentimeter geschrumpft. Sie
wäre am liebsten ganz unterm Tisch verschwunden. Die anderen
beiden Kusskandidatinnen sahen Dodo unerschrocken
an und erwarteten seine Wahl. Er stand auf, näherte sich bedrohlich
dem Platz von Tanja, die hektische Zuckungen
bekam, dann kehrte er um und rutschte zu Sabine in die
Bank. Die beiden gaben alles. Von wegen ohne Zungenschlag!
Neidisch sah ich den beiden bei ihrer hingebungsvollen Ableckaktion
zu. Warum konnte ich nicht mal solch ein Glück
haben?
„Weiter geht’s!“, rief Dodo fröhlich, nachdem er Sabine
lange genug die Zunge in den Hals gesteckt hatte.
„Am Fahnenmast aufs Stationsdach klettern“, kam von
Norbi.
„Wem ist das zu gefährlich?“, fragte Dodo.
Keiner meldete sich, auch wenn sich die Begeisterung in
Grenzen hielt.
„Lass mich mal drehen!“, forderte Norbi. Er gab der Flasche
so viel Drall, dass sie fast vom Tisch gefallen wäre. Im
zweiten Anlauf drehte er Heiko aus.
„Warum denn ich schon wieder? Die Mädchen waren noch
überhaupt nicht dran. Aber nächstes Mal dreh’ ich die Flasche.“
Er schwang sich zum Flurfenster hinaus und kletterte geschwind
wie ein Affe am Mast entlang aufs Flachdach der Station.
Unten im Wachraum konnten wir hören, wie er dort oben
einige Hüpfer vollführte. Als Heiko zurück war, schlug er
„einmal nackt ums Haus laufen“ vor. Die Mädchen sahen
nicht besonders begeistert aus, und die Jungs malten sich
schon aus, was sie zu sehen bekämen, wenn es eine der drei
Hübschen erwischen sollte.
„Kommt, stellt euch nicht so an!“, drängelte Dodo. „Das ist
wie Nacktbaden, nur ohne Wasser.“
Sie ließen sich erweichen. Die Flasche wirbelte im Kreis,
sie wurde langsamer, schwenkte auf Mara zu, die ängstlich
zurückwich, während die Jungs innerlich einen kleinen Freudensprung
machten, und dann, mit dem allerletzten bisschen
Schwung, landete sie ein weiteres Mal bei Heiko.
„Das gibt’s doch nicht“, kreischte er. „Verfluchte Scheiße.
Das ist unfair.“
„Heul nicht rum! Das hast du dir selber ausgedacht. Und
dann auch noch selber ausgedreht“, holte Dodo ihn wieder auf
den Teppich. „Je eher du abzitterst, desto schneller hastes
hinter dir.“
Heiko grummelte und fluchte vor sich hin, während er sich,
ohne lange zu fackeln, seiner Kleidung entledigte. Die versammelte
Mannschaft lief kichernd zum Fenster, als der Splitternackte
sich auf den Weg machte.
„Beim nächsten Mal setz’ ich aus“, schnaubte er, als er wieder
zurück und angekleidet war.
„Kneifen gilt nicht“, sagte Wilbert. „Das ziehen wir jetzt
alle gemeinsam durch. Und ich hab’ auch schon eine Idee:
Arschlecken.“
„Uäh, jetzt reicht’s aber“, erhob sich allgemeine Ablehnung.
„Leck dich doch selber!“
„Manno! Was seid ihr für lahme Spaßbremsen. Dann aber
was Versautes.“
Wir sahen uns an. Was Versautes war gut. Nur was?
„Drei schweinische Sätze über die Lautsprecheranlage“,
schlug Mara vor.
„Spinnst du?“, maulte Norbi sie an. „Das gibt Mordsärger.“
„Wieso? Ist doch keine Sau da draußen.“
„Wer ist dafür?“, fragte Dodo. „Hand hoch!“
Fünf Hände wurden in die Höhe gereckt. Was sollte schon
groß passieren? Der See war schließlich menschenleer. Die
Ideengeberin setzte das Flaschenkarussell in Gang. Das Los
fiel auf den Spielleiter.
„Wie versaut?“, fragte er.
„Egal. Hauptsache es ist ein schweinisches Wort im Satz.“
Dodo schaltete die Lautsprecher ein, die auf den See ausgerichtet
waren.
„Test, Test, Test“, sprach er ins Mikro. „Äh ... Ficken, Bumsen,
Blasen, alles auf dem Rasen.“
Die Tischrunde quiekte vor Vergnügen. So hatten wir uns
das vorgestellt.
„Drei Volltreffer“, prustete ich. „Zählt aber trotzdem nur als
einer.“
„Okay.“ Dodo drückte wieder auf den Knopf. „Die Jungfernhaut
ist die Haut, die abhaut, wenn die Vorhaut zuhaut.“
Die Mannschaft lag johlend auf dem Boden. Dodo hatte es
mal wieder drauf. Sowas konnte nur er.
„Mach mal was mit einem Namen drin!“, wurde Norbi übermütig.
Ich konnte deutlich sehen, wie Dodos Gesichtszüge rangierten.
Das hieß, er brütete was aus.
„Tanja ist ein Flittchen“, rief er ins Mikro. „Die treibt’s mit
jedem.“
Nicht alle lachten.
„Du blöder Wichser“, kreischte Tanja.
Sie ging mit einer Haarbürste bewaffnet auf ihren Rufmörder
los. Die beiden rangen miteinander. Ein ungleicher
Kampf, den Heiko und ich zu unterbinden suchten. Mein
rechter Handrücken bekam dabei ein schmerzhaftes Muster
von Tanjas Bürste verpasst. Norbi sprang hinzu und entriss ihr
die Waffe.
„Das geht sonst noch ins Auge“, war sein Kommentar.
Tanja gab von einer Sekunde auf die andere auf. Heulend
stürzte sie hinaus. Damit war die Stimmung dann im Eimer
und das Flaschendrehen hatte ein jähes Ende gefunden.
„Wieso musst du eigentlich immer so fies zu Tanja sein?“,
versuchte ich meinem Kumpel ins Gewissen zu reden.
„Ich zu ihr?“ Dodo lachte gekünstelt. „Eher umgekehrt. Sie
muss doch immer rumsticheln.“
Das hatte wohl wenig Zweck. Da hatten sich zwei mit einer
großen Klappe ausgestattete Dickschädel gefunden. Die beiden
konnten sich offensichtlich nicht ausstehen. Tanja hatte
sich zum Schmollen auf den Campingplatz zurückgezogen,
somit war für den Moment mit keiner weiteren Konfrontation
zu rechnen.
Am nächsten Tag war wieder Kartenspielen angesagt. Der
Schock vom eskalierten Spiel des Vortages saß noch tief. Auf
Altbewährtes zurückgreifen war besser, als dem gefährlichen
Kick des Neuen hinterherzujagen.
Als Kutte am Abend mit miesepetrigem Gesicht zum
Wachraum hereinstapfte, wusste gleich jeder, dass er extrem
schlechte Laune im Gepäck hatte.
„Geht’s euch gut, ja?“, fragte er gereizt.
Seine Frage wurde ziemlich einsilbig bis gar nicht beantwortet.
Allen war klar, dass er sie rhetorisch gemeint hatte.
„Mir geht’s jetzt nämlich nicht mehr so gut“, erklärte er.
„Ich war gerade auf der Geschäftsstelle. Dort ist eine Beschwerde
zu Geschehnissen auf unserer Station eingegangen.
Fällt euch dazu etwas ein?“
Keiner traute sich, dem Stationsleiter in die Augen zu
schauen.
„Da ihr scheinbar an kollektivem Gedächtnisschwund leidet,
will ich euch ein wenig auf die Sprünge helfen. Es hat mit
der Lautsprecheranlage zu tun.“
Alle blickten auf ihre nervös zitternden Hände, zogen den
Kopf ein und warteten.
„Ich weiß nicht, was da genau in die Welt hinausposaunt
wurde, aber es hatte jedenfalls nichts mit dem Wachdienst zu
tun. Inhaltlich soll es Erregung öffentlichen Ärgernis’ entsprochen
haben. Also, wer war’s?“
Schweigen.
„Na?“
„Ich“, sagte Dodo kaum hörbar.
Kutte hielt eine Hand ans Ohr.
„War da was?“
„Ich war’s“, wiederholte Dodo etwas lauter.
Kutte sah ihn lange an.
„Dass du genügend Eier besitzt, um dich zu deinem Bockmist
zu bekennen, ehrt dich. Aber sag mal, was hat dich denn
da geritten?“ Dann brüllte er wie ein cholerischer Hauptfeldwebel:
„Hammse dir ins Gehirn geschissen, oder was?“ Er
fuhr wieder an alle gerichtet im Stil einer Rüge fort: „Die
Lautsprecheranlage dient ausschließlich dienstlichen
Zwecken. Das ist kein Spielzeug. Genausowenig wie das
Funkgerät, das Ruderboot und andere Ausrüstungsgegenstän-
de. Ist das klar?“
Einige nickten eifrig, andere murmelten ein leises „Ja“.
Kutte bedachte Dodo mit einem Blick, der klassischerweise
missratenen Söhnen vorbehalten war.
„Noch so ein Ding von dir, und du kannst deine Klamotten
packen. Außerdem erwarte ich, dass du dich bei den Beschwerdeführern
entschuldigst, um die Arbeit und das Ansehen
der DLRG im Allgemeinen und unserer Station im Besonderen
wieder ins rechte Licht zu rücken.“
„Wer hat sich denn überhaupt beschwert?“, fragte Dodo
heiser. „Es war doch gestern keine Menschenseele am See.“
„Unsere Nachbarn vom Versehrtenheim hast du dabei wohl
vergessen. Aber komm jetzt nicht auf die Idee, die Schuld bei
denen zu suchen! Das hast du ganz allein dir selbst zuzuschreiben.“
„Kann ich jemand mitnehmen?“
„Von mir aus. Eine kleine Abordnung kann bestimmt nicht
schaden. Aber benehmt euch um Himmels Willen! Es ist
schon genügend Porzellan zu Bruch gegangen.“
Per Blickkontakt wurden Heiko und ich von Dodo zum Spezialeinsatz
rekrutiert. Mit DLRG-Jacken bekleidet zogen wir
los.
„War Kutte eigentlich beim Bund?“, wollte ich wissen.
„Mann, der kann laut schreien.“
„Kann mein Alter auch“, sagte Heiko. „Und der hat nicht
gedient.“
„Ich glaub’, der war bei den Pios“, meinte Dodo.
„Was sind denn Pios?“
„Pioniere. Die bauen Brücken und so’n Zeug. Voll die
Drecksarbeit, sag ich euch. Hoffentlich komm’ ich da nicht
hin, wenn ich eingezogen werde.“
Wir hatten inzwischen das Gelände des Versehrtenheims
betreten und steuerten mit zunehmendem Fracksausen auf
den Eingang des Flachbaus zu. Aus dem hell erleuchteten
Hauptsaal drang Musik bis vor die Tür.
„Und der Junge mit der Mundharmonika, singt von dem was
einst geschah, in silbernen Träumen ... schrammel, schrammel,
schramm ...“
Bernd Clüvers Schlagermucke versetzte uns einen gehörigen
Schrecken. Na, das konnte ja heiter werden, dachten wir
entgeistert. Der nächste Schauer jagte uns den Rücken hinunter,
als ein stark an Frankenstein erinnernder grauhaariger
Mann zu uns herauskam.
„Kann ich euch helfen?“, fragte er freundlich, während wir
ängstlich auf seine Gesichtsnarben stierten.
„Wir sind von der DLRG-Station“, begann Dodo mit seinem
Lieblingssatz. „Wir sollen ... äh, wir möchten mit jemandem
sprechen, um uns zu entschuldigen.“
„Entschuldigen? So, so. Na, dann kommt mal rein!“
Der Alte ging voraus. Von: „Du hörst sein Lied, und ein
Engel steht im Raum; dann weißt du nicht, ist es Wahrheit
oder Traum ...“ begleitet an der Tanzfläche vorbei, auf der einige
mit unterschiedlicher Anzahl an Gliedmaßen ausgestattete
Damen und Herren meist älteren Semesters sich im Rhythmus
der Musik bewegten, weiter bis zur Theke, wo wir an
einen seiner linken Hand beraubten Senior mit Schnäuzer
übergeben wurden.
„Drei junge Herren von der DLRG, die sich entschuldigen
möchten“, verkündete Frankenstein in Dienermanier und zog
sich zurück.
„Aha! Die Lautsprecher höchstpersönlich?“
Ich machte fast synchron mit Heiko einen kleinen Schritt
zurück.
„Ich war’s“, sagte der von uns in Pole-Position gebrachte
Dodo kleinlaut. „Es tut mir Leid.“
„Ich fand sie irgendwo, allein in Mexiko, Aaniita ...
dschingsarassabum ...“, hielt Costa Cordalis die Tänzer hinter
uns auf Trab.
„Wenn sich jemand entschuldigt, dann ist das immer eine
gute Sache. Aber weißt du denn auch, weshalb diese Entschuldigung
nötig ist?“
„Weil wir Sie mit unserem Lautsprecherlärm gestört
haben?“, mutmaßte Dodo.
Der Einhändige seufzte.
„Musikanten herbei, spielt ein Lied für uns zwei ... diedeldiedelit
...“, ließ Costa nicht locker.
„Setzt euch mal auf die Barhocker da! Trinkt ihr ein Bier?“
Wir bejahten und nahmen Platz.
„Hilde? Machst du mal vier Pils?“
Hilde nickte und zapfte.
„So, weiter im Text. Auch ich war mal jung. Das mag jetzt
für euch sehr schwer vorstellbar sein. Auch ich bin über die
Stränge geschlagen und habe Blödsinn verzapft. Aber es gab
immer eine Grenze, die ich nicht überschritten habe.“
Bei Dodo schien der Groschen gefallen zu sein.
„Sie haben sich über die Schweinereien aufgeregt“, glaubte
er dem Grund der Beschwerde auf die Spur gekommen zu
sein.
Der Einhändige lachte, nahm eins der vier frischgezapften
Biere in seine gesunde Hand und prostete uns damit zu.
Das ständig wiederholte „Aaniita“ bohrte sich in meinen
Schädel, während ich das Pils in großen Schlucken durch
meine Kehle fließen ließ.
„Du musst andere Menschen nicht für prüde halten, nur
weil sie nicht mehr jung sind!“, sagte unser Spender an Dodo
gewandt. „Ich behaupte mal, ich kenne mehr versaute Wörter
als du. Aber ich habe auch gelernt, dass man den Namen
eines Mädchens nicht in aller Öffentlichkeit in den Schmutz
zieht. Du offenbar nicht.“
„Das war nicht wirklich ernst gemeint“, verteidigte sich
Dodo. „Das gehörte doch zum Spiel.“
Der Einhändige schüttelte verständnislos den Kopf. Er
nahm vier Korngläser von einem bereitstehenden Tablett.
Ohne unser Einverständnis einzuholen, schenkte er ein.
„Ich heiße Ernst“, verkündete er mit erhobenem Schnapsglas
und wies uns die drei verbliebenen Gläser mit Kopfnicken
zu.
„Stefan“
„Gerd“
„Heiko“
Wir stießen an und kippten die Kurzen hinunter.
„Flittchen, Schlampe, Hure und andere beleidigende Ausdrücke
für ein Mädchen – ich nehme mal an, dass die namentlich
Genannte zu eurer Mannschaft gehört – sind eine
völlig inakzeptable Kombination. Kein Spiel der Welt kann
eine solche Ungehörigkeit rechtfertigen.“
„Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem
Stachelschwein ... rumtata, rumtata ...“, grölte das blonde
Gutelaunekind an der Seite von Roy Black zu den Lautsprecherboxen
hinaus.
„Noch ein Bier?“, fragte Ernst.
Wir sahen uns etwas ratlos an. Bier war okay, aber das Stachelschweingejodel
grenzte an schwere Körperverletzung.
Dodo fasste sich ein Herz und sagte: „Gerne.“ Hilde wurde
per Handzeichen die Bestellung signalisiert. Heiko und ich
blickten fassungslos zur Tanzfläche. Die dort versammelte
Menge sang mit: „Schööön ist es auf der Welt zu sein ...“
Unterschiedlicher hätten die durch die Musik ausgelösten
Gefühle kaum sein können: bei den Tanzenden ehrlich empfundene
Freude, bei uns drei jungen Kerlen von Würgreiz begleitete
Qualen.
„Ihr seid doch die Guten“, redete uns Ernst ins Gewissen.
„Ihr habt sowas wie eine Vorbildfunktion für andere Jugendliche.
Also macht was daraus!“
Die nächste Lage Korn stand bereit. Zum Trinkspruch „Auf
gute Nachbarschaft“ kippten wir sie hinunter.
Mit dem vierfachen „Hossa“ von Rex Gildo kam Bewegung
in den einhändigen Ernst.
„Das ist mein Lied“, gestand er mit Feuer in den Augen.
„Hilde? Die drei Rettungsschwimmer hier haben freie Auswahl.
Geht alles aufs Haus. Tanzen könnt ihr selbstverständlich
auch“, lud er uns ein.
Wir lehnten dankend ab und hielten uns ans Bier. Ich überlegte,
wieviel Schnaps ich wohl bräuchte, um die deutsche
Schlagermusik erträglicher zu finden, während unser einhändiger
Spender eine hochtoupierte Dame auf die Tanzfläche
verschleppte.
„Adio, Adio Mexiko, ich komme wieder zu dir zurück ...
uffta, uffta, hudiwusch ...“
Was hatten sie nur immer alle mit ihrem Mexiko? Der Cordalis
vorhin auch schon.
„Fiesta, Fiesta Mexicana, auf der kleinen Plaza, da lacht
man und singt ... ramtamtam ...“
Wahrscheinlich hielten die Schlagerfuzzis das vielzitierte
Land für den Inbegriff von Lebensfreude. Ernst legte mit seiner
Partnerin eine flotte Sohle aufs Parkett. Als das Lied vorüber
war, ging er zum Plattenaufleger, während Cindy und Bert
die Zeile: „Jeden Sonntag kamen sie herüber – aha“ anstimmten.
Pünktlich zum Refrain wirbelte er die Hochtoupierte
wieder über die Tanzfläche, die von einer Lichtorgel in
ein buntes Farbmuster getaucht wurde.
„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung – dubdidubdidubdub
dub ...“
Ich ertappte mich, wie mein Fuß im Rhythmus der Musik
mitwippte. Man konnte die ganzen Schlager hassen, wie man
wollte, selbst das grausigste Lied fräste sich dem zum Mitsummen
Verdammten ins Hirn.
„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung – dubdidubdidubdub
dub ...“
Mist! Jetzt hatte ich das Teil im Schädel. Dodo hielt mir derweil
das nächste Kornglas unter die Nase. Und runter damit.
„Morgen werd’ ich mir den ganzen Tag ,Deep Purple‘ reinziehen“,
teilte ich meinen DLRG-Kumpels mit, die das Treiben
auf der Tanzfläche ungläubig verfolgten.
Völlig überraschend schrammelte kurz darauf ein bekannter
Gitarrenpart in unsere Gehörgänge. CCR.
„Hey, tonight, gonna be tonight, don’t you know I’m flyin’,
tonight, tonight ...“, röhrte John Fogerty in den Saal.
Es war weniger eine bewusste Entscheidung, auf die Tanzfläche
zu stürmen, als ein Reflex, der das Kommando über
unsere Körper übernommen hatte. Eh wir überhaupt klar denken
konnten, hopsten wir drei wie die Berserker zwischen den
Senioren umher, die unser ausgeflipptes tänzerisches Engagement
mit amüsiertem Interesse zur Kenntnis nahmen. Die
fehlenden Gliedmaßen um uns herum wirkten anfangs noch
ein wenig bedrohlich, doch mit zunehmender Songdauer verlor
sich das unangenehme Gefühl.
„Gonna chase tomorrow, tonight, tonight ...“ John gab alles:
„Aaaah!“
„Na, ist das mehr nach eurem Geschmack?“, erkundigte
sich Ernst neben uns.
„War das deine Idee?“, fragte Dodo. „Affengeil, ey.“
Zum Abhotten hörten wir normal ganz andere Sachen, aber
wir wollten ja nicht mäkelig werden. Fogerty übergab das Mikrofon
nach knapp drei Minuten an Zager and Evans.
„In the year twenty-five twenty-five, if man is still alive, if
woman can survive ...“ sang das Duo.
Nicht der Brüller, aber zehnmal besser als Stachelschwein
und Mexiko. Sozusagen das musikalische Paradies für uns,
wenn man bedenkt, dass hier eben noch das Heile-Welt-Geseier
für Vati und Mutti gelaufen war.
„In the year sixty-five sixty-five, ain’t gonna need no husband,
won’t need no wife ... trallala, trallala ...“
Ganz schön apokalyptisch. Manchmal war es gar nicht so
verkehrt, nur die Hälfte der englischen Texte zu verstehen.
Wir drei tänzelten mit gebremstem Schaum dahin und begannen
uns zu fragen, wie lange unser Glück noch währen mochte.
Irgendwann würden der Junge mit der Mundharmonika,
das Bett im Kornfeld und die Apfelsinen im Haar wiederkehren,
soviel war sicher. Umso größer war unsere Freude, als die
Kinks den Song „Lola“ anstimmten.
„I met her in a club down in old Soho, where you drink
champagne and it tastes just like cherry-cola, see-oh-el-aye
cola ...“
Die Kinks waren geil. Echt abgefahren.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said
Lola, el-oh-el-aye Lola, la-la-la-la Lola ... tschaka, tschaka,
tscha ...“
„Dreimal ist dem Bremer Recht“ heißt es im Volksmund an
der Weser, von daher hätten wir gewarnt sein müssen, dass es
nach den Kinks mit der Junge-Leute-Belustigungsrunde vorüber
sein könnte.
„Laurentia, liebe Laurentia mein ...“
Wir drei rannten uns beim Erklingen des von der gesamten
Gesellschaft angestimmten Liedes ungestüm über den Haufen,
als wir gleichzeitig zu fliehen versuchten. Nachdem wir
uns wieder berappelt hatten, war der Versehrtenring um uns
herum bereits geschlossen, wir saßen in der Falle. Der Kreis
öffnete sich nur noch, um uns zwischen fehlenden, halben
und ganzen Armen einzuflechten, dann ging’s los.
„Laurentia, liebe Laurentia mein, wann werden wir wieder
beisammen sein? Am Montag!“
Bei jedem „Laurentia“ und jedem Wochentag wurde eine
Kniebeuge vollführt. Es beteiligten sich auch zwei Einbeinige
beim Ringelreihen, die munter mit uns auf und nieder
hüpften.
„Ach wenn es doch erst wieder Montag, Dienstag wär’, und
ich bei meiner Laurentia wär’, Laurentia!“
Mit jeder Strophe kam ein Tag hinzu, somit wurde die Liedzeile
mit der Auflistung der Wochentage immer länger und artete
am Ende in schweißtreibenden Hochleistungssport aus.
Außerdem wurde das Tempo kontinuierlich angezogen. An
meiner rechten Seite hatte ein Glatzkopf mit seinem Armstumpf
angedockt, auf der anderen Seite tanzte eine zierliche
ältere Dame im roten Blümchenkleid, an der ich kein körperliches
Handicap entdecken konnte.
„Ach wenn es doch erst wieder Montag, Dienstag, Mittwoch
wär, und ich bei meiner Laurentia wär’ ...“
Immer wieder auf und nieder. Zum Ablegen der DLRG-Jacke
war es nun sowieso zu spät. Alle Tänzer waren mit Eifer
dabei, und ich muss zugeben, dass es für uns sonst zu Rockmusik
headbangenden jungen Leute längst keine lästige
Pflicht mehr war, mit den Versehrten zu diesem Kinderlied
herumzuturnen. Es machte uns Spaß. Es machte sogar großen
Spaß.
„Ach wenn es doch erst wieder Montag, Dienstag, Mittwoch,
Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag wär, ...“
Als am Ende der lachende und außer Atem geratene Kreis
erschöpft auseinanderfiel, da waren wir zu einem Bestandteil
der Versehrtenrunde geworden. Etwas, das wir vorher nie für
möglich gehalten hätten. Zurück an der Theke mit dem nächsten
Bier versorgt, hörten wir, wie Chris Roberts die auf der
Tanzfläche Verbliebenen zurück auf wohlvertraute Schlagerpfade
führte.
„Ich bin verliebt in die Liebe, sie ist okay für mich, ich bin
verliebt in die Liebe und vielleicht auch in dich ... rumta,
rumta, rumtata ...“
Wir waren ziemlich betrunken, als wir uns in der Nacht auf
den Rückweg machten. Und wir waren glücklich und zufrieden.
Ohne dass wir es in jenem Moment in Worte hätten fassen
können – wir hatten eine Brücke geschlagen. Für uns
selbst, aber auch für die Mannschaftskameraden und -kameradinnen,
die an diesem denkwürdigen Abend nicht mit dabei
gewesen waren.

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