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Kailash - Eine Reise zum Mittelpunkt der Welt
Das Zelt ist klein und eng. Die dünne Isomatte und der Schlafsack verhindern nicht, dass ich alle Unebenheiten des Untergrundes spüre und das weiche Bett zu Hause schmerzhaft vermisse. Ich liege mal auf der linken, mal auf der rechten Seite und zur Abwechslung auch auf dem Rücken, ziehe die Beine an oder strecke sie aus und habe damit meinen Bewegungsspielraum voll ausgeschöpft. Es ist bitterkalt, die gefühlten Temperaturen sind in dieser Höhe von 4000 Metern deutlich niedriger als die real ge-messenen. Aber weder das ungewohnte Lager noch die Kälte sind das Problem. An das eine gewöhnt man sich, die andere lässt sich mit Hilfe der anbehaltenen Kleider, der mitgebrachten Thermounterwäsche und der auf einem Markt gekauften Zusatzdecke ganz gut überstehen. Viel ärgerlicher ist die permanente Schlaflosigkeit. Der geringe Sauerstoffgehalt der Luft führt dazu, dass ich einmal mehr als sonst bewusst Atem ho-len muss und das hält mich wach. Wenn ich zur Abwechslung oder wegen eines natürli-chen Bedürfnisses hinaus in die Kälte krieche, fesselt mich zwar der phantastische Sternenhimmel, den man nirgends intensiver erleben kann als in dieser Höhe und bei dieser klaren, eisigen Luft, aber dann zieht es mich doch schnell wieder zurück in die Wärme des Zeltes. Und da dehnt und dehnt sich die Zeit aufs Neue. Diese Nächte sind ungewohnt lang, bis der heiß ersehnte Ruf "Good morning - tea time" kommt. Ich, des-sen Tage früher in aufgedrückter, inzwischen in selbstgewählter Hektik nur so dahinflie-gen, mache die erstaunliche und ungewohnte Erfahrung, dass Zeit einfach nicht verge-hen will. Was tun? Radio hören mit dem kleinen Sony Weltempfänger. Radio India auf Englisch kann man verstehen, aber alle anderen Sprachen sind unverständlich. Was bleibt ist grübeln, nachdenken. Ich habe Zeit, viel Zeit.
Die Gedanken kreisen, wandern hin und her, wie die weißen Wolken am tiefblauen, wei-ten Himmel und kehren immer wieder zu einem fixen Punkt zurück - zu Tibet, dem Land meiner Träume. Nun bin ich also hier. Schon als Kind galt mein Interesse diesem mysti-schen, geheimnisvollen Land am Rande der Welt, wie sie uns vertraut ist, wie wir sie kennen. Die Randlage ist keine geographische. Zentraler kann ein Land gar nicht lie-gen, mitten in Asien, auf dem höchsten Plateau dieser Erde, dem Dach der Welt. Aber für uns im Westen ist es so weit weg, so unendlich fern und immer noch schwer zu er-reichen, selbst heute, im Zeitalter der unbegrenzten Reiselust und Reisemöglichkeiten. Es war für Ausländer, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, über Jahrhunderte nicht möglich nach Tibet einzureisen und die verfügbaren Informationen waren spärlich und kryptisch. So entstand der Mythos des Geheimnisvollen, des Unerreichbaren. Be-deutende Forscher, wie der Schwede Sven Hedin, sind bei ihrem Versuch Lhasa zu erreichen gescheitert. Was für ein Triumph musste es für die französische Schriftstelle-rin und buddhistische Gelehrte Alexandra David-Neel gewesen sein, in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nach unendlichen Mühen als Pilgerin verkleidet Lhasa zu be-treten. Selbst noch in den 40er Jahren war es eine große Ausnahme, dass Heinrich Har-rer und Peter Aufschnaiter 7 Jahre in Tibet bleiben durften. Die Zeit der selbst gewähl-ten Isolation ging fast nahtlos über in die der fremdbestimmten. Die chinesischen Kom-munisten besetzten 1950 das Land und unterdrücken seitdem gnadenlos die einheimi-sche Bevölkerung. Erst zu Beginn der 80er ließen die ungeliebten Machthaber eine vor-sichtige Öffnung zu und die ersten Normalsterblichen konnten daran denken, eine Reise nach Tibet zu unternehmen. Und so ging auch für mich ein Lebenstraum in Erfüllung.
Mein Zelt steht weit im Westen Tibets, am Ufer des Manasarovar Sees in einer Land-schaft, die nach Sven Hedin als eine der harmonischsten der Welt gilt. Kurz bevor der Abend und die nächtliche Kälte kommen, ist es angenehm warm. Der Blick wandert ü-ber den tiefblauen See, dessen Farbe sich im Laufe des Tages ständig ändert, zu dem Felsenkloster Chiu, dem gewaltigen Bergmassiv der Gurla Mandata und bleibt schließ-lich bei der ebenmäßigen Form des heiligen Bergs Kailash in der Ferne hängen, dem wichtigsten Ziel meiner Reise. Diese Reise hatte in Lhasa begonnen, dem Sitz der Göt-ter, Hauptstadt und spirituelles Zentrum der Tibeter. Hier steht der Potala, der grandiose Winterpalast des Dalai Lama. Hier befindet sich der Jokhang Tempel, das tibetische Nationalheiligtum, das Herz der tibetischen Kultur mit der kostbarsten und wichtigsten Buddhastatue, dem Jobo Shakyamuni. Hier kann man die berühmten Klosteruniversitä-ten Sera und Drepung besuchen, in denen früher Tausende Mönche lebten und die auch heute noch, nach ihrem Wiederaufbau, eine intensive Spiritualität ausstrahlen. Als ich hier zum ersten Mal die geheimnisvollen, fremdartigen Gesänge der Mönche hörte, war ich so fasziniert, so versunken, dass ich nicht bemerkte, wie mir eine Bekannte aus der Reisegruppe ein Objektiv aus der Fototasche nahm, nur um mir dies zu demonstrie-ren. Die Reise ging dann weiter nach Gyantse, mit dem Tempel Balkor, von dessen Dach aus die tibetischen Albhörner, die langen Trompeten der Mönche erklangen und wo wir die größte Stupa Tibets, das Weltwunder Kumbum mit seinen hunderttausend unterschiedlichen Götterbildern in Form von Statuen und Fresken bewunderten. Die letzte Hochburg städtischer, tibetischer Zivilisation war Shigatse, die zweitgrößte Stadt mit dem grandiosen, unzerstörten Kloster Taschilumpo, dem Sitz des Pantschen Lama, des zweitwichtigsten geistlichen Führers. Zusammen mit drei fröhlichen Pilgerfrauen und ihren Kindern umwanderte ich das Kloster, wobei ich immerzu aufgefordert wurde, das dünne Gerstenbier Chang aus dem mitgeführten Plastikkanister zu trinken. Es war ein sehr fröhlicher Nachmittag, obwohl wir uns gar nichts sagen konnten.
Nicht nur die prächtigen Gebäude sind bewundernswert, die Tempel mit dieser beson-deren tibetischen Geruchsmischung aus Räucherstäbchen und Buttertee und dem schwachen Licht flackernden Kerzenlicht der zahllosen Butterlampen, sondern auch die Menschen selbst verdienen Hochachtung. Diese einfachen Menschen, die mit einem Minimum an Besitz und Wohlstand auskommen, die mit großer Inbrunst ihrem Glauben anhängen und viel Zeit und große Mühen aufwenden, um zu ihren heiligen Orten zu kommen. Sie wurden zu Fremden im eigenen Land degradiert. Diese Menschen, deren Vorfahren dafür verantwortlich waren, dass eine so einmalig Hochkultur in einer derart kargen und feindlichen Landschaft entstehen konnte und die trotz aller Widrigkeiten daran festhalten und somit deren Zukunft sichern.
Nach Shigatse beginnt der wilde Westen, Chang-tang, das gewaltige, fast menschen-leere zentrale Hochland von Tibet. Für die 1500 Kilometer lange, anstrengende Fahrt mit Jeeps und einem Laster bis in die Stadt Ali oder Shiquanhe in der Westprovinz Ngari an der indischen und pakistanischen Grenze sind mehrere Tage erforderlich. Hier gibt es keine Straßen, nur noch Pisten, die sich in der grandiosen Weite des Landes verlie-ren und deren Verlauf nur mühsam an den Fahrzeugspuren erkannt werden kann. Das Fahren selbst ist kein Vergnügen. Wegen der Unebenheit des Geländes und der unzäh-ligen Schlaglöcher wird man pausenlos geschüttelt und durchgerüttelt, ständig besteht die Gefahr mit dem Kopf an die Decke zu knallen, Sitzgurte waren nicht vorhanden. Ein harter Materialtest für die Autos und die Kamera und eine Frischzellentherapie erster Güte für den Körper.
Entschädigt wird dieser Unbill jedoch durch die wunderbare Landschaft, die unendlich weiten Horizonte und den einmaligen Himmel. Dem Blick bietet sich kein Baum, kein Strauch, nur Gras und Steine. Nur selten begegneten wir Yak- oder Schafherden, ab und zu sah man schwarze Nomadenzelten, vor denen die scharfen tibetischen Mastif-hunde lagen und noch seltener führte eine schnurgerade, staubige Straße durch ein Dorf mit einfachen Häusern oder Lehmhütten links und rechts. In der Erinnerung war die rasch zubereitete, köstliche Nudelsuppe in einem Straßenrestaurant das beste denkba-re Essen. Vor dem Lokal wartete eine alte Frau und ließ sich die Reste der Suppe in eine Plastiktüte schütten. Öfters als den Anzeichen der Zivilisation begegnete man im Hochland Hasen, Wühlmäusen und Raubvögeln und einmal rannen in der Ferne sogar eine paar scheue Kyangs, die legendären tibetischen Wildesel, davon.
Nähert man sich den schneebedeckten Bergen, deren Gipfel sich nur wenig über das Umland erheben, aber dennoch bis 7000 m hoch sein können, geht die Ebene in Hügel, Senken und Täler über, die manchmal sanft, oft aber auch steil abfallen und die dann auf sich endlos windenden Serpentine durchquert werden müssen. Man ist erstaunt, wenn der Wagen auf einem Pass hält, den man wegen des geringen Anstiegs kaum wahrgenommen hat, der aber über 5000 m hoch ist. Auf der Passhöhe liegt ein Stein-haufen, der nicht nur als Wegmarke dient sondern auch als sakrales Objekt. Die vielen flatternden, bunten Fähnchen senden unaufhörlich Gebete zum Himmel, genau so wie die Gebetsmühlen in den Händen der Tibeter. Der Aufenthalt ist kurz, gerade mal ein Rundblick in die schier unendliche Weite. Ich bin froh, dass ich in dieser Höhe nicht viel gehen muss, das Atmen fällt bei der geringsten Anstrengung schwer. Der Weg führte weiter, vorbei an tintenblauen oder türkisgrünen Seen, die in der braunen, roten, gelben, manchmal sogar grünlichen Steinwüste ebenso intensiv leuchten wie die spiegelglatten, blendend weißen Salzseen. In einem Tal sind heiße Quellen und ein ständig sprudeln-der Geysir. Es bilden sich Wasserläufe und kleine Teiche, die in den wunderschönsten Farben prangen, hervorgerufen durch winzig Schwefelbakterien, Blaualgen und den Ablagerungen der Mineralien. Viele Kilometer weiter im Westen tauchen plötzlich tücki-sche Sanddünen auf, vor denen die Piste einfach endet. Die Jeeps schlingern im Sand wie auf Glatteis. Erstaunlich sind die Tricks und das Können der Fahrer, die sich gegen-seitig helfen und abschleppen und an gefährlichen Stellen vorbeilotsen und die auch dieses Hindernis bewältigten. Und nach den Sanddünen kommt irgendwann auch ein Fluss und es gibt selbstverständlich weit und breit keine Brücke. So wird auch die Fahrt durch die Furt zum Abenteuer. Wenn das Auto mitten im Fluss stehen bleibt, der Motor absäuft und die Füße in der Kabine nass werden, hilft nur noch Hoffen und Warten auf einen der typischen blauen Chinalaster der Marke Ostwind „ Dongfeng“, der garantiert vorbeikommt und das Fahrzeug mit langen Stahlseilen ans Ufer zieht.
Über der Landschaft wölbt sich der Himmel. Ein Himmel, den es so bei uns nicht gibt, so groß, so weit, so gewaltig. Einmal ist er tiefblau, fast schwarz, dann wieder grau und bleiern. Das Abend- und Morgenrot bringt Farben hervor, die jede Kitschpostkarte verblassen lassen und in der Nacht verbreitet der Mond sein unwirklich fahles, kaltes Licht. Das schönste an diesem Himmel sind jedoch die Wolken, denen schon Anagarika Govinda, einer der wenigen westlichen Pilger, der in den 40er Jahren nach Westtibet kam, mit seinem Buch „Der Weg der weißen Wolken“ ein Denkmal setzte. Alle Formen, die man sich denken kann, wahre Kunstwerke tauchen auf und verschwinden, jagen dahin und werfen ihre Schatten auf die Erde. Die Änderungen des Wetters sind rasch und frappierend. War gerade noch hellster Sonnenschein, wird es plötzlich dunkel, es regnet oder hagelt und Böen eiskalten Windes peitschen über die Ebene. Dann reißt ein Loch in den Wolkenbergen auf und die Sonnenstrahlen bilden einen kleinen, hellen Fleck, der auf der immer noch dunklen Erde genau so dahin rast, wie vorher die Schat-ten. Und schon ist der Spuk von Regen und Hagel wieder vorbei, die Sonne brennt mit unglaublicher Intensität und Helligkeit und man möchte sich die Kleider vom Leib reißen und nackt herumlaufen vor lauter Lebensfreude. Vor allem möchte man nicht mehr auf-hören diese phantastischen Schauspiele zu genießen und wie besessen zu photogra-phieren, wenn nicht, was auch vorkommen kann, der Film reißt, weil er bei der Kälte spröde geworden ist.
Obwohl die Fahrt insgesamt gut und problemlos verlief, gab es auch einige Erlebnisse, quasi die der Erinnerungen an diese Reise. Die drei Jeeps, die sich normalerweise im-mer in Sichtweite befanden, waren auseinandergedriftet. Eine falsche Abzweigung, eine missgedeutete Spur im Sand, die Einfahrt in ein falsches Tal? Jedenfalls war unser Auto seit ein zwei Stunden allein auf weiter Flur. Es wurde dunkel und der Fahrer wollten unbedingt noch die Stadt Ali erreichen, um die Nacht im Hotel zu verbringen und ein Essen im Restaurant, statt der üblichen Konserven und Eier, er und wir wollten den seit Tagen vermissten Komfort genießen. Die Fahrt führte am Oberlauf des Indus entlang, die Nacht war samtblau mit einer Mondsichel wie im Märchen. Da begann der Jeep zu stottern und blieb stehen. Der Tank war leer, der Reservekanister leider auch. Ratlosig-keit auf dem Gesicht des Fahrers. Er hatte sich nicht nur verfahren, sondern auch unter-lassen rechtzeitig zu tanken. Wir warteten, hofften, dass einer der anderen Jeeps uns suchen würde und stellten uns dann auf eine kalte, ungemütliche Übernachtung im Au-to ein. Doch dann nahte die Rettung in Form eines Lastwagens. Er hielt an, der Fahrer und seine Begleitung, eine hübsche Chinesin mit Rüschenbluse und Stöckelschuhen, stiegen aus. Nach einigem Palaver wurde ein Schlauch in den Tank des Lasters ge-steckt, dann saugte der Fahrer das Benzin mit dem Mund an, klemmte den Schlauch ab und steckte ihn in den Tank des Jeeps. Eine Stunde später kamen wir in Ali an, erleich-tert vom Rest der Gruppe begrüßt. Das Gebäude, das sich Hotel nannte, war eine he-runtergekommene Kaschemme. Die Zimmer waren klein und kalt. Es gab eine Gemein-schaftsdusche, die dunkel und voll Wasserdampf war, zum Glück kam aus den Duschen warmes Wasser und die Toilette war eine Reihe offener Verschläge mit einem Loch in der Mitte, die durch halb hohe Mauern voneinander getrennt waren. Aber das Restau-rant war noch offen und das Essen, wie immer, vorzüglich.
In diesem Tibet, das so weit am Rande unserer Welt liegt und dem Reisenden so viel abverlangt, dass es vom Massentourismus Gott sei Dank verschont geblieben ist, in diesem Land liegt jedoch ohne Zweifel der Nabel der Welt. Seit Jahrhunderten suchen unzählige Pilger aus Tibet, Indien und Nepal den Berg Meru auf, die mythologische Wel-tenachse des Buddhismus und Hinduismus, den Mittelpunkt der Welt. Das geistige Symbol Meru wird durch den realen Berg Kailash oder Kang Rinpoche, das Schneeju-wel, verkörpert. Der Berg ist „nur“ 6714 m hoch, überragt aber majestätisch seine Um-gebung und gilt seiner ebenmäßigen Form wegen als gewaltiges natürliches Mandala. Auf dem mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel sitzt dem Mythos nach der Gott Shiva, der große Zerstörer und Erneuerer der Welt. Auf den Knien seine schöne Frau Parvati. Aus seinem Haar fließt das Wasser, das den heiligen Fluss Ganges bildet. In der Um-gebung des Kailash entspringen vier große Flüsse Asiens, der lndus der Sutlej, der Kar-nali, der zum Ganges wird und der Tsangpo oder Brahmaputra. Im Süden nur einige Kilometer entfernt, liegen die heiligen Seen Manasarovar und Rakas Tal, die Verkörpe-rungen des Guten und des Bösen. Im hinduistischen Epos Ramayana heißt es »Wann immer einer den Boden um den Manasarovar berührt oder wenn er in dem See badet, so wird er ins Paradies des Brahma eingehen; und der, der von seinen Wassern trinkt, wird in Shivas Himmel eingehen und wird von den Sünden von hundert Wiedergeburten erlöst werden.« Aber was nützt es, von hundert Wiedergeburten erlöst zu werden, wenn das Karma nicht ausreicht, um in das Nirvana einzugehen. Verbessern kann man das Karma jedoch, wenn man den heiligen Berg Kailash umrundet. Eine Umrundung bringt schon großen spirituellen Nutzen, um jedoch unmittelbar die Erleuchtung, das Nirvana zu erlangen, muss dies 108 mal erfolgen,.
Mich faszinierte die Vorstellung, dass bis in die 1980er Jahre nur eine Handvoll „Phi-lings“, Menschen aus dem Abendland, den Kailash sehen oder gar umrunden konnten, wie beispielsweise Herbert Tichy der, als Pilger verkleidet dies 1935 schaffte. Diese Pa-rikrama oder Kora hat eine Länge von 53 km, dabei werden 800 Höhenmeter überwun-den. Ihr Höhepunkt im wörtlichsten Sinne ist der 5700 m hohe Pass Dölma La, der sei-nen Namen von Tara, der Göttin der Barmherzigkeit ableitet. Wie viele Zweifel hatte ich, ob ich die Umrundung, vor allem den letzten sehr steilen Aufstieg, schaffen würde - und wie einfach war es dann im Rückblick. Eine gute Voraussetzung war die langsame Ak-klimatisierung an die große Höhe durch die Fahrt über den Chang-tang, entscheidend war aber der Wille, das Ziel zu erreichen und die Kora zu vollenden. Glaube kann Berge versetzen.
Der Weg um den Kailash, der für die meisten Pilger im Uhrzeigersinn verläuft, nur die Anhänger der Bön-Religion laufen anders herum, begann mit einer bequemen Wande-rung durch ein leicht ansteigendes, wunderschönes Tal. Das Wetter war prächtig und der Berg zeigte sich von seiner schönsten Seite, obwohl es am Vorabend noch gedon-nert, geblitzt und gehagelt hatte und auf den Höhen beträchtliche Mengen an Schnee gefallen waren, so dass der Pass nach den Berichten anderer Pilger nicht überquert werden konnte. Es war ein Genuss diese einmalige Landschaft intensiv in sich aufzu-nehmen, diese bizarren Felsformationen, den blendenden Schnee auf dem Gipfel, den unwirklichen Himmel und die absolute Stille. Die Stimmung und meine Gefühle in die-sem Tal lassen sich rational nur schwer erklären oder beschreiben, sie grenzten an Eu-phorie und das Glücksgefühl an diesem Ort sein zu können, war so intensiv, wie sonst kaum noch einmal im Leben. Die Umgebung des Kailash ist mit Sicherheit ein „power place“, ein magischer Ort mit einer geheimnisvollen, einzigartigen Ausstrahlung, die jenseits unserer normalen Erfahrung liegt. Aber vielleicht hatte ich diese euphorischen Gefühle, weil ich die Wiedergeburt eines tibetischen Mönches bin, der für kurze Zeit zu Hause sein durfte. In Tibet ist in der Hinsicht alles möglich.
Ein Genuss war nicht nur die Landschaft, sondern auch die Beobachtung der Men-schen, die mit uns die Kora machten. Einige der Pilger waren schnell dahinschreitende junge Männer, die die Umrundung an einem Tag schafften. Das andere Extrem waren Menschen, die den Weg um den Berg mit ihrer Körperlänge abmaßen, die sich ständig hinlegten, aufstanden, so viele Schritte machten, wie ihre ausgestreckten Arme auf dem Boden angezeigt hatten, um sich dann erneut hinzulegen. Sie brauchen viele Tage für eine Umrundung, bekommen aber auch viel mehr Karma. Unter den Pilgern waren falti-ge alte Frauen, kleine Kinder, Säuglinge auf den Rücken der Mütter, hübsche, lachende Mädchen, mit schwarz gefärbten Gesichtern gegen die Sonne, wunderliche Exoten aus Indien, Großfamilien und Pilgergruppen, die am Wegesrand rasteten und Tee kochten. Mit Interesse registrierte ich die vielen Zeichen religiöser Verehrung, die zahlreichen Steinpyramiden, die Anhäufungen von Manisteinen mit den eingravierten Mantras, wie dem allgegenwärtigen "Om manie padme hum".
Ohne sichtliche Anstrengung erreichten wir das Kloster Drira Puk, eines der drei Klöster, die den Parikrama säumen und den Pilgern als Quartier dienen. Von hier aus zeigt sich der Kailash am frühen Morgen von seiner prächtigsten Seite. Die ersten Spuren des Tageslichts lassen das gewaltige, 2000 Meter hohe, senkrecht ansteigende Felsmassiv mehr ahnen als sehen. Die weiße Schneehaube wird immer deutlicher und dann begin-nen die ersten Strahlen die gewaltigen Zeichnungen der Felsspalten an der Wand zu modellieren. Da stand der Berg direkt vor mir, perfekt in seiner symmetrischen Tetra-ederform, flankiert von zwei vorgelagerten kleineren Gipfeln, hinreißend in goldenes Licht getaucht vor dem noch nächtlichen, dunkelblauen Himmel: ein unvergesslicher Anblick, ein gewaltiger Eindruck dieses Berges voller Kraft, voller Geheimnisse und Ma-gie, dieses natürlichen Heiligtums.
Der Anblick gab Kraft für den härtesten Teil der Kora, die Ersteigung des Dölma La Passes. Zehn Schritte gehen, stehen bleiben, tief und intensiv Luft holen, später sind es oft nur noch drei oder vier Schritte. Man ist auf sich und die Anstrengung des Körpers konzentriert und nimmt die Landschaft nur noch diffus wahr, ebenso wie die Pilger, die in langen Reihen hintereinander gehen und den keuchenden Philing scheinbar leichtfü-ßig überholen. Wichtig war es in dieser Phase, einen eigenen Stil und Rhythmus zu fin-den und konsequent durchzuhalten.
Man muss sterben, bevor man wiedergeboren werden kann. Die Umrundung des Kai-lash ist eine Wiedergeburt, der Ablass aller Sünden eines irdischen Lebens. Das Karma wird verbessert, man kommt dem Nirvana näher. Der Tod ist der beschwerliche Auf-stieg, die Überwindung des letzten, steilen Anstiegs in der extrem dünnen Luft. Man kommt an dem Leichenacker Zhiwa Tshäl vorbei, dem Ort, den die Seelen im Bardo aufsuchen, dem Abschnitt zwischen Tod und Wiedergeburt. Hier begegnen sie dem Totenrichter Yama und die Pilger lassen Locken ihres Haares oder Kleidungsstücke als Opfergaben zurück. Und wenn jemand Glück hat, lässt er auch seine irdische Körperhülle hier.
Doch wenn man den Pass erreicht hat, strömt das neue Leben in den Leib, in diese un-bedeutende, temporäre Hülle. Ich erreichte den Pass, total erschöpft und hoch erfreut und stimmte, immer noch kurzatmig, in den Jubel der Pilger ein: "Lha so so so so“, den Göttern sei Dank. Endlich sitzen, durchatmen, ausruhen, zusehen, wie die anderen die letzten Meter mühsam schaffen. Dann, als sich wieder frische Kräften aufgebaut hatten, stand noch die Umrundung des riesige Felsblocks auf dem Pass an, der mit Münzen und persönlichen Dingen vollgesteckt und vollgeklebt ist und von dem unzählige Schnü-re mit Gebetsfahnen ausgehen. Auch von mir ist ein Büschel Haare und eine Foto mei-ner Familie dort deponiert. Nun war ich am Ziel der langen Reise, ein Traum hatte sich erfüllt!
Hinunter ging es dann leichter. Zwar sehr steil und beschwerlich, durch Schnee und Eis, aber es ging abwärts, der Atem reichte wieder aus und irgendwann war der Talboden erreicht und die bequeme Wanderung des ersten Koraabschnittes wurde wieder aufge-nommen. Die Sinne öffneten sich erneut für die Schönheit und Einmaligkeit der Land-schaft, die eigene Wiedergeburt zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Auf dieser Seite des Berges sah man die gewaltige Felsscharte, die der Bönpriester Naro Bönschung in den Fels gehauen hatte, als er im Wettstreit mit dem Heiligen Milarepa unterlag. Das Rennen auf den Gipfel, der im übrigen noch nie von einem Menschen bestiegen wurde, entschied Milarepa dank seiner Magie für sich und damit siegte der Buddhismus über die Naturreligion der Bön.
Tage später liege ich wieder in meinem Zelt, friere und kann nicht schlafen, aber das macht nichts. Ich freue mich immer noch, dass der Kailash so gnädig zu mir war und die Umrundung zugelassen hat. Die Gedanken wandern weiter zu einem weiteren Höhe-punkt der Reise, das vor 400 Jahren verlassene Königreich Guge mit der Tempelstadt Tsaparang und der ehemaligen Hauptstadt Toling. Um nach Guge zu gelangen, muss man einen der spektakulärsten Canons der Welt durchqueren, das tief eingeschnitte-nen, von bizarren Felsformationen geprägte Tal des Sutlej. Der Grand Canon kann nicht eindrucksvoller sein. Und nirgends ein Mensch, keine hektischen Touristenmassen, kei-ne geschäftstüchtigen Andenkenverkäufer, keine störende Coca-Cola-Reklame, nur Ruhe, Frieden und unendliche Einsamkeit. Die Tempel von Tsaparang waren früher von erlesener Kostbarkeit, unvergleichliche Fresken illustrierten das Leben Buddhas und der unendlich vielen Götter und Heiligen des buddhistischen Pantheons. Heute sieht man nur noch an einigen wenigen Wänden Farben von sagenhafter Leuchtkraft und Frische und entdeckt Formen und Details, die man sonst in Tibet nirgends findet. Begierig nahm ich diese Harmonie und Komposition der Darstellungen, diese Zeugnisse einer absolu-ten und einmaligen Hochkultur in mich auf.
Und weil das alles so unvergleichlich schön ist, packte mich in meinem Zelt die kalte Wut. Die Tempel, die lange Zeiträume in dem trockenen Klima Zentralasiens fast unbe-schädigt überstanden hatten und die Anagarika Govinda eindrucksvoll in dem erwähn-ten Buch beschrieben hatte, wurden von den Roten Garden in der Kulturrevolution zwi-schen 1966 und 1976 gründlich zerstört. zerkratzt, die Statuen auf der Suche nach ver-mutetem Gold und Edelsteinen sinnlos zerschlagen. Durch die kaputten Dächer drang Wasser ein und führte das Werk der Zerstörung weiter fort. Tsaparang teilt das Schick-sal mit unendlich vielen, kostbaren Kulturgütern Tibets, die vernichtet wurden, um die eigenständige, Jahrhunderte alte tibetische Kultur auszulöschen und einer neuen, frag-würdigen Ideologie den Weg frei zu machen. Von einst 6000 Klöstern blieben lediglich 13 stehen. Und nicht nur die Kultur, auch die Menschen wurden zu Hunderttausenden gefoltert und getötet, seit der chinesischen Invasion sollen 1,2 Millionen Tibeter umge-bracht worden sein. Hier in dem abgelegenen, menschenleeren Tsaparang zeigen sich die Zeichen der sinnlosen, rohen Gewalt besonders eindrucksvoll und erschreckend. Wem haben diese Zerstörungen genutzt? Wer wurde von einem Irrweg bekehrt? Diese schlimme Zeit ging zwar vorbei, wurde jedoch durch eine subtilere Form der Zerstörung der Kultur und der Unterdrückung ersetzt. Durch die staatlich geförderte massenhafte Infiltration mit Han-Chinesen, die staatlich verordnete und mit Geld und Gewalt durchge-führte Sinisierung sind die Tibeter in den Städten in das soziale Abseits gedrängt wor-den, zu sagen haben sie nichts und ihr Land wird ausgebeutet. Die einzigartige tibeti-sche Kultur und Religion wurde zur Folklore für zahlungswillige Touristen degradiert. Sie dient den Machthabern als Alibi für ihre angebliche Toleranz und die Autonomie der Minderheiten. Erst jetzt, in jüngster Zeit, musste die Welt erschrocken zur Kenntnis nehmen, wie der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung erneut brutal niederge-knüppelt wurde.
Für den eiligen Touristen zeigt sich diese Zwangseingliederung des Landes und seiner Kultur in den chinesischen Zentralstaat zwar nur an wenigen Dingen, wie dem Erschei-nungsbild der völlig chinesisch aussehenden Städte, an der Allgegenwart der chinesi-schen Polizei und des Militärs und am Wirken einer ausgeprägten, umständlichen und selbstherrlichen Bürokratie. Warum musste man selbst in der Einöde von Tsaparang stundenlang warten, bevor sich ein Beamter, der offensichtlich seinen Mittagsschlaf dringend brauchte, bequemte, einen horrenden Eintrittspreis für den Tempel zu kassie-ren und der einem klar machte, dass man zum Fotografieren gefälligst einen wahrhaft fürstlichen Entgelt zu entrichten habe? Diese Gedanken raubten noch das letzte biss-chen Schlaf, aber sie gingen vorüber und die positiven Erinnerungen nahmen wieder überhand und in mir breitete sich eine tiefe Überzeugung aus: dieses Land, diese Kultur, die von einer unvorstellbaren Frömmigkeit und Inbrunst der Bevölkerung getragen wird, wird auch diese schlechten Zeiten überstehen und wird nicht untergehen.
Literatur
Baumann, Bruno - Kailash - Tibets heiliger Berg (2002 München)
Davi-Neel, Alexandra - Mein Weg durch Himmel und Hölle (1989 München)
Dowman, Keith - Geheimes, heiliges Tibet (2001 München)
Först, Hans - Verbotene Königreiche im Himalaya - Guge, Spiti, Mustang (1994 Graz)
Govinda, Anagarika Lama - Der Weg der weißen Wolken (1992 Bern)
Harrer, Heinrich - Sieben Jahre Tibet (1984 Frankfurt)
Hedin, Sven - Transhimalaya I-III (1920 Leipzig)
Hedin, Sven - Eroberungszüge in Tibet (1942 Leipzig)
Johnson, Russel; Moran, Kerry - Der heilige Berg Tibets – Kailash (2001 München)
Tichy, Herbert - Zum heiligsten Berg der Welt (1937 Wien)
Weyer, H.; Aschoff, J.C. - Tsaparang - Tibets großes Geheimnis (1992 Freiburg)
Lehman, Steve – Die Tibeter – Ein Kampf ums Überleben (1999 Kempen)
Anmerkung: Bilder siehe http://www.yupag-fotoart.de/net-tibet-kailash.htm
Die Kurzgeschichte "Schneefall" ist in dieser Umgebung angesiedelt und wurde durch die Reise inspiriert.

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