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ruelfig
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Ein Vogel flötet einsam in dem Baum,
in dessen Schatten wir so oft gemeinsam lagen.
Dann gingst du fort und aus war unser Traum.
Du sahst für dich nicht mehr genügend Raum,
du kamst dir wie gefangen vor, dich quälten Fragen.
Ein Vogel flötet einsam in dem Baum.
So dunkel wie sein Lied ist auch sein Flaum,
ich konnte deine Qualen oft nicht mehr ertragen.
Dann gingst du fort und aus war unser Traum.
Oft stand ich sinnend an des Waldes Saum
und träumte, dass wir uns befreiten von den Plagen.
Ein Vogel flötet einsam in dem Baum.
Wir wurden Fremde und wir sprachen kaum:
Wer würde wohl als Erster etwas Falsches sagen?
Dann gingst du fort und aus war unser Traum.
Du zucktest, hattest vor dem Munde Schaum,
als dich das Messer traf, da endeten die Klagen.
Ein Vogel, einsam, flötete im Baum,
dann gingst du fort und aus war unser Traum.
(Fortsetzung erbeten)

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augustine
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09.07.2009, 18:49 / 1 x geändert
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Hallo, ruelfig,
ja, nun bin ich gewissermaßen 'dran', denn wir haben über Versmaße etc. geschrieben, und nun hast du's dir ganz und gar nicht leicht gemacht und hast Terzinen geschrieben! Schon der Versuch wäre bemerkenswert, denn so etwas tropft niemandem aus den Tasten. Und du hast um "Fortsetzung" gebeten.
Dennoch: Nein, fortsetzen kann/möchte ich nicht. Aber einiges sagen, was mir aufgefallen ist (den 'Kayser' habe ich hier liegen; dort sind das Beispiel Hofmannsthals Terzinen über Vergänglichkeit; werde ich in den Metren-Faden stellen):
* auch deine Terzinen sind welche über Vergänglicheit, hier: einer Liebe; schon graphisch durch die Getrenntschreibung der Überschrift schön signalisiert
* dann dieser zweimal identisch, einmal in markanter Variation wiederkehrende Vers I,1 (so werde ich die Verse bezeichnen): der ist gut überlegt, er enthält das Wort einsam schon, als man es noch als Naturlaut-Benennung verstehen kann; flötet stört (mich), aber es muss ja an dieser Stelle ein 2-silbiges Wort sein; in dem Baum: eine ganz zarte sexuelle Konnotation? (denn hier wäre ja die Allerweltsformel mit 'auf' metrisch möglich)
* die ganze Strophe I ist eine Exposition des Themas aus der melancholischen Rückschau, auch schön (vor diesem 'und' fänd' ich ein Komma gut; es muss nicht stehen, würde aber den Einschnitt noch deutlicher bezeichnen)
* aber dann: gleich drei rationale Erklärungen, warum der Traum aus ist: vielleicht noch nicht hier, vielleicht überhaupt nicht diese Strophe; aber die Erklärungen werden durch den Vogellied-Satz noch wieder eingefangen
* III,1: hängt (sein Lied) an II: den Vergleich (reim-geschuldet) finde ich, pardon, kitschig: 1) umgekehrt ginge es noch irgendwie, 2) was der Vogel für Federn hat, ist ganz unwichtig, 3) 'ihr' Flaum (du verstehst, auch wenn der grade nicht modern ist) wäre schön in dieser Erinnerung, denn der Platz unter dem Baum war doch ein Liebes-Raum
* IV: als II?
* V: weglassen bzw. z. T. evtl. in eine Umarbeitung aufnehmen; der mittlere Vers ist wieder eine Psychologen-Erklärung wie die drei in II
VI: nein, nein, nein: kein solch gewaltsames Ende! Zwar der Vogel-Vers (und 'Vögeln' fänd' ich hier eine ganz falsche Assoziation) ist wirklich schön variiert mit dem jetzt gesondert gestellten einsam und nun im Präteritum, und auch VI,3 als identische Wiederholung von I,3 gibt dem Ganzen einen Abschluss in dem dunklen Ton der Melancholie - aber dennoch: das gewaltsame Ende und der dann andere Sinn von 'fortgehen' - das ist nach meinem Verständnis eher als Ende einer Moritat vorstellbar.
Hat's gern gelesen und geschrieben
augustine

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ruelfig²
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Hallo Augustine,
leider thematisiert der Kayser nicht die Villanelle und um eine solche handelt es sich bei meinem Text, also um eine Liedform. Ich hatte mir das so gedacht: wir/du/du/wir/wir/du. Das lyrische Ich ist natürlich ein wenig irre (sonst hätt er ja zum Schluß nicht), und dass du dir das als Moritat vorstellen kannst, kommt meiner Intention sehr nahe.
Für mich bietet die Villanelle die ideale Form, um Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen zu beschreiben, die immer wiederkehrende Form, auch in leichten Variationen, ist ein tolles Gerüst, um relativ frei zu schwingen. Es gibt nicht so strenge Vorgaben wie beim Sonett, aber der Rahmen steht.
Zum Gedicht, nochmal: ich wollte gerne eine etwas kitschige Szenerie schaffen, aus altbekannten Bildern und Formen. Um dann zum Schluss so richtig, weißt du, mal reinzutreten. Bei der Fortsetzung könnte ich mir eine Villanelle zur Verhaftung und Verurteilung vorstellen, und dann flieht der Kerl aus der Haft und treibt sein Unwesen...
Vielleicht hätte ich doch lieber einen Bänkelsong geschrieben.
Dir aber vielen Dank für die eingehende Beschäftigung mit meinem Dingens. In meiner Vorstellung sitzt eine Amsel mit dunklem Flaum in dem Baum und die können manchmal schrecklich einsam aussehen und für mich flöten sie.
Vielen Dank für den Terzineneintrag, habe ihn interessiert gelesen. Zur Zeit lese ich den von dir empfohlenen Kurz: Macharten und finde das Buch sehr zugänglich.
Liebe Grüße,
Ruelfig

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