Zeithorizonte · Vladimir · ·


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      Vladimir



Zeithorizonte

   25.06.2009, 23:46



Guten Abend!

Welchem Zeithorizont unterstellt sich ein Kunstwerk? Das ist eine Frage, die sich mir zur Zeit aufdrängt, die mich beschäftigt. Sie gilt sicher für alle Kunst - am leichtesten ist es wohl dennoch, ihr in der Literatur nachzugehen.
Ich schlage drei Kategorien vor:
1: alles, was über die eigene Lebenszeit hinausgeht (Geist); also auch, was über ein Einzelschicksal hinausgeht: eine geschichtliche Entwicklung, das Schicksal eines Volkes, eine Entwicklung über mehrere Generationen; aber auch, was immer und überall als elementar erkannt wird; also nicht, was eine Brücke über die Generationen schlägt, sondern immer Fundament bleibt.
2: Die Lebenszeit (Seele). Ein Menschenleben wird dabei ins Auge gefasst. Es wird in seiner Essenz beschrieben, bzw. die Bloßlegung dieser Essenz ist die Aufgabe des Kunstwerks. Die Einmaligkeit und Unnachahmlichkeit des jeweiligen Menschenlebens ist dabei maßgebend - es geht nicht um einen Typen, eine Allegorie, einen "Repräsentanten", sondern um einen "wirklichen" Menschen.
3: Alles, was darunter liegt (Leib). Der flüchtige Augenblick, die Stunde, die Episode.
Man merkt dabei schnell: es kann nicht um das reine Maß der erzählten Zeit gehen. Im Faust II z.B. gibt das Leben Fausts den Rahmen für die erzählte Zeit, was sich in dieser aber abspielt, ergeht sich weit über dieses Einzelleben hinaus in einem Reigen aus von überall her aus der Menschheitsgeschichte gepflücktem.
Ein paar andere Beispiele: Im Zauberberg ist die tragende Figur Hans Castorp, der erzählte Zeitraum umfasst sieben Jahre; trotzdem würd ich den Roman der ersten Kategorie zuordnen. Denn Hans Castorp ist nicht wichtig in dem, was er ist, sondern bloß das, was ihm passiert, macht ihn interessant (das wird vom Erzähler ja selber betont). Gleichzeitig ist der Atem des ganzen ein geschichtlicher, kein augenblickhafter: der Vorabend des Ersten Weltkriegs wird allegorisch und exemplarisch geschildert, und nicht sieben Jahre als eben sieben beliebige Jahre - der Zeithorizont ist also ein über ein Einzelleben hinausgehender, auch wenn nur sieben Jahre erzählt werden.
Ulysses schildert einen Tag, von dem noch das banalste, "alltäglichste", augenblicklichste geschildert wird. Dass sich in diesem einen Tag und in diesen "normalen" Geschehnissen sowohl das Leben der Protagonisten als ganzes wie Dinge spiegeln, die weit über deren Leben hinausgehen, ist eine andere Sache und dieses Hineinspiegeln in einen gegebenen Horizont ist sicher immer notwendig - der bestimmende Rahmen bleibt trotzdem der des einen, flüchtigen Tages.
Doderers "Ein Mord, den jeder begeht" schildert das Leben Conrad Castiletz'. Mit seiner Geburt beginnt der Roman und mit seinem Tod endet er. Uns wird Schicht um Schicht Oberfläche erzählt, bis mit einem Schlag die Essenz dieses Lebens offenliegt. Hier ist das deutlich. "Pnin" von Nabokov ist episodisch ausgelegt, man weiß nichts vom zukünftigen Tod, die erzählte Zeit ist recht kurz bemessen - trotzdem würde ich den Roman zur zweiten Kategorie zählen. Bei anderen Nabokov-Romanen ist das noch klarer - Ada, Lolita, Lushins Defense, Sebastian Knight - sie haben alle diese Qualität.
Arno Schmidt ist ein extremer Vertreter der 3. Kategorie - da hat man es ganz klar, wie sich alles aus flüchtigem zusammensetzt.
Vielleicht ist es auch doch gut, nochmal auf die Malerei zu kommen: denn die Impressionisten sind ein gutes Beispiel für 3., die niederländischen Portraits aus dem 17. Jahrhundert (Rembrandt, Hals) für die 2. Hingegen Picassos Portraits sind unbedingt in der 3. Kategorie, weil sie den Anspruch, den portraitierten "objektiv" erfasst zu haben, aufgeben, sich ganz der subjektiven Empfindung hingeben. Hingegen Rothko, Mondrian, Malevich suchen das, was ich oben noch 1. beigefügt habe, auszudrücken: die unsichtbaren, elementaren Fundamente.

Soweit wär ich also ungefähr gekommen (und es ist sicher nicht so, dass es nicht da schon genug Diskussionsstoff gäbe). An auch mit herantragen möcht ich jetzt, was sich mir weiterhin für Probleme auftun:
Was ist z.B. mit dem Drama? Was mit der Lyrik? Wo wäre die Illias z.B. einzuordnen, bei der doch die Begegnung und das gegenseitige Erkennen zweier Menschenseelen (Achill und Priamus) das entscheidende ist? Kafka?
...

Ich hoffe es regt einen von euch etwas an!

Viele liebe Grüße,

Vladimir

 

      zuppanova



Zeithorizonte

   07.07.2009, 10:52



Vladimir, dein beitrag hat mich immer wieder im hintergrund beschäftigt, so dass ich nun etwas dazu schreiben möchte.

einerseits kann ich deinen ausführungen folgen. so, wie du die drei kategorien von "Zeithorizonten" darlegst, leuchten die unterscheidungen mir ein und auch die einordnung der beispiele, die du nennst, mit den jeweiligen begründungen dazu, ist mir zunächst nachvollziehbar. vielleicht habe ich aber andererseits doch noch nicht richtig verstanden, worum es dir geht, denn in gewisser weise scheint mir die unterscheidung dieser zeithorizonte auch eine künstliche zu sein: ich frage mich, ob es nicht eigentlich so ist, dass in den werken, die du nennst, bzw. in jedem ernstzunehmenden stück literatur oder kunst, alle drei von dir beschriebenen zeitebenen zugleich vorhanden und ineinander verwoben sind, und ob nicht gerade darin auch teilweise das geheimnis der "größe" eines werkes steckt.

weil ich kürzlich gebeten wurde, einen kleinen artikel zu einer theateraufführung zu schreiben, habe ich mich aktuell gerade mit der bühnenadaption von Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth beschäftigt und nehme das als beispiel, um zu erläutern, was ich meine.
in Jugend ohne Gott geht es um die entwicklung eines ganz bestimmten menschen, um veränderungen, die er vor einem speziellen historischen hintergrund durchmacht, um begegnungen, die ihn während dieser zeit voranbringen (-> kategorie 2) - zugleich ist aber das, womit er sich auseinanderzusetzen hat, was ihm als einzelnem widerfährt, etwas allgemeingültiges, elementares, d.h. das, wovon erzählt wird, weist über das einzelschicksal hinaus (-> kategorie 1). komponiert ist der roman bzw. das bühnenstück aus augenblicken, episoden, aus flüchtigen, subjektiven, lose aneinandergereihten erlebnis- und erfahrungsmomenten (-> kategorie 3). ein puzzle also, oder ein gewebe, das sich für meinen begriff nicht widerstandslos in eine der drei kategorien stecken lässt.

und sind in ernstzunehmender lyrik nicht ebenso immer alle drei horizonte verknüpft?
hast du inzwischen weitere ideen und gedanken?

was mich außerdem interessiert: wie bist du auf diese thematik gekommen?
und wie darauf, den einzelnen kategorien die begriffe Geist - Seele - Leib zuzuordnen?

darüber erführe gern mehr:
die zuppa

 

      Vladimir²



Zeithorizonte

   08.07.2009, 22:35



"Dieses will ich dir gern, und nach der Wahrheit berichten", wie ich jetzt immer beim Homer lese...
Nein, etwas bescheidener:
Natürlich hast du recht, wenn du sagst, dass die Durchmischung der drei Horizonte Voraussetzung eines "großen" Werkes sind. Trotzdem würde ich an dieser Stelle nicht aufgeben. Denn mir zumindest scheint es so, dass trotz Vorhandensein aller drei Ebenen doch eine bestimmend ist, und sich gewissermaßen die anderen unterordnet - sprich, und das nun schon recht kühn, ich weiß: die zwei anderen dienen der einen bestimmenden.
Ein Beispiel (leider kenn ich "Jugend ohne Gott" nicht, das ist sehr bedauerlich): Bei der Rouen-Reihe Monets gibt es die erste und die dritte Kategorie: die erste im Bauwerk der gotischen Kathedrale, die letztere im flüchtigen Werk, dass das Licht an ihr verübt. Dabei ist das aber das entscheidende. Er hätte (und er hat) auch andere Dinge genommen, die die Wirkung des Lichts "anschaulich" machen. Die Fassade der Kathedrale ist aber gerade deshalb so eindrucksvoll, weil sie selbst so "ewig" scheint, so unberührt vom Augenblick.
In Faust II interessiert Faust selbst auch nicht mehr als einzigartiger, in allen Facetten seiner Beschaffenheit auszuleuchtender Charakter, sondern er durchfährt diesen Reigen geschichtlich geladener Eindrücke, als die konstante Idee eines Menschen - besser einer bestimmten Art des Mensch-Seins - eben des rastlos sich bemühenden (auch da lehn ich mich recht weit heraus - ich will gar nicht behaupten, dies Werk verstanden zu haben). Er verkörpert eine Idee - und dient damit gewissermaßen der beherrschenden dritten Kategorie.
Gerade hier die Unterscheidung zu treffen zwischen einer Figur, die zur Illustrierung einer Idee oder einer geschichtlichen Entwicklung bloß herangezogen und der Idee bzw. der Geschichte entsprechend gestaltet wird, und einer "wirklichen" Person, die zuerst als einzigartig und besonders gegeben ist, und der dann möglicherweise Dinge aus der 3. Kategorie unter anderem widerfahren, finde ich sehr wichtig! Ein kluger Erzähler wird seiner Figur auch bei ersterem gewiss mit einigen Besonderheiten ausstatten - das wird aber die Ausrichtung nicht eigentlich verändern.

Ein Wort zur Lyrik:
Hier bin ich noch nicht viel weiter. Viel sieht zunächst nach der dritten Kategorie aus. All die Gelegenheits- und Naturgedichte. Freilich, darein kreuzt immer wieder die eigene Lebenszeit - aber als Ganzes? Was sind denn Duineser Elegien? Wirklich, da weiß ich noch nicht viel, und möglicherweise ist ja die ganze Unterscheidung in dem Fall verkehrt, also führt nicht weit.

In Dramen, im klassischen Drama zumindest, finde ich die 2. Kategorie auf jeden Fall betont. Bei Shakespeare etwa. Wo doch die Zuspitzung und Entscheidung eines ganzen Menschenlebens, die Zusammendrängung desselben kraft der Gewalt des Konfliktes geschildert wird. Aber natürlich ist das historische und allgemeinere an solchen Stücken überhaupt nicht zu bestreiten.

Was die Zuordnung der Begriffe angeht: die stammt ein wenig von Eugen Rosenstock-Huessy, der diese drei Begriffe gerade über ihre verschiedene Zeitlichkeit definierte. Die Seele, die das ganze Menschenleben umfasst und also all das, was in dieses als Ganzes wirkt; der Leib, der sich täglich erneuert; und Geist als das, was über das einzelne Leben hinausgeht, Gewalt über viele Generationen und viele verschiedene Leben haben kann. Man kann da sicherer anderer Meinung sein. Ich fand das einleuchtend.

Mit besten, erwartungsvollen Grüßen,
Vladimir

 

      Eneas



Zeithorizonte

   09.07.2009, 16:29 / 3 x geändert



wie durch zufall, lese ich gerade w.benjamin, erzählen. schriften[...]

ich zitiere einmal eine kleine passage:





Die Zeit, heisst es in der "Theorie des Romans[Georg Lukâs)", kann erst konstitutiv werden wenn die Verbundenheit mit der transzendentalen Heimat aufgehört hat[...]Nur im Roman[...] trennen sich Sinn und Leben und damit das das Wesenhafte und Zeitliche; man kann fast sagen: die innere Handlung des Romans ist nichts als ein Kampf gegen die Macht der Zeit[...]Und aus diesem[...]entsteigen die epische echtgeborenen[...]Zeiterlebnisse. Nur im Roman kommt eine schöpferische, den Gegenstand treffende und ihn umwandelnde Erinnerung vor. Die Dualität von Innerlichkeit und Aussenwelt kann hier für das Subjekt "nur" aufgehoben werden, wenn es die[...]Einheit eines ganzen Lebens aus dem in der Erinnung zusammengedrängten, vergangenen Lebensstrome erblickt[...]die Einsicht, die diese Einheit erfaßt wird das ahnend-intuitive Erfassen des unerreichten und darum unaussprechbaren Lebenssinnes."



es ist bei stw erschienen und kostet läppische 10euro, sollte sogar in mittelgrossen büchereien zu haben sein. wenn du also vladimir, und du musst mir diese frage nicht beantworten, ein -ich sage mal- literturtheorie laie bist, dann kannst du dir bei benjamin, sehr schöne, prickelnde anregungen zu diesem thema holen. vor allem der begriff des erinnerns bzw des eingedenkens, an dem er sich intensiv abarbeiten überlappt sich zum teil mit deinem versuch einer einteilung der zeithorizonte.


wenn du zum thema narration, zeitwahrnehmung und wahrheit noch weitere anregungen suchst, sei dir dringend "die archäologie des wissens" von foucault ans herz gelegt.





carpe!



edith war der tipotoyfel

 

      zuppanova



Zeithorizonte

   11.07.2009, 01:23



an Vladimir ("... und sie lauschte mit Eifer der freundlichen Kunde ...")

Alles, was du weiterhin geschrieben hast, finde ich plausibel. Ich überlege, ob man die These aufstellen könnte, dass verschiedene literarische Gattungen sich einer je anderen der drei Ebenen als "bestimmender Ebene" bedienen.

>>
Was die Zuordnung der Begriffe angeht: die stammt ein wenig von Eugen Rosenstock-Huessy, der diese drei Begriffe gerade über ihre verschiedene Zeitlichkeit definierte. Die Seele, die das ganze Menschenleben umfasst und also all das, was in dieses als Ganzes wirkt; der Leib, der sich täglich erneuert; und Geist als das, was über das einzelne Leben hinausgeht, Gewalt über viele Generationen und viele verschiedene Leben haben kann. Man kann da sicherer anderer Meinung sein. Ich fand das einleuchtend.
<<

Diese Begrifflichkeit Leib - Seele - Geist möchte ich gern aufgreifen und mitteilen, was dazu in mir entstanden ist.
Ich überlegte, mit welchem Bild sich das weiter veranschaulichen ließe und mir fiel der Mythos von Yggdrasil ein. Yggdrasil ist der Weltenbaum, sie symbolisiert die Raumzeit (= "Welt") der Menschheit, also Kultur, Geschichte, Denken, Begrifflichkeit, Sprache, archetypisches Erinnern, Kollektiv - alles, worin "der Mensch" sich findet und er-findet, worin er sich verankert und sich bewegt. Blattwerk und Blüten des Baumes, die sich beständig und rasch erneuern, entsprächen dem Leib, der Stamm und die Äste bilden über einen größeren Zeitraum hinweg die Gestalt des Baumes und entsprächen der Seele, das Wurzelwerk schließlich reicht tief hinunter in den existentiellen Grund (der mehr ist als individuelles Leben, ja, mehr als menschliches Leben), aus dem der Baum erwächst und sich speist, die Wurzeln nähren das Leben des Baumes aus der Substanz der Erde, die ein Teil des Kosmos ist; aus den Wurzeln fließt Geist in jede Zelle des Baumes. Soweit das Bild, ich weiß nicht, ob die Verknüpfungen verständlich werden.

Was nun die Lyrik angeht: Ich bin - im oben skizzierten Bild des Weltenbaums bleibend - geneigt, die Lyrik den Blättern und Blüten des "Weltenbaumes" zuzuordnen, denn ich denke, dass die Lyrik als "verdichtetste" literarische Gattung am stärksten in eine ganz bestimmte Zeit hinein gebunden und insofern individuell, veränderlich und subjektiv ist. Lyrik als Essenz des Augenblicklichen.

So, das war nun ganz assoziativ und vllt. kaum nachvollziehbar - und beim Überlegen und Schreiben ist es sehr spät geworden, viel zu spät. Aber ich wollte das einfach rasch zu Ende skizzieren.


an Eneas

Walter Benjamin / Der Erzähler (1936). In: Ders.: Erzählen. Schriften zur Theorie der Narration und zur literarischen Prosa. Frankfurt a.M., 2007.

Dein Zitat stammt aus dem in Teil 2 des Buches ( Ästhetische und literaturtheoretische Überlegungen) befindlichen Kapitel Der Erzähler (hier nachzulesen -> Link), worin Benjamin sich mit dem Werk Nikolai Lesskows auseinandersetzt und dabei unter Verwendung der Begriffe Eingedenken und Erinnern die unterschiedlichen Qualitäten der Erzählung (bzw. des Erzählens) und des Romans abwägt. Mir würde es sehr helfen, wenn du, Eneas, erläutern könntest, wo du die Überlappungen und Verbindungslinien zu den in diesem Faden angesprochenen Zeithorizonten siehst, denn ich bin nicht vertraut genug mit den diesbezüglichen Thesen Benjamins, um das selber so ohne weiteres erkennen zu können.


LG rundum, die (ziemlich müde) zuppa

 

      augustine



Zeithorizonte

   11.07.2009, 22:00 / 2 x geändert



Lieber Vladimir, liebe zuppa,

am Nachmittag beim Durchblättern der Zeitung fiel mir dies auf in einer Todesanzeige:

Keine Kraft geht in der Welt verloren,
und nicht bloß die Seelen
der Menschen sind unsterblich,
sondern auch all ihre Handlungen;
sie leben fort in ihren Wirkungen.
Leibniz

Damit kann ich eher was anfangen. Ohne dass ich jetzt mal schnell eine Momentinformation über Leibniz aus der Philosophiegeschichte ziehen möchte, aber nennen (der wiki-Artikel scheint gut zu sein: http://de.wikipedia.org/wiki/Monade_(Philosophie)
) kommt es mir doch so vor, als könne diesem Denker die Zuordnung, also Leib-Seele-Geist, wie sie Rosenstock-Huessy vorschlägt, nicht einleuchtend gewesen sein, hätte er sie gekannt. Mir ist sie es auch nicht (gut, wer bin ich?), auch nicht die Hierarchisierung dieser trinitarischen Formel. Gut: der Leib erneuert sich täglich in einem Teil seiner Zellen; aber auch die Seele, "die das ganze Menschenleben umfasst", und der Geist, der "über das einzelne Leben hinausgeht", verändert sich doch (z.B.: was einem wichtig ist im persönlichen Umfeld; politische Ansichten usw.), und über das Leben hinaus geht er nicht nur, wenn Geschriebenes von Bedeutung hinterlassen wurde, sondern solange Erinnerung bleibt.

Nun aber diese Trias auf Literatur/Kunst anzuwenden - das kommt mir zwanghaft vor.
Mir war schon beim ersten Lesen deiner Überlegungen, Vladimir, Joachim von Fiore eingefallen, der die Weltgeschichte irgendwie trinitarisch sehen wollte: hier zum Beispiel. Das erscheint mir als eine Beliebigkeit: AT, NT, die Zeit nach der Zeit (oder wie man sagen soll).

Wenn (mir) das aber schon, beides also, zwanghaft vorkommt: welchen Erkenntnisgewinn hätte ich, wenn ich solche Trias nun anwenden würde auf Literatur?

Yggdrasil: ja, zuppa, seit Kinderzeiten 'mein' Baum.

Grüße euch beiden - und hoffentlich geht das Gespräch noch weiter.
augustine

 

      Vladimir²



Zeithorizonte

   13.07.2009, 12:02



Zuppa, ich bin da ganz d'accord, was dein Bild des "Weltenbaums" angeht (mir fiel dazu irgendwie die "Weltzeit" ein, die in der Buber/Rosenzweig Übersetzung des AT statt Ewigkeit steht).
Deine These was die litterarischen Gattungen betrifft, finde ich ein bisschen gewagt. Wenn ich eine Zuordnung (nach Tendenz!) machen sollte, dann würde ich sagen: Lyrik - Augenblick, Drama - Lebenszeit, Epos - Geist, aber allein die Beispiele, die ich genannt habe, widersprechen m.E. einer rigorosen Anwendung solcher Zuordnung.
Dass die Lyrik sich mit "alltäglichem", episodenhaftem, "persönlichem" abgibt, ist ja gar nicht mal so lange der Fall. Man denke an die Barocklyrik oder Schillers Ideengedichte. Am schwierigsten wäre es wohl, Lyrik zu finden, die als Zeithorizont wirklich ein ganzes Leben hat. Mir fiele kein Beispiel ein zur Zeit. (Da bleibt aber auch immer noch die Frage: was ist mit der Anrede? Also Shakespeares Sonette etwa? Celan?)

Augustine: Ich verstehe deine Einwände eigentlich nicht. Oder besser: allen würde ich zustimmen. Wie steht denn das Leibniz-Zitat zu der von Rosenstock-Huessy vorgeschlagenen Definition in Konflikt? Es war ja nie von einer strikten Trennung der drei Ebenen die Rede, und natürlich geht das eine in das andere fließend über, bedingt sich, beeinflusst sich, lebt im anderen fort etc.
Und es gibt da überhaupt keine Hierarchie! Ganz im Gegenteil. Auch keine direkte Verbindung zur Trinität. Auch mit der Idee des Joachim von Fiore hat das nichts zu tun, denn es geht ja um keine Einteilung der Gesamtgeschichte in Epochen, sondern um das Erkennen der verschiedenen Zeitebenen (Zeithorizonte), auf denen wir uns bewegen.
Ein Beispiel vielleicht: Eine Wohnung. Auch da gehören die verschiedenen Zimmer verschiedenen Zeithorizonten. Im Bad geht es eben bloß um die alltägliche Erneuerung. Im Wohnzimmer hingegen steht (vielleicht) der Homer, oder die Bibel, oder Jazz oder die Beatles - also das eigene Jahrhunder oder was darüber geht wird ansatzweise zusammengebracht. Im Esszimmer/Gästezimmer werden vielleicht Freundschaften oder Begegnungen gemacht, die ins ganze Leben wirken. ...
Und nun meine Fragen hier sind gar nicht aus einer Übertragung Rosenstockscher Definition auf die Literatur heraus entstanden, sondern umgekehrt, zu diesen Fragen gesellten sich die Begriffe eben dazu.
Ich will auch gerne gestehen, dass es mir am meisten darum zu tun ist, Werke zu finden, in denen die Lebenszeit den bestimmenden Rahmen bildet.

Und noch ein Wort, zuppa, und auch ein Grund, warum ich dieses Thema lohnend finde: ich habe so eine Abneigung oder eben irgendwie ein schlechtes Gefühl bei Schriftstellern, die meinetwegen Zeitgeschichte machen oder "große Themen und Ideen" bearbeiten, und dann die beiden anderen Ebenen - vor allem die zweite! - darauf zustutzen und für sich genommen entleeren. Eine Figur, die von vornherein eine Idee verkörpert oder eine Epoche, ist eben noch kein "echter Mensch".

Viele liebe Grüße,

Vladimir

 

      zuppanova



Zeithorizonte

   17.07.2009, 00:16



Zitat Vladimir:
"Wenn ich eine Zuordnung (nach Tendenz!) machen sollte, dann würde ich sagen: Lyrik - Augenblick, Drama - Lebenszeit, Epos - Geist"

Vladimir, die Zuordnung würde ich auch so vornehmen, und natürlich auch nur nach Tendenz. Ich denke, diese Frage nach dem Zeithorizont könnte so etwas wie eine erste, flächige Annäherung an ein Werk sein, eine Art gedankliches Basislager, von dem aus man dann weiter vordringt.
Die Lyrik - ja, das ist kompliziert. Was will Lyrik überhaupt? Welchen Stellenwert oder welche Funktion hat sie in den verschiedenen Epochen? Ich glaube, um mit der Frage nach den Zeithorizonten in der Lyrik weiter zu kommen, müsste ich jetzt beginnen, Anthologien durchzulesen, und sehen, was passiert, wenn ich mit der Fragestellung im Hinterkopf an (viele) konkrete Gedichte herangehe, ob sich dann Hypothesen bilden lassen ... eben fällt mir John Maynard ein -> zweite Kategorie?

So, ich bin müde und fühle mich im Moment mehr wie ruelfigs Eichenbaumleiche, träumerisch modernd statt scharf denkend, deshalb bin ich jetzt wohl besser still.

LG, zuppa

PS: Diese Abneigung gegen blutleer konstruierte, hohle Bearbeitungen "großer Themen und Ideen" habe ich auch; meist spürt man (= ich als Leserin) allzu sehr die Absicht und ist verstimmt. ;)




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