| |
|
Holden
|
Kapitel 1
„Meine Damen und Herren, ich begrüsse Sie an Bord. Wir haben etwas Probleme wegzukommen. Es ist sehr chaotisch, wie immer hier...“ Die Worte des Piloten lassen mich für einen Moment schmunzeln. Mein Blick wandert durch die Kabine. Allgemeine Gelassenheit. Die leeren Sitze neben mir wirken trostlos.Die ganze Zeit hier habe ich keine Träne vergossen. Jetzt formen sie sich tief in mir drin. Ich hätte nichts gegen etwas Gesellschaft. Wir stehen immer noch. Das trockene Gras am Rande der Piste ruft mir die letzten Tage zurück ins Gedächtnis. Ich will nicht daran denken. Ich will nicht daran denken, dass ich sie nie mehr wieder sehen werde. Nicht daran denken, dass der Platz neben mir frei ist. Frei bleibt. Es gibt kein Zurück mehr. Ich werde in den Sitz gedrückt. Wir steigen über dem Meer. Schwarz gekleidete Menschen in meinem Kopf. Er in einem grauen Anzug. Leicht lächelnd. Ohne Angst. Mein Herz scheint zerdrückt zu werden. Die Flugbegleiterin lächelt mir zu, während sie mir ein Wasser überreicht. Ihr zierlicher Körper ist fast zu schlank für die elegante Uniform. Ich lächle zurück und habe schon vergessen. Das blondierte Haar berührt kaum ihre Schultern. Sie ist wohl älter als ich mir gerade denke. Natürlich lüge ich. Letzte Nacht werde ich nie vergessen. Das Feuer, das sich in ihren dunklen Augen spiegelte. Das mitternächtliche Rauschen der Wellen. Die feinen Haare auf ihren Armen, die sich leicht aufstellten. Ich bestelle ein weiteres Wasser. Wieder dieses Lächeln. Emotionen, die mich zerreissen. Ich denke an morgen. Im Bus sitzend. Am See. Alleine. An übermorgen...
Kapitel 2
Wir sinken. Die Flügel der kleinen Maschine zerschneiden die dichten Wolken-Türme. Der unruhige Flug durch das schlechte Wetter lenkt mich ab. Kaum 24 Stunden zuvor sass ich noch in der ersten Reihe der kleinen Kirche, zwischen Menschen, die ich kaum kannte. Es war sein Wunsch, dahin zurückzukehren. Die Maschine wird durchgeschüttelt. Beruhigend läuft die hübsche Flugbegleiterin durch die Reihen. Die Sicherheitsgurte zerdrücken das weisse Hemd, das ich schon gestern getragen hatte. Es riecht noch immer nach Rauch und Sand. Meine Hände umklammern die Armlehnen. Ihre Finger fehlen zwischen den Meinen. Ihr Kopf an meiner Schulter. Der Mond über dem Wasser. Von weitem fröhliche Musik, Gespräche über lange Vegangenes. Das Leben wird gefeiert. Sein Leben. Eine harte Landung. Beim Aussteigen ein letzter Blick in die meerblauen Augen. Dann Kälte, dir mir entgegenschlägt. Koffer. Bahnhof. Ich schwebe, sehe niemanden. Graue Strassen. Alles ist schon so weit weg. Sonne. Farben. Ihre weichen Lippen. Der Geruch von Salzwasser in der Luft. Er ist weg. Für immer. Ich wandere durch die Strassen. Immer näher zur Wohnung, die leer sein wird. Das Telefon klingelt. Sarah. Neue Gedanken. Funkelnde Augen. Sommersprossen. Goldfische. Alltag. Kein Meer. Kein Strand. Ich lasse es klingeln. Es beginnt zu regnen. Ich rette mich in eine Hotel-Bar. Süsse Bedienung. Aber keinen Hunger. Sie mustert mich fragend. Mein Magen zieht sich zusammen. Mein Brustkorb auch. Ich muss hier weg. Schnelle Schritte durch den Regen. Die Tür schliesst sich hinter mir. Ich kann nicht mehr. Endlich. Tränen laufen über meine Wangen.
Fortsetzung auf http://pendingcase.blogspot.com

|  |
Gretchen
|
Hei-Hei, Holden -
also, mir ist irgendwie zu viel Weichplastik in dem Text.
Bei so Stellen wie: Es gibt kein Zurück mehr oder Mein Herz scheint zerdrückt zu werden oder Letzte Nacht werde ich nie vergessen oder Emotionen, die mich zerreissen oder Meine Hände umklammern die Armlehnen oder Ihr Kopf an meiner Schulter oder Alles ist schon so weit weg hör ich den Groschenroman klingeln. Zierliche Körper, ihre weichen Lippen und der Geruch von Salzwasser in der Luft erinnern mich an verstaubte Souvenirs aus dem Floskelshop, an Schmierseifennummern für Billigleser, an diese spezielle all-inclusive-Gefühligkeit von Pauschalliteraturlauben und so weiter.
Okeeh, die eine Wendung: Süsse Bedienung. Aber keinen Hunger. - die ist ganz vital.
Trotzdem: Die Fortsetzung, glaub ich mal, spar ich mir.
Gretchengrüße

|  |
Marcel Frank
|
Genau! Vielleicht kann man "dem Holden ihm seine Gefühligkeit" mit dem Hackebeil abschlagen (vgl. 1. Beitrag) - und es käme d a n n aus der (jetzt schon ersichtlich) disziplinierten Rede das Vitale zum Vorschein?
*Im allg. wird 'tülich zuviel gedacht, vgl. Kapitel 1:
"Ich will nicht daran denken." x 2
Sie ist wohl älter als ich mir gerade denke."
"Ich denke an morgen."
Auch die versprachlichte Mimik von glatt drei Person ist nicht gerade flexibel:
"für einen Moment schmunzeln."
(Sprecher)
"Leicht lächelnd."
(So'n Typ)
"Die Flugbegleiterin lächelt mir zu"
(Die - sozusagen - "arschlose Saftschubse" mit dem >zierliche[n] Körper<, dessen klassische - sprich: lochlose - Geschlossenheit durch das Ummänteln mit einer eleganten Uniform auf geradezu heuchlerische Weise n i c h t durchbrochen wird: Aber ja, "Natürlich lüge ich.")
Ich kann einem solchen Schreibprojekt jedenfalls "was abgewinnen": Wenn Holden es sich zur Aufgabe machte, jeden Satz kratzbürstig zu verteidigen, er gäbe die eine oder andere (Satz-)Stellung wohl auf und schriebe ein bisschen mehr mit der Handkante bzw. mit Hartplastik - und genau das sollte ihn doch motivieren, weiterzumachen?

|  |
|
|