Marschbefehl · ruelfig · ·


Komik, Humor · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      ruelfig



Marschbefehl

   16.06.2009, 22:59



Pack deinen Bleistift ein und deinen Block, Poet.
Zwäng dich in enge Stiefel aus Metaphern.
Auf gehts ins Wortfeld, ins letzte Gedicht.
Schon schreibt der Feind, verschone ihn nicht,
beschieß ihn mit Kadenzen und Sentenzen.

Zieh deinen Lorbeerkranz tief in die Stirn, Poet,
wenn Versschrapnelle um die Ohren fliegen
und Kameraden aus dem Metrum fallen.
Bleib stark. Und denk daran: Du schreibst mit allen
Zeilen Geschichte, nicht nur Gedichte.

 

      augustine



Marschbefehl

   16.06.2009, 23:11



So sorry, Poet ruelfig, dass ich das sogleich nach Vorhandensein registriert habe -
und dabei leider, nichts für ungut, auch, dass deine Verse 3, 4 und 10 aus dem Metrum fallen ...

Außerdem, selbst wenn's unter Komik steht: das Kampf-Wortfeld gefällt mir nicht. Wir haben's schon beim Fußball und beim Photographieren.

Gruß augustine

 

      Gerd



Marschbefehl

   17.06.2009, 02:14 / 4 x geändert



Hallo ruelfig,

Rostand veröffentlichte 1897 eine romantische Komödie. Er ließ den tragischen Helden mit feiner Eleganz gegen seine Widersacher wie Stutzer, Unrecht und Dummheit fechten. Besonders schöne Beispiele finden sich dafür u. a. im 1. Aufzug, 4. Auftritt und im 5. Aufzug, 6. Auftritt. Allerdings werden die vorgenannten Widersacher nicht nur mit dem Degen, sondern sehr gekonnt auch mit Worten niedergestreckt, was ich als Leser durchweg genießen kann.

Entsprechendes erschien Dir, nach eigener Aussage, hier auf unserer Insel befremdlich und berührte Dich unangenehm.

Mit "Marschbefehl" hast Du nach meinem Empfinden ein Paradoxon Deiner eigenen Kritik geschaffen und in dieser Frage Deinen Ethos diesem Pasquill geopfert.

Gruß Gerd

 

      ruelfig²



Marschbefehl

   17.06.2009, 22:13



Hallo augustine,
das mit dem Kampf, da hast du Recht, passt hier eigentlich nicht hin. Aber ich wollte gerne was Kompetentes zu dem Dingen hören und, bitte, sag mir was zu den metrischen Problemen in Z 3 und 4 (10 ist Absicht). Und bitte sorry, entschuldige dich nicht, mein Mist ist auch nicht duftiger.
Hallo Gerd,
leider verstehe ich deinen Kommentar nicht. Weißt du, als ich mich hier angemeldet habe, habe ich geschwindelt: ich habe nur Sozialpädagogik studiert und nicht Germanistik (Maximale Schande über mein Haupt). Aber what can a poor boy do, simply search on googleoo.
Danke euch, Grüße,
R

 

      augustine



Metren

   17.06.2009, 23:03 / 3 x geändert



Bist du denn sicher, ruelfig, dass du losts Beitrag zu deinem Otter-Dramolett verstanden hast???

Eine Seite zu Metren habe ich unter Support eingestellt; könnte ja sein, noch andere brauchen sie.
Gruß augustine

 

      lost



Blankvers und Daktylus

   18.06.2009, 02:00



mit Verlaub, dieser ins Feld von Komik, Humor gestellte Poet scheint mir so übel nicht zu sein, ebenso wie auch Karl Otter (Herr ruelfig verstand meinen Kommentar dazu gewiss richtig).

den Marschbefehl lese ich ganz unbefangen als launigen, womöglich gar selbstironisch zwinkernden Versuch "über das Dichten" bzw. "über eine Attitüde des Poeten". zwei nicht per se verbundene Wortfelder werden ineinander geschoben, Begrifflichkeiten aus dem Bereich der Lyrik vermartialisiert. hatte mein Vergnügen an den von ruelfig erfundenen Versschrapnellen, auch an den aus dem Metrum fallenden Kameraden. versuchte mich übrigens einmal selbst an der Thematik, allerdings andere Wortfelder gebrauchend (Link).

zur Metrik des Gedichtes:

das Versmaß ist grundsätzlich jambisch, jedoch in Zeile 3, 4 und 10 weicht der ebenmäßig dahineilende Jambus - das wurde erwähnt – dem Márschbefehl daktylischer Truppen. nun könnte man, finde ich, durchaus begründen, dass die Veränderung des Metrums in diesen Zeilen dem Inhalt zuarbeitet und somit "Sinn macht".
Zeile 10 ist der Schlussvers, hier gipfelt die Ironie, das metrische Schrapnell feuert dementsprechend berechtigt besonders heftig und "anders". Zeile 3, 4 haben eine gewisse Sonderstellung insofern, als genau hier das Wortfeld "Schlacht, Kampf, Krieg" eindeutig identifizierbar gemacht wird (die vorangehenden Metaphernstiefel könnten auch einem anderen Zusammenhang zugehören, z.B. dem der "Wanderschaft"), d.h. es spricht nichts dagegen, diese Festlegung des semantischen Bezuges durch eine daktylische Salve im Metrum zu untermalen.

zum Jambus wäre noch zu sagen, dass er das Versmaß ist, in welchem der Blankvers geschrieben wird.
was ist der Blankvers? ein jambisch fünfhebiger, reimloser Vers ohne feste Zäsur, der, je nachdem ob er betont (männlich) oder unbetont (weiblich) endet, aus zehn oder elf Silben besteht. dieses klassische Grundmuster des Blankvers kann nun leicht modifiziert werden, etwa durch Wegfallen der Eingangssenkung, durch Doppelsenkungen, Hebungsprall (das ist: eine fehlende Senkung), auch können vier- oder sechshebige Verse vorkommen. solche Flexibilität und Modifizierbarkeit fast bis zur Prosarede macht den Blankvers zum Dramenvers schlechthin.
Shakespeare schrieb seine Dramen vorzugsweise in – teils sehr frei gehandhabten - Blankversen, Goethe benutzte ihn klassisch streng, also fünfhebig, Schiller lockerte ihn gerne durch Enjambements auf, Kleist bildete Vierheber, Sechsheber nach Belieben oder Bedarf ...
kurzum: man könnte imho durchaus argumentieren, ruelfigs poetisches Kampflied erhalte oder enthalte eine zusätzliche Ebene feinsinniger Ironie, da es im Versmaß der großen Dramenklassiker angelegt ist, an strategisch günstigen Stellen vom metrischen Gefechtsfeuer daktylisch agierender Gegner kurzweilig gestört.

dies meine Lesart.
best, lost

 

      Gerd



Marschbefehl

   18.06.2009, 05:04 / 1 x geändert



Hallo ruelfig,

ich glaube nicht, dass wir hier alle Germanistik in Studiensemestern genossen haben, weiter halte ich dies für entbehrlich, wenngleich nicht schädlich. Auch mein bescheidener Geist ist nicht magistergeadelt.

Ich las Deinen "Marschbefehl" als Spottgedicht auf jene, welche Du aus gleichem Grund an anderer Stelle erst vor kurzem kritisiert, darum als Paradoxon empfunden. Sofern Deine Absicht mehr nach losts Lesart mit Selbstironie angelegt, liege ich freilich daneben.

Meine erste Assoziation war Rostands "Cyrano" im Anklang der klassischen Form, gepaart mit Spott und Kampfmetaphern, weshalb ich diesen auch in meinem ersten Kommentar eingangs angeführt. Den Genuss daran hatte ich bereits erwähnt, so habe ich mit dem gewählten Wortfeld keine Schwierigkeiten.

Nun auf Deine Erläuterung gespannt.

Gruß Gerd

 

      Jolante



Blankvers und Daktylus

   18.06.2009, 12:58



Hallo ruelfig,

dein ironisch ballerndes Wortkampfgetöse habe ich gerne gelesen. Treffsicher zielst du auf poetische Adern, lässt sie aber nicht ausbluten. Und ein bisschen Aderlass soll ja manchmal ganz heilsam sein. Gerne gelesen habe ich auch den Kommentar von lost, weil ich immer froh bin, wenn ich hier noch was lernen kann.

Es grüßt Jolante

 

      ruelfig²



Metren

   18.06.2009, 19:51 / 2 x geändert



Hallo Augustine,
danke für den Link. Ich habe gelesen (und schaue immer wieder nach): Kayser, Kleine deutsche Versschule (finde ich schwierig), Moenninghoff: Metrik, und Gelfert: Einführung in die Verslehre. Trotzdem kann mehr nie schaden Aber: ich möchte mich nicht zu sehr beeinflussen lassen von Vorgaben. Mir ist klar, dass man, um Gesetze gekonnt zu brechen, diese erst mal kennen muss. Aber Unterwerfung? Niemals! Und danke der Nachfrage, ich glaube, im Rahmen meiner Möglichkeiten losts Kommentar zum Otter verstanden zu haben.
Hallo Lost,
was kann ich da noch sagen? Deinen Beitrag empfinde ich als lehrreich (ich hoffe, du verstehst, im Sinne: das bringt mir wirklich was und ist auch noch toll geschrieben).
Und außerdem bin ich froh, den Marschbefehl erlassen zu haben, weil ich ansonsten dein Gedicht "Der Dichtermeister" nicht zu lesen bekommen hätte. Und das fände ich jetzt, wo ich es kenne, sehr bedauerlich. Es fasst alles, was so im Forenleben geschieht (hier eben nicht, wie ich oben schon erwähnte) derart präzise und humorvoll zusammen, dass ich hiermit vor Ehrfurcht erstarre und in einen Begeisterungstaumel verfalle. Gleichzeitig.
Ich hatte eigentlich vorgehabt, das ganze Dingen im Blankvers zu zimmern, aber dann haben sich doch wieder die Reimmonster eingeschlichen, konnte ich nichts machen, ich schreibe nun mal meistens einfach drauflos. Aber deine Argumente möchte ich mir gerne borgen und danke dir sehr für deine Mühe und die Vermittlung deines Wissens.
Hallo Gerd,
das mit der Germanistik war ironisch gemeint. Ich werde mir den Rostand besorgen und bin gespannt darauf. Und ja, mein Gedicht ist (auch) selbstironisch, wenn das nicht richtig durchkommt, habe ich wohl etwas falsch gemacht. Zu dem Thema habe ich etwas geschrieben.

Unwir
Lyrisches Ich, ein Penner, ein Säufer -
gottverlassener Hurensohn.
Glaub ihm kein Wort.

Lügner, Betrüger, selbstüberheblicher
Händler geschwindelter Identität.
Ich bin nicht ich bin nicht du Verräter
an Arbeit der Sedimentlosigkeit.

Korrumpator, mit Tarnen und Täuschen,
fädelst du mich in ein Werk
aus Versehn.

Hallo Jolante,
gibt es Aderlass auf Krankenkasse? Ich freue mich, dass dir das Gedicht gefallen konnte.
Beste Grüße,
Ruelfig

 

      augustine



Macharten

   18.06.2009, 21:50



Hallo, ruelfig,
wenn du bisher so aus der Lamain (Lamaing oder wie) geschrieben hast, mit einer offenkundigen natürlichen Reim-, aber auch gedanklichen Gestaltungsbegabung, dann, möchte ich raten,lies doch mal rein in:
Gerhard Kurz, Macharten. Über Rhythmus, Reim, Stil und Vieldeutigkeit (Vandenhoeck&Ruprecht, Kleine Reihe 4013. Das ist für Germanistik-Studierende geschrieben; das muss dich nicht unbedingt von der Lektüre abhalten. Reinlesen vielleicht nur, damit du anschließend den Kayser nicht wirklich schwer findest (inzwischen 25. Auflage). Aber der Kurz bietet viel mehr.

Hast du bemerkt, dass der lost-Text unter Satire steht? Vielleicht solltest du überlegen, ob du nicht über den Bereich Komik Humor hinausgehst/dich hinauswagst.

Poetische Grüße von augustine

 

      Gerd



Metren

   19.06.2009, 02:07 / 1 x geändert



Ei ruelfig,

schon seit Deinem Einverständnis zu losts "Dichtermeister" bin ich wieder ganz bei Dir. Ich war offensichtlich noch zu sehr in einer Auslassung verhaftet, die kirmesbollo zu losts Kommentar bei "interetale Verdämlichung" hinterlassen hatte, in der irrigen Annahme, diese sei von Dir gewesen. bollo hatte dort den reimzisselierten und wortkaskadierten Abgesang auf so manches Peotenstrick kritisiert. Ein schlichtes Missverständnis, wodurch ich Dir Unrecht tat - mea culpa.

Nun liest sich Dein "Marschbefehl" für mich sehr launig und ich kann recht befreit die Assoziation mit "Cyrano de Bergerac" genießen. Dieser ist als günstige Reclam-Ausgabe bereits für 4 Euro zu haben, hier die ISBN: 978-3-15-008595-0.

1990 wurde das Theaterstück Edmond Rostands von Jean-Paul Rappeneau mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle neu verfilmt. Ich kannte zuerst nur das Stück und war von dieser filmischen Adaption beeindruckt, die aus meiner Sicht recht nahe am Original geblieben ist. So Dich 138 Minuten in Reimform nicht abschrecken, hast Du vielleicht ebenfalls Deine Freude daran.

Ach ja, für alle Freunde des Sozialgesetzbuchs, der Aderlass in seiner mittelalterlichen Form ist selbstverständlich keine Kassenleistung, doch gibt es Krankheitsbilder, bei welchen die Blutentnahme medizinisch sinnvoll ist. In diesen Fällen gibt es den Aderlass auch heute "auf Kasse". In diesem Sinne: Leute, rettet Leben, geht Blutspenden!

Herzliche Grüße in die Nacht
Gerd

 

      ruelfig²



Macharten

   22.06.2009, 21:10



Hallo Augustine, danke für deinen Tipp. Ich habe mir das Buch besorgt und werde gleich darin lesen. Wehe, wenn das nicht hilft, reich & berühmt zu werden;-). Einen wesentlichen Unterschied zwischen Humor und Satire auszumachen, fällt mir immer schwer. Satire scheint mir so ernst.
Hallo Gerd,
auch das Reclam-Bändvhen habe ich mir internetal verschafft, bin schon sehr gespannt. (Gut, dass sich das Missverständnis aufgelöst hat.)
LG in die Nacht,
R

 

      augustine



Macharten

   24.06.2009, 20:34 / 1 x geändert



Satire scheint mir so ernst.
ruelfig

Ist Ernst was Schlimmes???
augustine




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