Jolante
|
01.06.2009, 12:35 / 3 x geändert
|
|
Mein löblicher Vorsatz, von heute an nicht mehr zu rauchen, hat sich schon am Vormittag im Dunst unzähliger Zigaretten aufgelöst. Zunge und Kehle brennen, meinen gequälten Bronchien entringt sich ein knarrender Husten. Lähmende Müdigkeit, gepaart mit flatterndem Puls und heftiger innerer Unruhe lässt massive Vorwürfe gegen mein schlappes Ego in mir hochkommen.
Bin ich eine Masochistin, wie ich kürzlich in einem Zeitungsartikel den Typ des Rauchers beschrieben fand, eine Terroristin gegen meine Gesundheit? - Was auch immer, mich nervt das Problem, das Rauchen nach einem langen Jahr der Enthaltsamkeit wieder härter den je zu betreiben.
"Erkenntnis tötet das Handeln" - "Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung" - Erkenne deine Probleme und du kannst sie lösen" - "Rauchen macht schlank" - "Rauchen verengt die Blutgefäße" - "Für Frauen um die Vierzig ist Rauchen besonders gefährlich", all diese Sprüche schlagen in meinem Gehirn Purzelbaum und motivieren mein ES zu eigenen Slogans, wie "Rauchen macht frei, beruhigt, stimuliert", bis hin zu "Rauchen ist erotisch". - An dieser Stelle gebietet mir mein strenges Über-Ich Einhalt, vermiest mir weitere Assoziationen.
Im Jahr der Abstinenz hatte ich keine nennenswerten seelischen oder körperlichen Erschütterungen. Ich rauchte eben nicht und fand das gut so. Wieder damit angefangen habe ich auch nicht wegen eines Problems, sondern in einer entspannten, lockeren Stimmung, mit ein paar Freunden faul in der Sonne dösend. Was also trieb mich dazu? - Hart saust das Beil der Selbstkritik auf meinen masochistisch gebeugten Nacken: Ich habe Sucht-Charakter, suche im Genießen nach immer neuen Genüssen. Es fehlt mir an Selbstzucht, ich lege mir Verbote auf, um dann umso genüsslicher dagegen zu verstoßen. - Quatsch, beruhige ich mich sogleich. Dies alles sind nur die verworrenen Hirnprodukte einer Halbgebildeten, die ein bisschen Freud und ein bisschen Fromm gelesen hat, den Katechismus nicht zu vergessen. Schon früh aß ich von den bitteren Früchten meiner katholischen Erziehung: Mädchen, die rauchen, haben auch noch andere Laster. Sie lackieren ihre Nägel, schminken sich, trinken Cola-Cognac und wenn die Eltern nicht aufpassen, treiben sie es auch sonst recht bunt. Schrill klingen mir noch andere mütterliche Vorhaltungen im Ohr: "Schade, dass du so dünn und blass bist, so unscheinbar", oder "Christel ist so begabt, sie spielt schon viel besser Klavier als du", und "Du hast halt kein Talent für Mathe, am besten gehst du vom Gymnasium runter." Die Reihe mütterlicher Predigten ließe sich beliebig fortsetzen. - Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, überkommt mich leise Wehmut. Wie viele Stunden habe ich als Dreizehnjährige vor dem Spiegel verbracht, von dem heißen Wunsch beseelt, wenn schon nicht schön, so doch wenigstens hübsch zu sein! - Ach, was sollen diese Erinnerungen, ist doch alles ganz gut gegangen mit mir, von einem Nervenzusammenbruch mit Fünfzehn und dem ewigen Liebeskummer mal abgesehen. - Und heute? Bin ich unglücklich, möchte ich anders leben, beneide ich andere? Bin ich zu schwach, zu stark, zu anspruchsvoll oder zu anspruchslos, zu gläubig, zu ungläubig, zu naiv oder zu gerissen???
Eine erleuchtende Botschaft eilt mir zu Hilfe: Klar, ich schleppe den Hang zur Sucht als unerquickliche Erblast mit mir durchs Leben, latent schon vorhanden, als ich noch Daumen lutschend und Bettzipfel saugend vor Grauen, dass böse alte Hexen durch meine Träume geistern, nicht einschlafen konnte Auch gibt es da väterlicherseits eine Tante, die als "Böse Sieben" immer herhalten musste, wenn ein Hagel von Vorwürfen wegen unter meinem Bett faulender Apfelreste oder Bananenschalen auf mich niederprasselte. Diese Frau war extrem unordentlich, rauchte schwarze Zigaretten und brachte ohne Standesamt und kirchlichen Segen zwei stramme Jungen zur Welt. Dieser Tante, so klagte meine Mutter, sei ich unseliger Weise nachgeschlagen.
Dies alles ist lange her und das Schminken, Nägellackieren und Rauchen sind zum Glück nicht meine einzigen Laster geblieben. Andererseits: Wer einen Willen hat, kann sich auch frei entscheiden, ob er den schmalen Pfad der Tugend wählt oder den breiten Weg des Lasters. - Was mich betrifft, in der Mitte des Lebens stehend, so habe ich wohl zwangsläufig mehr die Schmalspur der Tugend vor Augen. Der Stress im Beruf und Haushalt, gepaart mit Kettenrauchen, zwingt mich zur Besinnung und zur Umkehr. Ich versuchs mal mit dem Slogan "Zucht statt Sucht". Einstweilen nehme ich ein duftendes Bad und entspanne mich bei Mozarts Klarinettenkonzert, genüsslich rauchend. Im Dunst der Blauen Stunde keimt Zuversicht in mir auf: Ich werds schon schaffen, wenn nicht heute, dann morgen oder schon bald, oder auch nie. - Wenn ich nur will !

|  |