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Gretchen
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31.05.2009, 01:30 / 1 x geändert
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Aus dem Leben eines Ausgusssiebchens
1 larmoyantes Ausgusssiebchen spricht
Ich bin ein Ausgusssiebchen, stecke in der Spüle
fest und fühle
mich verdammt beschmutzt,
weil man mich immer nur benutzt,
um Flüssigkeiten loszuwerden, die man nicht mehr will.
Ich dulde das - was soll ich machen! - halte klaglos still
und bin die ganze Zeit sehr feucht.
Ich schlucke sämtliche Ergüsse. Doch mich deucht,
dass ich zu Höherem berufen sei.
Ich wäre gern mal trocken und ganz frei
von allem, was man auf mich kippt. Wo bleibt denn meine Würde?
Ich als Portal in den Kanal trag alle Abflussbürde
dieser Welt. Kein Schwanz fragt, was das mit mir macht,
wenn man mir mehrmals täglich unbedacht
was in die Löcher kippt: Gern möchte ich, weil nie
wer Rücksicht auf mich nimmt, mal selber richtig kotzen! Aber wie?
Ein Gedicht aus der Reihe Stimmen, die keiner gern hört.
- 1 armes Wort spricht
- 1 armes Schwänzchen spricht

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ruelfig
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Hallo Gretchen,
hier ist dir was ganz besonders Feines gelungen. Formal, zunächst, sauber und lebendig, liest sich Sahneschnittig. Inhaltlich auch grosses Theater, hier leistest du als Kleinedingeflüsterin ganze Arbeit. Vom gemeinsten Gegenstand zum großen Ganzen und zurück, wir erleben Trauer, Trotz und Ratlosigkeit. Wie richtig revoltieren gegen eine Situation, in die man selbst als Teilnehmer eingebunden ist?
Nur im Titel finde ich das larmoyant als ein wenig zu wertend, ich verstehe es als nölig.
Ich freue mich auf mehr Stimmen, die keiner gerne hört.
Grüße,
R

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Gerd
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01.06.2009, 18:55 / 2 x geändert
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Liebes Gretchen,
das "larmoyante" soll auf eine rührende Komödie einstimmen. Rührend ja, allerdings bleibt mir das Lachen ob der „Komödie“ im Halse stecken. Auch kann ich es nicht als Abgesang auf eine schlichtes Wesen sehen, dass sich zu Höherem berufen fühlt, doch nicht ausersehen ist. Vielmehr lese ich eine geschundene Kreatur, die sich nicht recht zu helfen weiß. Es ist gefangen in seiner Funktion, denn es funktioniert wohl für die außenstehenden noch tadellos, nur beginnt es sich die richtigen Fragen zu stellen.
Für mich ist das „Ausgusssiebchen“ Metapher des Beziehungsdilemmas zwischen Frau und Mann. Es mag einige Frauen geben, die sich auch auf Dauer gerne benutzen lassen, was sicher pathologisch erklärbar ist, indessen trifft dies auf die Masse der Frauen nicht zu. Dem steht die Ignoranz vieler Männer gegenüber, die Frauen ausschließlich benutzen.
Einsamkeit ist für das soziale Wesen Mensch kaum erträglich, etwas Wärme lässt sich mit schnellem Sex erkaufen, indessen kriecht die lieblose Kälte um so schneller danach wieder bis in den innersten Kern zurück. Damit geht meiner Meinung nach ein emotionaler Abnutzungseffekt einher. Die Achtung vor dem eigenen selbst sinkt und es braucht immer neue und extremere Erfahrungsmomente, um das gleiche Maß an Befriedigung zu finden. Darin gefangen, ist es schwer den Teufelskreis wieder zu verlassen, da auch das Vertrauen, welches einem potenziellen Partner entgegengebracht werden kann, zusehends niedriger wird.
Ein drastisches Lamento ob dem Beziehungsparadoxon, in dem so viele gefangen sind und keinen Weg daraus finden. Gretchen, Du hast dieses Stück mit einem trainierten Lachen vorgetragen, das nicht nur für mich beim Lesen geschmerzt haben muss.
Herzliche Grüße
Gerd

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zuppanova
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Gretchen, wo steckst?
bist doch hoffentlich nicht weggespült worden, durch den ausguss, von heftigen redeschwällen etwa.
dein armes klagesiebchen ist ganz schön eloquent. es spricht beredt in angenehm perlenden reimen, kunstvoll und leicht gefügt: könnte durchaus sein, dass es zu höherem berufen ist. das mit den Stimmen, die keiner gern hört ist eine vielversprechende idee. schließe mich dem ruelfig an und hoffe auf fortsetzung der reihe. wer weiß, was eine nähnadel erzählen würde, oder eine waschmaschine, oder ein fahrkartenautomat - wenn man sie nur einmal sprechen ließe. das leben rauscht so laut, wer nicht mitbrüllt, geht leicht unter.
Gerd, du hast eine interessante interpretation vorgelegt, die mich nachdenklich macht. vielleicht wäre ich selbst auf diese gedanken gar nicht gekommen, hätte das gedicht nur von seiner oberfläche her gelesen, mich an der kunstfertigkeit seiner machart erfreut und an der originellen idee, ein ausgusssiebchen erzählen zu lassen. so aber ... ja, sehe ich auch: etwas, jemand wehrt sich dagegen, benutzt zu werden. ein frappierendes gedicht.
. . . . . . . . . . .beste grüße, zuppa

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Jolante
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Da bist du ja wieder, Greta-Lyrica,
ich hatte dich schon vermisst. - In deinem originell designten Ausgusssiebchen sehe ich eine Metapher für all das, was sich tagtäglich ungebeten und schonungslos über Menschen ergießt (z.B. Abwasser aus gestörten Beziehungen, Gülle aus den Medien, Spülwasser aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft), die sich aus verschiedenen Gründen in einer nicht privilegierten Rolle befinden und sprichwörtlich alles schlucken müssen. Sie funktionieren oft klaglos, bis ihnen eines Tages die Spüle stinkt und sie im ersten Schritt larmoyant werden, im zweiten aber renitent. Sie möchten sich selbst einmal richtig auskotzen können, wissen aber nicht wie. Vielleicht sollten sie die beste Freundin um Rat bitten, zum Psychiater, zum Pfarrer, zum Scheidungsrichter oder zu den Linken gehen. Vielleicht sollten sie ab und zu den Fernsehknopf ausschalten oder auch einen empörten Leserbrief an die Bildzeitung schreiben. Das Gedicht gibt keine Antworten - auf die richtigen Fragen kommt es ihm an.
Jolante grüßt

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Gretchen²
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Hei, liebe lit-ons,
Ihr habt dieses Dingen so aufmerksam gelesen wie eine Kröte sich das nur wünschen kann.
Die Larmoyanz passt vllt. nicht so richtig, da könntest Du Recht haben, ruelfig, aber mir gefiel das Wort so gut, jemand hatte es zu mir gesagt und ich wollt es unbedingt verwenden. Kleinedingeflüsterin ist aber auch ein schickes Wort! Sehr schmeichelhaft.
Gerd und Jolante, Eure Gedanken zu dem Text passen exakt auf die Situation, aus der heraus dieses Ding entstanden ist. Ein Ausgusssiebchen ist doch der Inbegriff des Ausgeliefertseins. Mehr kann ich/möchte ich nicht sagen, das wär zu intim jetzt.
Naja, und ich würde die Reihe gern fortsetzen, zuppa, aber Du weißt ja, geht nicht immer alles einfach so wie eine möchte.
Nochmals nen Dankeschön an Euch alle!
. . . . . . . Eure Nachtschattengrete
. . . . . . . . . . . . . . . . . .  -> Das Glühen (klick)

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