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Gretchen
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Hei Schreibtisch, mal noch paar Nachtgedanken reingestreut.
Dein Text liest sich für mich wie eine sorgfältig formulierte Kontaktanzeige, sagen wir mal: für die ZEIT oder so. Eine Selbstbeschreibung, die auf engstem Raum möglichst vielschichtig, "interessant", pointiert einen Leser, ein "Du" ansprechen möchte und dabei auf positive Assoziationen so etwa in den Bereichen Leben, Erleben, Kommunikation, Emotionalität, Gestalten, Lieben, schickes Ambiente (vielleicht Manufaktum-IKEA-Mix), Tiefgang, Atmosphäre setzt.
Wichtiges Merkmal einer Kontaktanzeige ist in der Regel ebenso die Universalität wie die Harmonie der Persönlichkeit, wobei natürlich jeder Eindruck von "Langweiligkeit" oder "Gewöhnlichkeit" zu vermeiden ist. Jene (= die Universalität) teilt sich in mitunter langen Reihungen von Interessen oder Selbstbeschreibungen mit, welche häufig zeugmatische Effekte haben (ist, auf Deinen Text bezogen, ja wohl klar: der Text ist eine Reihung) - diese (= die Harmonie der Persönlichkeit) wird oft ausgedrückt, indem sich die Annoncierende nach dem Muster aristotelischer Mesotes zwischen zwei Extremen situiert (in Deinem Text z.B. undiplomatisch, unangemessen <--> still zufrieden, glücklich oder: das Große und das Kleine ist mir wertes Lieb oder auch: Arbeit ist Lustgewinn) und mittels Metonymien die Qualitäten ihrer Persönlichkeit und ihrer Interessen rüberbringt, so á la ich bin eine Mischung aus barockem Flötenkonzert, Naturbegeisterung und heiterem Gespräch.
Da hat - fällt mir direkt ein - Ina Deter mal nen Lied gemacht: Ich bin ein Rätsel auf zwei Beinen oder aus zwei Silben oder so, kann ich noch raussuchen, was es genau war.
Weiter: Die Inserentin bemüht sich also redlich, gegen die Gattungsklischees der literarischen Gattung Kontaktanzeige und alle damit zusammenhängenden Peinlichkeiten zu opponieren, d.h. sie möchte besonders "originell" und "anders" rüberkommen, steht aber allein schon deshalb auf verlorenem Posten, weil der Verfall der Gattungsopposition (oder Gattungsparodie) ein Mechanismus ist, dem bekanntlich keine Form der Literatur entrinnen kann. Es dürfen sich also die Kontaktanzeigen-Poetinnen damit trösten, daß sie immerhin in dem gleichen Dilemma enden, in dem sich die Poeten des Anti-Theaters und des Anti-Romans schon lange befinden.
Ich finde, der Text ist bemüht, bearbeitet, durchgearbeitet. Das ist schon okeeh. Aber vielleicht ist er doch zu bemüht, so dass ich persönlich ihn weder vital oder authentisch nennen würde. Er hat (für meinen Geschmack) so was von "schickem Apothekenkalender für die ganz Bewussten". Aber wer die großen deutschen Dichterinnen Friederike Kempner und Julie Schrader kennt, weiß, daß auch oder gerade die angestrengt verfehlte Poetizität manchmal einzigartige poetische Reize entfalten kann.
Fiel mir jez noch ein, so nach der Piste, und habs hingeschrieben.
Nachtgretenkrötchengroeten

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augustine
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16.05.2009, 20:45 / 3 x geändert
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"Das Leben ist
unerträglich formvollendet. Menschen sterben und die Knospe einer Magnolie macht mich atemlos und ich schaue weg. Gefühle glühen und wärmen. Mein Parfum trägt mich, so oder so. Der Tag hat immernoch 24 Stunden, aber es passt so viel mehr hinein. Dämonen sind händelbar und ich erkenne Notwendigkeiten. Abgrenzen bleibt Herausforderung, doch deutliche Worte finden ist leicht. Harmonie ist kein Selbstzweck. An machen Orten ziehe ich mich zurück. Einige Menschen meide ich. Zurückhaltung soll eine Zierde sein. Ziele ziehen mich an, die Sache bekommt mehr Gewicht. Arbeit ist Lustgewinn. Autos können betören. Ich wachse. Das Große und das Kleine ist mir wertes Lieb. Verläßlich bin ich, verantwortungsbewusst. Undiplomatisch
bleibe ich, geradeheraus und zuweilen unangemessen äußere ich auch ungefragt meine Meinung. Ich lerne. Männer sind mehr als Hofstaat. Ich habe keine Angst und nichts zu verlieren. Manchmal spiele ich Lotto. Die aufgeräumte Küche macht mich still zufrieden und glücklich eine rosa Primel in einem schicken Übertopf, gekauft in dem Blumenladen auf dem Weg zur Arbeit."
Teil 1: Hallo, schreibtisch. Es ist schön, dass du nicht nur gelegentlich reinschaust, sondern dich auch mal wieder 'traust', einen Text hereinzustellen.
Du hast keine Angst, schreibst du, aber mich hat dieser Text geängstigt, besorgt gemacht; er ist/scheint zu sein geschrieben von der Höhe einer Woge her, von der es nur wieder runtergehen kann. Ich versuche zu begründen:
* der 24-Stunden-Tag ermöglicht viel mehr als sonst (eigentlich haben wir alle doch immer Probleme damit, alles zu schaffen)
* "Dämonen sind händelbar" - schön, aber es sind Dämonen DA
* "Harmonie" steht zwischen: abgrenzen/deutliche Worte finden und: einige Orte und Menschen meiden, also zwischen Nennen von Nicht-Tun; Harmonie ist aber: ein einvernehmliches Verhältnis zu Menschen finden; was heißt "kein Selbstzweck"?
Einige Sätze, grün markiert, finde ich schlicht sinnlos. Sehr schön wiederum finde ich die unterstrichenen Sätze, wenn's denn im Kern um Gegensätze gehen sollte.
Es wäre auch noch mehr zu sagen.
Teil 2: Hallo, Gretchen, es ist/ich finde es bemerkenswert, was du morgens um 3 nach der Piste zum Abtörnen noch schreiben kannst. Hier hättest du aber deine Nachtgedanken erstmal für dich behalten sollen angesichts eines Textes, der offenbar doch sehr problematisch ist.
Du hast ihn sofort wie "Kontaktanzeige" wahrgenommen und von diesem Ausgangspunkt weitergehäkelt. Du musst wirklich nicht das Gretchen mit den neonbunten Karos bleiben, aber wie du neuerdings Bildung vorzeigst, hier: rhetorische Figuren bemerkst, die zu bemerken gar nicht nötig ist, und dann auch noch einen aristotelischen Begriff reinwirfst, der nichts erklärt, was nicht ohne den Philosophen auch hätte gesagt werden können - das ist nicht mehr Abwehr schlechter Texte durch Vorführen des Niveaus, das wir hier so haben, sondern es ist/erscheint mir als pure eitle Selbstdarstellung.
Falls ich in einem der beiden Teile oder in beiden zu weit gegangen bin: bitte die Gegenrede. Wir brauchen dazu wohl nicht in den Ring zu steigen.
Erwartungsvolle Grüße, augustine

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Gerd
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24.05.2009, 18:03 / 1 x geändert
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Hallo Schreibtisch,
ich hätte da aus meiner Sicht noch eine andere Lesart anzubieten. Für mich lesen sich Deine Zeilen wie ein Rezitieren - Werbung drängt sich mir auf, weniger in eigener Sache als angeeignete. So könnte sich ein Großkonzern den Idealbeschäftigten/-Konsumenten und dessen Lebensanschauung vorstellen.
Aus diesem Blickwinkel sehe ich zwei Auflösungsmöglichkeiten. Zum einen Ironie (unerträglich, wie perfekt doch alles angeblich sein soll), zum anderen eine getriebene Seele, die mit heißer Flamme brennt und kurz vor dem Kollaps steht, vielleicht das Büro anzündet oder den holden Gatten ins Jenseits befördert. Für letzteres fehlt mir allerdings ein Ausblick, wie ein Messer im Blumentopf oder ein Fläschchen Feuerzeugbenzin in der Handtasche.
Sonntagliche Grüße
Gerd

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Schreibtisch²
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Ihr Lieben, Augustine,Gretchen und Gerd,
ich danke euch sehr für eure inspirierenden Lesarten.
Heute ist es für mich so, dass der Text seltsam steril auf mich wirkt. Ich hatte ihn schnell runtergeschrieben, er war Teil eines email an eine Freundin, dann rausgelöst und so lange an dem Päckchen gezurrt, bis diese kompackte Schachtel entstanden ist. Das pochende Leben ist nun allerdings gut versteckt unter dem Packmaterial. Aber es zuckt noch und lange wirds wohl nicht mehr dauern, bis es sich seinen Weg nach draußen sucht und zeigen will, dass es ja auch ganz anders kann. Insofern tatsächlich also "Druck", Gerd.
Eine Kontaktanzeige würde ich anders aufbauen. Da würde ich beschreiben, wen ich suche und also nur indirekt über mich sprechen wollen. Zu sagen, wen man sucht ist dann ja aber eine sehr direkte Aussage über eine selbst.
Natürlich sind Dämonen da, Augustine. Wer wollte das leugnen?
Liebe Grüße,
Schreibtisch

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