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augustine
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11.05.2009, 01:35 / 6 x geändert
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ALLES KLAR
In den sogenannten Gründerjahren am Ende des 19. Jahrhunderts, als ein Kapitalismus explodierte, der seine Arbeiter in Wohnschachteln mit fünf Hinterhöfen und dafür ohne Sonne und Klo unterbrachte, hatte jemand die Idee, in Berlin am noch unbebauten Wannsee eine exklusive Siedlung für größtbürgerliche Bankiers und Kaufleute zu errichten, schlossähnliche Villen auf sehr großen Grundstücken mit Seezugang. Schon 1874 wurde die S-Bahn bis Wannsee und weiter nach Potsdam gebaut, das waren im Berliner Volksmund die "Bankierszuge", mit denen man in 35 Minuten in die innerste Innenstadt gelangte. 1890 kam ein eigenes Elektrizitätswerk dazu.
In der "Kolonie Alsen" gab es, mit der Adresse Am großen Wannsee 56-58, die 1914 erbaute Villa Minoux, die die Sicherheitspolizei der SS vom Nachbesitzer 1940 kaufte, repräsentativ, bequem und abgelegen. In diesem Fall war kein jüdisches Eigentum enteignet worden, wie sonst in dieser Siedlung oft. Es gab dafür das Wort 'Arisierung'. An diesen Ort lud der Chef des Inlands-Nachrichtendienstes der SS, Reinhard Heydrich, für den 20. Januar 1942 zu einer Konferenz über die 'Endlösung der Judenfrage' ein. Ein Exemplar des Protokolls hat überdauert.
Auch die Villa hat überdauert. Bomben auf Villen lohnten sich nicht. Bomben auf Mietskasernen waren effektiver.
Nach dem Krieg verfiel dieser Ort der allgemeinen kollektiven Erinnerungsverweigerung. Lange war er, efeubewachsen, ein Schullandheim. Wie unschuldig. Erst zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz wurde das Haus als Dokumentations- und Gedenkstätte eröffnet.
Schulklassen werden oft dorthin geführt. Die Schüler in ihrer Nichts-als-Jetzigkeit verweigern häufig, sich den Informationen zu stellen.
Einmal, ich wartete auf meine Begleiterin, saß ich auf der Mauer um die Terrasse zum See hin, wo die Herren damals nach den anstrengenden Entscheidungen sich etwas Luft und vielleicht einen Cognac gönnten. Auch eine Schülerin saß da und zwitscherte in ihr Handy. "Wo ich bin? Ja, der Alte hat uns in sone Ausstellung geschleppt, was mit Juden." – "Was? Hatten wir nich im Unterricht. Und was soll das denn auch? Is doch schon so lange her." – "Ach was. Du, iss'n toller Garten hier. Und man kann rübersehn zum Strandbad Wannsee. Wolln wir da nich hingehn morgen? Der wird uns ja nich'n ganzen Tag hetzen." – "Ja, gut. Alles klar."
augustine
AugenblickeBlickwinkel 15
Gute Zusammenstellung dessen, was man wissen sollte bzw. wo man sich Wissen holen könnte, ist
dies hier.

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kirmesbollo
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Hallo augustine!
Der Text ist unaufdringlich, informativ für jene, die sich noch nicht in ihrer Phantasie mit Schrecken ausgemalt haben, was in dieser Villa in kalter Bürokratie geplant wurde.
Die Geschichte des Hauses war auch mir neu, danke dafür. Das Teenagergespräch zum Schluss ist der interessante Kern der Geschichte, der mich sofort an etliche ähnliche Gespräche denken ließ, die aus der „Nichts-als-Jetzigkeit“ von Menschen gleich welchen Alters heraus entstanden sind. Daher lese ich Deinen Text weniger als Kurzgeschichte, denn als eine Art journalistischen Aufsatz, der durch die abschließende Beobachtung zum Kommentar wird, da er moralisch wertet, Stellung bezieht.
Kurzer Gruß ins lange Wochenende vom bollo

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Jolante
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21.05.2009, 19:15 / 3 x geändert
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Liebe augustine,
da bin ich nun in der angenehmen Lage, mich vorbehaltlos Bollos Kommentar anschließen zu wollen. Es ist mir auch aufgefallen, dass die Form nicht der einer Kurzgeschichte entspricht, dennoch aber mehr darstellt als einen journalistischen Aufsatz. Die Geschichte des Hauses wurde mir anlässlich einer Berlin-Potsdam-Reise erstmals bekannt. Sie jetzt in dieser Prägnanz zu lesen, hat die Erinnerung wieder aufgefrischt und gerade wegen des kontrastierenden "Blickwinkels" erneut Betroffenheit ausgelöst. Es sind auch, aber leider nicht nur (was in ihrem Alter noch gerade verzeihlich ist) die Jungen, die so "salopp" mit unserer jüngeren Geschichte umgehen, sondern -wie ich anlässlich des Desinteresses einiger Leute der damaligen Reisegruppe feststellen konnte-, auch manche Alte. Aber das wäre ein anderer Blickwinkel, vor dem es mir, ehrlich gesagt, graust.
Liebe Grüße
von Jolante

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augustine²
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Danke, bollo und Jolante, für eure Beschäftigung mit diesem Text.
Ja, das 'Gattungsproblem' war mir klar beim Schreiben und Korrigieren: für eine eigentliche Kurzgeschichte enthält er am Anfang zuviel Sachinformation, die aber, glaube ich, nötig war; an sich und um den Gegensatz von damaliger "Endlösung" und heutigem Desinteresse daran deutlich zu machen; auch den gewissermaßen zwischen den beiden Ufern des Wannsees, diesem mit dieser Villa (und vier Grundstücke weiter der von Max Liebermann) und gegenüber dem Wannseebad. (Das ist ja seinerseits nicht 'unschuldig'. Juden durften es nicht betreten, und Felice Schragenheim, der "Jaguar" in Aimée und Jaguar, wurde dort verhaftet, kurz nachdem die Fotos entstanden waren, die auf dem Cover vom Taschenbuch sind.)
Verzeiht, das war schon wieder abgeschweift.
Ja, einerseits wollte ich eben die Reihe der (meiner) Kurzgeschichten fortsetzen. Aber der Text ist nur mit Einschränkung eine, auch ja. Er ist aber mehr als eine Notiz und weniger als ein Essay. Und ist eher journalistisch, finde ich auch.
Einen Faden für Journalistisches einrichten?
Drüber nachdenken möchte ich nicht allein, wenn's geht.
Dank euch aber für den Hinweis.
augustine

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zuppanova
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@kirmesbollo und Jolante: ich sei, gewährt mir die bitte, in eurem bunde die dritte ...
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es ist gut, wenn menschen von zeit zu zeit ihren blickwinkel wechseln, sich neu positionieren, um ihre wahrnehmungen zu ergänzen, zu erweitern. "bedeutung" entsteht aus den zusammenhängen, die der einzelne "zur sache" (z.b. zu dem haus, von dem im text die rede ist) bildet. der text verbindet sachinformation mit einer kurzen persönlichen beobachtung am schluss. so entsteht ein kontrast, welcher dem text die eigentliche würze gibt -> das besondere, das punktum bildet sich so heraus: ein element beleuchtet jeweils das andere, so dass die botschaft desto eindringlicher wird.
lg, zuppa
(mich dünkt, uns fehlt noch die passende rubrik für solche texte ...)
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edit: oha, da haben wir uns überschnitten, augustine ;)

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