ich muss dir unbedingt schreiben, was ich kürzlich beim Finanzamt in S. erlebt habe. Du sammelst doch Ideen für deine Comedy-Auftritte und ich habe mir gedacht, du könntest vielleicht etwas damit anfangen. Es ist so: Robert und ich brauchten vom Finanzamt für einen Förderantrag eine Bescheinigung, dass wir nicht vorsteuerabzugsberechtigt sind. Dass es sich hierbei um eine komplizierte Angelegenheit handeln könnte, schien ein erster Anruf beim Finanzamt zu bestätigen, denn die Dame beim Service, die mir einen Ansprechpartner vermitteln sollte, fragte mehrmals nach, was dieser Begriff zu bedeuten habe, sie kenne ihn nicht. Nach vagen Erklärungen (ich weiß ja auch nicht genau, was das sein soll) verband sie mich mit einem Beamten, der mich sogleich nach der Steuernummer fragte und mich danach an einen Kollegen namens Barsch verwies. Dieser raunzte in einem für seinen Namen typischen Tonfall, das sei ganz sicher eine Angelegenheit für den Service, ich solle doch persönlich dort vorbeischauen, die (wer auch immer) würden "sich schon darum kümmern".
Verwirrt, aber gutwillig, fuhren Robert und ich zum Finanzamt und wurden dort von einer mürrisch blickenden Dame an der Service-Theke empfangen. Wir legten ihr die Bescheinigung vor und baten um den Stempel. "Damit habe ich nun gar nichts zu tun", nuschelte sie, da müssen Sie sich mit Herrn B. in Verbindung setzen. Robert, nun auch genervt, erklärte, dass es gerade Herr B. war, der uns an sie verwiesen habe. "Das ist typisch", sagte sie säuerlich. Dabei zuckten Augenlider und Mundwinkel beständig. Überhaupt sah sie ziemlich psychiatrieverdächtig aus. Nach einer kurzen Rücksprache mit einer Kollegin schrieb sie mir eine Telefonnummer auf ein Zettelchen. "Rufen Sie Herrn Wirsch an, aber nicht vor 13.30 Uhr". Da es gerade mal halb zwölf war, fuhren wir wieder nach Hause und schilderten Herrn W. am Telefon unser Anliegen und Ungemach. Er versicherte, zwar nicht zuständig zu sein, er werde sich aber gerne schlau machen. Tatsächlich rief er eine halbe Stunde später an. "Ich konnte mit Herrn B., der für Sie zuständig ist, noch nicht sprechen, aber kommen Sie morgen um zwei Uhr zu mir, dann wird sich alles finden.
Glücklich, wenigstens einen Ansprechpartner, wenn auch einen unzuständigen, gefunden zu haben, trafen wir am anderen Tag bei Herrn W.. ein. Er schaute sich die Bescheinigung an, schüttelte freundlich lächelnd den Kopf und ließ uns wissen, dass er das erst mal mit seiner Chefin besprechen müsse. Er käme gleich wieder, was er tatsächlich auch tat. Stirnrunzelnd teilte er uns mit, dass wir notwendiger Weise Herrn B. aufsuchen müssten. Ich flehte ihn an, uns zu diesem unwirschen Kollegen zu begleiten. Dieser war aber gerade nicht verfügbar, sein Büro verwaist. Es gelang Herrn W., einen Vertreter für den Abwesenden ausfindig zu machen, einen ungepflegten jungen Mann, der zunächst unwillig und mit Hinweis auf den in Wahrheit Zuständigen reagierte, nach gutem Zureden durch den Unzuständigen aber seufzend bereit war, im Computer unsere Daten aufzurufen und ein Dienstsiegel aufzutreiben. Als er gerade den Stempel aufgedrückt hatte, traf unvermutet der Zuständige ein und erklärte uns scheinheilig, das alles sei ein Missverständnis und er bedaure, dass wir hin- und hergeschickt worden seien. Daran sei aber allein die Kollegin vom Service schuld, sie hätte uns diesen unseligen Stempel auf das Formular aufdrücken können, nicht er, der Anderes und vor allem Wichtigeres zu tun habe. Der freundliche Unzuständige assistierte uns noch ein Weilchen beim Austausch von Missverständnissen und begleitete uns zu der mürrischen Dame vom Service, die aber Beschwerde und Zuständigkeitshinweis wortkarg von sich wies. Der Unzuständige begleitete uns, Entschuldigungen murmelnd, zum Ausgang. Als wir uns herzlich bedankten und ihm versicherten, dass er allein die Ehre seiner Behörde gerettet habe, meinte er lakonisch, dass er nun mit einem Anschiss seines Kollegen rechnen müsse, weil er sich in dessen Angelegenheiten eingemischt habe. Ich versprach, ihn in mein Nachtgebet einzuschließen, was er mit gequältem Lächeln quittierte.
Ach Hilde, wie hätten du und Heinz wohl reagiert? - Robert und ich gingen in unser Bücherladen-Café und lachten über das Erlebte. Du kennst das ja von deinem Publikum: Humor hat, wer trotzdem lacht. - Hilde, du hättest den Zuständigen sehen sollen: Seine Füße steckten in Latschen, er trug eine abgewetzte lange Strickjacke, das graue Stoppelhaar und ein ebensolcher Bart ließen uns sein Alter jenseits der Pensionsgrenze vermuten. Sein junger Vertreter, der uns schließlich den ersehnten Stempel verschaffte, sah aus, als habe er gerade eine Komasauftour überlebt. Naja, die Dame von der Info-Theke habe ich dir ja schon beschrieben. Sie ist wohl wegen häufiger Krankenscheine zum Service strafversetzt worden. Dagegen der Unzuständige: Hilfsbereit, charmant, witzig und sogar gut aussehend. Fragt sich nur, wie lange der das durchhält bei Kollegen wie dem Tückischen, dessen Name mit B. anfängt und mit arsch aufhört. (Verzeih, das habe ich nicht bei dir, sondern bei Gunzie Heil abgeguckt.)
Liebe Hilde, vielleicht eignet sich ja mein Brief als Vorlage für eine neue Folge der Serie "Familie Heinz Becker". Ich versichere dir, es war noch viel komischer. Schade, dass wir keine versteckte Kamera dabei hatten.
Dein Text ist der beste Beweis, dass frustrierende Erlebnisse mit sturen, amtsschimmeligen Hengsten der Rohstoff sind, aus dem die pfiffige Bürgerin unterhaltsame Geschichten zu schneidern versteht.
Gut finde ich die Idee, das Ganze nicht "einfach so" zu erzählen, sondern "einen Brief zu schreiben". Dadurch entsteht ein passender Rahmen, in dem sich alles abspielen kann; außerdem kommt durch die besondere Adressatin, an die der Brief gerichtet ist, noch eine zusätzliche ironische Ebene hinzu.
Auch die Sprache, der Stil gefällt mir, wirkt auf mich munter, leicht, gewandt. Die große Achse des Textes ist der Kontrast zwischen dem "Zuständigen", B.arsch, und dem "Unzuständigen", Wirsch. Dass die beiden Herren so heißen wie sie heißen, passt bestens, die Namen hast Du geschickt und witzig ausgesucht. Und obwohl Barsch, sein komageprüfter junger Vertreter und die im Service säuerlich zuckende Dame jedes behördliche Voruteil, das ein Leser womöglich hegt, durchaus bestätigen können (also, will sagen: sie entsprechen bestimmten Klischees), bleibt der Text frisch und flott und unklischiert, und die Personen wirken nicht platt. Das kommt, denk ich mal, weil sie doch mit zwar wenigen, aber ganz eindrücklichen individuellen Attributen (Strickjacke, Latschen usw.) ausgestattet werden, und hängt auch damit zusammen, dass die Geschichte von schönen Wortspielen garniert ist, z.B. Austausch von Missverständnissen oder: etwas wortkarg von sich weisen.
So, das war Gretchens Wort zum Sonntag. Wackerhalten!
(Und nie ohne Kamera zum Finanzamt, woll ... !)
Gretchen hat die pluspunkte deines briefes bereits hervorgehoben, da kann ich mich nun bequem dranhängen und ganz schlicht sagen: mir gefällt es auch, wie du die wohl tatsächlich erlebte irrfahrt durch's finanzamt und den in bürokratischen zusammenhängen offenbar unvermeidlichen austausch von missverständnissen ver- und bearbeitet hast.
beim lesen musste ich natürlich sofort an den Buchbinder Wanninger aka Karl Valentin denken (s.u.), der prototypisch das unzuständigsein in einer telefonszene dargestellt hat: der buchbinder wird - fast schon kafkaesk ist das - von ansprechpartner zu ansprechpartner weiter verbunden und muss sein anliegen immer wieder neu formulieren, wobei er allmählich verzweifelt an den menschen und an der sprache, die ihm zunehmend entgleitet. als er am ende schließlich doch mit einer "zuständigen" verbunden ist, ertönt ein gong -> büroschluss, die verbindung wird gekappt, wieder nichts.
"Hilde Becker": die kannte ich nicht. das war aber nicht weiter schlimm, denn der text funktioniert trotzdem und gibt ja auch hinweise, wer das sein könnte. der google hat mich dann vollends aufgeklärt.
einen kleinen veränderungsvorschlag hätt ich noch: vielleicht im ersten teil zusätzliche absätze einbauen, der optischen zugänglichkeit und leseerleichterung wegen.
froh darüber, dass in nächster zeit
kein behördengang ansteht, grüßt
zuppa