Pesch · Vladimir · ·


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      Vladimir



Pesch

   30.04.2009, 17:53



Dass man, wenn man zum Himmel schaut, nicht mehr meint raus-
zureichen - das schaffen die Dorfplätze, grad so gerahmt von
amtslosen Häusern und Kirchturm, dem Künstler noch, hier, und
dann ist der Name - Pesch, Auweiler, Esch - wohl
unendlich - dem Künstler: eigentlich sind sie entmannt, ein-
verleibt dem Riesenrundblick Deutzer Brücke
(der sie gar nicht meint) - was die Architektur erschafft, treu,
- schon längst unterhöhlt hier im Zwischenreich: man pendelt.
Die Seen haben sich entsprechend auch ins
Erdinnere zurückgezogen. Der Auto-
bahn wird nichts in den Weg gestellt: kaum Brücken
gibts. Ich werde wahllos hier, will treiben, doch alles
steht still. Der dunstig-blaue Himmel wird dem hier
übergezogen wie einer Schaufensterpuppe
ein Kopftuch. Schwer zu sagen, wie das auf die
Behinderten wirkt, die draußen Pause machen.

 

      augustine



Pesch

   12.05.2009, 18:48 / 1 x geändert



Dies hier ist noch nicht meine Antwort, Vladimir (ich schreibe das, damit du, falls du reinsiehst, wenigstens eine kleine und vorläufige Reaktion hier hast). Das Gedicht ist auch ausgedruckt und trägt die ersten Spuren meiner Beschäftigung damit. Also da kommt noch was; du weißt: wenn ich mal wieder mit anderem "fertig" bin.
Liebe Grüße augustine

 

      Gerd



Pesch

   15.05.2009, 01:09



Hallo Vladimir,

Dein neues Gedicht hat mich interessiert, doch habe ich mir die Zähne daran ausgebissen - es schließt sich mir in seiner eigentlichen Aussage nicht auf. Die benannten Örtlichkeiten sind mir nicht geläufig, doch Google ließ mich feststellen, dass es sich um Ortsteile von Köln handelt. Hier vorab einmal das, was ich für mich herausgelesen habe, leider ist es nicht gerade viel:

Für meine Lesart assoziiert das LI frei auf einem Dorfplatz.

„nicht mehr meint raus zu reichen - das schaffen die Dorfplätze“ lese ich als Empfindung des lyrischen Ichs, unter dem Einfluss seiner Umgebung dem dörflichen/provinziellen nicht oder nur schwer zu entkommen.

Pesch, Auweiler und Esch sind ehemals eigenständige Dörfer, die heute zu Köln gehören. Der Verlust der Eigenständigkeit könnte man auch als „entmannt“ bezeichnen. „einverleibt dem Riesenrundblick Deutzer Brücke“ könnte als Metapher für Köln gesehen werden, wenn diese Brücke Köln mit den drei Ortsteilen verbindet und diese Verbindung sich nicht im Brückennamen wiederfindet.

Das LI benutzt die Brücke häufig als Pendler - zwischen diesen unterschiedlichen Welten von Dorf und Stadt. Da es scheinbar keine weiteren Brücken gibt, ist die Möglichkeiten von A nach B zu kommen eingeschränkt, was den Aufbau einer echten Beziehung/Verbindung zwischen diesen als auch dem LI erschwert.

Die Seen beziehen sich wieder auf die vorbenannten Ortsteile, die zum Teil auf trockengelegten Seen erbaut sein sollen. Auch hier hat sich der Mensch gewaltsam Raum geschaffen, wie beim Bau von Autobahnen. Dies empfinde ich als Gedankensprung, den ich so nicht zuordnen kann.

Mit dem Blick in den Himmel, wie zu Beginn des Gedichts, schließt sich am Ende der Kreis wieder.

„Der dunstig-blaue Himmel wird dem hier
übergezogen wie einer Schaufensterpuppe
ein Kopftuch.“

Die Schaufensterpuppe ist unbeteiligt, es passiert etwas mit ihr, wie mit dem gesamten HIER. Reine Beobachtung oder Metapher? Soweit als Metapher gedacht, wird mir die Botschaft nicht deutlich. Doch grundsätzlich ein interessantes Bild, gleichwohl ist das „wie“ für mich keine elegante Form.

Als letzter Satz folgt für mich nochmals ein Gedankensprung. Es wird die Wahrnehmung der Behinderten hinterfragt, die sich ebenfalls in dieser Szenerie befinden. Wieder Beobachtung oder Entäußerung des Selbst in eine abstrahierte Form?

Auf Antwort gespannt.

Gruß Gerd

 

      Vladimir²



Pesch

   15.05.2009, 10:34



Danke, Gerd!
Ich woll noch augustines Antwort abwarten, dann werd ich sicher etwas schreiben.

 

      Jolante



Pesch

   17.05.2009, 18:49



Hallo Vladimir,

das Gedankenkleid, dass du deinem Gedicht auf den schlanken Leib geschneidert hast, zeigt durchaus interessante Muster, lässt aber für meinen Geschmack Eleganz und Farbe vermissen. Dank Gerds Kommentar glaube ich dennoch, dass es tragbar ist. Mir aber passt es leider nicht. Vielleicht, weil ich eine Behinderte bin, die gerade Pause macht.

Grüße von Jolante

 

      augustine



Pesch

   17.05.2009, 19:45 / 1 x geändert



Lieber Vladimir,
nun ich.
Wieder mal hab' ich angefangen mit dem Kölner Stadtplan, um zu sehen, wie diese ehemaligen Dörfer liegen, wie dein Weg dorthin gewesen sein kann (denn ich nehme doch an, dass es da biographische Verbindungen gibt), wo die Kölner Brücken sind und die Autobahnen; dass die dicht und verwirrend sind, hab ich auch selbst (v)erfahren... (Hab' übrigens die Innere Kanalstraße wiedergefunden; gesehen, dass es - natürlich - eine Ursulastraße gibt, und in der St. Ursulakirche war ich - natürlich - mal ...; auch "Am Hof" ist gelb unterlegt.)

Ich glaube eine Vertikale und eine Horizontale wahrzunehmen.
Die Vertikale wäre: Himmel (zuerst wohl in religiöser, unten dann in meteorologischer Bedeutung) / was auf der Erde ist / das "Erdinnere".
Die Horizontale wäre, was auf der Erde, im "Zwischenreich", bemerkt wird: Dorfplätze am Stadtrand, Architektur, Brücken und Deutzer Brücke im Besonderen, Autobahnen, das Sichtbare; aber auch, wie Menschen in diesem Zwischenreich leben: es gibt "Künstler", die es zu deuten suchen (kann Sg. oder Pl. sein), und das "Kopftuch" deutet vielleicht auf den Moscheestreit in Ehrenfeld hin, und die "Behinderten" sind diesem allem außen, ihnen fehlt der "Riesenrundblick", wie ihn die Deutzer Brücke bietet; das lese ich als zwei Hinweise auf soziale Verbindungen.

Nun ist dies Stadtbild aber im Einzelnen gar nicht leicht zu verstehen.
Ich schreib zu einigen, nicht allen, Einzelheiten:
* Also die drei Ortsnamen sind sicher die von ehemaligen, eingemeindeten Dörfern (davon hast du mal geschrieben, von der Erfahrung der Grenze - bei meinem "Markischen Sand" - und dass man aus Köln rausfährt und plötzlich wieder in Köln ist ); ein ordentlicher Dorfplatz hatte Kirche, Pfarrhaus, Rathaus, Schule, aber vielleicht sind alle vier nicht mehr 'tätig', also "amtslos", aber noch da, aber sie bieten nicht mehr den gewissermaßen 'sicheren' Blick zum Himmel, den nur ein Künstler gerade "noch" wahrnimmt, "hier" (Zeit, Ort). Und das ist überall so (ist "unendlich"); diese Namen sind nur Beispiele. Die Dorfplätze sind "entmannt". Und weil man da nicht mehr zu Hause sein kann, muss man pendeln; in der Schlafstadt ist man nachts, am Tag zur Arbeit fährt man in die Stadt, die 'richtige'.
* Es hat Seen gegeben dort, schreibst du. Aber bei wiki finde ich: Esch liegt auf dem Gebiet eines ehemaligen Rheinarms, und dass es da doch noch Badeseen gibt. (Erklär das doch bitte.)
* Erst letzten Drittel taucht ein "Ich" auf. Warum wird es aber "wahllos"? Ist es orientierungslos wegen Einförmigkeit des Ortes, wo vielleicht in einer Siedlung ein Haus wie's andere aussieht, was eine Art 'Stillstand' bedeuten könnte? Doch, ja, könnte so sein.
* Der "dunstig-blaue Himmel" könnte solche Einförmigkeit betonen; und 'Schaufensterpuppen' sind im Grund auch alle gleich; doch, dann kann ich das Bild verstehen. (Trotzdem: Das Wort "Kopftuch" lässt die Assoziationen in eine Richtung gehen, die du wohl nicht gemeint hast.)

'Leicht' sind deine Texte nicht, nicht von der Leichtigkeit des alten Goethe. Es ist sicher ein Prozess, all das Gesehene, Bedachte, Verbundene nun auch noch 'einfacher' zu schreiben. Oder das ist deine Weise des Sagens, Denkens, Dichtens -
und du weißt: das liest immer sehr, sehr gerne und mit großem Gewinn -
augustine

 

      Vladimir²



Pesch

   18.05.2009, 12:48



Dann will ich mal antworten:
und komm dabei direkt in Verlegenheit oder auf dünnes Eis, weil ich doch erklären muss: dem ganzen zugrunde liegt eine ganz bescheidene Beobachtung: der Unterschied zwischen dem Blick zum Himmel auf dem Land und dem in der Stadt/einer Ortschaft. Da hab ich empfunden: bei letzterem zählt man eigentlich allen Himmel den man sieht zu dem über der Stadt. Es ist eben der Stadthimmel. Wenn man nun den Himmel entlangsieht und sich dem Horizont nähert und von da aus wieder runterabstrahiert (also als ginge man von dem Punkt, zu dem man sieht, senkrecht nach unten), meint man, immer noch auf Stadtgebiet zu sein. Die Stadt umschließt gewissermaßen den Himmel. Auf dem Land aber ist diese Verbindung viel loser - der Himmel ist eben der Himmel und das Land das Land, und gerade ist dieses Stück Himmel über mir, da drüben über der Bergkuppe ist aber ein anderes. Die Stadt in ihren weiten Grenzen ist mir (einigermaßen) bekannt, sie erweckt jedenfalls nicht das Gefühl von Fremde mit der dazugehörigen Weite, Ungebundenheit. Und daran schließt sich irgendwie das Gefühl mit dem Himmel. Interessiert hat mich nun die Entdeckung, dass ich in einem kleinen Ort, auf dessen Marktplatz das selbe Gefühl hatte wie in der Stadt - also dass man auf allem Himmel, auf den man sehen kann, nicht eigentlich aus dem Ort herausdringt. Wenn man dann dreihundert Meter Rad fährt, ist man freilich sofort draußen.
So, lange Erklärung. Ich hoffe das stößt auf irgendein Echo bei euch.
In dem Gedicht nun gibts einerseits diese Randdörfer, die in ihrer Architektur und ihrem Aufbau eigentlich noch das schaffen, was ich eben meinte - also sich als ein gewissermaßen unendliches hinzustellen -, und andererseits gibt es auf der Deutzer Brücke (da, weil man dort besonders weit und gut rundsehen kann), also im Zentrum Kölns, einen Blick, der diese Dörfer doch noch miteinschließt - denn sie sind eingemeindet etc. Und aus dieser merkwürdigen Lage heraus erwächst alles.

Die Seen gibt es, augustine, vielleicht ist meine Umschreibung da missverständlich: sie leigen einfach sehr tief. Weiß gar nicht wieso. Vielleicht hat auch dieses Unwissen gerade zu dem Erstaunen geführt, das diese Lage mich einbauen ließ. Es macht jedenfalls einen entrückten Eindruck. Sie sind schwer zugänglich diese Seen, meist nur über eine steile Böschung, oder eine Badeanstalt - die war aber, als ich geschrieben habe, geschlossen und einigermaßen trostlos - abgesperrt.

Bei dem Kopftuch ist die Schaufensterpuppe für die Metapher wichtiger als das Kopftuch, auch wenn es ohne das nicht geht (oder gibts eine andere Bezeichnung dafür?).

Die Sprödigkeit des ganzen, das etwas staksige ist durchaus beabsichtigt und dabei noch nichtmal meine Erfindung. Es ist auch so eine Art Aneignungsgedicht (wie damals beim Rilke), nur diesmal hat mich Joseph Brodsky begeistert. Deswegen darf auch das "wie" nicht weg, Gerd.


All diese Einzelheiten - ich schwanke dazwischen, sie für wichtig zu halten oder nicht. Was ist denn die Stimmung, die irgendwie bei euch ankam? Wenn ich daraufhin nochmal lese, was ihr geschrieben habt, scheint das ganze doch einigermaßen funktioniert zu haben.

Deine letzte Bemerkung versteh ich nicht, Jolante.

Dankend grüßt
Vladimir

 

      Jolante



Pesch

   19.05.2009, 11:21 / 2 x geändert



Hallo Vladimir,

du verstehst den letzten Satz meines Kommentars nicht, ich versteh die letzte Zeile deines Gedichts nicht, auch nicht nach gründlichem Lesen deiner Interpretationshilfe. Damit sollten wir es eigentlich gut sein lassen, müssen wir aber nicht, denn vielleicht gibt es ja künftig Wege zum gegenseitigen Verständnis. Das Eingeständnis meiner "Behinderung" knüpfte an die von mir nicht verstandene Zeile deines Gedichts an und war durchaus ironisch-selbstkritisch gemeint. Ironie als Stilmittel ist wohl nicht so "dein Ding", meins aber schon, doch wollte ich dich damit keinesfalls verletzen.

Liebe Grüße
Jolante

 

      Vladimir²



Pesch

   19.05.2009, 12:05



Hallo Jolante,

dann ist gut.
Wenn ich also etwas dazu sagen soll: es ist am Ende wirklich eine Frage, ein in-Frage-Stellen des ganzen vorhergehenden. Ein weiteres Puzzlestück in dem ganzen Bild: dass da Menschen mit Behinderung draußen sitzen und nochmal außerhalb der ganzen Innerlichkeit sind, die das lyrische Ich da heraufbeschwört.
Vielleicht hilft das?

Gruß,

Vladimir




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