arisia (Gast)
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02.06.2006, 16:21 / 4 x geändert
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In einer Zeit, die nicht jetzt ist, lebte ein schönes und stolzes Schloß;
rotes Mauerwerk, grün die Dächer der Türme, weiße Vorhänge an den Fenstern,
der Park gepflegt, sauberes klares Wasser im Schloßgraben.
Die Bewohner des Schlosses waren eifrig darauf bedacht es zu hegen und zu
pflegen. Besucher bewunderten seine klaren Farben und das sorgsam gefügte
Mauerwerk.
Und doch war das Schloß unglücklich. Es fühlte sich nicht wohl, war traurig
und wußte nicht recht warum.
Eines Tages aber wollte es mit seiner Traurigkeit nicht länger alleine sein
und schüttete sein Herz einem Frosch aus, der auf seiner Portalmauer saß, und
der zufällig vor kurzer Zeit die Sprache der Steine erlernt hatte.
"Frosch" sprach das Schloß: "Was soll ich nur tun? Jeder lobt mich, erzählt
meinen Besitzern wie schön ich sei, geht bewundernd um mich herum, aber ich,
ich habe mich noch nie gesehen, wie soll ich glauben, was die Leute sagen?
So lange Jahre habe ich die Menschen belauscht und weiß, dass sie manchmal
lügen und betrügen, ach, Frosch, ich bin so unglücklich, wie kann ich herausfinden,
ob die Menschen die Wahrheit sprechen?"
Der Frosch schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern und dachte bei sich:
"Manche Steine machen sich doch tatsächlich Probleme, die es gar nicht gibt.
Komische Welt."
Zum Schloß aber sprach er: " Laß mir einen Tag, um meine Gedanken zu ordnen,
vielleicht kann ich dir helfen."
Ihm war nämlich eingefallen, dass er bei seinen Streifzügen über die
Fenstersimse auch manchmal an Zimmern vorbeihüpfte, in denen junge Frauen
wie gebannt vor schimmernden Flächen standen. Eines Morgens erhaschte er einen
günstigen Blickwinkel und sah wiederum ein junges Mädchen vor so einer Fläche
stehen. Zu seinem Entsetzen aber erschien ihm das Mädchen plötzlich zweifach
vorhanden zu sein, vollkommen gleich in Kleidung und Bewegung. Er sah auch das
offene Fenster in dem er saß, und er sah sich. Da begriff er, dass er in einen
Spiegel schaute, und er begriff auch, was ihn früher so oft verwirrt hatte,
wenn er am Wasser saß, und der Wind sehr ruhig war. Es hatte sich ihm dann
schon häufig der Eindruck aufgedrängt, jemanden zu sehen, der ihm vollkommen
ähnlich war; aber diese Augenblicke waren so kurz, daß er bis jetzt nichts damit
anzufangen wußte. Nun aber war ihm klar, daß auch das Wasser ein Spiegel sein konnte.
Der Frosch verbrachte den Tag mit Sinnen, wie er dem Schloß mit diesem Wissen
helfen könne.
Abends setzte er sich wieder auf die Portalmauer und sprach: "Schloß, du
brauchst einen Spiegel. Dann kannst du dich selbst betrachten und weißt, ob die
Menschen dich anlügen. Benutze deine Fenster als Augen, warte bis der Wind
sich legt und schau auf das Wasser deines Schloßgrabens, darin kannst du dich
dann sehen. Ich werde dir helfen und dir zeigen, wo deine Türme und Dächer,
deine Fenster und Portale zu sehen sind."
"Danke, danke, danke" sprach das Schloß. Es war überglücklich und konnte vor
Freude fast die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen tat es, wie der
Frosch ihm geheißen,und es sah rote Mauern, grüne Türme, weiße Vorhänge,
sorgsam gefügtes Mauerwerk. Es fand sich schön und war so glücklich, dass es
ein Abkommen mit dem Wind traf.
Von den Abendstunden bis zu den Morgenstunden durfte er um seine Türme heulen,
auch mal mit den Ziegeln spielen, aber am Tage sollte er sich ruhig halten,
damit das Schloß sich im Sonnenschein im Wasser spiegeln konnte.
Noch heute steht es dort, spiegelt sich und freut sich so, daß es ab und zu
einem aufmerksamen Besucher seine Geschichte erzählt.
So erfuhr auch ich davon, denn auch ich hatte zufällig kurz zuvor die Sprache
der Steine erlernt.
arisia

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