Du klingst · Gerd · ·


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      Gerd



Du klingst

   06.04.2009, 12:24



Du klingst
so schmerzhaft greifbar
durch den dünnen Draht

will
mit meinen ungeduldigen Händen
die Schale aufbrechen
das hohle Gefühl auskratzen

die Enden des Raums kurzschließen
für
ein kleines Stückchen Dich

 

      Jolante



Du klingst

   06.04.2009, 12:48 / 2 x geändert



Lieber Gerd,

wie es dir gelingt, mit so wenigen Worten so viel Gefühl auszudrücken, bewundere ich sehr. Die Liebessehnsucht, von der deine Verse handeln, der verzweifelte Versuch, Trennendes zu überwinden, ist ergreifend schön dargestellt. - Ja, so fern vom Kitsch, mit so fein gesponnenen Worten darf man Liebesgedichte auch heute noch schreiben.
Es freut mich, dass du hier wieder sichtbar bist und uns deine Poesie genießen lässt.

Jolante grüßt

 

      Gretchen



Du klingst

   07.04.2009, 02:48



Heia Gerd,

Du evozierst mit knappen Worten (+) eine konkrete Situation (+), nämlich die, dass ein lyrIch mit einem lyrDu telefoniert (so lese ich es jedenfalls), wobei das Ich - ebenfalls sehr pointiert und präzise - mitteilt, was es empfindet, was es verändern möchte, d.h. es reflektiert diese Situation, in der es sich befindet.

Das ist die Oberfläche des Textes, die eine Ebene, die sich aber weiten oder interpretieren läßt (+) und eine allgemeinere Ebene verbildlicht, für mich jedenfalls - so dass der Text auf mich wirkt wie eine Abhandlung en miniature über die Schwierigkeit oder vielleicht sogar Unmöglichkeit von Beziehung, ein Statement zu der schier hoffnungslosen Bemühung, Nähe zu erreichen, zusammen zu kommen mit dem Du, das so schmerzhaft nah scheint und zugleich doch immerwährend unbegreiflich ungreifbar der oder die "Andere" bleibt, allen intergalaktischen Kontaktaufnahmeversuchen zum Trotz.
(Musste auch an augustines Fernsprechteilnehmer-Text denken.)

Nachtgretchengrüße

 

      augustine



Du klingst

   07.04.2009, 23:05



Ja, Gerd: dass hier ein Telefongespräch "schmerzhaft" als Verbindung empfunden wird (da wir uns doch alle daran gewöhnt haben, dass eine Stimme im Telefon so klingt, als sei der Mund ganz nah); dass man den Wunsch haben kann, wie einen Märchenwunsch, den Mund durch das Kurzschließen der beiden Enden der Verbindung ganz nah heranzuholen - so weit verstehe ich, glaube' ich.
Was ich nicht verstehe, jedenfalls heute nicht: ist die "Schale", die hohl ist bzw. mit hohlem Gefühl erfüllt. Mir kommt's vor, als sei das eine andere Bildlichkeit als in (1) und (3).
Frühlingsgrüße von augustine

 

      zuppanova



Du klingst

   08.04.2009, 00:21



grüß dich, Gerd, nur kurz:


Du klingst
so schmerzhaft greifbar
durch den dünnen Draht

will
mit meinen ungeduldigen Händen
die Schale aufbrechen
das hohle Gefühl auskratzen

die Enden des Raums kurzschließen
für
ein kleines Stückchen Dich


was mir sofort auffiel: wie sehr hier die metrik des textes den inhalt unterstützt. die ersten drei verse (erkennen der situation, "so ist es", "Du klingst") eilen vollkommen flüssig jambisch dahin. dann eine zäsur: der sprecher (es könnte auch eine sprecherin sein) will die situation nicht annehmen, will sie mit "ungeduldigen Händen" verändern, "aufbrechen" -> und analog zerbricht das jambische versmaß, die metrik wird unregelmäßig, synkopisch (= die sehnsüchtige ungeduld des sprechers bricht sich bahn ) -> beruhigt sich aber zum ende des textes wiederum (siehe meine unterstreichungen) und kehrt, etwas abgebremst, in den jambischen fluss zurück, d.h. das große "Du" ganz am anfang wird (auch metrisch) überführt in ein "kleines Stückchen Dich" am schluss. so entsteht, betont auch noch durch die aufteilung in drei sinneinheiten-päckchen, eine dramatische dynamik über den ganzen text hinweg: exposition - kritische klimax - ausklang.
das ist ein schöner bogen.
lg, zuppa

ps
die "Schale", nach der du, augustine, fragst, deute ich passend zu teil 1 zunächst als das telefongerät, als das technik-gehäuse, in dem - unwirklich, hohl, nicht echt, nur scheinbar nah - die stimme steckt und nähe vorgaukelt. zugleich steht dann natürlich noch eine andere bildlichkeit dahinter, schale als trennender (das ich vom du) panzer etwa.

 

      Gerd²



Du klingst

   15.05.2009, 00:10 / 1 x geändert



Hochverehrte Rezensentinnen,

ich möchte Euch meine Antwort nicht länger schuldig bleiben, die Ihr doch mehr als nur verdient habt. Hier ist sie denn:

So ist es Jolante, ein Liebesgedicht von Liebessehnsucht und den verzweifelten Versuch Trennendes zu überwinden, jenseits von Kitsch. Und Danke, freut mich natürlich, wenn es Dir gefiel.

Hey Gretchen, Du hast die verschiedenen Ebenen Fläche für Fläche bis ins Metaphorische aufgedeckt, jede in meinem Sinn richtig und beabsichtigt. Auch die Assoziation zu augustines „Fernsprechteilnehmer“ fand ich sehr passend. Grazie Greta.

Ach augustine, den „Märchenwunsch“, den Mund ganz nah heranzuholen, hätte keine außer Dir so ausdrücken können. grates agere.

Mensch zuppi, wie Du dem Stückchen auch noch meine Rhythmusbastelei entlockt hast, da war ich echt platt. Darüber hinaus war Deine Erklärung der Schale für augustine völlig treffend, merci dafür.

Ein so perfektes Miteinander habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich bin beeindruckt und neige mein Haupt vor Euch.

Ein Herzliches Dankeschön Euch allen für Lob und das so feine Arbeiten mit meinen wenigen Zeilen
Gerd




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