Asyl · Jolante · ·


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      Jolante



Asyl

   01.06.2006, 21:48 / 1 x geändert



Erinnerungen fliegen auf
wie erschrockene Vögel
suchen ein Land einen Ort
an dem sie mich nicht mehr
verfolgen
an dem ich sie nicht mehr
finde
Asylsucher auch sie
vertrieben aus der grauen Haft
meiner Zellen

Fliegt schnell Vögel tragt Eure Last
bis ans Ende der Monde
tränkt eure Schnäbel nicht mehr
in meinen Wunden die grau sind
vor Morgen

Nehmt euch in Acht Vögel
Ihr müsst lange fliegen
ein Ziel suchen wo euer ruheloser
Wahnsinn mich nicht findet
meine wahnsinnige Ruhe
Euch nicht einholt

Im Baum meiner Schwarzträume
habt ihr euch auf mich gestürzt
meine Bläue ausgestochen
und mein Rot getrunken jeden Tag
bis ich leergetrunken war

Fliegt Vögel fliehen sollt ihr
bevor man mich wieder einsperrt
in das Schloss der verschlossenen Träume
den Psychiatern zum Fraß

 
        arisia
        (Gast)

RE: Asyl

   02.06.2006, 13:10 / 1 x geändert



Hi, Jolante,

ganz starke Bilder, nehmen mich gefangen in ihrer
Eindringlichkeit. Beeindruckender Duktus,
die immer wiederkehrende Ansprache an die Erinnerungen,
gute Einführung in das Thema in der ersten Strophe,
die beiden nächsten Strophen geprägt vom Aufbegehren
gegen den "Status quo",

"ein Ziel suchen wo euer ruheloser
Wahnsinn mich nicht findet
meine wahnsinnige Ruhe
Euch nicht einholt"

ich weiß nicht wie so eine Veränderung vom Haupwort zum Akjektiv
mit gleichzeitigem Rollentausch der Handelnden genannt wird,
aber es ist guuuuut, es erfreut meine Seele, so eine Konstruktion
zu sehen, wobei "sehen" viel zu schwach ist, es fällt mir
aber grad nichts Gescheiteres ein,

in der vierten Strophe dann wieder Rückführung zum Thema,
weitere Beschreibung des Geschehnen,
in der fünften Strophe dann noch einmal Verstärkung
des Aufbegehrens, starker Schußakkord,
"den Psychiatern zum Fraß", der im Raum wiederhallt
und noch lange hörbar bleibt.

Grüße
arisia

 

      Jolante²



RE: Asyl

   02.06.2006, 21:41



Danke, Arisia, für die positive Resonanz auf "Asyl". Ich war sehr froh darüber, denn ich habe dieses Gedicht bisher nur der Schublade gezeigt. Gerne hätte ich noch die eine oder andere Kritik eingesteckt, auch wenn sie grausam gewesen wäre, aber es tut sich nichts. Was ist los, Leute, traut Euch ! Nur zu, ich bin aufs Schlimmste gefasst.

 

      ear



RE: Asyl

   06.06.2006, 21:45



Ein grosses Thema" Asyl". Das Auseinanderklaffen von bedrohenden, grausamen Erinnerungen und erzwungener wahnsinniger Ruhe eines Asylanten werden stark hervorgehoben.
Hoffnung, dass seine Erinnerungen in endlos geographischer Ferne an Bedrohlichkeit verlieren muessten, sind eine Taeuschung. Reale Moeglichkeit des Entkommens bleibt Illusion, denn die Psychater, wie riesige Spinnen, haben bereits die Netze gespannt, um den Asylanten
"in das Schloss der verschlossenen Traeume" zu locken, wo er gelaehmt alles ertragen muss.Erinnerung als Gutgesinntes und als raubvogelartiges Zerfleischen werden ihn weiter verfolgen.

 

      augustine



RE: Asyl

   19.07.2007, 00:09 / 1 x geändert



Sehr, sehr späte Antwort, Jolante, zu diesem Gedicht, bei dem du sogar noch um mehr Rückmeldung gebeten hattest. Und es ist wahrhaftig eine wert!
Vögel als Metaphern für lastende Melancholien, die aber nicht bleiben müssen in diesem "Baum meiner Schwarzträume" (eine sehr eindrucksvolle Bildlichkeit!), da sind "Die Vögel" von Hitchcock offenbar ein Referenz'text', den du vielleicht noch erklären könntest? (Meintest du bei deiner Bitte um Kritik evtl. die Frage, ob das 'erlaubt' sei? Aber ja, wenn's bedacht gehandhabt wird.)

Die Folge der Strophen würde ich ändern: 4-->1 / 1-->2 / 2-->3 / 3-->4 / 5.
Denn:
Deine 4. Strophe, beschreibt sie nicht, was die Vögel angerichtet haben mit Augen ausstechen, Blut austrinken (aber nicht ganz "leergetrunken" dürfte das wohl sein, dann dann wäre ja 'alles hin'; andererseits: es sind die "Schwarzträume")? Aber das ist gewesen, vielleicht nicht im ganzen Leben des Ichs gewesen, aber 'nur' in der Nacht, der ein Tag folgt:
deine 1. Strophe, ein Tag, an dem die Vögel der Nacht als "Erinnerungen" fortfliegen - warum/wovor aber sind sie "erschrocken"? warum "suchen" sie "ein Land einen Ort" (erscheint mir gut so als Formulierung - bildet die Bewegung des Suchens ab, für die "Land" zu groß ist), aber: warum suchen sie (wo sie doch nächtens wieder Blut trinken könnten?); und: warum wollen sie nicht mehr verfolgen, nicht mehr gefunden werden? sie hatten nicht Asyl in der "grauen Haft/meiner Zellen" (schönes Bild auch dies), sondern waren da in "Haft"; und wo sucht das Ich "auch" sein Asyl?

nach meiner vorgeschlagenen Strophenfolge (deine 2,4,5) kämen danach hintereinander die drei Strophen, die jede eine Aufforderung enthalten: fliegt / nehmt euch in Acht / fliegt und: fliehen sollt ihr - weg vom lyr. Ich. Und wohin? In "ein Land einen Ort" / "bis ans Ende der Monde" (als, speziell auch weibliche, Zeitmessung?) / an ein nicht mehr definiertes "Ziel", wo ...

... "euer ruheloser/Wahnsinn mich nicht findet / meine wahnsinnige Ruhe/Euch nicht einholt", das ist wieder eine von diesen sicher lang gefeilten Gegensätzbildungen, die du so ausgezeichnet beherrschst; er, der Gegensatz, drückt hier auch aus (lese ich so): beides ist ineinander verschlungen: die Ruhe möchte nicht gefunden werden, aber sie hat Teil am Wahnsinn und sucht ihn zugleich.

eine Überlegung noch: ob die 5. Strophe vielleicht ganz wegbliebe, damit die Psychiater; das "Schloss der verschlossenen Träume" könnte den "Schwarzträumen" zugeordnet werden ...

Dies als nachgereichter Dank und Dienst - mit Grüßen in den neuen Tag von augustine

 

      rollerball



RE: Asyl

   23.07.2007, 18:55



Liebe Jolante!

Eine noch spätere Antwort, aber besser als gar keine: Ich meine auch, dass dein Gedicht Aufmerksamkeit verdient, da es sowohl in seiner Bildersprache als auch in seinen Konstruktionen beeindruckend ist, berührt und unter die Haut geht. Ob da Hitchcock Pate stand oder nicht, ist wohl nicht so wichtig, es ist jedenfalls ein achtenswerter Versuch, sich in eine kranke Seele hineinzudenken. An der Strophenfolge würde ich nichts ändern, die 4. als 1. funktioniert meiner Meinung nach nicht, weil wichtige Informationen vorausgesetzt würden, die in den vorigen Zeilen enthalten sind.

Liebe Grüße, rollerball




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