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      Gretchen



ti amo

   15.03.2009, 03:02 / 1 x geändert



ti amo
(let him who is without sin cast the first stone)

auf der fensterbank draußen
verwest eine taube -_hfgdt_- (vergiftet)
die fensterscheiben sind blind
unterm bett schimmelt
schäbigkeit grau
hockt der staub
in den ecken
die leblosen
möbel
kommunizieren
nicht
nur
kakerlaken
gekratze
im dunkeln | das licht:
wenn das licht
angeht siehst du
die helle die gleißende
hölle und mitten
im feuer steht
er -_ kjnc dkjsl l s lnc fghdtlyl_- (du mein täubchen)
bieg dich
weg mach dich
klein wenn er
tobt wenn er
wütet zerfetzt er
die möbel schluck
staub duck
dich weg
wenn er
wieder --_jd kcs ühfgdtkl dl k_- (tiamo tiamo ti-)

_______________________________________________________

bezieht sich -> da drauf

_______________________________________________________

20.04.2009: leicht verändert

ti amo

auf der fensterbank draußen
verwest eine taube
vergiftet
die fensterscheiben sind blind
unterm bett schimmelt
schäbigkeit grau
hockt der staub
in den ecken
die leblosen
möbel
kommunizieren
nicht
nur
kakerlaken
gekratze
im dunkeln | das licht:
wenn das licht
angeht siehst du
die helle die gleißende
hölle und mitten
im feuer steht
er _ j dsö _ (du mein täubchen)
bieg dich
weg mach dich
klein wenn er
tobt wenn er
wütet zerfetzt er
die möbel schluck
staub duck
dich weg
wenn er
wieder -_ jö_ (tiamo tiamo ti -)

 

      windflug



ti amo

   15.03.2009, 20:03



Hallo Gretchen,

zuppas Text fand ich ungeheuer bedrückend und dicht, die Angst, das Ausgeliefert-Sein fast körperlich spürbar - und jetzt dein Gedicht. Auch das macht das Grauen spürbar. Vor allem das Motiv der Taube - verwesend, vergiftet - "mein Täubchen": da wird deutlich, wie durch den Missbrauch auch das Kind, sein Körper, seine Liebesfähigkeit vergiftet wird. Zur Gestaltung z.B. der Laute will ich jetzt gar nicht viel schreiben, auch nicht zu den gut gewählten Abbrüchen nach wieder und ti, nur eine Frage zum Untertitel: Les ich den komplett falsch oder ist das eine Relativierung des Missbrauchs?

Liebe Grüße
windflug

 

      Gretchen²



ti amo

   16.03.2009, 07:39



Liebe windflug, jetzt erst mal nen großes Danke für Deine Rückmeldung!

Diese Untertitelzeile, die Du ansprichst - ja, war mir da selber unsicher und hab überlegt gehabt, das weg zu lassen, mich dann doch dafür entschieden. Will da auch gerne noch ausführlicher dazu antworten und sagen, was mir dabei durch den Kopf ging, aber ich wart noch bisschen ab damit, weil ich neugierig bin, ob vielleicht wer anderes noch sagen mag, wie das angekommen ist. Hoffe, das ist so in Ordnung für Dich?

Viele Morgengrüße von
Gretchen

 

      augustine



ti amo

   16.03.2009, 19:38



Hallo, Gretchen, erstmal: keine Sorge, da werden noch Rückmeldungen kommen.

Irritiert bin ich auch noch, wie windflug, über die 'Motto'-Zeile; da warte ich auf deine Auflösung.
Das ist ja ein anderer 'Stil' als sonst deiner (nicht zum erstenmal übrigens). Zwischendurch hatte ich mal aus dem Sinn verloren, dass du dich ja ausdrücklich auf einen zuppa-Text beziehst, und fand 'Ähnlichkeiten' mit den Verbrechen von Amstetten. Und es scheint mir immer noch so, als sei das nicht komplett falsch. Und dann wieder: was ist ein Gedicht angesichts von Verbrechen wie diesen und dem nun von Winnenden.
Es kann nur verdichten in Einem oder in Wenigem. Das sehe ich hier in der Taube vor allem und dann dem Gegensatz Dunkel und Licht oder Helle und Hölle (ist ja etymologisch verwandt):
die vergiftete Taube ist wirklich vergiftet worden mit physischem Gift,
das "Täubchen", das zu lieben der Vergewaltiger vorgibt, ist vergiftet mit psychischem Gift -

ja, das ist gut "gelungen".
Liebe Grüße augustine

 

      Jolante



ti amo

   17.03.2009, 12:51 / 2 x geändert



Liebes Gretchen,

beim ersten Lesen spürte ich einen starken inneren Widerstand, der sich weniger auf die Form als auf den Inhalt deines Gedichtes bezog. Dann las ich es wieder und immer noch plagten mich zwiespältige Gefühle, die zwischen Ablehnung und Annäherung schwankten. Was ist es, frage ich mich, was mich bei diesem Text, der sprachlich durchaus auf der Höhe ist, so sprachlos machte, dass ich zunächst beschloss, keinen Kommentar dazu abzugeben. Und nun tue ich es doch im Bewusstsein des Risikos, von vielen Seiten Widerspruch zu ernten. Irgend etwas scheint mir an der Botschaft nicht zu stimmen, sie wirkt auf mich aufgesetzt, das Grauen, das bei zuppas Brief für mich so nachvollziehbar war, in dieser verdichteten Form nicht vermitteln zu können. Auch die Titel-Unterzeile erscheint mir allzu plakativ, wenn sie auch -was sicher wünschenswert ist- geeignet erscheint, eine Diskussion über das Thema "Alles verstehen heißt alles verzeihen" (?) zu provozieren. Mich hätte das Gedicht stärker angesprochen, wenn es kürzer und dadurch noch verdichteter wäre. So könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, die Zeilen ab "die Fensterscheiben......" bis zu "im dunkeln/das Licht" ersatzlos wegfallen zu lassen. Was ich meine, ist, ein wenig mehr an Verhüllung, etwas weniger an Enthüllung. - Was kann ein Gedicht zum Thema Kindesmissbrauch überhaupt leisten? Das ist für mich eine wichtige Frage, auf die ich zur Zeit keine Antwort finde. Ich hoffe, Gretchen, du nimmst mir mein Unbehagen nicht übel. Vielleicht komme ich ja im Laufe der Diskussion zu ganz anderen Erkenntnissen.

Liebe Grüße
Jolante

 

      Gerd



ti amo

   18.03.2009, 13:57 / 3 x geändert



Liebes Gretchen,

bin noch nicht ganz durch damit, doch möchte ich Dir meine bisherigen Gedanken rückmelden.

Mir scheint es ein inneres Gespräch des Kindes mit sich selbst zu sein. Die blinde Fensterscheibe verhindert, die verwesende Taube sehen zu müssen. Die verwesende, vergiftete Taube ist das Kind selbst. Ein langsames Sterben, durch die Vergiftung des Vaters. Leblos sind Möbel nur, wenn darin kein Leben stattfindet. Das Kind hat dort kein Heim/keine Heimat insofern kein Leben – ist die Umgebung leblos. Der Rest ist offener, deutlicher am Brief von Zuppa abzuleiten.
Was hier im Verhältnis zu Zuppas Brief jedoch anders ist, scheinen mir Einwürfe des Vaters, verbale Schmeicheleien und „entschuldigende“ Begründungen für sein Handeln zu sein.

Womit ich noch nicht klar komme, ist der Sprung in englische und italienische Sprache. Nur eine Titulierung des Kindes durch den Vater ist deutsch „du mein täubchen“, woraus sich für mich die Taube vor dem Fenster erklärt.

Eine für mich nicht gelöste Unklarheit sind die „Freiräume“ vor den eingeklammerten Zusätzen, da ich festgestellt habe, dass diese nicht frei sind. Handelt es sich dabei um im Klimax verstammelte Worte?

taube -_hfgdt_- (vergiftet) – das könnte tatsächlich „vergiftet“ heißen, einziger Zusatz, der mir nicht zum Vater als Ausspruch passen will

er -_ kjnc dkjsl l s lnc fghdtlyl_- (du mein täubchen) – hier lese ich mehr so etwas wie „Kindchen sei/ist lieb/freundlich“

wieder --_jd kcs ühfgdtkl dl k_- (tiamo tiamo ti-) – bei evtl. „ja Kind …“ hört es für mich auf und wird weiteres Suchen schwer (erträglich)

In der Hoffnung, dass keine von Euch so etwas hat ertragen müssen und meinen Kindern nie einer solches Leid zufügt

Gerd

 

      augustine



ti amo

   18.03.2009, 14:39



Anscheinend bin ich blöd, Gerd - aber woher nimmst du denn die unaussprechlichen Buchstabenfolgen?
augustine

 

      Gerd



ti amo

   18.03.2009, 15:25 / 2 x geändert



Hallo augustine,

einfach den Text markieren und schon sind Gretchens Wunderdinge sichtbar. Könnte natürlich auch sein, dass ich mich gerade als DAU geoutet habe und es sind irgendwelche Links, die nicht recht funktionieren oder html-Programmierung oder sonstig EDV-technisch hieroglyphiges.

Liebe Grüße
Gerd

 

      augustine



ti amo

   18.03.2009, 16:35 / 3 x geändert



Danke, Gerd!
Ich versteh's trotzdem nicht, aber mal weiter schauen.
Ist es vielleicht eine Raterei
wiediese?? (wollte doch - auch mich - mal an die Möglichkeit der Bebilderung hier erinnern)
Sei gegrüßt! augustine

 

      Gretchen²



die magischen Buchstaben

   18.03.2009, 16:45



Wegen der magischen Buchstabenketten: Die haben nix zu bedeuten und sollen eigentlich versteckt und unsichtbar bleiben und nicht beachtet werden, die waren nur Mittel zum Zweck, als "Platzhalter" in weißer Schrift geschrieben - also [color =white]Buchstabenkette[/ color] - um die Formatierung hinzukriegen mit der -dlan€ fhs .s20vnlultw h38§ - Lücke da vor dem jeweils eingeklammerten Text, weil man mit dem Editor hier eigentlich keine Lücken und Einrückungen undso machen kann, und deshalb happ ich es so versucht.

Zum Inhaltlichen schreib ich später, muss erst mal nachdenken über die Beiträge und sehen, wie ich alles einordnen und beantworten kann. Ein großes "Danke" an alle für die Beschäftigung mit dem Text sag ich aber sofort schon mal hier!

Viele Grüße von Greta

 

      Gerd



ti amo

   18.03.2009, 17:25



Hm,

wenn ich da nur gesehen habe, was ich eigentlich nicht hätte sehen sollen, dann waren meine Überlegungen dazu natürlich Mumpitz. Bei nun anderer Betrachtung bleibt für mich dennoch ein horizontaler Bezug vorhanden. Als weitere Möglichkeit ließen sich die Klammern auch für sich alleine in der Vertikalen lesen. Damit hätten wir dann:

wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein
vergiftet
du mein täubchen
ich liebe Dich, ich liebe DICH

Warum der Bibelvers in englisch, komme ich nach wie vor nicht drauf
Weiß er, dass er sie vergiftet oder fühlt er sich vergiftet oder am Ende beides, diesbezüglich habe ich mich noch nicht freigeschwommen
Bei der italienischen Zeile steht ein zusätzliches "ti" am Ende, das stellt eine besondere Betonung dar. Darin lässt sich, da es sich um das eingene Kind dreht, etwas übertrieben krankhaftes in dieser Liebe lesen. Die Verwendung der italienischen Liebesbekundung wäre für mich noch mit Unterstreichung des Temperaments und der besonderen Inbrunst seines kranken Handelns in Verbindung zu bringen.

Soweit mal.

Liebe Grüße
Gerd

 

      Gretchen²



ti amo

   20.04.2009, 07:53



Also, tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte, verzeiht mir das bitte.
Hab nachgedacht und oben eine zweite, leicht veränderte Version hingestellt.

Der Untertitel ist weg, denn Eure Anmerkungen machten mir klar, dass er Verwirrung stiftet. Relativieren wollt ich damit nicht, sondern eigentlich eine zusätzliche Ebene öffnen, einen neuen Aspekt zum Thema reinbringen (deshalb auch englisch, zur deutlicheren Abgrenzung). In welche Richtung das gehen sollte (Hexenjagd), erschließt vielleicht dieser Artikel (klick). Da wollt ich aber wohl zu viel reinpacken, was nicht zu verstehen und rauszulesen ist. Danke nochmals für Eure Feedbacks dazu.

Bei dem "vergiftet" hab ich die Klammer weggenommen, die macht keinen Sinn, bringt nix, verwirrt nur, das ist mir nun ebenfalls klar geworden.

Die Beschreibung des Zimmers, Jolante, möchte ich nicht wegnehmen. es ist das Ambiente, das "Gehäuse" eines Lebens, das "Außen", in dem ein "Innen" sich spiegelt. Wollte versuchen, mit der Beschreibung dieses Zimmers eine Befindlichkeit abzubilden: Das Zimmer sei die "Seelenlandschaft", welche das "du" des Textes (das eigentlich ein "ich" ist, im inneren Monolog zu sich selbst sprechend) charakterisieren soll.

"ti amo" - dahinter steckt ein Schlager, den ich zufällig mal gehört hab (ich rutsch ja in allen möglichen Musiken rum -> klick), und ich hab das eingebaut, weil es in dem Lied so formelhaft wiederholt wird, fast beschwörend, rituell - das beeindruckte mich und blieb in meinem Kopf hängen. Es ist eine Worthülse, eine Floskel, die ich verwenden wollte, um - mal hochgestochen ausgedrückt - darauf hinzuweisen, dass Sentimentalität und Brutalität oft nah beieinander stehen (bei Ödön von Horvath ist das beispielsweise ein Motiv und ein Attribut des "Spießers"; oder Böll, glaub ich, berief sich zum Thema "deutsches Gemüt" auf die Verwandtschaft der Sentimentalität und Brutalität), also dass Gefühligkeit dazu beutzt werden kann, Bösartigkeit oder Perversität zu kaschieren. Weiß nicht, ob das zu verstehen ist ...

Ist eine schwierige Materie, war mal ein Versuch von mir, bisschen "anders" zu schreiben. Pattaya (klick) ist überall. Auch in der Wohnung gleich nebenan.

Herzlich dankend für Eure Beschäftigung mit diesem Versuch
grüßt Gretchen

 

      Jolante



ti amo

   20.04.2009, 13:05



Liebes Gretchen,

Dass Brutalität und Sentimentalität nah beieinander liegen, ist ein Aspekt, der mir vollkommen einleuchtet. Die Tiamo-Schnulze passt da sehr gut, ich hätte von selber draufkommen müssen. Am Beispiel des Inzest-Monsters von Amstetten wird das besonders deutlich. Er "feierte" sogar Weihnachten mit seinen Opfern im Verlies. Auch was du zu meinem Kürzungsvorschlag schreibst, leuchtet mir ein. In der aktuellen Fassung finde ich das Gedicht -auch in seiner Einprägsamkeit- sehr gelungen.

Jolantegrüße




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