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      Jolante



Suche nach Ursprung

   08.02.2009, 23:54



Im Aufbegehren
gegen das Sinnangebot
der Genesis
ließ ich den Affen in mir los
und jagte ihn auf den Baum
der Erkenntnis.

Dort schwang er sich
von Ast zu Ast und blieb
an keinem hängen.
Eigensinnig knackte er
härteste Nüsse.

Den Stein der Weisen
hat er darin nicht gefunden,
auch nicht das Ei
des Kolumbus.

Er fand und schlürfte
ganz genüsslich die Milch
der frommen Denkart.

 

      augustine



Suche nach Ursprung

   12.02.2009, 18:07 / 1 x geändert



Liebe Jolante,
da hätte ich doch fast über den so genannt literarischen Hervorbringungen von Leuten (mindestens ein Abiturient darunter!), die bloß Nachhilfeunterricht brauchen, diesen kleinen jolantisch hintergründigen spitzzüngig aphoristischen tiefsinnigen Text vergessen!
Der Affe in dir, losgelassen (sonst also eingesperrt gehalten), schwingt sich genau dahin, wo die jüdisch-christliche Mythologie den Sinn von allem bildlich angesiedelt hat: auf jenen einen Baum. Da knackt er Nüsse (hübsch, nämlich keine Äpfel, von denen sowieso nirgends was steht) mit harten Schalen, die aber innen hohl sind!
Was mythologisch schön erfunden ist, reicht halt heute nicht mehr zu einer Welterklärung aus einem Guss; sehr abgekürzt gesagt.
Aber "die Milch/der frommen Denkart" schlürfen und "ganz genüsslich" noch dazu: ist das: sich dispensieren von allen diesbezüglichen Fragen und sichs dabei gut gehn lassen, obwohl die FRAGEN ja bleiben??
Wie lesen's andere??
Keine Nuss außer der Kokosnuss, die aber genüsslich ...
Liebe Grüße von augustine

 

      ear



Suche nach Ursprung

   13.02.2009, 07:56



Vom Sechszeiler herunter bis zum Dreizeiler wird der 'Affe losgelassen'. Ihn interessiert weniger die Erkenntnis , als das Erproben der Kokosnuesse. Ich bewundere das Koennen, aus Redewendungen etwas Neues zu schaffen, etwas hoechst Vergnuegliches und genau an Charles Darwins 200. Geburtstag!
Ob der 'Baum der Erkenntnis' als Vorschulplan erdacht, ob er die Verwechselung von malum (der Apfel,das Boese) aufgreift, oder die Erzaehlung ueber den Zweig, der auf Adams Grab gepflanzt wurde:der 'Affe' will sich nichts entgehenlassen. 'Haertste Nuesse' gilt es zu 'knacken' im Beruf und auch Harry Potter laesst gruessen mit dem 'Stein der Weisen'. Egal ob es Brunelleschis Bau des Domes war, oder die geschickteArt, wie Columbus seine Kritiker zurechtwies: der Clou kommt mit Jolantes 'Milch der frommen Denkart', nicht wie bei Schillers Tell (Denkungsart). Einfach gekonnt!

 

      zuppanova



   13.02.2009, 09:55



Jolante, das skurril-spaßige bild, auf dem du das gedicht aufbaust, hat mir unmittelbar gefallen.

dass dein/e unzufriedene/r sprecher/in ihrem affen zucker gibt und ihn prüfen ("knacken") lässt, was auf dem hochkulturbaum des zivilisierten abendlandes allenthalben zu finden ist, belustigt zunächst, weil es in einem bild elemente zusammenführt, deren kombination so nicht erwartet wird, hinterlässt bei mir aber auch eine irritation: ich werde nicht so recht fertig mit dem text, komme zu keiner endgültigen interpretation für mich. mir scheint, der affe "versagt", da er sich letztlich zufrieden gibt mit der milch der frommen denkart (das entspricht wohl in etwa augustines lesart). so gibt das gedicht - es wirkt auf mich übrigens durch die äußere form wie ein nicht zu ende geführter countdown - mir als leserin keine antwort.

wofür steht der affe, ich meine: welche instanz im menschen oder welchen teil der persönlichkeit vertritt er hier?

an Darwin, über den wegen seines 200. geburtstages (12.02.1809) zur zeit viel geschrieben wird, musste ich natürlich gleich denken. aber auch an Gretchens bonobo-villanelle. außerdem an den kafka'schen akademie-berichts-affen. an die drei nichts-hören-nichts-sehen-nichts-sagen-affen. an ein affen-reservat, das ich vorletztes jahr besuchte ...

beim Schiller steht übrigens auch die Denkart. Tell sagt in seinem monolog im 4.akt, 3. szene:

"Ich lebte still und harmlos - Das Geschoß
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord -
Du ( = der Tyrannenvogt Geßler) hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt, in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt ... "

die Denkungsart hat sich wohl umgangssprachlich eingebürgert.

lg, zuppa

 

      augustine



Aufbegehren

   13.02.2009, 22:00 / 1 x geändert



Hübsch - zuppa und ich haben's nicht so ganz verstanden (ear für sich schon); es reizt aber zu neuer Beschäftigung, und da könntest du, ear, doch vielleicht erklären, was dir klar zu sein scheint.

Ich werf' mal die Begriffe Evolutionstheorie (also Darwin, schon erwähnt) vs. Kreationismus in die Debatte; der Affe wäre dann der Evolutionstheoretiker auf der Suche einer Bestätigung (oder Widerlegung] der Genesis-Legende {mal sehen, ob das so auch eine Werbung heranzieht}, der aber nur hohle Nüsse findet; wobei der Stein der Weisen natürlich älter ist als Joanne Rowlings Harry-Held und das Ei des Kolumbus in Brunelleschis Kuppel sehr versteckt liegt ...
Nicht unwichtig: der Text steht unter RELIGION.

Vielleicht steht die genüsslich geschlürfte Kokosnuss wirklich dafür, dass wir zwar gegen das "Sinnangebot/der Genesis" aufbegehren (aber: tun 'wir' das denn wirklich?), uns sonst durchschnittlich aber allerlei anderes als Denken näher liegt, das Wohlergehen beispielsweise?

augustine

 

      ear



Aufbegehren

   14.02.2009, 12:57



Das Ei des Hilfspfarrers : “The Curate' s Egg”
Ein Ausdruck, den man im Englischen oft verwendet, wenn etwas als nicht befriedigend bezeichnet wird.
In einem Cartoon im 'Punch' vom 5. November 1895 wird der ueppige Fruehstueckstisch eines Bischofs gezeigt. Von links der Bishof, neben ihm rechts der wenig bezahlte, in seinem Beruf als 'Curate Jones', auf der untersten Stufe stehende Untergebene des Bischofs, der es sich nicht leisten kann, etwas Negatives gegen den Bischof zu sagen, weil er seine Stellung verlieren koennte.
Der Titel heisst “The Humility”, der Zeichner war George du Maurier.

Der junge Curate hat ein schlechtes Ei vor sich.
Bishop:”I'm afraid you've got a bad egg, Mr.Jones.”
Curate: “Oh no, my Lord, I assure you that parts of it are excellent!”

 

      Gretchen



Suche nach Ursprung

   16.02.2009, 01:33



Hei ihr alle,

also ich denke, dass der Schlüssel zu Jolantes Gedicht vllt. in der Milch der frommen Denkart liegen könnte. Wenn man diese Milch, diese Denkart, als was Positives, Erstrebenswertes interpretiert, so im Sinne von "friedfertig sein", oder "genügsam", "demütig", dann wäre doch eigentlich der losgelassene Affe der "bessere Mensch", weil er sich zufrieden gibt, sich arrangiert mit dem, was er eben bekommen kann; weil er nicht immer weiter den unlösbaren Rätseln hinterherturnt, nur um den Eindruck zu erwecken, seinen geistigen und sonstigen Fähigkeiten sei keine Grenze gesetzt. Oder?

Spätnachtgrüße an alle,
Greta contemplativa

 

      Jolante²



Suche nach Ursprung

   19.02.2009, 14:58 / 3 x geändert



Ich danke euch, augustine, zuppa und Gretchen, sehr herzlich für eure Kommentare zu meiner "Suche nach Usprung". Ihr habt, jede auf ihre Weise, aus dem Gedicht herausgelesen, worauf es mir ankam. Du, liebe ear, hast mich zunächst ein wenig "earitiert". Aber deine Assoziationen sind originell und witzig, und ich danke dir für diese etwas andere Lesart.

Weder durch die biblische Schöpfungsgeschichte (Genesis) und die auf ihr basierenden Religionen (Baum der Erkenntnis), noch durch die Evolutionstheorie werden wesentliche Sinnfragen menschlichen Lebens vollständig beantwortet. Dem lyr.Ich, das gegen das Sinnangebot der Genesis aufbegehrt, fällt es ebenso schwer zu akzeptieren, dass der Mensch vor berechenbar langer Zeit aus rein zufälligen Umständen entstanden sein soll. Lieber glaubt es an einen großen Plan, an eine ursprüngliche Absicht. Der auf den Baum der Erkenntnis gejagte Affe, der hier den menschlichen Ursprung symbolisiert, findet aber auf schwankenden Ästen beim "Knacken härtester Nüsse" weder das "Ei des Kolumbus" (Redensart, die eine verblüffend einfache Lösung für ein unlösbar scheinendes Problem beschreibt), noch den "Stein der Weisen" (auch Astralstein, Philosophischer Stein, Panazee des Lebens). Er findet nur die Milch der Kokusnuss, mit der er sich zufrieden gibt, die er genüsslich schlürft. Übertragen auf das lyr.Ich ist dies die "Milch der frommen Denkart". Der Mensch ist nach Darwin das moralfähige Tier. Was ihn vom Affen unterscheidet, ist das Gewissen und somit seine Fähigkeit, sich moralisch zu verhalten. Dazu bedarf es nicht zwingend einer Religion.
Deine Definition, Gretchen, kommt meiner Intention am nächsten, wenn du schreibst: "Wenn man diese Milch, diese Denkart, als was Positives, Erstrebenswertes interpretiert, so im Sinne von "friedfertig sein", oder "genügsam", "demütig" (letzteres gefällt mir am besten), dann wäre doch eigentlich der losgelassene Affe der bessere Mensch, weil er sich zufrieden gibt, sich arrangiert mit dem, was er eben bekommen kann, weil er nicht immer weiter den unlösbaren Rätseln hinterherturnt, nur um den Eindruck zu erwecken, seinen geistigen und sonstigen Fähigkeiten sei keine Grenze gesetzt".
Liebe zuppa, du hast recht, dass auch die äußere Form des Gedichts wie ein nicht zu Ende geführter Countdown wirkt. Zunächst wollte ich noch einen Zweizeiler und einen Einzeiler folgen lassen, habe mich aber dann dafür entschieden, es bei der "Milch der frommen Denkart" (die mich seit früher Schiller-Lektüre begleitet) zu belassen. Sie ist die Kraft, von der das lyr.Ich getragen wird. Es kann nicht über sich selbst hinausdenken, noch ist alles fortgesetzte Veränderung, und so hört auch das Gedicht auf, bevor es wirklich zu Ende ist.

Liebe Grüße
Jolante

 

      Gerd



Suche nach Ursprung

   24.02.2009, 05:14 / 4 x geändert



Liebe Jolante,

noch ein paar Gedanken zu Deinem Nussknacker:

Der menschliche Geist sucht immer Struktur, braucht Orientierung. Die Sterne am Himmel werden vor dem geistigen Auge mit Linien verbunden, Wolkenumrisse werden in Formen gepresst, bis ein Wiedererkennen einsetzt. Gleiches passiert beim Betrachten einer Raufasertapete. Was keine Antwort für uns parat hat, macht uns unruhig, neugierig, wissensdurstig. Wir forschen, gehen der Sache auf den Grund, knacken härteste Nüsse.

Doch auf die großen offenen Fragen weiß auch die Wissenschaft nur ungenügend Antwort. Damit können wir jedoch nicht leben. Wir brauchen eine Antwort. Religion/Glaube rettet funktional unseren Verstand. Wer jeglichen Glauben verliert, gerät in eine schwere Krise, die lebensbedrohlich werden kann. Insofern betrachte ich die Milch der frommen Denkart als kühlendes Element für den überhitzten Kopf, der Joker für das Gehirn, die Antwort auf alle Fragen (soll ja angeblich 42 sein oder so).

Dieses sich ergeben, demütig dreingeben, lässt uns Kraft schöpfen, um wieder einen winzigen Punkt im unendlichen Raum durch neues Wissen zu erhellen. Mit jedem neuen Lichtpunkt weitet sich der Erkenntnishorizont und die Ahnung über das sich gleichzeitig überproportional ausdehnende Unbekannte. Nun ist es Zeit für ein Glas fromme Milch und einen Keks, dann schlafen wir gut und kommen besser durch den Tag. Ein nie endender Kreislauf als Perpetuum Mobile, der die Menscheit antreibt.

Der Affe auf dem Baum der Erkenntnis, ein gelungenes Rätsel um unsere nussknackende und milchschlürfende Existenz.

Herzliche Grüße
Gerd

 

      Jolante²



Suche nach Ursprung

   26.02.2009, 22:29 / 1 x geändert



Lieber Gerd,

du hast deine klugen Gedanken zu meinem "Nussknacker" in einen dialektisch ausgereiften und stilistisch ausgefeilten Kommentar verpackt.
Das gefällt mir, denn du hast mein Gedicht an Aussagekraft übertroffen.
Ich danke dir sehr.

Jolante




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