Jolante
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Liebe augustine,
schon beim Einstieg in deinen Text zieht mich das besondere Flair dieser Erzählung in seinen Bann, und ich teile mit der Protagonstin, die in ihrem Auto nach Sylt unterwegs ist, ihre Vorfreude auf das Fotografieren, bei dem sie ihrer Leidenschaft "Bilder aus der Wirklichkeit auszuschneiden, wie um festzuhalten, was doch nicht festzuhalten ist" wieder einmal Raum geben kann. Die "Photographin", die mit Vornamen Friederike heißt, scheint ganz mit sich im Reinen zu sein. Sie macht auch in ihrer sich steigernden Reise-Euphorie einen ruhigen, gelassenen und gelösten Eindruck. Die Foto-Reise hat sie sorgfältig geplant, ist aber auch offen für Überraschendes, Neues. - Das lässt nicht lange auf sich warten. Ein Mann, der im Autozug hinter ihr war, fährt ihr nach zum Rantumer Strand. Beeindruckt von der außerordentlichen Schönheit der Landschaft steigt sie aus, um Fotos zu machen. Der Fremde steigt ebenfalls aus. Er sei angelockt worden von ihrer Autonummer, die dem Geburtsdatum von Hölderlin entspricht (ein schöner Einfall, augustine). Der Mann zitiert aus der "Hälfte des Lebens" die Verse, mit deren Gehalt er sich identifiziert. - Ich will mich nun gerade nicht in einer Nacherzählung verlieren, sondern nur aufzeigen, was mich an der Begegnung der Beiden so beeindruckt. Zwei völlig verschiedene Charaktere treffen aufeinander. Sie, die Willensstarke, Selbstbewusste, dem Schönen Zugewandte, Er, der Melancholische, Weiche, "von dessen eingestandener Hilflosigkeit sie sich seltsam angezogen fühlt." Beide lassen sich im Verlauf der Erzählung aufeinander ein, sie schweigen und reden miteinander, vor allem aber hört sie ihm zu. Richard, so heißt der Antagonist, lässt mich an Christoph K. denken, dem du in einer anderen Geschichte ein Denkmal gesetzt hast und der die gleichen Wesenszüge zu haben scheint wie R. Dieses Aufeinanderzugehen und Sichwiedertrennen, dieses sich gegenseitig Raum geben für eigene Gedanken und Unternehmungen, dieser Wechsel von Nähe und Distanz, all das ist sehr sinnlich ausgedrückt und gibt der Erzählung eine fotografische Genauigkeit. Es geht bei Richard um Lebensschwäche und Todessehnsucht, aber auch um Wege, die ihn immer wieder aus seinen Tiefs herausführen. Dann fährt er los, bis er an ein Ende kommt, oder er läuft, wie um sich selbst wegzulaufen. Auch der Gedankenaustausch der Beiden nimmt im Laufe der Erzählung an Intensität und Intimität zu. Es sind fein ausgesponnene Gedankengänge, die sich vor mir ausbreiten. Überraschend, wie energisch der scheinbar Schwache sein kann, der wohl seine Stärke gerade aus seiner Schwäche bezieht. Er erzählt ihr seine Geschichte, spricht über seine Familie, lässt sie teilhaben an seinem Leben, das ihm so schwer zu fallen scheint. All das ist in schönen Bildern erzählt und atmosphärisch dicht.
Beim Besuch der Keitumer Kirche werden auch Glaubensfragen erörtert. So sagt die Photographin zum Beispiel "Und wie sich die Menschen ihre Götter gedacht hätten, das sei schon wichtig, auch faszinierend für sie geblieben, was sie ihnen für Eigenschaften gegeben hätten, was sie erwarteten, erbeteten, er-opferten. Und dass solcher Glaube bisweilen wirklich helfe, aber auf dem Weg über Denken und Meditation. Die Kraft aber kommt aus mir", schließt sie und fügt die Frage an, ob solche Gedanken für ihn noch bedrohlich seien. Was Richard darauf antwortet, hat viel mit dem zu tun, was mich zur Zeit gedanklich umtreibt (siehe "Suche nach Ursprung"). Er sagt "Nein, das ist nicht mehr schlimm. Aber es ist schwerer, auf seiner eigenen Kraft zu gehen, als alles auf IHN zu werfen." Er sagt auch noch "es ist schwerer, aber es erscheint mir redlicher". - Auf dem Friedhof, den sie anschließend zum Fotografieren besuchen, finden sie auf einem Grabstein die Inschrift "And if thou wilt remember - And if thou wilt forget". Mit diesen Zeilen aus einem Song von Christina Rossetti verabschiedet sich Richard von Friederike. Auch ich als Leserin gehe mit diesem Satz aus dem Text heraus. Zurück bleibt eine sanfte Nachdenklichkeit und die Freude über eine schöne Erzählung.
Es grüßt Jolante

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