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      Gerd



verziehen

   27.01.2009, 20:13



alles redete

als Du kamst

sah ich nur noch
Zierfische zappeln

auf dem Wohnzimmerteppich
schnappende Mäuler

Stimmen in meinem Kopf
gebetsmühlenartig

neben mir
der letzte Platz

niemand sprach mit Dir
niemand sprach mit mir

so blieben wir uns
allein

nach zehn Jahren
Worte auf Töpferscheiben formen
finden im Ton

mit der Geschmeidigkeit
der gleitenden Jahre
zwischen uns

rückte trennende Zeit auf
schloss Risse und Spalten
bis
unser Blick wieder fest stand
im Anderen

als wir uns wieder trennten
umarmten wir uns

verzeihend
der letzte Schmerz lachte
und ging

in dieser Nacht

auf meinem Weg nach Hause
war ich leicht

 

      augustine



verziehen

   02.02.2009, 22:52



Wie bin ich froh, lieber Gerd, wieder etwas von dir hier zu lesen! Deine Stimme fehlte!

Es ist etwas Ungenanntes, das auch nicht genannt zu werden brauchte, "verziehen", jedenfalls aber etwas, das tiefes Gefühl stumm gemacht hatte; da das Gedicht unter 'Liebe' steht.
Die Situation kann ich mir gut vorstellen: ein ungeplantes, unerwartetes Zusammentreffen in größerem Kreis lässt das schreibende Ich sich plötzlich vorkommen wie zappelnde, keine Luft erschnappende Fische auf dem Trockenen. Alles redet, nur ein Platz neben ihm ist frei. Das bedeutet die Notwendigkeit, aber auch die (rettende) Möglichkeit, miteinander zu sprechen, d. h. mitten im unwichtigen Partygerede, da sich Plauderei mit anderen nicht ergibt, wohl auch vermieden wird, da die anhaltende luftschnappende Stummheit peinlich oder auffällig würde - den Mut zu finden, statt der stummen gebetsmühlenartigen Wiederholungen im Inneren: einen neuen Ton aus dem Rohmaterial Ton zu formen und mit diesem Ton wie beim Töpfern, hier aber sprechend, Risse und Spalten zu schließen.
Besonders schön finde ich die Formulierungen "bis/unser Blick wieder fest stand/im Anderen" und "der letzte Schmerz lachte/und ging" und "auf meinem Weg nach Hause/war ich leicht". Das sind die feinen Gerd-Sprach-Töne, die ich so mag.

Jetzt könnte ich noch als einzelne Beobachtungen nennen, dass die zweite und die vorletzte Zeile, die sich also in ihren Positionen im Gedicht entsprechen, jeweils nach vorn und nach hinten zu beziehen sind, Übergänge in die Situation hinein und aus ihr heraus.
Und: Nur zwei Wörter stehen allein, allein und bis. Aber schon das allein signalisiert nicht Hoffnungslosigkeit, denn du hast die schöne Formulierung gefunden: "so blieben wir uns/allein". Und das bis weist voraus auf den versöhnenden, wohl eher schon versöhnten Blick.

Ich weiß gar nicht, wie gut du Celan kennst, Gerd. Aber schon beim ersten Lesen fiel mir die Bedeutung von 'Stehen' bei ihm ein: Widerstand leisten gegen Verleumdungen, gegen die eigene (dadurch) immer wiederkehrende Psychose, auch die sexuelle Bedeutung. Vielleicht wolltest du gar keine literarische Anspielung. Es ist egal, glaube ich; du hast dasselbe Wort in sicher auch mehrfacher Bedeutung gewählt.

Was ich nicht recht verstehe: ein solch intensives Erleben nach ZEHN Jahren?

Danke! Und herzliche Grüße von augustine


 

      Jolante



verziehen

   03.02.2009, 18:59 / 1 x geändert



Lieber Gerd,

dein jüngstes Gedicht hat mich sehr angesprochen, da ich es aus eigenem Erleben nachempfinden kann. Durch deine feingesponnenen Verse gleite ich dank gelungener Enjambements und Metaphern wie auf Rohseide, die ein klein wenig kratzt und an nicht vollständig vernarbte Verletzungen erinnert. Der Schluss des Gedichts ist versöhnlich: Zugefügtes Leid ist längst verziehen, "der letzte Schmerz lachte und ging". Das ist wunderbar ausgedrückt und ganz unverkennbar gerd-lyrisch. Danke !

Jolante grüßt

 

      Natalie Hof



Realitätsverlust

   16.02.2009, 23:24



Realitätsverlust


Du bist weg.
Weg aus meiner Realität,
Gelöscht aus meinem Alltag,
Gefangen in meinen Erinnerungen.
Verliebt,
Verlobt,
Verloren!

Jetzt sitze ich hier fest in meinem 08/15 Leben.
Realitätsfern durchlebe ich jeden Tag
Meines Lebens nun
Ohne dich,
Ohne mich,
Ohne Leben.

Insgeheim forme ich meine Erinnerungen zu meiner Realität um.
Denn mein Alltag erscheint mir
Irreal,
Irreparabel,
Irrelevant.

Ist es möglich, sich eine eigene Realität aufzubauen,
Zu erhalten und in dieser zu leben?
Kopf sagt Nein, Herz sagt Ja, Bauch sagt Hunger!
Wem nun glauben?
Ich hole mir eine Banane, schalte meinen Kopf aus und geselle mich zu dir.
Wir sind eins,
satt,
gedankenverloren,
real!

 

      augustine



Realitätsverlust

   16.02.2009, 23:45



Natalie, das hier ist der falsche Ort für deinen Text (ich zögere, ihn Gedicht zu nennen, aber begründen werde ich das nicht mehr heute und vor allem nicht in diesem Faden).
Es ist ein Faden, den Gerd eröffnet hat und in dem es um SEIN Gedicht geht. Wenn du möchtest, dass es um deins geht, eröffne einen eigenen Faden. Eine Überarbeitung rate ich dir aber dringend an.
Kritische Grüße von augustine
(Kritik heißt: Unterscheidung. Als Studentin weißt du das ja sicher.)

 

      Gerd²



verziehen

   25.04.2009, 17:24



Hallo augustine und Jolante,

Ihr Lieben, ich bin Euch noch Antwort schuldig und Dank, für das Beschäftigen mit diesem, für mich etwas zu lang geratenen, Stückchen. Es freut mich jedoch, dass vieles in meinem Sinne ankam, was ich hineinschrieb. augustine hat mir beim Schreiben scheinbar wieder über die Schulter gesehen und sehr viel gefunden.

Mit Celan habe ich mich bisher jedoch noch nicht intensiv beschäftigt. Die Todesfuge ist mir natürlich bekannt, doch viel weiter geht es da bei mir nicht. Außer dem, was z. B. in einem kurz gehaltenen Lebenslauf zu finden wäre, ist mir auch zu seinem Leben wenig präsent. Damit war das „Stehen“ keine literarische Anspielung, eine mehrfache Bedeutung hat es sehr wohl.

augustine, Du fragtest nach dem intensiven Empfinden 10 Jahre später. Die erst Freundin oder der erste Freund ist wohl etwas, was man durchaus auch länger mit sich nimmt. Wenigstens war dies bei mir so.

Ja, genau Jolante, Rohseide, die ein klein wenig kratzt und an nicht vollständig vernarbte Verletzungen erinnert, das hast Du völlig richtig herausgehört. Bereits im Einstieg habe ich bewusst versucht, dies durch Zisch- und harte P-Laute zu vermitteln.

Ich danke Euch

Gerd




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