Gretchen
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12.01.2009, 02:21 / 1 x geändert
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Sinkflug in den Marianengraben
Einer sagt Der Metabolismus leuchtet im Aphosphorismus - fünf Worte, die stoßen mich, und schon fall ich um.
Der Metabolismus leuchtet ... So geheimnisvoll fangen Zaubergeschichten an, nicht wahr, oh wie schön, wenn etwas leuchtet, denn das bedeutet Bewegung und also doch Hoffnung.
Gewöhnlich leuchtet tagsüber die Sonne, nachts leuchten die Sterne, es leuchtet der Mond; Augen leuchten vor Freude, voller Lebenslust oder einfach so, manchmal allerdings strahlen sie auch, die Augen; ein Feuer im Dunkeln leuchtet, eine Fackel, die Aura; ein Glühwürmchen leuchtet dank Biolumeneszenz, und in den Abklingbecken der Kernkraftwerke leuchtet das Tscherenkow-Licht. Wie auch immer, alles Leuchten verweist auf metabolische bzw. metabolistische Prozesse, und das ist etwas verdammt Intimes, das ist das Allerintimste, das ist der Stoffwechsel, das ist das, woraus du gemacht bist, ey, das ist Alchymie. Unbegreiflich sind diese Stoffwechselprozesse, unbemerkt geschehen sie, du lebst und lebst und weißt nichts, gar nichts von diesen deinen Stoffwechselprozessen, du bemerkst sie kaum, keine Ahnung hast du von den Geheimnissen deines lebendigen Fleisches, das bleibt dir im Dunkeln, was da passiert. Besser so, oder?
Also, der Metabolismus leuchtet im Aphosphorismus, fünf Worte, ich falle, Sinkflug in den Marianengraben, in Tiefseezonen, wo ewige Nacht herrscht, kein Blau, kein Türkis, kein störendes Licht im Reich der Kaltwasserkorallen, Haarsterne, Glasschwämme, Krustenschwämme, Kammmuscheln, Ruderfußkrebse, Seespinnen, Moostierchen, Aal-Larven, Manteltiere, Borstenwürmer, Schwimmschnecken, Rippenquallen, Seelilien, Riesenkalmare, Scheibenbäuche und Anglerfische. Lass dich nicht blenden von ihrer kalten Biolumeneszenz, von ihren Leuchtorganen - dies ist die Welt der black smokers, so fremd und gefährlich, hier leben Geschöpfe, die niemand kennt, die unbenamst blieben, unentdeckt in einer schwarzen Zone, im unerforschlich Ozeanischen, Lichtlosen. Hier ist die Sprache noch nicht angekommen, hier bist du selbst nur ein Wurm. Deine sonnenhaften Sinnesorgane, deine Begrifflichkeiten, dein leuchtendes Ich - das alles zählt hier nicht, lass dich los, lass alles los, was du gelernt hast, du bist in der fremdesten Fremde, hier kannst du nicht atmen, schreien, sprechen, hier ist Ich ein anderer. Taste. Mehr kannst du nicht tun. (klix)
Das Spannende ist, dass du den Marianengraben und alles, wofür er steht, in dir trägst, in deinem Welteninnenraum. Das ist der Punkt. Der Marianengraben ist nur eine Metapher für deine eigene tiefste, kälteste, dunkelste Stelle. Dort, ganz unten, ganz innen, bist du sprachlos und blind, verletzlich und gierig, molluskisch, undefiniert. Von dort kommst du, dort, im Tempelbezirk deines Heiligen Seins wirst du gemacht, entworfen, entwickelt, gestaltet, verändert immerzu, und du weißt nichts davon, ja, lach nur, weich aus, du glaubst mir nicht, du willst nicht verstehen, dass dieses metabolische Geheimnis das einzig Erregende ist, was dir noch bleibt - suggestiv, weil: vollkommen verdunkelt, vollkommen paradox. Eben leuchtend.
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[pdf] Gretchen2009-Marianengraben
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