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windflug
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Ödland
karg grasbewachsen
kaum hält das Auge ein Baum
ein struppiger Strauch
schwarzbraunes Totholz
Ödland
unter der Erde
unter dem Moder
im Grundwasser
vielleicht
Ödland
unter der Krume
Erinnern an Wässer
Erinnern an Lüfte
vielleicht
bricht
vereinzelt
ein Halm durch die Krume
formt sich
Erinnern
zu Ödwort
zu Erdwort
struppigem Satzstrauch
Grassatz
und Baum

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ear
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Liebe windflug,
Das ist ein sich stark einpraegendes Gedicht. Dunkle Vokale und Alliteration bewirken ein Atemholen, Unterbrechen, die Kargheit-Betonen. Sehr verdichtet durch die geringe Wortzahl in den Versen.
Von der Kunst her kommen mir Modersohn-Becker und ihr Mann, ueberhaupt die Kolonie aus Worpswede in die Gedanken: “schwarzbraunes Totholz” “unter dem Moder/ im Grundwasser”;
Moorlandschaft, lockend und doch abwehrend.
Ferner: der Braunkohlenabbau in der damaligen DDR, ein Boden, der nur wenig Vegetation hat, oder Arten, die auf einem kargen Boden wachsen koennen.
”unter der Krume/Erinnern an Wasser”.
Mir kommen Erinnerungen an die Insel 'Vulcano' eine der Aeolischen Inseln vor Sizilien mit austretendem Schwefel, der als Lava langsam verkrustet:”bricht/vereinzelt /ein Halm durch die Krume”. Ein “struppiger Salzstrauch”, die Natur sucht durch Spezialisierung von Arten zu nutzen, was noch im kargen Boden ist.
Expressionismus in beeindruckender Form.

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augustine
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30.12.2008, 18:00 / 2 x geändert
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Liebe windflug,
nun wieder ein Gedicht von dir, das du nicht (wie "Brachland") in eine inhaltliche Kategorie gestellt hast, das aber mich sogleich daran erinnert hat. (So viele Gedichte gibt's hier nicht, die man als einzelne nicht vergisst und sogar manchmal nachliest.)
Dunkle Vokale habe ich auch bemerkt. Sonst kam mir außer dem Toten Meer nichts in die Erinnerung. Meine Erinnerungen halte ich auch nicht für solche, die das Gedicht aufschließen. -
Was ich in dem mir sehr eindrucksvollen Gedicht 'sehe', ist ein versehrtes Land, ein Land, über das ein Feuer gegangen ist; nicht ein Land, das immer schon karg war. Ein wenig Gras ist nachgewachsen, es ist kaum ein Baum mehr da, der dem Auge einen Haltepunkt gibt: "schwarzbraunes Totholz" ist alles, was noch da ist. -
In der letzten Strophe, der ersten sehr ähnlich, aber mit wichtigen Unterschieden, scheint mir, geht die Regeneration der Natur weiter. In dem Wort "Satzstrauch" glaube das Wort für einen neu gepflanzten (gesetzten) zu erkennen so wie wohl auch das Gras neu gesät ist und auch Bäume neu gepflanzt sind ("Baum" verstehe ich dann als Gattungsbegriff, nicht als Bezeichnung für einen einzelnen übrig gebliebenen).
Dazwischen wiederholt sich noch zweimal das Wort "Ödland", beide Male mit einem hoffnungtragenden "vielleicht" am Ende. Die Hoffnung richtet sich auf die versehrte Erde selbst, und sie verstärkt sich: in der dritten Strophe wird aus "Erde" "Krume" (wie bei Ackerkrume, die fruchtbare Schicht), bleibt zwar noch das unentschiedene "vielleicht", aber nochmals verstärkt durch aufgerufenes "Erinnern" an das schon Dagewesene von Wasser und Luft (der Plural auch noch einmal eine Verstärkung, die einen wechselnden Ablauf der Zeiten bedeuten könnte, fruchtbarer und katastrophischer, Erneuerung nach Untergang, weil letztlich das "Erdwort" von der Fruchtbarkeit gilt.
So kann das Gedicht gemeint sein, vielleicht; vielleicht als Metapher für seelische Abläufe. Kein lyrisches Ich nennt sich. Die Reduktion, die Verdichtung auf - auch satzzeichenlose - wenige Begriffe ist zugleich eine eindrucksvolle Vertiefung.
Danke!
Herzliche Grüße in das eben begonnene Jahr! augustine (2.1.09)

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Jolante
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31.12.2008, 15:20 / 2 x geändert
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Liebe windflug,
Ödland -, damit assoziiere ich in deinem eindrücklichen Gedicht einen geistigen Zustand, eine innere Leere, Kargheit, Unfruchtbarkeit, einen seelisch verwundbaren Zustand, der die eigene Ausdrucksfähigkeit einschränkt, bei dem die Emotionen verödet sind, die Sprache versagt. Aber es gibt auch ein Vielleicht, eine leise Hoffnung keimt auf, dass wenigstens ein Erinnern an fruchtbarere Zeiten dieser Seelenlandschaft möglich sein könnte. In der vierten Strophe wird diese Möglichkeit realer, es "formt sich Erinnern", um dann in der letzten Strophe aus der Naturlyrik auszubrechen und die Sprache wiederzufinden, zunächst noch als "Ödwort", dann sich steigernd zum "Erdwort", zum "struppigen Satzstrauch" und danach die Zunge lösend vom Grassatz bis zum frucht-(=wort)bringenden Baum. Kein lyrisches Ich tritt auf in deinem formschönen Gedicht, und so gibt es auch kein Klagen, keine Larmoyanz. Das ist wohltuend. Die Bilder sprechen für sich und vermögen es, an meine Seele zu rühren. Das ist die Wirkung, die mir ein Gedicht wertvoll macht.
Es grüßt Jolante

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Gretchen
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heia windflug,
augustine, ear und Jolante haben schon so viel beigetragen, da kann ich mich nur anschließen. ich nehm das auch als einen innentext, seelenlandschaft ist ein gutes wort. das ödland ist dort, wo die sprache, das sprechen nicht mehr gedeihen, gelingen will, wo die wortpflänzchen verkümmern, verdorren, absterben, wo also das nicht mehr verfügbar ist, was die innenwelt mit der außenwelt verbindet, das ich mit dem du: ödland heißt, sich nicht mehr mitteilen können, verstummen.
mir gefällt, wie konsequent, ruhig und "karg" du den zusammenhang zwischen dem bildbereich landschaft, erde und dem bereichsprache, sprechen aufgebaut und bearbeitet hast. ich les es als distanzierte reflexion, blick auf einen prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, aber ganz deutlich wird auch die hoffnung darin.
Greta linguala grüßt und springt gleich noch zu augustines text ein rückweg, das erscheint ihr passend.

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