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28.12.2008, 21:15 / 2 x geändert
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Douglas Cyril, mein Schwiegervater, 97 Jahre und 7 Monate jung verlor vor nunmehr 5 Jahren seine Frau Marjorie, welch am Heiligabend beigesetzt wurde.Ein guetiges Vergessen bewahrt ihn vor Traurigkeit.
Eigentlich sollte er um 11 Uhr abgeholt werden, rief uns morgens um 6.03 Uhr an, er wolle schon um 10 Uhr bei uns sein, denn er muesse seine Finger am Klavier trainieren, er habe monatelang nicht mehr gespielt.
Er kam, fuer sein Alter sehr schick angezogen, mit festlich frisch-gebuegeltem cremefarbenem Hemd, einem Schlips in seinem geliebten Rot und einem neutralen Anzug, der wohl vor vierzig Jahren modern gewesen ist. Eine Blume verzierte das rechte Knopfloch.....
“Meine letzte Rose” aeusserte er, verschmitzt laechelnd.
Noch beim Ausstieg hatte er ueber seine Beine geklagt, aber sobald er im Hause war, stuerzte er, fast ohne Begruessung, ans Klavier und war fuer Stunden in einer Welt des Klavierrausches versunken. Schnell waren seine etwas rheumatischen Finger wieder gelenkiger.
Einer Plastiktuete, eines seit Jahzehnten nicht mehr existierenden 'Health Food' Ladens, in welchem Marjorie ein paar Jahre gearbeitet hatte, entnahm er 'English, Irish and Scottish Songs',
tat als ob er die Noten noch ohne Brille lesen koenne,
versicherte sich, dass wir alle im Zimmer versammelt waren und legte los.
Nach wenigen Takten unterbrach er, stellte anerkennend fest, dass das Klavier endlich gestimmt worden sei. Dann wurde sein Spiel freier, geloester improvisierend und das Heft blieb ziemlich unbenutzt.
Unsere Gegenwart interessierte nicht laenger, er versank in Erinnerungen.
Es dauerte auch nicht lange, bis er mit Tremolo in seiner altersbedingt bruechigen Bariton-Stimme summte, dann gelegentliche Saetze mitsang, um schliesslich ein paar Songs seiner Jugend mit Texten vorzutragen.
Das Mittagessen war extra weich gekocht, ein Glaeschen Dornfelder, halbtrocken liess seine blaugrauen Augen glaenzen. Er strich seine weihnachtliche Stoffserviette mehrfach glatt und zerkleinerte , was ihm noch zu gross erschien mit Fischgabel und Fischmesser zu kleinsten Portionen, es sichtlich geniessend. Obwohl er behauptete , nichts weiter essen zu koennen, schmeckte ihm der suesse Nachtisch aus Yoghurt und Holzapfelgelee bestens.
Wieder ging es ans Klavier, Roger und Hammerstein, Wiener Operettenmelodien, sowie Eric Satie fuellten die Raeume, egal ob eine passende Begleitung gefunden wurde, oder ueberraschende Varianten melodischer und gelegentlich auch rhythmischer Art Abwechselung brachten.
Ein Mittagsschlaefchen von knapp einer halben Stunde, dann war er tee-durstig.
Alles Gebaeck, alle Pralinen waren absichtlih in weihnachtlichen Dosen auf dem Tisch. Es machte ihm Spass, aus jeder Dose etwas zu probieren, um schlieslich mehrere neue Runde einzulegen und
die Baumkuchenspitzen als Kroenung zu bezeichnen.
Douglas Cyril war in Hochform. Er verwickelte seinen Sohn in lange Gespraeche ueber die beste Form von Zementmischung, um Unkraut in den Rillen der Autoauffahrt zu vermeiden.
Das brachte ihn irgendwie auf sein Lieblingsthema: die Schnecken, welche sein Haus als warmen Unterschlupf monatelang waehlten, ihn tags und nachts mit ihren unansehnlichen Spuren heimsuchten und wie er sie 'fast' besiegte. Die Erzaehlungen werden jedesmal dramatischer, aber der Erfolg ist schliesslich, was zaehlt.
Aus seiner Anzugtasche holte er ein schwarzes Notizbuch heraus und zeigte voller Stolz die genauen Eintragungen ueber die Anwesenheit seiner Schnecken mit Monaten, Daten, Uhrzeit, in welchem Teil des Hauses, oder auf welcher Treppenstufe er sie angetroffen habe.
Kein Bier, keine noch so sorgfaeltige Abdichtung half, er trug jede einzelne Schnecke zum Fenster auf der Hauptstrassenseite und warf sie in hohem Bogen mitten auf die Fahrbahn.
Den Rest ueberliess er den Autofahrern.

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