yupag
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20.12.2008, 18:15 / 1 x geändert
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Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. In dem hellen, gleißenden Licht des frühen Nachmittags werfen die Häuser kurze Schatten auf die Bürgersteige, sie erreichen noch nicht einmal die Straße. Hier, im langweiligsten, ödesten Teil der Stadt dominieren gesichtslose Bürogebäude und einförmige Wohnblocks. Es gibt keine bemerkenswerten Gebäude, keine öffentlichen Einrichtungen und selbst die Fußgängerzonen mit ihrem fragwürdigen Kommerzcharme sind weit entfernt. Die Geschäfte gehören zum Typ Ein-Euro-Shop, Matratzenladen oder Penny-Filiale. Die Auslagen in den Schaufenstern lohnen keinen Blick und das Gastronomieangebot beschränkt sich auf Schnellimbisse und Stehcafés.
Es ist Sonntag, für viele der langweiligste Tag der Woche. Geschäfte und Büros sind geschlossen, niemand geht ohne wichtigen Grund auf die Straße. Die Anwohner sitzen beim späten Mittagessen oder sonnen sich auf den Balkons. Autos mit Anwohnerplaketten hinter den Windschutzscheiben stehen dicht geparkt an den Straßenrändern. Diese Oasen der Ruhe werden durch mehrspurige, kakophone Verkehrsadern durchschnitten. Der Verkehr auf diesen Hauptstrassen ist zwar weniger dicht als unter der Woche, trotzdem dröhnen die Autos, die Straßenbahnen kreischen und die Motorräder starten mit aggressivem Röhren, sobald die Ampeln auf Grün springen. Das Leben pulsiert im Takt der Ampelfarben, der Lärmpegel tanzt wie bei einer überdimensionierten Technoparty. Zudem verbreiten die Fahrzeuge einen permanenten Gestank nach Abgasen, Benzin und heißem Gummi und ihre Räder wirbeln stets aufs Neue den Staub des langen Sommers auf.
Und doch sind die Bürgersteige nicht gänzlich verlassen. Ein Mann mittleren Alters geht durch die Straßen. Besser gesagt, er schlendert, ohne ersichtlichen Zweck, ohne erkennbares Ziel - entlang den Geschäften, entlang den Schaufenstern, entland den Fronten der schilderbepflasterten Büroeingänge. Dann biegt er in eine der Querstraßen ein und schlendert nun entlang den grafittiverschönten Mülleimer- und Briefkastenbatterien der Wohnblocks. Bald darauf kehrt er auf die Hauptstraße zurück, um erneut in einer Nebenstraße zu verschwinden. Er ist nicht nur allein, sondern offensichtlich auch einsam und weiß mit seiner Zeit nichts besseres anzufangen als in dieser Tristesse herumzulaufen.
Und zwei weitere Menschen haben sich zur selben Zeit in die Stadtwüste verirrt. Auch sie gehen durch die Straßen, jedoch anders als der einsame Mann. Ihr Gehen wirkt elegant, man könnte fast sagen sie flanieren, wenn diese Bezeichnung hier nicht der reinste Hohn wäre. Sie flanieren ohne Ziel und ohne Eile, nur darauf angelegt, sich die Zeit zu vertreiben und sich zu zeigen, obwohl niemand da ist, der sie bewundern könnte. Es sind zwei junge, dunkelhäutige Frauen, die eine groß und stämmig, die andere klein und zierlich. Die Stämmige hat ein breites Gesicht mit dicken Lippen, flacher Nase, hohen, stark nachgezogenen Brauen über den etwas träge blickenden Augen und gegelte Haare. Ihr schwarzes trägerloses Top spannt sich über Teile des Oberkörpers. Auf dem üppigen Busen liegt verloren ein kleines Goldherzchen an einem dünnen Kettchen, dafür ist die Handtasche, die an der Schulter hängt, um so größer. Die Jeans, sorgfältig bis an die Knie hochgekrempelt, modellieren die stämmigen Oberschenkel und lassen den Blick frei auf überraschend schlanke Waden und Füße mit flachen Havaianas Flip Flops. Die Zierliche hat ein feines Gesicht, lange, krause Haare und handtellergroße, runde Ohrringe. Die Spaghettiträger ihres Tops und ihres BHs bilden abgezirkelte Bereiche auf dem schmalen Rücken und den Schultern. Auch sie trägt enge Jeans und spitze, super hohe High-heels, die ihre schlanke Figur betonen. Ihre Handtasche sieht teuer aus, erinnert aber die mit ihrem kurzen Griff an eine Einkaufstasche der 50er Jahre. Die beiden Frauen schreiten nebeneinander. Die Stämmige ruhig, fast lethargisch, die Zierliche aufgeregter, den Kopf in ständiger Bewegung, die Augen wieseln rasch von einem Ort zum andern. Beide reden pausenlos.
Der Mann und die beiden Frauen sehen sich zum ersten Mal auf einer der Hauptstrassen. Als sie aufeinander zu kommen, schaut er unverhohlen von der einen zur andern, aber nur die Große scheint ihn wahrzunehmen. Es entgeht ihm nicht, dass sie ihn kurz fixiert als sie schon fast aneinander vorbei sind. Bei der zweiten Begegnung in einer Nebenstraße kommen sie sich wegen des schmalen Bürgersteigs und der parkenden Autos zwangsläufig sehr nahe. Diesmal beachtet er die Kleine gar nicht mehr, er schaut nur der Großen direkt in die Augen und diese hält seinem Blick stand. Als sie auf gleicher Höhe sind, streift er bewusst ihre Umhängetasche mit seinem Arm und murmelt eine Entschuldigung. Sie dreht ihm den Kopf zu, lächelt ihn an, sagt aber nichts. Als ihre Wege sich schließlich zum dritten Mal kreuzen, ist er sich sicher, dass die beiden, ebenso wie er, ziellos, aber vielleicht nicht ganz wunschlos, in dieser Traumgegend umherwandern und er beschließt, sie anzusprechen. Er bleibt so vor ihnen stehen, dass sie anhalten müssen, lächelt sie an und fragt, ob er sie zu einem Kaffee einladen dürfe oder lieber zu einer Erfrischung - eine Limo oder ein Eis seien bei dieser Hitze sicher besser angebracht. Die Große lächelt wieder, sie ist offensichtlich interessiert. Die Kleine schaut abweisend, ja fast giftig, sie will weiter, fasst die Große am Arm, versucht sie wegzuziehen, dabei redet sie hektisch in einer Sprache auf ihre Freundin ein, die er nicht versteht. Die Große bleibt jedoch stehen und sagt schließlich ganz ruhig ein paar knappe Worte. Sie klingen wie ein Befehl und die Kleine verstummt. Dann nickt sie dem Mann zu, der deutet auf die andere Straßenseite und gemeinsam überqueren sie die Hauptstrasse.
Auf der anderen Seite ist es zwar genauso trostlos und laut, aber dort gibt es auf dem breiten Gehweg ein Straßencafé mit ein paar Tischchen, weißen Plastikstühlen und bunten Sonnenschirmen. Sie setzen sich, nur ein paar Meter von dem lärmenden Verkehrsstrom entfernt. Die Bedienung, überraschenderweise wie in einem feinen Lokal gekleidet, mit schwarzem Rock und weißer Bluse, bringt die Karte. Er fragt seine neue Bekanntschaft nach ihren Wünschen und bestellt zwei Cola und ein Weißbier. Nachdem die Getränke vor ihnen stehen und sie die ersten labenden Schlucke genommen haben, beginnt er die Unterhaltung. Doch nur die Große antwortet, die Kleine schweigt beleidigt. Aber auch die Große trägt nicht viel zu dem Gespräch bei. Es schleppt sich mühsam dahin und das nicht nur, weil die gemeinsame Sprache fehlt und sie sich nur radebrechend verständigen können. Schon nach kurzer Zeit haben sie sich nichts mehr zu sagen. Er versucht zwar noch ein paar Mal andere Themen einzubringen, Interesse zu wecken, gar Verabredungen zu treffen, aber alle Versuche scheitern und von den beiden gehen schon gar keine Impulse aus.
Schließlich verstummt auch er und alle drei sitzen nur noch da, nuckeln an den warm gewordenen Erfrischungen und beobachten den Verkehr. Nach einer Weile fangen die beiden Frauen an, sich wieder in ihrer Sprache zu unterhalten. Es ist offensichtlich, dass ihr Gegenüber ihr Thema ist. Sie schauen den Mann an, scheinen ihn zu taxieren und zu klassifizieren und machen Bemerkungen über die sie gemeinsam lachen müssen. Die Kleine, die bisher nur biestig dreingeschaut hat, lebt sichtlich auf. Der Mann fühlt sich unwohl, weiß nicht, was sie über ihn reden und sie denken nicht daran, ihm das mitzuteilen oder ihn in das Gespräch einzubeziehen. Er wird erst verlegen, dann ärgerlich und schließlich langweilt ihn das Ganze. Er ist froh, als er merkt, dass die Kleine zum Aufbruch drängt. Sie schaut demonstrativ auf ihre Uhr, stellt ihre Handtasche auf die Knie, wackelt mit ihrem Po auf dem Stuhl herum und schickt sich an, aufzustehen. Die Große schein noch unentschlossen, sie macht keinerlei Anstalten, sich ihrer Freundin anzuschließen. Höflichkeitshalber fragt er, ob er noch etwas bestellen dürfe. Auch hier zögert die Große, die Kleine schüttelt um so heftiger den Kopf und redet wieder sehr schnell auf die Unentschlossene ein. Diese gibt schließlich nach und sagt, dass sie jetzt gehen müssen. Er nickt erleichtert. Sie bedanken sich für die Einladung, geben ihm die Hand und stehen auf. Er bleibt sitzen und schaut ihnen nach, wie sie langsam immer kleiner werden, bis sie schließlich verschwunden sind. Dann bestellt er sich noch ein Bier.

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