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ear
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14.12.2008, 10:41 / 2 x geändert
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Heute vor sieben Jahren, am 14. Dezember 2001, starb W.G. Sebald bei einem Autounfall in Norwich.
Er lebte in einer der ruhigsten Grafschaften, denn sie entsprach seiner Kindheit im Allgaeu, allerdings hier ohne hohe Berge.
1970 kam er nach England und stand am Hoehepunkt seiner Taetigkeit als Schriftsteller und Dozent, als ihn der Tod traf. Die UEA in Norwich mit ihrem Zentrum fuer Uebersetzungen auslaendischer Gedichte war sein 'literarisches Kind'.
'Sebald Lectures' bewahren sein Erbe.
Erinnerung, Sehnsucht, Verlust und Untergang spielen eine grosse Rolle in seiner Prosa.
Entwurzelte, Emigrantenschicksale, Fiction und Faction vermischt. Auch wenn man entflieht, holt Geschichte Einen frueher oder spaeter wieder ein.
War er der duestere Schriftsteller und Poet, oder derjenige, welcher mit trockenem Humor erzaehlte? Bestimmt eine Mischung aus beidem, je nach Stimmung und Umstand, ear.

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augustine
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14.12.2008, 17:40 / 1 x geändert
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Danke für die Information, ear!
Noch zwei dazu:
In Marbach gibt's noch bis zum 1. Februar im Literaturmuseum der Moderne die Ausstellung Wandernde Schatten. W.G.Sebalds Unterwelt; marbacherkataloge - schreiben sie jetzt so - sind was vom Allerfeinsten. Und mal wenigstens virtuell in Marbach zu stöbern auch.
Dann: Man hat ja Gedichte von ihm gefunden im Nachlass, die jetzt veröffentlicht sind:
hierein Bericht
augustine

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Elise
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Guten Morgen, ear und augustine!
Auch ich danke für die Info über deinen "Landsmann" Winfried Georg Sebald, ear. Wäre es vermessen, ihn, dessen Werk in hohem Maße auch Gegenstand literaturwissenschaftlicher Aufarbeitung ist (Stichworte: Kultur der Erinnerung, Intertextualität, Referenz), als "Klassiker" zu bezeichnen? Hier ein Link (klick!) auf eine Website, wo Allerlei zu Sebalds Werk, zu tatsächlichen oder fiktionalen Personen oder Orten, die in seinen Büchern vorkommen, zusammengetragen ist - vielleicht so etwas wie der Versuch einer virtuellen Sebald-Ausstellung.
Gern würde ich diesen Faden verschieben, zu den Lektüren oder zu Klassiker stellen. Was meint ihr dazu? Soll ich, ear?
Mit Grüßen, Elise

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ear²
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15.12.2008, 08:47 / 1 x geändert
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Liebe Elise,
Dein Link ist sehr gut als Einstieg in Sebalds Werk und Persoenlichkeit. Er waere bestimmt der naechste Nobelpreistraeger geworden, haette das Schicksal ihn verschont.
Ich freue mich ueber das Interesse an diesem grossen Schriftsteller. Bitte verschiebe die Notiz, wenn du es moechtest.
Liebe augustine,
Danke fuer diesen instruktiven Artikel ueber Sebald von Sven Hanunschek.
Sehr einpraegsam sind die von ihm zitieren Zeilen der
'In den Treibhaeusern lauernden Gurken' oder des
'Transportes des toten Cechovs in einer Austernkiste nach Moskau', oder des
' Beethovens, der nachts ins Museum kommt mit Hoerrohr',
aber als Grundtenor des Artikels bleibt, dass Sebald seine Staerke in der Prosa sah, dass seine Gedichte 'Prosagedichte' sind und dass seine Werke den 'Verlierern, den Vergessenen' gewidmet bleiben.
Ich waere gern mal bis Ende Januar in Marbach, aber das bleibt ein Traum,ear.

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Jolante
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16.12.2008, 12:01 / 1 x geändert
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Gab es hier nicht schon früher eine Erwähnung Sebalds, die man mit diesem Faden verlinken könnte? Ich habe sie leider nicht gefunden, erinnere mich aber, dass ich mich damals für Sebald zu interessieren begann und mir sein Werk "Austerlitz" besorgte. Kann sich eine von euch, ear, augustine, elise, vielleicht daran erinnern?
Liebe Grüße
Jolante

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augustine
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Ja, Jolante, ich wusste immer, dass ich ear den Sebald vor ~ 2 Jahren genannt hatte; er ist erwähnt in ihrem Beitrag über Michael Hamburger, einfach mit der Beiträge-suchen-Funktion finden.
Von Sebald: alles lesen, was ihr kriegen könnt!
LG augustine

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ear²
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Liebe Jolante , augustine und Elise,
Das Interesse und eure Hilfe mit dem Einbringen von Links ist wunderbar. Habt Dank fuer Alles.
Ich moechte auf die hervorragenden Uebersetzungen hinweisen, welche Michael Hamburger mit Sebalds 'Unrecounted' und 'After Nature' leistete. Ihm war es eine Freundes- Pflicht, diese zu uebertragen.
Eine weitere wichtige Uebersetzung wurde von Anthea Bell mit 'Austerlitz' geleistet, welche ihr den Helen und Kurt Wolff Preis brachte. Mit welcher Feinheit ein Uebersetzer an sein Werk herangehen muss, wird bei Bell deutlich, wenn man ueberlegt, dass sie zuerst durch ihre Kinderbuch und Asterix-Uebersetzungen bekannt wurde; doch auch Kunst-und Musikhistorische Werke gehoeren dazu.
Der dritte Uebersetzer, Poet und Kritiker ist Michael Hulse, welcher drei der Sebald Buecher uebertrug: 'Emigrants,' The Rings of Saturn' und 'Vertigo'. Bei Hulse reicht das Oevre von Goethe, Rilke bis zu Jelinek und Sebald. Er lehrt an der Universitaet von Warwick.
Ihm wurde der 1. Preis in 'National Poetry Competition' zuerkannt. Er ediert und wird als Jury-Mitglied international angefordert.
Was mich fasziniert, ist die enge Zusammenarbeit zwischen Author und Uebersetzer.
Sebald mit seinen Dreien. Wer weiss, welche Weiteren hinzugekommen waeren, haette Sebald mehr schaffen koennen.
Bei Umberto Eco ist es stark ausgepraegt. Er hat einen Uebersetzer in jedem Land, mit dem er in staendiger Verbindung steht, um eine getreue Uebertragung zu erreichen. Dies wird von Eco klar formuliert in seinem Buch 'Mouse or Rat?', welches voller Humor auf Schwierigkeiten der Uebersetzung eingeht, ear.

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ear²
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Sebald erlebte es, dass eine hollaendische Uebersetzung eines seiner Werke so schlecht war, dass die gesamte Auflage eingestampft werden musste.
Vielleicht war das ein Grund fuer ihn, an der UEA das Zentrum fuer Uebersetzung zu errichten.
Heute scheint es mehr denn je notwendig zu sein, ein Werk ins Englische uebersetzt zu bekommen, um es einer weiten Leserschaft zugaenglich zu machen.
Michael Hamburger, der deutsche Jude, welcher mit 9 Jahren nach England kam, schrieb fast nur Englisch. Er machte viele Uebersetzungen vom Franzoesischen und Deutschen ins Englische.
Doch umgekehrt wurde er, der Dichter, geehrt zu seinem 80. Geburtstag mit Uebersetzungen seiner Gedichte, nicht nur von seinem Hauptuebersetzer, Peter Waterhouse, sondern von einer Palette bekanntester deutscher Namen. Ein sehr ausfuehrlicher, guter Beitrag von Pia Elisabeth Leuschner zur Lyrik Hamburgers ist bei Google zu finden.
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rezid=803076k

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augustine
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19.12.2008, 16:47 / 2 x geändert
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Ihr habt euch entschlossen, ear und elise, den Sebald-Faden unter Lektüren weiterzuführen.
Nun wär's ja schön, wenn in diesem bisher etwas dürr gebliebenen Faden auch wirklich jemand über seine /ihre Lektüre eines Sebald-Werks geschrieben hätte oder noch schreiben würde. Das erschiene mir lebendiger als einzelne Fakten.
Einen Hinweis nur, den ich eben schnell finden konnte:
NZZ; zu Austerlitz.
Vielleicht schaut ja jemand andere Zeitungen durch!?
Aber vermutlich sind alle etwas zeitbeklemmt wie auch
augustine
Hier ist noch eine Rezension zu Austerlitz; also man findet schon, wenn man sucht.

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Gretchen
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Heia ear, augustine, Elise -
wollt nur mal kurz vermelden, dass ich froh über diesen Faden bin, weil nämlich:
von Sebald wusst ich nix, da ist in meinem Umfeld auch kein Schwan, der mich auf ihn hätte hinweisen können, und gezz kann ich ihn immerhin mal auf meine Leseliste setzen, euren Links folgen und ihm bisschen hinterherguhgln.
Was die "Dürr"-ftigkeit angeht, augustine - ja, stimmt schon, wär schön, wenn wer eigene Sebald-Lektüre-Erfahrung beschriebe, andererseits ist es so doch auch ne Anregung, Annäherung. Wie gesagt, für mich besser überhaupt und so als gar nicht. Den NZZ-Artikel ("Austerlitz" ein rhizomatischer Text, ein Kreuzworträtsel) hab ich grade gelesen ...
Adventlich rotgoldentannengrün karierte Grüße an alle
von Gretchen.

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ear²
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23.12.2008, 15:52 / 2 x geändert
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Himmelschluessel bluehn im Garten,
Koennen es wohl kaum erwarten
Dass die Tage schnell vergehen
Und ganz ploetzlich unbesehen,
Uns das naechste Jahr erreicht;
Ob es wohl dem alten gleicht?
Alle Freuden alle Sorgen
Schiebe ich hinweg auf morgen.
Wenn der Stress schlaegt auf den Magen,
Werde ich mich nicht beklagen.
Werde einfach weiter lesen,
Was und wie, warum gewesen.....
Sebalds Buecher werden kommen
Einiges genau genommen.
Schwarz-weiss Photos, ihre Rolle
Auch Erinnerung, die volle
Wahl fuer ein Gedaechtnis legen,
Als Funktion mir einzupraegen.
Ausseinandersetzung gar,
Ob Wer arisch/juedisch war?
Ob A. Andersch klug verfuhr:
Von Moral blieb keine Spur?
Ob was biographisch scheint
Interpretativ vereint?
Hat Max Sebald unerlaubt
Bechenhoefers Buch beraubt?
Ein Dilemma ist geblieben,
Hat den Vater sehr gemieden
Hat den Grossvater verehrt,
Der ihm Gutes nur beschert.
Ist Melancholie ein Segen,
Welches kann den Geist erregen?
Viele Fragen bleiben stehen,
Bis ich kann die Buecher sehen.
Wuensche ringsrum Froehlichkeit,
Bis das Neue Jahr bereit.

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ear²
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04.01.2009, 09:17 / 2 x geändert
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Um W.G. Sebalds Einbeziehung von schwarz-weiss Photos in seinen Erzaehlungen zu zeigen, waehlte ich die zweite aus “The Emigrants” “Die Ausgewanderten”.
Sebald und Hamburger waren beide ' Auswanderer'.
Das erste Photo (S.27) der englischen Uebersetzung stellt die Kurve einer Eisenbahnlinie dar, ohne Boeschung, leicht zugaenglich in einer waldreichen Gegend.
Im ersten Satz erfaehrt der Leser, dass der Protagonist, Sebalds erster Lehrer in S , am 30. Dezember 1984 an dieser Stelle Selbstmord begangen habe.
Die Erzaehlung geht dann zurueck zu den Anfaengen von Sebalds Schulzeit und zeigt (S. 33) einen Plan, den sie als Schueler kopieren mussten. Haeufig nahm Bereyter seine Klasse mit in die Natur.(S. 39).
In einem Kollegen-Photo sieht man Paul als begeisterten jungen Lehrer(S. 46). Nicht direkt als Erinnerung, aber typisch genug ist ein Blick in eine gemischte Klasse (S.47).
Es folgt ein Bild aus Pauls Familienalbum: sein kurzes, nur einen Monat dauerndes Glueck ueber Helen (S. 48). Ein Bild von Paul mit Helens Familie(S.49),und sie verschinden,abtransportiert nach Theresientadt.
Paul verliert seine Stellung als Lehrer, denn er ist ein Viertel-Jude.
Man sieht noch das Photo einer luxurieusen “Dürkopp”, mit seinem Vater Theodor(S.53) , welcher sein grosses Emporium jahrelang attackiert sah. Ihm als reichen Juden galten Hetztiraden und Anschlaege. Er starb verbittert. Pauls Mutter musste nach seinem Tode alles billig verkaufen.
Paul nahm einen Posten in einer Garage und wurde als Soldat eingezogen. Sechs Jahre diente er in der Artillerie in Laendern um das Mittelmeer( S.55) . Ein Photo zeigt ihn in Rumaenien am Strand (S.56).
Als Fehlentscheidung, aber er fuehlte sich als Deutscher, kehrte er nach S zurueck und nahm eine enge, duestere Wohnung.
Zwoelf Jahre aber lebte er in Yverdon mit Frau Landauer. Paul las viel, kopierte seitenlang aus internationaler Literatur(S. 58-59) . Seine Augen wurden sehr schwach, Operationen halfen wenig.
Ein letztes Mal kehrten Paul und Frau Landauer nach S zurueck, um auszuraeumen. Waehrend sie schlief,verliess Paul die Wohnung und wurde spaeter tot aufgefunden (S.62 zeigt den Eisenbahnplan).
Eisenbahnen und Fahrplaene waren immer sein Interesse: bis zu seinem Freitod.
Sebald nimmt Photos als Hinweise auf den Verlauf des Lebens. Seine Haupt-Person Paul Bereyter ist Teil seiner eigenen Kindheit gewesen.
Der Nicht- Arier Paul war ein Deutscher zweiter Klasse, dem seine Helen genommen wurde, der seine Eltern durch Hass, Attacken und sogar Schadenfreude ehemaliger Schueler verlor. Seine Eisenbahnbegeisterung wurde zum duesteren Transportweg nach Theresienstadt, sein Augenschwaeche vielleicht ein Symbol seiner fortschreitenden Erblindung. Er soll seine Brille vor dem Freitod abgenommen haben.

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ear²
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Das Ehepaar Sebald ist umgezogen, hat die Priory verlassen, in der sie Dr. Henry Selwyn , seine Frau und eine exzentrische 'Bedienstete' kennenlernten.
In Erinnerung aber blieb fuer sie das seltsam verschachtelte Haus mit verborgenen Gaengen, in denen die geisterhaften Schatten frueherer Bediensteter vorbeizueilen schienen.
Dr. Selwyn berichtet dem Erzaehler, dass er nach Abschluss der Cambridge Medizin-Studien ein Jahr ins Berner Oberland reiste, Touren in die Berge unternahm und dabei den 65jaehrigen Bergfuehrer Johannes Naegeli kennenlernte. Dieser war ihm vertrauter als seine Frau Elli.
Naegeli blieb nach einer Tour verschollen. Als Soldat, kam Selwyn unter Depression nach London zurueck. Der 2. Weltkrieg unterband seine europaeischen Reisen. Er kuemmerte sich nicht um eine Pension, lebte nur fuer seinen Garten und die Tiere , im Gegensatz zu seiner Frau Elli.
Er berichtete Sebalds , dass seine Familie eigentlich von Lithauen nach Amerika auswandern wollte, doch im Glauben, schon dort gelandet zu sein, in England an Land ging und blieb.
Reale Welt existierte fuer Dr. Selwyn nicht mehr.
Aus Indien hatte er 2 Gewehre. Er probierte einmal, ob sie noch funktionierten und erschoss sich damit ein paar Wochen spaeter.
Sebald reiste im Jahre 1986 in die Schweiz . Erinnerung an Selwyn wurden wach;
bald darauf las er in einem franzoesisch-sprachigen Blatt, dass Stiefel und ein paar Knochen am Oberaargletscher gefunden wurden , welche zu Johannes Naegeli gehoerig identifiziert worden seien. “Certain things have a way of returning unexpectedly”.
Es geht Sebald um die Wege, wie ein Auswanderer von einem Ursprungsort in ein unbekanntes Schicksal geht. Hier die vorzeitig abgebrochene Reise und das Bleiben in London. Ein neuer Beginn, ein sich Eingewoehnen-Muessen, eine neue Sprache, doch es gab keine Existenz mehr in Lithauen. Vor-und Familiennamen mussten anglisiert werden. Erinnerungen kehrten in Flash-Backs wieder, aber waren, wie ein Photo, an einen Augenblick gebunden.
Dr. Selwyn lebte in seiner eigenen Welt, ohne praktische Erwaegungen, sein Leben war ohne weiteres Ziel, so konnte er aus dem Leben scheiden, als er den Zeitpunkt fuer gekommen ansah. Er schied als Fremder, seine Ehe bedeutete ihm wenig.
Auch Sebald war ein Emigrant, aber seine kurzen biographischen Angaben werden nicht fortgefuehrt, sie kommen nur sporadisch vor. Ihn interessiert, was aus den Emigranten wurde.

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ear²
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In seinem Buch”The Rings of Saturn” macht Sebald eine Fusswanderung durch die Grafschaft Suffolk. Nur anfangs benutzt er eine Regionalbahn von Norwich nach Somerleyten und eine Busfahrt von Woodbridge nach Yoxford.
Sebald traegt eine Fuelle kleinster und groesster Teile zusammen, welche wie unter einem Teleskop zu betrachten sind. Ich kenne fast alle erwaehnten Orte, bin mehrfach ueber braune und bluehende Heideflaeche gelaufen, habe die steile Kueste bei Dunwich bei Nebel und Regen im Laufe der Jahre abbroeckeln sehen, ging bei Southwold ueber die stillgelegte Eisenbahnbruecke und ahnte, dass der ehemalige Baederzug fuer den jungen Kaiser in China bestellt war, aber nicht ausgeliefert wurde, weil man den jungen Kaiser vergiftet hatte; sah schweigend den Anglern bei Shingle Street zu, versuchte mir Edward Fitzgerald in Bretfield und Woodbridge vorzustellen in seinem Gehrock und TopHat. Seine Gedicht-Uebertragungen 'Rubaiyat von Omar Khayyam,' sind noch heute ein viel gekauftes Buch.
Saturns 'Ringe' scheinen vollendet schoen zu sein als Abbild, aber sie sollen aus kleinsten und groesseren und bis zu einem Meter grossen Teilen bestehen. Erinnerungen meint man zu haben, aber bei genauerer Untersuchung sind auch diese lueckenhaft, zusammengesetzt.
Erster und Zweiter Weltkrieg hinterliessen Ruinen, Dokumente von Augenzeugen, Archiv-Material, welche Sebald auf seiner Wanderung durch die Ortschaften ins Gedaechtnis kamen und seine Gedanken weiteten auf Ereignisse, und Personen der Vergangenheit. Die Verstorbenen kehrten zurueck.
Ob er auf der Landzunge Orfordness die Reste von Betonwaenden, oder das tempelaehnlich aussehende Gebaeude und die Teerstrasse sieht,
ob er Bawdseys illustre Vergangenheit beschwoert mit Kaiser Wilhelm und den Ideen einer engeren Verbindung England-Deutschlands ueber die Nordsee bis nach Sylt;
ob er das Schicksal des beruehmten Schriftstellers Joseph Conrad verfolgt,
die fuer China vorgesehene Eisenbahn mit dem kaiserlichen Drachen erwaehnt,
die Erosion an der Ostkueste bei Dunwich, welches vom groessten Europa-Hafen mit Kirchen Kloestern und Flotte zu einem kleinen Ort verfaellt, weil alles im Meer versunken ist;
ob er die Schrecken des Hurrikans vom 16. Oktober 1987 erneut durchlebt;
ob er die verwirrt scheinende Quail beobachtet, oder noch lange Zeit aufgestoert bleibt, als ein Hase ploetzlich vor ihm aufgeschreckt wird:
es zeigt Sebalds tiefes Mitempfinden fuer das, was bleibt,wenn nur noch Erinnerung vorhanden ist.Trotz aller Trauer blieb er positiv eingestellt.
Rembrandts Gemaelde einer Autopsie , Gedanken zur Seidenraupenaufzucht, Berichte ueber Massaker, Versuche mit biologischen Waffen auf der einen Seite, und als Gegenpol die beruehrende Geschichte der Freundschaft Sebalds zu seinem 20 Jahre aelteren Freund Michael Hamburger, den er in Middleton aufsucht. Jede Erzaehlung ist eine Mischung aus persoenlichem Erleben, Reisebericht, Geschichte und Erinnerung.
Anregung zum Nachforschen gab mir sein Besuch bei Thomas Abram, alias Alec Garrad nahe Yoxford und Harleston und seiner modellgetreuen Nachbildung des Tempels von Jerusalem.
Alec Garrard: ”The Splendor of the Temple” von 1998.

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