es ist erlaubt · arisia · ·


Aphorismen · Forum für Literatur & Germanistik
 

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        arisia
        (Gast)

es ist erlaubt

   27.05.2006, 11:19 / 3 x geändert



es ist erlaubt
ins Leben zu treten
die freie Luft zu atmen
zu sterben
wenn dem Leben genüge getan
und zwischendurch -

den Rasen zu betreten

 

      jonesy



RE: es ist erlaubt

   24.10.2006, 21:53



hi arisia,
dies ist ein Beitrag von dir aus dem Mai.
Ich habe ihn sehr gerne gelesen.
Es ist erlaubt: das Gedicht beginnt mit einem positiven Satz. Es ist erlaubt!
Es ist erlaubt ins Leben zu gehen..also geht es noch einen Schritt weiter, plötzlich unter al den Restriktionen, die der Staat konstruiert, die privaten Meschanismen die einengen, auf einmal ist da eine wirklich letzte Sache, die wirklich noch zum freien Eigentum gehört: die Luft zu atmen. Ins Leben zu gehen.
Ich fand die erlaubnis zu sterben eine sehr schöne. Ich finde es hellsichtig gegenüber dem Unsterblichkeitswahn und dem gestörten Verhältnis der Menschen zum Tod, hier eine ausdrückliche Note des positiven mitschwingen zu lassen. Es ist doch so, wenn man einen Job erlernt oder an sonstigen Sozialisationsprozessen teilnimmt, sieht man sich eigentlich nur den vielen kleinen Korsettschlaufen ausgeliefert, die sich mit vielen Kleinigkeiten in ein Zwangskostüm verengen. Darum finde ich das Zurückgehen an das Fundamentale: Geburt ("INs Leben gehen"), dann das Sein ("Luft atmen") und dann den Tod ("sterben") als guten Deal sozusagen, sehr erfrischend. Wenn der Jungle zu dicht wird, sucht man sich einen Aussichtsplatz, von dem aus man eine relativierende Sicht erlangen kann. Ich meine eine Grenzerfahrung mitspielen zu hören. Die Frage Sein oder nicht sein scheint den Vorlauf des Aphorismus zu erfüllen.
Die kurze Ironie mit dem Rasen verweist an letzter Stelle noch auf die WInzigkeit und Unbedeutsamkeit der Welt, die dem Philosophen entgegentritt nachdem er die letzten DInge suchte, (Verweis auf Buch von Paul Auster (im Land der letzten DInge) )die ihn in der Welt als Fremden zurückließen.

 
        arisia
        (Gast)

RE: es ist erlaubt

   26.10.2006, 09:39



hi, jonesey,

oh, da war ich aber überrascht, daß jemand noch mal diesen Text rausgekramt hat. Ich dachte schon, er würde sang- und klanglos untergehen. :)
Du hast meine Intension genau erfaßt und beleuchtet, auch die Grenzerfahrung(en) erkannt, die so einem Text vorausgehen muß.

Als ich mal wieder so ein Schild sah "Rasen betreten verboten", an wirklich unpassender Stelle, es wurde auch nie beachtet, da spulte sich in meinem Kopf ein ganzer Film ab, der ohne eine Technik, der Gedanken direkt auf die Leinwand bringt, die wir noch nicht haben, nicht darstellbar ist. So blieb mir nur übrig, das Erleben auf das Wesentlichste zu komprimieren.
Ich bin erfreut, daß der Text es schafft, hie und da Facetten meines Erlebens im damaligen Augenblick sichtbar zu machen. Ja, es ist immer wieder hilfreich nach Einschneidenden Erfahrungen, die eher im Stillen gemacht werden, wieder auf den Markplatz zurückzukehren, sich wieder heimisch zu machen. :)
Danke für den Hinweis auf das Buch, werde es mir mal ausleihen.

liebe Grüße
arisia

 

      Jolante



RE: es ist erlaubt

   27.10.2006, 19:00



Hallo, arisia,

im Mai, da waren wir beide ganz neu im Forum, ist dieses kleine, aber so aussagestarke Gedicht meiner Aufmerksamkeit entgangen. Mehr und besseres als jonesey kann ich jetzt auch nicht dazu sagen, aber es hat einige Assoziationen in mir ausgelöst, die ich kurz ansprechen will: In meiner Kinderzeit ging ich mit meiner Schwester häufig in den Saaranlagen spazieren. Neben den Schildern "Betreten des Rasens verboten" gab es auch so genannte "Feldschützen", die mit Feldstechern bewaffnet die Einhaltung des Verbots überwachten und durch ihr geharnischtes Auftreten die Kinder erschreckten. Da hat sich inzwischen doch einiges zum Guten verändert, das musste ich mir nochmal klarmachen. - Und was die Erlaubnis zum Sterben betrifft, man hat sie wohl, aber hat man sie wirklich zum richtigen Zeitpunkt, "wenn dem Leben genüge getan" ? Oft wird das Leben durch die Möglichkeiten der Medizin sinnlos und für den Patienten würdelos verlängert. Auch das ist mir beim Sinnieren über dieses Gedicht eingefallen.

LG Jolante

 
        arisia
        (Gast)

RE: es ist erlaubt

   30.10.2006, 16:00



hi, Jolante,

hm, ja, vieles kann einem zu dem Gedicht einfallen, wie ich sehe. Schön.

Die Assoziation, die du mit der Zeilen

"zu sterben
wenn dem Leben genüge getan"

verbindest, kann ich verstehen. Ich kenne dieses Geschehen auch aus
Krankenhäusern und Altenheimen. Ich habe aber auch andere Erfahrungen,
mit einigen wenigen anderen Menschen, die in Würde, zu ihrem Zeitpunkt
sterben konnten, und sich innerlich auch darauf vorbereiteten, sich abnabelten
von Welt, und als die Zeit da war, konnten sie friedlich gehen.

der Text entspricht auch eher einem Idealzustand, wie ich mir Welt vorstellen
kann und wünsche. Letzendlich aber, ging mir so viel durch den Kopf in diesem
Moment, wie ich schon im Beitrag zu Jonesy schrieb, und dieser kleine Text
ist die sehr stark komprimierte Form davon.

Bin so spät mit Antworten daran, weil ich bis eben auch noch Enkel da hatte,
und noch etwas andere Arbeit. Ich komme heute Abend wieder rein.

Liebe Grüße
arisia

 

      augustine



RE: es ist erlaubt

   30.10.2006, 19:56



Hallo, arisia,
ich glaube, ich weiß noch, warum ich zuerst nicht geantwortet habe:
weil Du durch die Erklärung in der letzten Zeile dem Aphorismus die Spitze genommen hast. Den Satz würde ich weglassen; denn dann bleibt eine schöne Spitze zwischen Tiefsinn (Gedanken übers Leben) und Alltagsbanalität (den Rasen nicht betreten).
LG aug.

 
        arisia
        (Gast)

RE: es ist erlaubt

   30.10.2006, 23:35



hi, augustine,

du hast Recht, ich lösche den Satz gleich weg.
Es war eben dieses Schild, die die Gedankenkette ins Rollen
gebracht hat.
Danke, daß du mich darauf aufmerksam gemacht hast, der
Satz hat dort wirklich nichts verloren, und auch nicht zu suchen.:)

liebe Grüße
arisia




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