Fear and loathing in Duisburg · kirmesbollo · ·


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      kirmesbollo



Fear and loathing in Duisburg

   05.12.2008, 08:30 / 3 x geändert



Präpariert für die Nacht, alles auf Empfang, das Gehirn mit Chemie und Eindrücken übervoll. Ungefiltert transportieren die Sinne Farben, Töne, Menschen zum zentralen Organ und es vermischt sie mit Phantasie und Projektion zu einem Film irgendwo zwischen Luis Buñuel, Ingmar Bergmann und Terry Gilliam. Gehe zur Theke, der Mund sagt irgendetwas und ich bekomme ein Wasser. Hurra, noch kann ich für mich sorgen. Plötzlich finde ich mich wieder in einem Gespräch. Frau! Sportliches Interesse. Ich nicht. Meine psychoaktive Zwangsehrlichkeit trifft auf nüchterne Entrüstung und schon wieder alleine durch die Menge. Ein Drogenschnorrer: "Ey, hasse wat auf Tasche?" Ich denke "klar habe ich", ich sage "NEIN", seine Pupillen sind ausreichend geweitet, um sich die Frage eigentlich zu ersparen. Spüre dem Bedürfnis nach Rausch nach, ich glaube es war Bukowski, der in einem Interview auf die Frage warum er trinke gesagt hat: "Wenn man trinkt, passiert einfach mehr!", da ist was dran. Ereignissammler, Verhaltenskonsument bin ich, teils analytisch, dann wieder mit pathetischem Gefühlsreflex, der bis zum Erbrechen führen kann. Die Säure öffnet Schubladen, auch die in Bodennähe und darunter. Schubladen, die man nur selten freiwillig öffnet und dann auch nur nüchtern, wenn man sich stark genug fühlt, sich selbst ganz nackt zu begegnen. Zaghaft richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung. Balzanalyse an der Tanzfläche: Männer mit Blicken wie ein ungefragter Griff in den Schritt. Frauen, die sich genervt abwenden, andere denen der Griff sichtlich gefällt. Die ersten sind mir symphatischer, aber unansprechbar. Zum einen, weil ich eh nicht weiss, was ich sagen soll, zum anderen weil ich ja auch zu den Männern im allgemeinen gehöre. Meine Phantasie spinnt Utopisches, ein unerhörter Traum. Eine unbekannte Frau, wir sehen uns, bleiben stehen. Ein langer Blick in die Augen, vielleicht ein Lächeln, ein Wiedererkennen der eigenen Sehnsucht, dann eine Umarmung die sagt: "Wir sind ähnliche Träumer und nicht allein". Zuletzt, mit einem Nicken, die einvernehmliche Trennung, sie zurück in ihren Kosmos, ich zum Kicker. Das wäre ein Abend, der von der Größe des Menschen spricht, so ist es nur eine Ahnung vom emotionalen Potential das in uns steckt. Ein durch verbotene Substanzen begünstigter Blick in eine Welt, die selbst im Kino immer unmöglicher scheint und wenn, dann schreien die Kritiker "Kitsch" und die (statistisch gesehen) Meisten wollen mehr Action. Ich ekle mich, will nach Hause. Vor der Tür eine häßliche Schlägerei. Nicht zum erstenmal fällt mir auf, daß Hass Menschen häßlich macht. Ein Tritt ins Gesicht, ich gehe noch einmal zurück, rufe einen der Türsteher, da ich in dieser Sprache nicht mitdiskutieren kann und will. Dann gehe ich durch die Straßen meiner Stadt nach Hause, es wird Tag, meine Atemwölkchen malen knallbunte Ornamente in die kalte Winterluft. Ein einsames Rotkehlchen sitzt keine Drei Meter vor mir auf dem Geländer der Brücke über die A59. Wir haben die Atemwölkchen gemeinsam und die melancholischen Lieder. Ich bleibe stehen, höre zu und das erste mal in dieser sterbenden Nacht muß ich lächeln und freue mich, über die kleine Unschuld die ich mir bewahrt habe.

(1999)

 

      Jolante



Fear and loathing in Duisburg

   05.12.2008, 21:21



Hallo Bollo,

trotz meiner Scheu vor Erstkommentaren (sie sollen mindestens fünf Zeilen enthalten), kann ich meine Begeisterung für diesen gelungenen Text nicht länger zurückhalten. Du hast ihn bescheiden unter "Notizen" gestellt, er hätte ebenso gut unter Underground stehen können, finde ich. Er ist aus sich heraus verständlich, man muss ihn nicht analysieren, dennoch hat er Tiefe und ist atmosphärisch dicht. Die Sprache ist von einer herben Poesie, die Milieuschilderung realistisch und zugleich melancholisch. Schon beim Einstieg "Präpariert für die Nacht, alles auf Empfang,..." weiß ich, dass ich diesem Trip folgen und die Gedankengänge des Ich-Erzählers nachvollziehen will. Ich werde nicht enttäuscht. Nach dem ersten Lesen folgt ein zweites, und es wird nicht das letzte gewesen sein.

Es grüßt Jolante

 

      kirmesbollo²



Fear and loathing in Duisburg

   10.12.2008, 22:32 / 1 x geändert



hallo jolante,
danke für die attestierte athmosphärische dichte. das war ein versuch, die gedanken einer nacht nachfühlbar zu rekonstruieren. eine von vielen im berauschten nachtleben der stadt, wie sie sich vor einigen jahren so, oder so ähnlich zugetragen hat. unter den notizen steht der text, weil es eben ein versuch war. ich glaube, dass es einfacher ist selbsterlebtes für den leser so aufzuarbeiten, dass es „authentisch“ ist. was ich faszinierend finde ist die tatsache, dass jemanden sowas interessiert: da geht ein völlig verstrahltes „lyrisches ich“ vor die tür und teilt dem rezipienten seine gedanken mit, nichts spektakuläres, nur die notizen einer nacht. vor allem, dass der text dich zu einem zweiten lesen animieren konnte freut mich wie bolle. insofern hab ich dich gern mitgenommen: der bollo

 

      zuppanova



Fear and loathing in Duisburg

   12.12.2008, 00:11



kirmesbollo, freu dich doch gleich noch einmal, bitte - auch ich ging willig durch die nacht mit deinem sprecher!

das ist so ein kluger hobo, so einer, der es schafft, tief "im stoff" der präparate zu hängen und gleichzeitig cool zu protokollieren, wie der trip sich anfühlt. für mich macht das den text interessant und lebendig, diese doppelschwingung von authentizität und lakonischer distanziertheit. als leserin fühle ich mich in "ein anderes leben", eine andere existenz hineingenommen, schlüpfe in die intimität einer fremden haut, eines fremden hirns, ganz mühelos und beiläufig, weil ja dieser sprecher mir seine innenwelt, seinen trip übersetzt.

am schluss das rotkehlchen im morgengrauen - da kommt eine ganz neue ebene in den text, dieser bereich der kleinen unschuld, welche der protagonist sich bewahren konnte. das ist - inhaltlich - angenehm unaufdringlicher optimismus und schenkt diesem nachtprotokoll eine schöne leichtigkeit, macht eine tür auf, durch die der leser weitergehen kann, wenn er will; ist auch formal ein guter griff, setzt einen gegenpol zum vorhergehenden, fügt dem text ein neues bild zu, eine pointe, in der das bereits beschriebene noch einmal zusammengefasst und zugleich weitergeführt wird.

das buch von Thompson kenne ich zwar nicht, aber Fear and Loathing in Las Vegas ist einer der wenigen filme mit Johnny Depp, die ich gesehen habe. ich tät ihn auch ein zweites mal anschauen, aus kultgründen, und - wie gesagt - ich hoffe, den duisburger cowboy noch öfter begleiten zu dürfen.

lg, zuppa

(ich finde, es könnte auch bei Tagebuch stehen)

 

      augustine



Fear and loathing in Duisburg

   12.12.2008, 20:07



"Meine Phantasie spinnt Utopisches, ein unerhörter Traum. Eine unbekannte Frau, wir sehen uns, bleiben stehen. Ein langer Blick in die Augen, vielleicht ein Lächeln, ein Wiedererkennen der eigenen Sehnsucht, dann eine Umarmung die sagt: "Wir sind ähnliche Träumer und nicht allein". Zuletzt, mit einem Nicken, die einvernehmliche Trennung, sie zurück in ihren Kosmos, ich zum Kicker. Das wäre ein Abend, der von der Größe des Menschen spricht, so ist es nur eine Ahnung vom emotionalen Potential das in uns steckt."

Jetzt freu' dich zum drittenmal, bollo.
Ich hab dies Zitat hierher gesetzt, weil mir scheint, dass da komprimiert steht (oder auch nur: dass ich darin so lese), was der nächtliche, selber drogeninduziert überwache Stadtstreuner bemerkt, wünscht, hätte haben können.
Du hättest aus diesen Erinnerungen ja auch was herausschreiben können, was aus einem "Griff in den Schritt" sich hätte ergeben können. Auch das hätte gut zu lesen sein können, immer vorausgesetzt: gekonnt geschrieben. Gekonnt wäre dann gewesen: Atmosphäre mitgeteilt haben.
So, zurückgenommen in die Phantasie und dann geschrieben im Bewusstsein, dass da was gestaltend zu schreiben war, scheint mir das Wenige mehr zu sein. Und die Atmosphäre dieser Nacht teilt sich auch mir mit.
Und das Morgenvogelzwitschern am Schluss - und auch noch auf einer Autobahnbrücke - ist ein großartiger Schluss und zeigt, dass der Autor seinen Text - ich wollte schreiben: im Griff hat. Ich lass' es stehen, im Bewusstsein der, was weiß ich: wie, entstandenen Anspielung.

Eine wie auch immer gute Nacht, bollo!
augustine

 

      Gretchen



... und ...

   13.12.2008, 01:58



--- Klappe! --- die Vierte!

Hei bollo, du Rotkehlchenflüsterer,

alles, was hier schon gesagt wurde, hätt ich auch gern gesagt. Also - was bleibt mir?
Ein Kurzkommentar. Mach ich wann durch Überlänge aber wieder wett. Wetten?
Wie auch immer, ich bin bei der nächsten Führung durch die Hood dabei.
Gibst du eigentlich Damengruppenrabatt?

Gretchengrußrüschen

 

      yupag



Fear and loathing in Duisburg

   14.12.2008, 15:29



Hallo kirmesbollo!
Ich möchte auch ein paar Worte zu deinem Text sagen. Er ist gut, keine Frage, aber es zeigt sich hier sehr schön, dass du eine ganz andere Vorgehensweise beim Erzählen von Geschichten hast und das ist ja gut so. Mir gefallen Geschichten, die eine strenge, logische Abfolge der Handlung beschreiben besser. Es mag sein, dass das langweiliger ist. Bei Geschichten wie dieser kommt es mir immer so vor, als ob man eine Reihe von Blitzllichtern los läßt und daraus ergeben sich kurze, scharfe Eindrücke, die dann, aneinandergereiht eine Art Handlung ergeben. Aber, wie gesagt, gut gemacht und auch interessant erzählt.
Gruß yupag




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