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      Gretchen



mensch muss erzählen (Essay-Notizen)

   05.12.2008, 02:58 / 3 x geändert



narrare necesse est.
mensch wendet
im erzählen
die not.

Erzählen ist eine Kulturtechnik: von Anbeginn dem Menschen geschenktes einzigartiges Vermögen, Sinn und Ordnung in die Vielschichtigkeit, in die Zerrissenheit und Bedrohlichkeit der Welt zu bringen, und diese Ordnung auch zu tradieren.

Mythisches Erzählen ist nicht beliebiges Fabulieren, sondern erklärt den Kosmos durch Versprachlichen von wahren Erfahrungen. Im Erzählen schafft mensch sich Zusammenhänge und Perspektiven, bildet sich sein Bewusstsein für Geschichtlichkeit. Erzählen ist Würdigen der Vergangenheit, Beleben des Augenblicks, Entwerfen der Zukunft.

Erzählen ist ein Anker, ist ankern, sich verorten; auch navigieren über's Meer der Ereignisse. Im Erzählen nimmt mensch Katastrophen wahr - und überwindet sie. Kompensiert, transzendiert die Realität. Erzählen, auch oder gerade fiktionales, ist niemals abgekoppelt vom "richtigen Leben", sondern spiegelt und regelt des Menschen Verhältnis zur Wirklichkeit.

Erzählen ist "sich die Welt aneignen" und auch "sich über die Welt austauschen". In jedem Antlitz findest du tausend Geschichten - die Menschen sind ihre ureigenen Geschichten, mensch ist ein beständiges, ungeheuerliches Sprechen, jede Falte, jedes Zucken, jeder Pulsschlag, jeder Atemzug spricht, der Kosmos dröhnt von den Menschengeschichten. Durch das Erzählen seiner Geschichten begründet mensch seine Identität, ist Individuum, weil er die einmalige Folge seiner Biografie-Geschichte(n) mit niemandem teilt.

Diese Inkompetenzkompensationskompetenz des Erzählenkönnens ist die Urmacht des Menschen.

Wo, wenn nicht in den Geschichten, die du erzählst, beziehst du Position?
Wo, wenn nicht im Gewebe deiner Sprache, deines Erzählens, bist du verortet?

 

      augustine



mensch muss nicht erzählen (Essay-Notizen)

   14.12.2009, 14:14 / 1 x geändert



Hallo, Gretchen -
das hier gefällt mir mal nicht. Es kommt ernstworttönend daher, mit einem Gestus, als sei es eine Verkündigung letzter Wahrheiten, aber es klingt mir doch in den Ohren wie der abstract bestenfalls einer Vorlesung über den Sinn des Erzählens - am Beginn der Menschheit; die dann weitergeführt.

Sicher war reden (ncht gleich: erzählen) das, was wohl schon die rumziehenden Frühmenschen zusammengehalten hat, womit sie sich die Welt um sie rum erklärt und sich die Götter erfunden haben. Das ging wohl über Jahrtausende, bis es eben aufgeschrieben wurde.
Zu reden wäre über die Änderung der mündlichen Tradition durch die Schrift, den Druck dann - und jetzt durch Ersetzen des Erzählens durch immer noch dümmer Getwittertes und noch trickreicher anfütternde Bilder der Unterhaltungsindustrie.

augustine

 

      lost



Geschichte

   26.12.2009, 03:33 / 1 x geändert



augustine:

Zitat:
Zu reden wäre über die Änderung der mündlichen Tradition durch die Schrift, den Druck dann - und jetzt durch Ersetzen des Erzählens durch immer noch dümmer Getwittertes und noch trickreicher anfütternde Bilder der Unterhaltungsindustrie.


Hierzu (m)ein Versuch, in aller Kürze den Bogen historischer Fakten zu spannen.

Wann lernte die Menschheit zu schreiben?

Irgendwann um 4000 v. Christus vielleicht; man datiert die ägyptischen Hieroglyphen auf ca. 3200 v. Chr. zurück, auf ca. 1000 v. Chr. die alphabetische Schrift. Mit Sicherheit markiert die Erfindung des Schreibens einen ungeheuerlichen technischen Durchbruch in der Geschichte der Menschheit, verändert fundamental die Beziehung des Menschen zur Vergangenheit, ebnet den Weg für das Aufkommen des Buches als historische Macht.
Ein neuerlicher gewaltiger technischer Umbruch ist darin zu sehen, dass kurz nach Beginn der christlichen Zeitrechnung der Kodex - also das (von Hand geschriebene) Buch mit Seiten, die umgeblättert werden können - die Schriftrolle, welche ausgerollt wird, ersetzt und die Erfahrung des Lesens von Grund auf verändert: Wahrnehmungseinheit ist nun die Seite, das bedeutet, Leser können einen klar strukturierten Text durchblättern, welcher differenzierte, durch Leerräume getrennte Wörter, Absätze, Kapitel, Inhaltsverzeichnisse, Indizes und andere Leseerleichterungen enthält.
Nächster revolutionärer Schritt: die Erfindung des Druckens mit beweglichen Lettern in der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Zwar hatten die Chinesen schon um 1045 bewegliche Lettern entwickelt. Im Gegensatz jedoch zu dieser asiatischen Erfindung verbreitet sich Gutenbergs Kunst rasch und effizient. Das gedruckte Buch wird zugänglich für eine immer größere Gruppe von Lesern, die Zahl der Lesekundigen nimmt stetig zu, Bildung und Zugang zum gedruckten Wort verbessern sich, die lesende Öffentlichkeit wächst. Obschon die Drucktechnik fast vier Jahrhunderte lang im Wesentlichen nicht sich ändert, treiben doch mit dampfgetriebenen Druckerpressen gedruckt Pamphlete und Zeitungen, für die Papier aus Holzpulpe anstatt aus Hadern hergestellt wird, den Demokratisierungsprozess voran, so dass schließlich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einem lesenden Massenpublikum ausgegangen werden kann.
Nun aber die vierte große Veränderung, die elektronische Kommunikation! Aus dem 1969 geschaffenen ARPANET entwickelt sich in den siebziger Jahren das Internet, zumindest als Entwurf oder Begriff. In den frühen Neunzigern schließlich entsteht, zunächst als Kommunikationsmedium für Physiker geschaffen, das Web. Ab diesem Zeitpunkt wird elektronische Kommunikation zunehmend Alltagserfahrung, die damit verknüpften Markennamen werden allgemein geläufig: Web-Browser (f.e. Netscape, Internet Explorer, Safari), Suchmaschinen wie Yahoo und Google (letztere gegründet 1998) u.a. mehr.

So betrachtet, erscheint in der Tat das beschleunigte Tempo der Veränderungen atemberaubend: 4300 Jahre von der Schrift zum Kodex, 1150 Jahre vom Kodex zu den beweglichen Lettern, gut 500 Jahre von den beweglichen Lettern zum Internet, vom Internet zu den Suchmaschinen ca. 20 Jahre, weniger als zehn Jahre von den Suchmaschinen zu Googles algorithmischem Ranking nach Relevanz - wie geht es weiter? Welche kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen Veränderungen werden aus den jüngsten Entwicklungen erwachsen?

Hier weiter zu spekulieren, ist ein Unterfangen, das ich nun eben nicht auf mich nehmen möchte. Das Thema, höchst komplex und äußerst diffizil, ist kaum zu überblicken, zu bewerten für einen, der wie ich als Zeitgenosse selbst mit in dem kolossalen ersten Schub des jüngsten Umbruchs stecket.

best, lost

 

      wobbegong



...

   26.12.2009, 18:44 / 1 x geändert



...

 

      lost



Dreieck?

   27.12.2009, 03:43 / 4 x geändert



1.
lost sagt:

Zitat:
500 Jahre von den beweglichen Lettern zum Internet, vom Internet zu den Suchmaschinen ca. 20 Jahre, weniger als zehn Jahre von den Suchmaschinen zu Googles algorithmischem Ranking nach Relevanz - wie geht es weiter? Welche kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen Veränderungen werden aus den jüngsten Entwicklungen erwachsen?


2.
Hieran nun knüpft wobbegong, melancholisch raunend im Subton, wehmütig ausgedachte Erinnerungen an die Papierzeit, an jene versunkene Ära, als es noch leicht war, sich wegzuwünschen; philosophisch angetönt tuende Gedanken spinnt wobbegong, räsoniert über das Schreiben, über tausend Blätter (oder lass es noch ein paar mehr sein: "Sie verschwanden und sind trotzdem noch irgendwo. Sie haben etwas bewirkt oder nichts, haben aufmerksam gemacht, verärgert, gewarnt, gebettelt, getröstet. Oder nur mit geteilt."), über abgekaute Stifte, über Füllfederhalter, über Tinte, die bitter schmeckt; von Lichtbrechungen ist sodann die Rede, auch von Abendrot und Regenbogen, beide "echt", sowie vom Ende der Steinzeit, in der, so wobbegong, "unsere Herzen zueinander schlugen", was nun aber - leider - aus ist und vorbei, da es nur noch elektrische Ladungen gibt, den Status "Null" und den Status "Plus" in der virtuellen Unterwelt (Hölle?); und was ist das schon, dieses Plus, Null, Plus, Null, was ist ein Plus, was sind all die Nullen - verglichen mit den Schmerzen des Herzschlags, verglichen mit dem "Gewicht eines Kiesels, der es über den Fluss geschafft hat bis ans andere Ufer"?
Eine rein rhetorische Frage, versteht sich, denn die Antwort ist längst klar, so klar wie die Tatsache, dass ein Traum, der in Erfüllung geht, keiner mehr ist, so klar wie die Grenzenlosigkeit tiefen Todesschlafes spurenlos ist, spürlos; so klar wie der spannend zwischen Himmel und Hölle als Schlüssel in die makellosen Wände steriler Räume getaktete oder womöglich sogar gekratzte Strichcode etwas bedeutet oder auch nicht. Auf das große Warum denn nur? hinter wobbegongs Philoerguss gibt es nur eine Antwort: "Ich hasse staubfreie Räume, deren Wände niemand zerkratzt."

Nun, es wäre eine, wären mehrere Geschichte/n zu weben aus diesen Gedankenanflügen unseres Teppichhais. Sehnsucht ist ein starker Schreibmotor. Wer sehnsüchtelt, muss erzählen. Oder, wie wobbegong weiter oben sagte:

"Heile Welt war vor dem Urknall. Uns bleibt Phantasie, um die Scherben zu kitten."

3.
Nun überlege ich, ob womöglich 1. und 2. zusammen mit dem first post ein annähernd gleichschenkliges Dreieck um das Geheimnis des Erzählens bilden?

 

      Enola



mensch muss erzählen (Essay-Notizen)

   27.12.2009, 12:29



Da ich, wenn auch mit anderer Absicht, auf diesen Essay aufmerksam gemacht wurde, möchte ich mich gerne auf den Eingangstext beziehen und meine Gedanken dazu geben:

Sprache ist ein Versuch zu begreifen ohne die Hände zu benutzen. Im geschriebenen Wort wird die Erfahrung auf eine von vielen möglichen Ebenen reduziert, in Wörter gefaltet und vom Leser in seiner Phantasie wieder entfaltet. Nur, der Leser wird eine andere Welt entfalten, als diejenige, welche der Autor zusammengefaltet hat. Manchmal gibt es Übereinstimmungen, Schnittmengen von Erfahrungen, die ähnliche Bilder beim Leser wie beim Autor erzeugen. Manchmal auch nicht.
Erzählen ist eine Veränderung der Wirklichkeit, jeder Erzähler und jedes Weitergeben der Erzählung verändert sie. Erzählen ist Teilen, Gestalten, Verändern. Aber wahrhaftig? Noch nicht mal in seiner ursprünglichen Form mit Stimme, Gestik und Mimik. Schon der steinzeitliche Jäger hat bei seinen Jagdgeschichten den Dreck weggelassen.

Erzählen ist auch Verschönern, Verschleiern, Lügen und Manipulieren. Selbst das eigene Gedächtnis ist unzuverlässig mit dem, was es uns erzählt. Es wählt aus, hat seine eigenen Brillen, rosa oder schwarz, je nach Bedarf. Schwarz auf weiß kann ein Märchen sein, oder eine Nachricht. Die scheinbare Unveränderlichkeit des Gedruckten verleitet dazu, eine einheitliche Botschaft zu erwarten. Die endgültige Farbe wird sich jedoch erst beim Lesen herausstellen.

Der Mensch ist für mich keine Erzählung. Er erzählt, kann erzählen, birgt Schätze an Geschichten und auch seine Haut, seine Gestalt, sein Gang, der Zug um seine Lippen, erzählen etwas. Aber sie erzählen keine einheitliche Geschichte, sind vielmehr ein Ergebnis von Geschichten, die der Mensch nie wirklich teilen kann. Es sei denn, ich begreife den Mensch „Geschichte“ nicht nur mit Worten, nicht nur mit Sprache, sondern mit Liebe. Andernfalls endet es damit, dass drei Blinde einen Elefanten beschreiben.
Bleibt das Erzählen mit Worten als ein Versuch zu teilen. Immer in der Hoffnung, dass irgendwann ein Versuch gelingt.




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